Das Schiff – Ein Weltraumabenteuer in Fortsetzungen, Teil 1

Mit einem Ruck
wach ich und setz ich mich auf. Ich fühle mich leicht bedröhnt, aber meilenweit entfernt von dem versehrten Zeitlupenzustand, in dem ich bei meinem letzten Rendezvous mit der Realität war. Ich sehe, dass ich in einem Krankenzimmer bin. Es ist tatsächlich eines, wir haben herausgefunden, dass es eines von 38 ist, dass die Erbauer des Schiffes für diesen Zweck eingerichtet haben. Einige haben wir zusätzlich mit Menschenequipment ausgestattet, weil hier alles so groß ist, zugeschnitten für die Reisenden, die ca. 1 Meter größer sind als wir und weil deren Innenleben anders ist als unseres. In so einem Zimmer bin ich nun. Neben meinem Bett sehe ich 5 Lederriemen und einen Kast. Jetzt verstehe ich, warum ich mich nicht bewegen konnte und woher der Druck gegen meinen Hals kam. Ich war praktisch eingefügt in die Verschalung, wie eine Puppe in ihre Plastikverpackung oder undramatischer, wie wenn man in ein MRT geschoben wird, damit ich mich nicht drehen konnte. Zusätzlich war ich an Händen, Füßen und Kopf gefesselt. Festgebunden. Ich muss echt Riesenkräfte entwickelt haben, dass sie mich so verschnürt haben! Ich kann mich nicht so genau erinnern. Es ist, als würde ich an einen Film denken, den ich mal gesehen hab, kann mich aber nicht mehr genau an ihn erinnern. Als sähe man nur schemenhafte Bilderfetzen des Filmes und dann ist man sich plötzlich nicht mehr sicher, ob man den Film überhaupt je gesehen hat oder ob einem jemand davon erzählt hat. So fühlt sich das an.

Eine Stunde
später bin ich um einiges an Mageninhalt leichter und kann klarer denken. Hatte auch schon Besuch. Aber noch immer hab ich zwei Lücken in meinem Erinnerungskino. Die eine zwischen aus dem Haus gehen morgens und dann mit dem Projektteam auf dem Schiff eingeschlossen zu sein und die andere nachdem ich den Rumms gehört hab. Der Rumms war wohl ich, wie ich umgekippt bin. Ich habe eine tiefe und schwere Wunde am rechten Arm und eine Menge Blut verloren. Wir alle sind hier keine Menschenärzte oder auch nur Menschenexperten, aber der allgemeine Konsens ist, dass keine Nerven, Sehnen oder Muskeln beschädigt wurden. Nur eine Schnittwunde. One hell of a Schnittwunde. Ein Echo des Glucksens, aber inzwischen hab ich mich wieder besser im Griff.

Vor mir auf einer Liege, mit unpassend baumelnden Beinen, sitzt Doktorprofessor wie wir ihn hinter seinem, und manchmal auch vor seinem Rücken nennen, weil ihn das rasend macht und er es jedesmal so schön auf’s Neue mit der Geduld desjenigen korrigiert, der sich als einziger Erwachsener mit einer Bande Halbstarken auf einer verlassenen Insel wiederfindet. „Nein, es heißt Professor Doktor.“ Der Arme. Der andere allgemeine Konsens des Besuchs (total ohne wissenschaftliche Grundlage, alleine darauf fußend, dass wir in Filmen und Fernsehserien gelernt haben, dass „echter Gedächtnisverlust“ durch ein emotionales Drama hervorgerufen wird, ja praktisch hervorgerufen werden muss. Sonst macht das ganze Drehbuch keinen Sinn!) ist, dass mein Gedächtnis wieder kommen wird, weil „so schlimm war es ja nicht“ und „so doll hast Du Dir den Kopf auch nicht angestossen“. Ich teile diesen Konsens. Was bleibt mir auch anderes übrig?

In der Zwischenzeit
muss mich jemand auf den aktuellen Stand bringen. Das fällt natürlich Doktorprofessor zu. Seine baumelnden Beine irritieren mich, sie machen ihn unerwünscht menschlich und sympathisch. Am liebsten würde ich ihn anschreien: „Hör auf!“. Es kostet mich viel Mühe ihm zuzuhören und die Beine auszublenden. „Woran erinnern Sie sich, meine Liebe?“ „Nun, ich weiß noch, wie ich die Tür geöffnet hab, um zum Teammeeting zu gehen. Mir ist der Schlüssel aus der Hand gefallen. Das ist das letzte Bild, das ich habe. Dann geht es direkt aufs Schiff. Wir waren alle hier, ich meine, dass irgendwas schlimmes passiert ist, weiß aber nicht was genau. Ich sehe Blut an meinem rechten Arm, merke, dass es von mir kommt, sehe meine Wunde, höre einen Rumms und das wars dann wieder. Das nächste, was ich weiß, ist, wie ich das erste Mal aufgewacht bin, man mich losgebunden hat und ich Medikamente bekommen hab.“ Ich versuche ein freundliches Lächeln, bin aber nicht sicher, was dabei herauskommt. Aber Doktorprofessor ist und bleibt natürlich der sonore Herr der Lage und lächelt zurück. Zumindest wurde mein Lächeln als solches erkannt. Coole Sache!

„Na, meine Liebe (hab ich grad in echt mit den Augen gerollt? Shit! Naja, ich schieb es auf die Medikamente) um die Wahrheit zu sagen, das war nicht das erste Mal, dass sie wach waren. Sie haben uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt und waren kaum zu bändigen.“ Wie so oft steck ich jetzt in der Zwickmühle, in der jeder Mensch steckt, der Vergangenheit mit sich rumschleppt: Sag ich was und wenn ja, wieviel sage ich? Wenn ich was sage, muss ich zumindest so viel Information geben, dass es verstanden werden kann. Und das ist meistens mehr, als ich eigentlich sagen will. Ich weiß, woher das kommt mit dem Kämpfen. Kenne das. Das ganze Trauma in meiner Kindheit, meinem Leben, macht, dass Kontrollverlust, wie zum Beispiel bei einer Narkose, für mich gleichzusetzen ist mit Lebensgefahr. Und wenn mein Leben bedroht ist, dann kenne ich keine Freunde. Dann kämpfe ich. Um mein Leben. Ich bin eine Kämpferin.

Ich bin es müde
immer anders zu sein durch meinen Vergangenheitsrucksack. Mich erklären zu müssen. Daher sag ich nix. Mögen sie doch denken, was sie wollen. Scheiß drauf. Statt dessen versuche ich es erneut mit einem Lächeln. Diesmal kein Lächeln zurück. Anscheinend war das nicht, was von mir erwartet wurde. Böses Mädchen. Doktorprofessor räuspert sich. „Wie sie wissen, Frau Kramer, besteht Beta-9 hauptsächlich aus Vulkanen und ist daher höchst instabil“. Hier kriege ich die Chance zu nicken und diesmal hab ich meinen Einsatz auch nicht verpatzt. Ich nicke brav. „An und für sich kein Problem, die Station, die wir gefunden haben, ist gut geschützt. Zumindest war sie das. Wir wissen selbst nicht genau, was passiert ist. Anscheinend sind wir zwischen zwei uralte Fronten geraten. Heute Mittag tauchten plötzlich hunderte von Raumschiffen am Himmel von Beta-9 auf.“

Doktorprofessor stockt, dreht sich um, um sich einen Kaffee einzuschenken und eine Zigarette zu drehen. Es muss ihn mitgenommen haben. Wir haben zwar einige verlassene Stationen und auch das Schiff gefunden, aber wir haben noch nie real Leben im Weltraum getroffen. Unser Traum, unser aller Traum, war es echte, lebendige Außerirdische zu treffen. Die Reisenden, die diese Station gebaut haben, haben Unmengen der irrsten Sachen zurückgelassen. Ein Paradies für jeden Forscher. Am wichtigsten und der Schlüssel zu allem ist ein Übersetzungs-Gerät, in den man ein Alphabet und Worte eingibt und dass dieses dann in die Sprachen übersetzt, die den Reisenden bekannt waren. Eine riesige Sprachenbibliothek. Wir waren erst am Anfang des Speichers des Übersetzers, aber waren bereits bei 214 Sprachen, die die Reisenden gesammelt hatten. Wobei uns unklar war, wie viele davon Dialekte und wie viele andere Sprachen waren. Wie gesagt, wir waren erst am Anfang des Paradieses.

Der erste Kontakt
mit echten, lebenden Außerirdischen! Ich spüre, trotz allem, ein Tingeln in mir, aufregend!
„Der erste Kontakt mit echten, lebenden Außerirdischen“! Ich erschrecke. Hatte ich laut gedacht? Nein, Doktorprofessor hat das gesagt. Wie merkwürdig. Er klingt überwältigt, der Doktorprofessor. Desillusioniert und bitter. Wie ein einziger Tag einen Menschen verändern kann. „Mit Hilfe des Übersetzers konnten wir Kontakt aufnehmen. Wir haben also tatsächlich das erste Mal mit Lebewesen außerhalb der Erde gesprochen. Sie waren nicht humanoid. Zumindest nicht vollständig. Eher eine Mischung zwischen Reptil und Mensch. Anscheinend sind sie im Krieg mit den Reisenden. Schon immer. Wir haben ihnen erklärt, dass wir die Station und das Schiff gefunden haben. Dass wir ein Forschungsteam sind, das das Schiff und die Reisenden erkunden. Dass wir noch nie einen Reisenden gesehen haben. Sie haben uns nicht geglaubt.“ Wieder stockt er. Er steht auf, geht zu einem Fenster und schaut in den Himmel. Den fremden Himmel über diesem fremden Planeten. Irgendwie erscheint er mir heller und roter als sonst.

Doktorprofessor kommt zurück, setzt sich, ruckelt sich zurecht. Auf der großen Liege der Reisenden geht er praktisch unter. Daher auch das Beinebaumeln. Komisch, dass der Zusammenhang mir erst jetzt klar wird. Ich bin wohl echt noch etwas langsam. „Sie haben dann relativ schnell jegliche Kommunikation eingestellt. Entweder sie kannten den Planeten oder haben ihn gescannt, denn als sie das Feuer eröffnet haben, haben sie gezielt auf die unterirdischen Magmaströme und die Vulkane gezielt. Es kam zu Eruptionen, Explosionen und einer Kettenreaktion. Die…die Station wurde instabil. Der Hangar mit unserem Raumschiff war eines der ersten Gebäude, dass zusammenstürzte. Wir hatten keine Wahl. Wir mussten auf das Schiff springen.“

In mir
sammelt sich ein kleiner Ball. Ein kleiner Ball voll Panik. Scheiße. Ohne die Station sitzen wir auf dem Schiff fest. Ohne Möglichkeit nach Hause zu reisen. Oder irgendwohin zu reisen. Oder jemanden zu informieren. Wir sind lebendig begraben. In einem Sarg aus Metall und Kunststoff. „Wie sie wissen, produzieren die Terraflächen auf dem Schiff Lebensmittel, Wasser und Luft. Also sind wir erstmal nicht in unmittelbarer Lebensgefahr. Aber ansonsten sitzen wir momentan hier fest. Im Orbit über Beta – 9. Der Planet ist in Flammen. Die Station scheint vollständig verschwunden zu sein. Zurückspringen ist unmöglich.“ Er klingt müde „Und warum sollten wir auch. Da ist jetzt nichts mehr, das uns helfen könnte. Nichts mehr, was wir brauchen könnten.“

Oh, das Feuer war sicher der Grund für den roten Schein. War das möglich? Waren die Feuer von hier oben zu sehen? „Bis jetzt haben wir noch nicht einmal ein Drittel des Schiffes erkundet. Somit ist es vernünftig und wahrscheinlich anzunehmen, dass wir eine Möglichkeit finden werden, dass Schiff zu starten und auch zu fliegen. Schließlich sind wir hier alles schlaue Köpfe, haha. Aber erstmal sitzen wir, wie gesagt, hier fest. Glücklicherweise haben die Angreifer das Schiff nicht attackiert. Einige denken, dass liegt eventuell an einer Tarnung. Wenn das stimmt, müssen wir uns zumindest keine akuten Sorgen um einen weiteren Angriff machen.“ Oh nein, die Außerirdischen Angreifer hatte ich schon wieder total vergessen. Ich war wirklich noch ziemlich mitgenommen. Mir fällt auch auf, dass ich bis auf meinen Eingangssatz noch kein einziges Wort gesagt hatte. Das erscheint mir ziemlich merkwürdig. Andererseits, was hätte ich auch sagen sollen? Ich benutze meine Stimme, um zu sehen, ob sie überhaupt noch da ist: „Ist jemand verletzt? Ich meine ernsthaft verletzt? Oder sind alle gut durchgekommen?“

Doktorprofessor klingt hohl
als er antwortet. Als würde er das eine denken, das andere sagen. „Zum Glück haben wir die Entscheidung zu springen früh getroffen. Rechtzeitig. Ihre Verletzung war die schlimmste.“ Ich murmele ein „Das ist gut“ und wünsche, der Doktorprofessor würde sich in Luft auflösen. Eine Nadel piekst in meinem Kopf. Ich muss Ordnung in meine Gedanken bringen. „Seien Sie mir nicht böse, aber ich glaube, ich muss mich jetzt hinlegen. Danke, dass sie mich auf den aktuellen Stand gebracht haben.“ Doktorprofessor sagt zwar „Selbstverständlich. Die Medikamente und so“, macht aber keine Anstalten aufzustehen. Ich denke, er hat Angst rauszugehen? Wahrscheinlich sind sie da draußen schon sich am zerfleischen darüber wer woran schuld ist, was man hätte machen sollen, wer jetzt für was verantwortlich ist und so weiter. Oder hat die Tatsache, dass wir alle zusammen knietief in der Scheiße waten alle zusammengeschweißt? Ich bin ein unverbesserlicher Optimist! Einem Impuls folgend, hieve ich mich hoch, wackele zum Doktorprofessor und umarme ihn (ich schieb es auf die Medis). Er scheint gerührt. Tätschelt mir den Kopf. Oh Mann!

Unsere Sitzung ist nun aufgehoben. Ich wanke in mein Bett und quäke ein „Gute Nacht“ zum Doktorprofessor. Höre ein Naseschneuzen und ein „Schlafen Sie gut“. Ziehe mir die Decke übern Kopf, lächele und schließe die Augen. Tut weh. Beides. Als der Doktorprofessor geht, dringt die Welt kurz in mein Krankenzimmer ein. Ich höre hitzige Stimmen, durcheinandrig „Hättest Du nicht…“ „Ich hab von Anfang an gesagt: Macht alles aus und antwortet nicht“… Von wegen zusammengeschweißt. Ich schlafe fast ein. Dann denke ich: Sag mal, ich musste doch so dringend pinkeln, bevor ich umgekippt bin. Ich frage mich, was daraus wohl geworden ist.
Dann schlafe ich wirklich ein.
 

Dies ist das Ende des 1. Teils von „Das Schiff – Ein Weltraumabenteuer“. Fortsetzung folgt…

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