Ein Lebkuchen ist auch nur ein Mensch

Ok, nun muss ich mich irgendwie wieder einfangen und den Faden aufklauben, den ich fallen gelassen hab. Also:
Das schlimme ist, wenn man so tut also ob, vergisst man irgendwann, dass man nur so tut als ob
Nun hab ich ja schon geschrieben, dass ich diesen inneren Kern habe, dieses innere etwas, das mich immer wieder aufrüttelt. Wie ein Kompass, der immer dahin zeigt, wo was echtes, reales, ursprüngliches ist (ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich HipHop so liebe). Und zum Glück hat mich das etwas auch damals gerettet, kann mich also letzten Endes immer auf mich selbst verlassen, das ist ein so tröstliches Gefühl. Aber ich meine, dass es damals knapp war, vielleicht das knappeste Mal in meinem ganzen Leben.

Weil ab einem bestimmten Punkt gibt es kein zurück mehr. Dinge die man erlebt und gemacht hat sind prinzipiell nicht mehr revidierbar. Deswegen finde ich es auch stumpfsinnig zu denken, Menschen können im Krieg jemand töten, einem anderen Menschen das Leben nehmen und dann einfach wieder umschalten in „Friedenszeit“ und wieder da anknüpfen, wo sie mal waren. Das geht einfach nicht. Das verändert einen. Viele Menschen denken irgendwie immer: Positive Erfahrungen prägen uns, aber negative Erfahrungen, die denken wir uns einfach weg. Das ist natürlich Quatsch. Leerer Wohlfühlbalsam. Unsere Erfahrungen veränderern uns. Und das ist nicht schlimm. Wir können das aushalten. Wir sind so viel stärker und mächtiger als wir denken oder als man uns glauben machen will. Wir halten das aus, nehmen uns gegenseitig in die Arme, lehnen unseren Kopf kurz an einer anderen Schulter an, um wieder Kraft zu tanken und dann lernen wir damit umzugehen. Das ist ja das unglaublich Perfekte an uns Menschen.

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Bis zu einem Punkt können also unsere negativen Erfahrungen mit viel Kraft und Aufwand wieder in was positives, was anderes umkehren, aber ich glaube, ab einem gewissen Punkt ist man zu weit gegangen. Mit meinem Hirn, das alles immer in verarbeitbare, praktische Happen und Bilder umwandeln muss, stell mir das so vor: Wenn ich was mache, wofür ich mich schäme, wiegt das 1kg. Wenn ich dann das, wofür ich mich schäme anschauen und mir vergeben will, damit ich mich nimmer schämen muss, wiegt das 2kg. Wenn wir uns unser Inneres jetzt als Brunnen vorstellen oder als Minenschacht und wir immer diese Felsbrocken oder Wassereimer hin und her karren, dann stell ich mir vor, dass, wenn Du eben zu viel getan hast, wofür du dich schämst oder was du dir nicht vergeben kannst, ist die Last irgendwann einfach zu schwer. Deswegen denke ich, unsere eigenen Möglichkeiten was zu verarbeiten, was negatives in was positives umzuwandeln, sind endlich. Zumindest ist das, was ich gerade denke, das kann sich in 2 Jahren schon wieder ändern. Allerdings glaube ich das jetzt schon ein ganzes Stück lang.

Nu hab ich natürlich nix wirklich schlimmes oder verwerfliches gemacht in den Augen vieler, ich hab mich lediglich angepasst, mich selber verleugnet, machen jeden Tag Millionen von Menschen und ich bin nicht besser oder schlechter als die. Aber für mich persönlich war es lebensbedrohlich, seelensbedrohlich. Also hab ich mich gefragt: Wer bin ich eigentlich? Die ganzen Eigenschaften zum Beispiel, mit denen man mich verknüpft hatte, haben sich gar nicht wie ich angefühlt. Also hab ich mich irgendwann getraut zu denken: BIN ich denn das tatsächlich?

Und das war schrecklich und herrlich zugleich

Schrecklich, weil ich plötzlich niemand war. Inexistent. Der Rahmen aus Eigenschaften, in dem ich mich gesehen hab, war gar nicht meiner. Schrecklich, weil ich unglaublich zornig war auf die, die sich nie die Mühe gemacht haben wirklich hinzuschauen und rauszufinden, wer ich wirklich bin. Die mir von Anfang an den Raum zum Atmen und Sein gestohlen haben. Etwas, was ich bis heute nicht verzeihen kann. Ich weigere mich, das zu verzeihen. Ich schulde es dem Kind und Teenager, der ich war, dass ich mich auf ihre Seite stelle und ich habe das Gefühl, ich würde sie verraten, wenn ich das Verhalten heute im nachhinein sanktionieren würde. Die Jahre, die Möglichkeiten sind für immer verloren und mein Nichtverzeihen ist ihr Denkmal. Herrlich, weil sich plötzlich ein Lichtstrahl geöffnet hatte. Hoffnung. Vielleicht muss ich nicht mein ganzes Leben innerlich so hadern und unglücklich sein? Vielleicht bin ich ja ganz anders? Vielleicht kann ich ja noch ganz andere Sachen?

Ich erzähl sicher noch genauer, wie das alles vonstatten ging, denn natürlich war das ein jahrelanger Kampf und Weg, den ich da vor mir hatte, um rauszufinden, wer ich bin und was mir aufoktroiert wurde und immer noch habe. Aber heute geht es um die Dualität in mir. Im Zuge dieser Entdeckung meiner selbst, habe ich auch Frieden damit gemacht, dass ich immer zweiseitig bin:

Ich kann den verstehen, der sich über die Leute aufregt, die einen Döner oder Pommes in der S-Bahn essen (ich finde es auch zum Kotzen), denke dann aber auch: Wer weiß, vielleicht war derjenige den ganzen Tag in einem Meeting und das ist der erste Moment, den er hat, um was zu essen (wahrscheinlicher ist, dass es einfach ein egoistischer Simpl ist, der nicht dran denkt, dass andere Leute sein Essen mitriechen müssen und keine Möglichkeit haben sich dem zu entziehen). Ich lach unglaublich gern und viel und albere andauernd rum, das habt Ihr hier ja schon zu spüren bekommen, kann aber Witze nicht verstehen – und ich meine so gar nicht – und noch weniger darüber lachen. Mein Herz ist weich wie eine Pflaume (nenn das immer zwetschig sein) und härter, kälter als Stein.

Das alles ist wahr und unwahr über mich. Ich hab so viele Jahre mit dieser Dualität gerungen, weil uns ja immer suggeriert wird, man muss wissen, was man will und wer man ist, man muss einen starken Charakter haben und nicht wie Quecksilber hin und her flitzen, man muss dieses und jenes sein, aber vor allem muss man es immer GANZ sein. Nicht halb oder doppelt wie ich. Jahrelang dachte ich, ich hätte einen schwachen Charakter, weil ich so anders war, wenn ich mich mit anderen verglichen habe. Das war ein schreckliches Gefühl. Vor allem, weil ich innerlich immer gefühlt hab: NEIN, mein Charakter ist nicht schwächer, sondern stärker als bei vielen anderen! So dass ich doppelt gegen das alles angekämpft hab: Einerseits war da die Tatsache, dass ich bin wie ich bin und dann auch noch, dass ich das nicht fühlen wollte, was ich fühlen sollte. Ich hatte das Gefühl die Welt will mich eindimensional und platt gemacht, ich bin aber unendlich dimensional und aufmüpfig. Lebendig. Das alles war irgendwie traurig, aber vor allem sehr verletzend.

Doing, Klonk, Bang

Und dann hat es mich getroffen wie ein Blitz. Stellt Euch dieses typische Comedy „Brett vorm Kopf“-Ding vor „doing“:
Ich bin vom Sternzeichen her Waage. Und eine Waage versucht immer die Dinge, die sie belasten auszubalancieren und teilt dir dann mit, wo die Balance fehlt. Sie interpretiert, während sie spiegelt. Und dieses Bild hat sich so richtig angefühlt. So ungekünstelt richtig und es war, als hätte jemand einen Knoten in meinem Hirn gelöst. Als hätte ich einen Knoten in meinem Hirn gelöst. Eine Waage heißt nicht, dass sie sich nicht entscheiden kann zwischen zwei Dingen, sondern, dass sie beides aufnehmen und wiedergeben kann. Und schon ist aus was Negativem (unstet), was Positives (umsichtig, ausgleichend) geworden. Als der Knoten mich noch im Griff hatte, war ich sehr streng zu mir, hatte hohe Anforderungen an mich. Ich hab mir selbst nur wenig Hilfskonstrukte und Krücken zugestanden. Endlich den Knoten losgeworden, dachte ich: „Ok, und wenn das Bild mit der Waage und diese Erklärung nur eine Krücke ist, so what, fuck it. Es fühlt sich richtig an, dann lass es doch einfach richtig sein. Das ist nur eine Entscheidung, die du selber triffst.“

Natürlich hat mich das ganze auch zum Nachdenken gebracht: Ich war immer Anhänger der Idee, dass wir selber unser Schicksal bestimmen. Wenn aber mein Sternzeichen und mein inneres so zusammenpassen, was bedeutet das? Dass wir weniger Macht über unser Leben haben, als gedacht? Dass wir gar nicht aus unserer Haut können? Da sträubt sich meine Seele dagegen. Heute denke ich, es ist eine Mischung aus beidem. Ich stell mir das wie Lebkuchenmenschenbacken vor (ja, Ihr habt mich erwischt, bin schon wieder am Bildchen beschreiben): Wir werden in eine große Lebkuchenmensch-Form hineingeboren und aus dieser Form können wir nicht raus. Wir können sie höchstens an ein paar Stellen bissle ausdehnen, ausbeulen, wenn wir genug Druck aufbauen, aber letztendlich ist die Form endlich. Aber INNERHALB dieser Form können wir sein und machen, was wir wollen. Wir können uns Glitter draufstreuen, Rosinen in’s Gesicht legen, lachen oder schmollen. Innerhalb der Grenzen dieser Form können wir sogar eine ganz andere Form annehmen. Wir können sie nur nicht verlassen oder sprengen.

Ich denke damit kann ich leben

Im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit diesem Thema ist dieses Bild entstanden

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2 Kommentare

  1. Diese in unterschiedlichen Fliessgeschwindigkeit fortlaufenden Prozesse als Abenteuer im eigenen Interesse statt in Auftrag und Dienst der wünschenden Anderen empfinden zu können, bedeutet viel.

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    1. Ja! Wobei man sich im klaren sein muss, dass alles einen Preis hat: Während ich nach innen schau, kann ich nicht mit der selben Intensität nach außen schauen. Und umgekehrt. Jede Entscheidung ist auch irgendwie ein Verlust, nicht nur ein Gewinn, auch wenn wir den Gewinn natürlich im Fokus haben (siehste, hast mich schon wieder zum nachdenken gebracht, glaub da schreib ich nachher was drüber: Dass Menschen fast nur was machen, wenn sie einen Gewinn davon haben, selbst wenn es ein negativer Gewinn ist). Ich seh so viele Menschen, die permanent unglücklich und unzufrieden sind, aber nichts echtes dagegen unternehmen, weil sie tief drin die Konsequenzen fürchten. Sie fürchten den Verlust des Vertrauten, Bekannten – obwohl es sie unglücklich macht. Ich versteh das. Das ist nicht für jeden. Frei(er) sein ist nicht für jeden. Manche brauchen das Gefühl von Wänden um sich rum, um sich sicher zu fühlen. Das ist ok. Problematisch ist nur:Wenn sie damit nur sich selbst unglücklich machen würden, wäre es ja auch nur deren Sache. Leider lassen sie das aber oft auch an der Umwelt aus und dann betrifft es alle. Unsere heutige Gesellschaft krankt sehr an diesem passiv/aggressiven Verhalten.

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