Der Gewinn oder Warum wir uns oft nicht ändern können

Wenn man genauer hinschaut, findet man oft raus, dass deren Begrifflichkeiten ganz verquer sind. Auf den Kopf gestellt, in’s Gegenteil verkehrt. Meist haben sie das von ihren Eltern so abgeschaut, manchmal haben auch traumatische Erlebnisse zu einer Verwirrung der Begrifflichkeit geführt. Es scheint so, als wären die Etiketten auf den Gefühlsordnern durcheinander gekommen und falsch wieder aufgeklebt worden. In deren Gefühlslexikon sieht das so aus:

  • Liebe = Angst, Unsicherheit
  • Angst, Unsicherheit = Aggression
  • Nähe mit dem Partner haben = streiten
  • Aggression = Liebe, jemandem wichtig sein

Man hört oft Sachen wie: „Wenn er/sie mich anschreit, weiß ich, dass ich ihm/ihr wichtig bin, sonst würde er/sie ja nicht so verletzt sein.“ und „Schmerzen haben, traurig sein, ist ja zumindest irgendwas fühlen“. Das ist natürlich Quatsch. Trauriger, trauriger Quatsch. Ein total missglückter Übersetzungsversuch.image

Der Grund ist der, dass diese Menschen nie gelernt haben, dass zum Beispiel Freundlichkeit was gutes ist, sie haben nicht gelernt Nähe auszuhalten und jemanden so nah ran zu lassen, dass er die Falten und Unregelmäßigkeiten sehen kann. Ein Streit ist ein Schutzwall und gleichzeitig ist es aber trotzdem was, was man zusammen macht. Etwas, das emotional ist, etwas was die Streitenden emotional verbindet. Und ganz traurig ist: Ein Streit ist etwas, was man zusammen erlebt hat. Gleichzeitig tut das  verletzt werden ja aber trotzdem weh und die Streitereien machen ja trotzdem unglücklich, weil ganz tief drin, wissen sie, dass da was total falsch läuft, dass es so nicht sein soll.

Gemeinsam einsam

Oft ist da auch die Angst: Worüber reden wir, wenn wir nicht streiten, haben wir uns überhaupt was zu sagen? Und die ganzen häßlichen, nagenden Selbstzweifel: Bin ich überhaupt interessant genug, dass jemand mich lieben kann und bei mir bleibt, wenn ich ihn/sie nicht ständig in einem Spannungsfeld von Streit und Ungewissheit halte? Und wenn wir nun zurückdenken an die Frage: Was ist der Gewinn? Dann kann man sehen, dass die Frage glasklar beantwortet wurde: Der Gewinn ist eben dieses verdrehte Verständnis, diese verquere Begrifflichkeit von Liebe und Aufmerksamkeit.

Der Gewinn ist eine Form von Beziehung gefunden zu haben, in der gemeinsam agiert werden kann ohne die gefährlichen Bezirke zu betreten, in denen die Selbstzweifel lauern und wo man ungeschützt den Blicken des anderen ausgeliefert wäre.

Und damit ist dann natürlich im Umkehrschluss auch gleich die Frage beantwortet, warum diese Menschen in einer Situation verharren, die ihnen schadet:

Weil sie einen Gewinn davon haben

Um kurz abzuschweifen: Natürlich kenn auch ich die Angst nicht genug zu sein. Nicht witzig genug, nicht intelligent genug, nicht interessant genug, nicht normal genug, nicht mitfühlend genug, nicht beliebt genug – und unzählige andere nicht genugs. Aber glaubt mir: Wenn Ihr Menschen trefft, die Euch verstehen, geht alles wie von selbst. Dann kann man stundenlang quasseln und schwätzen, obwohl sich mit anderen 5 Minuten wie ausgekauter Kaugummi zu einer endlosen, zähen Masse von Ewigkeit ausdehnen und die Worte auf dem Weg von Hirn zum Mund verloren gehen, weil sie eine Umleitung nehmen müssen und somit nicht am Herz entlang kommen. Wenn man jemand findet, der einem ebenbürtig ist und der an unserem Herzen andocken kann, dann sieht der all die kleinen Besonderheiten, die uns liebenswert machen – und nicht all die kleinen Besonderheiten, die uns komisch machen.

Kurzum, ich habe für mich gemerkt, es mir oft hilft eine Situation zu verstehen, wenn ich nach dem Gewinn suche. Das lässt sich auf fast alle Situationen anwenden, nicht nur Beziehungen. Und wenn ich dadurch dann das „Warum“ verstanden habe, dann habe ich auch die Möglichkeit gefunden was zu ändern und vielleicht haben manche sogar die Option Begrifflichkeiten noch mal ganz neu zu besetzen, so dass es heißt:

  • Liebe = Vertrauen/Nähe
  • Angst/Unsicherheit = kein Gewinn
  • Nähe mit dem Partner haben = Gewinn
  • Aggression = überflüssig

Das bedeutet nicht, dass man nicht streiten, argumentieren oder diskutieren kann, aber eben ohne Aggression und nicht mit der Intention den anderen zu verletzen. Ich persönlich funktioniere und denke ja auf eine sehr praktische Art und Weise, daher hilft es mir Dinge in praktische, reale Bilder umzuwandeln. Vielleicht seid Ihr eher auf der abstrakten Ebene, dann könnt Ihr ja das Prinzip mit dem Gewinn nehmen und in was übersetzen, das Euch taugt. Probiert es mal aus: Wenn Ihr das nächste Mal kopfschüttelnd und ratlos was seht und ihr so überhaupt nicht verstehen könnt, warum sich jemand so oder so verhält, überlegt mal: Was hat derjenige für einen Gewinn von der Situation? Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihr dann eine gute Vorstellung davon habt, warum derjenige sich so verhält und was zu tun/lernen wäre, um was zu verändern.

P. S. Hilft übrigens auch bei einem selbst, hab ich an vielen Selbstversuchen gelernt. Im Grunde, sind wir uns alle viel ähnlicher, als wir manchmal meinen. Das ist ein schöner und schrecklicher Gedanke.

4 Kommentare

    1. Bin ich mir nicht sicher?. Hab da auch schon viel drüber nachgedacht. Manchmal denke ich ja, manchmal nein. Wenn man das nämlich immer weiter denkt, praktisch dem ganzen bis zum Ursprung folgt, hat man ja aber auch davon selbst einen Gewinn. Einen irgendwie positiv/negativen Gewinn: Einerseits schön, weil man was für jemand anderen getan hat, andererseits schwierig, weil das oft mit zu viel Selbstaufgabe verbunden ist. Oder meinst Du was anderes?

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  1. Wenn man einen Wald anlegt, werden erst spätere Generationen ernten können. Den Gewinn hat man selbst nicht. Das Gefühl ein Wohltäter zu sein, läßt sich auf anderen Wegen wesentlich schneller erreichen und scheidet so als Beweggrund aus. Sichaufopfern bis hin zum Tod fällt auch schwer als Gewinn zu bezeichnen. Die Nützlichkeit des Verhalten des Samariters ist nur auf der Seite des anderen gegeben.

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    1. Das mit dem Wald ist ein interessanter Punkt. Ich würde dazu neigen, dass aber als Gewinn für den Baumpflanzer zu sehen. Das, was uns was gibt, definiert sich ja für jeden unterschiedlich. Bedingt durch unsere Erfahrungen, Erziehung. Als überspitztes Beispiel: Wenn jemand von klein auf lernt, dass die Natur wichtig ist, dass man was dafür tun muss und dass in den Club gehen und auf die Pauke hauen unnütz oder schädlich ist, dann wäre einen Wald pflanzen ein Gewinn auch für diese Person, nicht erst für spätere Generationen und feiern gehen, würde der Person gar nix geben. Gewinn heißt ja auch nicht immer, dass es negative Konsequenzen haben muss, weder für den der was macht, noch den, der es ev. empfängt. Manche Arten von Gewinn sind ja auch durchaus angemessen, normal und positiv. Daher sind sie ja auch unkritisch, gehören zum normalen Alltagsgeschehen, die Menschen sind ja zufrieden und wollen/müssen sich deshalb in der Regel nicht ändern. Ganz oft ist es aber so, dass Menschen unglücklich sind, ABER trotzdem nichts ändern können/wollen. Und da dreht sich der Gewinn von was positivem in was negatives und bleibt aber dabei – und das ist ja das Gemeine – trotzdem ein Gewinn und man kann sich deshalb so schlecht dagegen wehren. Das Prinzip vom Gewinn bleibt in unseren Leben immer bestehen, nur gibt es eben einen positiven und einen negativen Gewinn. Ich würde persönlich immer das glücklich sein als Kriterium heranziehen, um das zu bewerten (aber das muss jeder für sich selber festlegen) : Wenn einer glücklich ist, dann ist das vollkommen ok was er macht, selbst wenn andere/Außenstehende das vielleicht anders bewerten. Erst wenn die Person unglücklich oder unzufrieden ist und rätselt, warum bleib ich denn in einer negativen Situation, dann ist es ein verdrehter Gewinn. Und das zu erkennen, dass man auch aus einer negativen Situationen einen Gewinn hat, also die eigene Motivation zu verstehen, hilft mir zumindest ungemein das ganze zu verstehen und dann ggf.auch anzupacken.

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