Der rote Mantel

Ihre Hand rutschte aus der seinen, als sie sich bückte, um eine leere Dose aus einer Pfütze aufzuklauben. Die Dose war silbrig und schimmerte in einem Lichstrahl, als wäre sie ein geschliffener Diamant. Dann schob eine Wolke Abgas sich vor das Licht und die Dose war wieder nur eine alte Raviolidose, an der noch Teile des Etiketts klebten. Er nahm ihr die Dose aus der Hand, tastete sie ab und als er sie für sicher befunden hatte, gab er sie ihr zurück.

„Was willst Du mit dem verbeulten, alten Ding?“

„Das ist meine Schatztruhe. Da tu ich Gold und Steine und Glitzeriges rein.“

Er brummelte. „Glitzeriges“ war ihr ein und alles seit letzter Woche. Als wäre sie eine Elster, erspähte sie es noch unter der dicksten Dreckschicht. Sie hortete es und abends hockte sie auf ihrem kleinen Campingstuhl, den er auf den Rücken geschnallt bei sich trug, breitete ihre Schätze vor sich aus und erzählte von einem prunkvollen Hof, über den sie residierte.  Sie erzählte den fremden Herrschern, die sie besuchen kamen, wundersame Geschichten, wo sie ihre Glitzerschätze gefunden hatte. Sie erfand eigene Namen dafür. Ein kleines Stück Perlmutt-Intarsie, das vielleicht mal zu einem Schrank gehört hatte, war zum Beispiel Bernisium aus Hochtanien. Er war jeden Abend fasziniert davon, dass sie sich alles genau merken konnte, was sie am Abend davor erzählt hatte. Und so wie ihr Schatz wuchs, wuchsen auch ihre Geschichten dazu. Und nun hatte sie also eine Schatztruhe. Eines Tages würde sie das noch ihr Leben kosten. 

Vorgestern war es schon knapp gewesen. Sie hatte durch ein Loch im Zaun etwas blinken sehen, sich von seiner Hand losgerissen und war schon unter dem Zaun durchgewitscht, bevor er reagieren konnte. Er war kein 8-jähriges Mädchen und viel zu groß, um durch das Loch zu kriechen. Panisch hatte er dreimal Anlauf genommen, um über den Zaun zu klettern. Hatte sich dabei die Hand verletzt. Beim dritten Anlauf hatte er sie schreien hören. Dann war es, als wäre die Zeit plötzlich stehen geblieben. Oder zu Sirup geworden. Er sah alles haarscharf, jedes Detail riesengroß, wie durch ein Fernglas und alles lief krankhaft langsam ab. Es war, als würde er sich selber dabei beobachten, wie er sich verzweifelt mit Händen, Füßen und Fingernägeln am Zaun hochangelte. Als er drüber war, zog er die Machete aus seinem Gürtel und schnappte sich im Laufen ein Brett, an dem an einem langen Nagel ein Stück Beton hing. Als er nah genug dran  war, um in der Diesigkeit, die sich jetzt fast den ganzen Tag auf alles legte, ewas zu erkennen, schwappte eine Welle der Erleichterung über ihn. Ihm wurde schwindelig, sein Kopf wurde ganz leicht und irgendwie losgelöst von seinem Körper. Später dachte er: “ Das Gefühl war genauso, wie bei meiner ersten Kippe.“ Er war so erleichtert, weil sie genau das getan, was er ihr beigebracht hatte und was sie jeden Abend aufsagten und übten: „Rücken zur Wand, bring so viele Wände um Dich wie möglich, so dass sie Dich nur von einer Seite angreifen können. Mach Dir zu nutze, was Du hast: Du bist klein, geh dahin, wo sie nicht reinpassen. Und dann bleib da. Versuch nicht wegzurennen oder zu kämpfen. Also, was machst Du?“ Desinteressiert schaute sie kurz von ihren Schätzen auf, seufzte und wiederholte“Rücken zur Wand, mach Dir zu nutze, was Du hast, geh in Deckung und bleib da, bis jemand kommt oder der Angriff vorbei ist.“

Er hatte Angst, dass sie die Regeln nicht ernst nahm, aber sie hatte genau und gut aufgepasst und hatte sich unter einen riesigen alten Küchenschrank verkrochen. Im Halbdunkel sah er ihre Augen und eine kleine Hand. Er schluckte, spürte etwas über sein Gesicht rollen. Es musste begonnen haben zu regnen. Der Hund versuchte die Erde abzugraben, um unter den Schrank zu kommen. Sein Gekläffe und Japsen war schaurig bis ins Mark. Er war eine Mischung zwischen Schäferhund und irgendwas sehr großem. Er würde ihr das Genick mit einem einzigen Biß brechen. Noch hatte der Hund ihn noch nicht bemerkt, so sehr hatte er sich ins Graben, Japsen und die Beute, die er riechen und sehen, aber nicht packen konnte, reingesteigert. Für einen Moment stand er still, versuchte zu Atem zu kommen und sich eine Strategie zu überlegen. Der Hund war wie von Sinnen, er nieste, buddelte, kläffte, winselte und japste, alles zur gleichen Zeit. Er schlich auf ihn zu. Noch einen Meter. Dann merkte er an den gespitzten, sich wie Antennen drehenden Ohren, dass der Hund ihn wahrgenommen hatte. Mit einer einzigen, eleganten Drehung, hatte sich der Hund ihm zugewandt, Vorderpfoten breitbeinig nach vorne gestemmt, geduckt wie ein Sprinter in der Startposition, war er nun zum Angriff bereit. Er griff die Machete fester, doch der Hund war schon losgesprungen. Der Hund attackierte und der Mann hieb mit der Machete, schlug mit dem Stock.. Es dauerte lange Minuten, bis er den Hund überwältigen und töten konnte, denn obwohl er den Hund traf und Blut spritzte, griff der Hund imer wieder an. Vielleicht war er krank. Nun, das war jetzt egal. Jetzt war er tot.

Er zerrte den Leichnam vom Schrank weg und streckte dem Mädchen die Hand entgegen. Das Mädchen stieß sie weg. Aber zumindest kam sie hervorgekrochen. Während er sich Wasser über zwei Bisswunden schüttete, hockte sich das Mädchen neben den toten Hund, der noch im Tod die Zähne fletschte. Sein Fell war klumpig von Blut, Staub und Erde und er lag in einer Pfütze seiner eigenen Pisse, denn im Sterben hatte sich seine Blase entleert. Das Mädchen streichelte seinen Kopf und dann küsste sie ihn. Auf dem Rückweg wollte sie ihm ihre Hand immer noch nicht geben. Er verstand das. Das Leben sollte nicht so sein. Aber wenn sie nicht mehr zornig war, musste er mit ihr reden. Sie musste ihm die Hand geben, auch wenn sie sauer war. Es war sonst einfach zu gefährlich. „Armes Ding“, dachte er.  „Noch nicht mal anständig zornig sein darf sie.“

„War der Hund böse?“ hatte sie ihn gefragt, als er den ersten getötet hatte. „Nein. Er kämpft nur um’s Überleben. Wie wir.“ Darüber hatte sie nachgedacht. Dann: „Aber der ist nicht wie wir, wir jagen ja nicht die Hunde oder andere Menschen und beißen sie? Wieso?“ Darüber hatte er nachgedacht. Dann: „Der Hund hat vergessen, dass er ein Hund ist. Deshalb weiß er nicht mehr, was er tut. Und er weiß nicht mehr, was gut für ihn ist und was nicht. Aber wir haben nicht vergessen, dass wir Menschen sind. Und deswegen wissen wir, was wir brauchen und was wir tun können, um das zu bekommen und was nicht.“ „Und wenn ich dem Hund sage, wie ein Hund ist, wird er dann wie Blitz?“ Er nickte: „Das kann gut sein. Aber dafür muss er lang genug still sein, damit er Dir zuhören kann.“ Dann kam ihm ein Gedanke und ein Schatten zog über sein Gesicht: „Aber Du, hör mal, das heißt nicht, dass Du jetzt versuchen sollst mit den Hunden zu reden, wenn sie Dich angreifen. Das geht nur, wenn ich es ihnen vorher erklärt hab, dass sie Dir zuhören sollen.“ Er hoffte, diese Notlüge würde funktionieren. Aber sie ließ sich meistens nicht hinters Licht führen. Manchmal war ihm das schon unheimlich, als spürte sie es, wenn jemand lügt. Als hätte sie einen Radar. Aber wahrscheinlich war es nur das Leben in dieser Zeit, das sie so gemacht hatte. Aber diesmal nickte sie seine Lüge ab und er war erleichtert, dass das geklappt hatte. Zumindest bis sie alt genug war, um mehr zu verstehen. Aber es schien ihr einzuleuchten. „Ah, ok. Du erklärst ihnen, dass ich lieb bin und dann hören die mir zu und dann werden die Hunde wieder Hunde?“ „Ja.“ Sie hatte gelächelt und gefragt, ob er ihr heute abend eine neue Geschichte von Blitz, dem Wunderhund, erzählen würde und er hatte es versprochen. Seit jenem Tag streichelte und küsste sie jedes tote Wesen. Selbst, wenn es dreckig und ansteckend war, wie der kranke Kerl mit den schlimmen Pusteln neulich oder wenn es, wie der Köter gerade eben, Minuten vorher noch versucht hatte, sie zu zerfleischen. Er musste ihr das abgewöhnen, sie würde nur selber auch krank werden. Aber er sagte nix.


Warum auch. Sie würden es wahrscheinlich eh alle nicht lang machen. Als kleiner Junge hatte er es romantisch und aufregend gefunden, sich vorzustellen, er sei allein auf der Welt. Die Realität war weder romantisch, noch aufregend. Nun gut, er war ja auch nicht allein auf der Welt. Als der Krieg tobte und das Virus wie ein Feuer alle ergriff und im Minutentakt tausende auf der ganzen Welt starben, waren als erstes die Fabriken, Kernkraftwerke und Staudämme zur größten Gefahr für die Überlebenden geworden. Es war niemand mehr da, um die Biester, die sie geschaffen hatten, zu zähmen, niemand, der Ventile öffnete, Programme schrieb oder Schläuche verschloss. Und so waren nach und nach Fabriken explodiert, Kernkraftwerke überhitzt und hatten die Umwelt und den kläglichen Rest der Menschheit vergiftet. Es gab ganze Gebiete, die tot waren. Einfach tot. Keine Tiere, keine Pflanzen. Nichts. Er dachte: „Selbst, wenn wir schon fast nicht mehr sind, zerstören wir noch die Welt.“. 

Sie bogen um die letzte Ecke vor dem Zaun. Wie sie es immer taten, hielten sie an. Das Kind kroch runter in das Versteck und der Mann zirkelte einmal um den Zaun herum. Als er sicher war, dass alles ok war, klopfte er gegen den Versteck. Das Mädchen schlüpfte leise heraus und wortlos gingen sie zu dem gut getarnten Eingang um Zaun. Erst, als sie in der Hütte waren und die Tür zu war, sprachen sie wieder. „Glaubst Du Louis kommt wieder?“ Er hielt inne, dachte über die Frage nach.“Nein. Er hätte seinen Platz nie hergegeben, wenn er ihn hätte behalten wollen. Entweder er ist tot oder hat was besseres. Wieso fragst Du?“ „Ich hab mehr Angst ohne Louis.“ Hat Louis Dir denn keine Angst gemacht?“ Nein. Louis wusste, wer er ist. Genau so, wie Du es erklärt hast. Und deshalb wusste ich, was Louis tut. Louis mochte es ordentlich.“ „Ja, da hast Du wohl recht. Schlaukopf. Jetzt lass mich in Ruhe den Rucksack ausräumen.“

Während das Kind anfing die letzten Stücke des Ravioli-Etikettes von der Dose abzufriemeln, stellte der Mann einen Rucksack auf die Tischkiste und begann ihn auszuräumen. Beschissene Zeit, wenn ein Kind sich bei einem Schutzgelderpresser sicher fühlt. Aber sie hatte ja Recht. Es war zwar schwer gewesen Louis‘ Preis zu zahlen, aber sie waren zumindest geschützt gewesen. Seit 9 Tagen waren Louis und seine Männer nun verschwunden, waren wie in Luft aufgelöst. Und sie waren wieder allein. Ohne jemanden, der auf ihrer Seite war.

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