Wo ich stehe

Ok. Nach der letzten Bundestagswahl hab ich praktisch aufgehört kreativ zu sein. Ich hab nicht mehr geschrieben, nicht mehr gemalt. Ich war so getroffen von dem Ergebnis. Ich kann verstehen, dass Menschen zornig sind und auch, dass sie mit den bisherigen Parteien nichts mehr verbindet. Aber es ist mir unbegreiflich, wie man eine so hasserfüllte Partei wie die afd wählen kann, deren Hauptaugenmerk darauf liegt sich als Opfer von allem darzustellen, empört zu sein, die zivilen Regeln zu brechen und Zwietracht zu säen. Ich kann verstehen, dass man Angst hat vor der Zukunft, aber ich kann nicht verstehen, wie man über all die Unmenschlichkeit in der afd hinwegsehen kann. Wie man absichtlich eine so destruktive Kraft unterstützen kann.

Und zu wissen, dass da draußen so viele Menschen sind, die kein Problem damit haben oder die es sogar gut finden, wenn der Haß und die Zwietracht in unsere Gesellschaft einzieht, hat mir total den Zahn gezogen kreativ zu sein. Wenn ich schreib oder male und das veröffentliche, brauche ich das Gefühl, dass zumindest der theoretische Wille besteht mich zu respektieren oder zumindest existieren zu lassen. Und zu wissen, dass da draußen so viele Menschen sind, die andere Menschen als Feinde sehen, ja sogar als Feinde sehen wollen, hat mir das Vertrauen in unsere Gesellschaft etwas genommen. Und ohne dieses Vertrauen kann ich nicht kreativ sein, nix von mir geben, denn ich tue das im Hoffen, dass es anderen gut tut und irgendwas oder irgendwen außer mir auch noch voranbringt. Dass es etwas bedeutet.

Mir ist aufgefallen, dass wir seit 2016 weltweit viele kreative Menschen durch Selbstmord verloren haben. Es scheint so, als wäre es jeden Monat ein anderer, der aufgibt. Ich hab darüber nachgedacht, ob denen vielleicht auch so Angst und Bange ist um unsere Gesellschaft? Nicht, dass ich an Selbstmord denke (weit davon entfernt!), aber ich könnte mir vorstellen, dass, wenn kreativ zu sein Dein Beruf ist, wenn das das ist, was Dich und Dein Wesen ausmachst und wenn Du dann plötzlich auf so eine feindliche Außenwelt triffst, plötzlich so viele Mauern hochgehen siehst, es ziemlich heftig ist. Was ich auch schlimm finde, ist, dass man nicht mehr weiß, ob man den Menschen in der Umwelt vertrauen kann. Wenn ich zum Beispiel im Taxi fahre, kann ich nicht mehr davon ausgehen, dass der Taxifahrer denkt, dass Rassismus falsch ist. Oder die Bäckereiverkäuferin oder ein Kollege etc. Die Eckpfeiler unsere Zivilisation wurden erschüttert. Das trennt uns voneinander und macht uns sprachlos und misstrauisch.

Ich bin immer noch nicht wirklich hoffnungsvoller was unsere Gesellschaft anbelangt. Im Gegenteil. Ich denke, dass der Faschismus sich schon eingeschlichen hat. 1930 war es ja auch nicht so, dass alle Menschen über Nacht faschisten und nazis geworden sind. Das hatte sich schon davor nach und nach eingeschlichen mit andauernden Tabubrüchen der Faschisten, immer weiterer Eskalation, so dass alles verroht und gewalttätig wurde – genau so, wie es mit der afd gerade auch passiert. Schlimm ist auch, dass viele, inklusive mir, kein Vertrauen mehr in die Polizei, Ämter und Armee haben. Aber wie kann man Vertrauen in die Polizei haben, wenn Haßmails mit Morddrohungen von der Polizei aus an Journalisten, Anwälte und Politiker geschickt werden oder wenn Reichsbürger Soldaten sind? Das ist so beängstigend. Und zu wissen, dass es das ist, was die wollen, Angst machen, macht alles noch viel schlimmer.

Aber auch, wenn ich nicht hoffnungsvoller bin, hab ich doch wieder die Hoffnung, dass es wichtig ist zu sagen, was ich zu sagen hab. Warum das plötzlich wieder so ist? Don’t know. Ich glaub, es hat mit Tabus zu tun. Ich hab in den letzten Monaten verstärkt gemerkt, dass wir so viele Dinge immer noch tabuisieren. Zum Beispiel das Körpergewicht, Traurigkeit, Einsamkeit, Bedürfnisse, Ängste, Zorn, alles, was den Körper betrifft, Erwartungen. Oder, wenn wir darüber sprechen, dann in einer ritualisierten, verängstigten Art und Weise, in Code, der den Menschen nicht erlaubt sich wirklich auszudrücken und auszutauschen. Und Tabus sind so ziemlich das Schlechteste, was man haben kann. Und da sonst nicht viele wirklich offen reden, denke ich, dass es wichtig ist, dass ich es tue. Obwohl wir rund um die Uhr von Medien umgeben sind, wächst unsere Sprachlosigkeit. Ein zweiter Grund ist, dass ich so lange Texte schreibe. Ich glaube diese Soundbites, die tagtäglich auf uns einprasseln und die wir selbst loslassen sind schlecht für uns, denn Soundbites zwingen uns krass zu sein, Nuancen auszulassen, Seiten zu beziehen. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Medien, die wir aufnehmen unser Gehirn wirklich verändern. Wir wundern uns täglich, warum so viele Menschen Probleme mit Logik und mit Relation, mit Vernunft haben – wir verlieren tatsächlich die Fähigkeit uns zu konzentrieren, Sätze zu deuten, Meinungen auszuhalten und nicht persönlich zu nehmen usw.. Und somit sind meine langatmigen, langwierigen Texte sozusagen Medizin!

Kurzum: Ich hab das Gefühl, dass ich doch noch gebraucht werde. Ich weiß nicht genau, wo mich das hinführt, ob ich wieder viel schreibe und veröffentliche und was, aber der Anfang ist gemacht. Und ohne den gibt’s eh nix, von daher ist das schon mal cool! Das ist wo ich stehe. Und ich bin erstmal froh, dass ich hier angekommen bin.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kai sagt:

    Ja wir brauchen solche wie dich! Ich sehe Tabus nicht unbedingt als etwas schlechtes ab, aber einige davon zu brechen… Wir sehen in Altenheimen und Krankenhäusern meines Erachtens die institutionalisierte Tabuisierung des Todes, wir schließen aus, was uns von unserem „Weg“ abhält. Ebenso die Psychatrien, der Wahnsinn als etwas grundständig anderes, für unsere Ordnung bedrohliches. Die Geflüchteten ebenso. Dass wir diese Gruppen als bedrohlich sehen kommt aus einer grundlegenden Unsicherheit. Mit einer gescheiten sozialen Versicherung, eventuell mit einem bedingungslosen Grundeinkommen gekoppelt, hätten wir kein oder kein so großes Problem mit Rechten. Und auch die widersprechen unserer Ordnung, zeigen Widerständigkeit und stehen für etwas auf. Das ist zumindest mehr Potential für Veränderung als beim entfremdet bis zum Tode arbeiten…
    Naja. Eine weitere Dynamik, die m.E. zum Aufschwung einer neuen Rechten beiträgt, ist die Erziehung zur Härte (~Männlichkeit) und eine grundlegende Verleumdung unserer Emotionalität und Empathiefähigkeit als Schwäche. Das wird stark durch eine Wettbewerbsideologie bestärkt.

    Wie dem auch sei, ich habe leider auch so eine Wende bemerken müssen in meiner kreativen Arbeit. Sie wurde quasi mit mir erwachsen und will sich nicht mehr an etablierte Ordnungen (Metrum, Reimschemata usw) halten. Sie ist auch immer seltener verspielt. Stattdessen mehr Verzweiflung, mehr Suche nach etwas zum Bestärken und so.
    Liebe Grüße,
    Kai

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    1. Dank Dir sehr für Deinen Gruß.

      Ich glaube 2 Punkte sind hauptsächlich ausschlaggebend für die momentane Situation:
      1. Ich glaub, dass wir uns nicht genug bewußt sind, wie einschneidend das Internet unser Wesen, unsere Welt verändert. Früher waren wir die meiste Zeit unbeaufsichtigt. Wir hatten ein, zwei Quellen von denen wir Infos bekamen und denen wir vertraut haben. Das bedeutet da war eine Stabilität.

      Heute sind wir ständig unter Beschuss, unter Kontrolle, ständig gefragt und die Quellen von denen wir Infos bekommen sind entweder weg oder wir haben keine Ahnung, wer dahinter steckt mit welcher Intention. Selbst die Zeitungen selbst haben keine Ahnung wer sie finanziert, weil sie ihr Anzeigengeschäft nicht mehr selber abwickeln. Das machen google und facebook. Wie krank ist das? Jedes Mal, wenn wir ins Internet gehen, nehmen wir Informationen (nicht nur Artikel, auch Tweets und Kommentare)auf und haben keinerlei Ahnung, ob die glaubhaft sind. Wir sind heute permanenter Manipulation ausgesetzt. Das bedeutet wir leben im Chaos. Und das ist für Menschen ein unlebbarer Zustand. Und das wiederum führt zu Radikalisierung.

      Zweitens: Die meisten Menschen haben keine Ahnung wie sie selber funktionieren. Sie haben nie gelernt, woher ihre Emotionen kommen, wie man mit ihnen umgehen kann. Sie haben nicht gelernt zu reflektieren. Und ganz viele haben tatsächlich keine Ahnung, wie man logisch denkt, abstrahiert oder Dinge deutet. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie blöd sind oder unfähig, sondern einfach, dass der Druck, die Erziehung einzig darauf liegt schnell produktiv zu sein und nicht darauf ein guter, ausgeglichener, glücklicher Mensch zu sein. Wir lehren Kinder chemische Reaktionen in der Schule, aber nicht, rauszufinden, warum sie zornig sind, mit dem Zorn konstruktiv umzugehen und gut in der Gesellschaft zurecht zu kommen. Das ist doch abstrus. Und daraus entstehen Unmengen von Problemen: Menschen, die Probleme mit Veränderung haben, zornige Menschen, traurige Menschen, verunsicherte Menschen, die sich alle nicht selbst zu helfen wissen und dadurch leichte Beute sind für alle, die diese Probleme ausnutzen. Wenn einer zornig bist und ihm jemand sagt: Du hast auch jedes Recht zornig zu sein, schau nur die Feministinnen an, wie sie plötzlich jeden Mann zum Täter machen wollen, dann geht das ganz schnell, dass er glücklich ist, dass ihm jemand erlaubt zornig zu sein und er dann diesen Strohalm ergreift, um seinen Zorn da zu entladen. Und dann hinterfragt er auch das Ganze nicht mehr, weil da schon die Emotionen übernommen haben. Es ist viel leichter was zu glauben, als es dann wieder zu entglauben. Und schon ist ein weiterer Mensch destruktiv und zum Wutmenschen geworden.

      Und vor allem aus dem 2. Punkt heraus entstehen meiner Meinung nach auch viele der Punkte, die Du genannt hast: Unser Unvermögen mit dem „Anderen“ umzugehen, unsere Wortlosigkeit, unsere Unsicherheit, was wertvoll ist und was nicht und unsere generelle Ziellosigkeit als Gesellschaft.

      Wegen Deiner Kreativität: Das fühlt sich schrecklich an, wenn sich plötzlich die Konstanten so ändern und man so stumm, stumpf und wortlos ist. Für mich hat es sich so angefühlt. Fast wie eine körperliche Wunde. Eine Versehrtheit.

      Ich hab mich jahrelang im vorein dafür entschuldigt, dass ich Gedichte schreibe, die sich nicht reimen. Dann hab ich die Gedichte von Ingrid Bachmann gelesen und das war genau das, was ich auch schreibe: Gedichte, aber eben ohne Reime. Und trotzdem war ich mir immer sicher, dass meine reimlosen Gedichte Gedichte sind. Genau so wie Bachmann und ihr Verleger, denn ihre ungereimten Gedichte wurden als Gedichte veröffentlicht. Das hat mich sehr gestärkt und befreit.

      Es hat mich aber gleichzeitig geschockt zu realisieren, wie verletzlich, wie unsicher man ist, wenn man was von sich preisgibt, veröffentlicht. Warum sollte ich mich entschuldigen, fast schämen dafür, dass ich mich auf eine bestimmte Weise ausdrücke? Das ist doch bescheuert! Aber natürlich veröffentlicht man auch, um verstanden zu werden, um eventuelle Geschwisterseelen zu finden, was zu bewirken und etwas zu hinterlassen. Es hängt also eine ganze Menge (von uns) an unseren Texten und Bildern. Und Unverständnis, Desinteresse oder sogar Verspottung ist natürlich etwas, was man dann nicht so gern dafür ernten will.

      Ich weiß, manchmal geht es nicht, aber wenn Du es kannst, mach doch einfach, was Du fühlst. Schalt die innere Zensurschere aus und mach das, was Du fühlst, was Dich beschäftigt. Alles hat einen Grund. Und vielleicht muss es auch nur raus. Oder ist es ein Übergang zu etwas ganz Neuem. Was ganz gut ist, was ich manchmal bei heiklen Sachen mach, ist sie 1 Tag liegen zu lassen, bevor ich sie veröffentliche. Wenn man dann mit etwas Abstand immer noch damit leben kann, das von sich zu zeigen, ist es auch meist ok es zu veröffentlichen.

      Es ist alles nicht so einfach und die Zeit, in der wir leben, ist echt beschissen. Was mir Hoffnung macht, sind die nächsten Generationen. Die sind viel weniger beeinflussbar als wir und viel näher an sich dran. Ich hab Vertrauen in die. Was mir Angst macht, ist, dass wir es vielleicht schaffen die Welt und Gesellschaft vollends zu zerstören bevor die nächsten Generationen an der Macht sind.

      Ich hab mich wirklich sehr über Deinen Kommentar gefreut!!

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      1. Kai sagt:

        Danke für die ausführliche Antwort! Ich beschäftige mich recht viel mit diesen Dingen und würde dir einen kleinen Band von Adorno ans Herz legen, falls du das etwas verwissenschaftlichen möchtest. Heißt „Erziehung zur Mündigkeit“. Darin sind Abdrucke von Radiobeiträgen und Gesprächen zwischen 1956 und 66, das ist gut zu lesen und vereint soziologische, psychoanalytische und pädagogische Erkenntnisse. Gerade habe ich den ersten Beitrag gelesen dazu, was Aufarbeitung der Vergangenheit (NS) bedeuten kann und soll und die Verschränkung unterschiedlicher Erkenntnisse ist extrem spannend.
        Liebe Grüße,
        Kai

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        1. Ich bin da etwas hin-und hergerissen: Einerseits ist natürlich Wissen gut und sich anzuhören, was andere gedacht haben, auch. Andererseits versuche ich in dem Bereich, der meiner ist (Philosophie, Psychologie, Geschichte, Menschen) selber zu denken und selbst zu erfahren. Das hat vor allem damit zu tun, dass der gesamte Diskurs, das gesamte vorhandene Wissen männlich ist. Und ich hab die letzten Jahre eine Philosophie/Theorie entwickelt, die damit zu tun hat, dass uns das ganze Wissen von Frauen fehlt und dass wir als Gesellschaften dadurch praktisch auf dem Kindergarten-Niveau steckengeblieben sind (was immer passiert, wenn man zu steril ist und Teile der Gesellschaft ganz ausschliesst) – und das, während wir denken, wir seien auf höchstem Uni-Niveau!

          Ich hab diesen Unterschied im Denken auch nur durch Zufall am eigenen Leib erfahren, als ich eine Zeit lang zu viel Testosteron hatte und mein Denken sich dadurch total geändert hat. Plötzlich konnte ich manche Dinge, die ich davor denken konnte überhaupt nicht mehr denken oder erkennen oder hielt sie nicht mehr für wichtig. Mein Wesen, mein Blickwinkel hat sich total verändert und verschoben. Das hat sich wieder reguliert als sich meine Hormone reguliert haben, aber das hat mir die Augen weit geöffnet dafür, dass wir zwar z.B.„Philosophie“ sagen, als wäre das, was wir haben eine universelle Philosophie – aber in Wahrheit ist es nur ein ganz begrenztes Gebiet: europäische, weiße, männliche Philosophie.

          Ich komm in vielen meiner Gedankengänge auf die gleichen Sachen wie z.B. Kant oder freud-aber ich seh und vor allem fühle vieles viel, viel weiter, viel, viel allumfassender, natürlicher. Und ich bin weitaus „erbarmungsloser“ zu mir und uns allen, als diese Herren und lass mir nicht so viel vormachen, was uns Menschen angeht. Vor allem erkenne ich eine Zwangsläufigkeit des Verhaltens (wie ein Profiler), die viele andere nicht erkennen. Ich muss mir zum Beispiel keine Konstrukte wie Es, Ich, Über-Ich oder sowas ausdenken. Für mich erschließt sich das Verhalten ganz logisch und natürlich aus der Natur des Menschen, aus seinen Emotionen heraus. Nicht, weil ich so toll bin, sondern, weil noch nicht viele Frauen die Chance hatten sich wirklich so frei und umfassend damit zu beschäftigen, wie ich es tue, so viel zu denken, wie ich es tue – während Männer das schon seit tausenden von Jahren tun.

          Ich kann das alles in der Kürze nicht sehr gut erklären und es klingt so kurz zusammengefasst sicher komisch, krass und unverständlich, aber ich werde die Theorie sicher in den nächsten Monaten mal auf dem Blog genauer erzählen. Ich will natürlich auch nicht alle Lehre wegwischen, die war oder die besteht. Um Gottes Willen! Aber ich will es in die richtige Perspektive rücken. Und dazu muss ich eben sehr aufpassen, dass ich meine Freiheit im Denken beibehalte. Was für mich gut funktioniert sind Tagebücher und Briefe von historischen oder auch aktuellen Personen oder Beschreibungen von Gesellschaften, weil mir das den rohen Stoff bietet, um weiter nachzudenken, meine Theorien weiter zu testen. Was ich zur Zeit weniger hilfreich finde, sind theoretische Abhandlungen. Aber ich hab mir das Buch aufgeschrieben und werd mal vorsichtig reinschauen. Danke!

          Ich hoffe, ich konnte das irgendwie kohärent erklären und es kommt nicht als total arrogant und kompliziert rüber! Weil beides trifft wirklich nicht zu.

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          1. Kai sagt:

            Hallo, verzeih die (sehr) späte Antwort, aber ich wollte das nicht einfach so hinrotzen 🙂
            Ich stimme zu, dass das bestehende Wissen hauptsächlich von Männern stammt. Ich stimme auch zu, dass die Sozialisierung von diesen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt in der entstandenen Philosophie. Den Adorno empfehle ich vor allem, weil eine Erziehung zur Männlichkeit seiner Meinung nach eine zentrale Rolle im Aufschwung des NS spielte und ich diese Perspektive faszinierend fand – sie war quasi der Punkt, an dem ich tiefer in die Geschlechterthematik eingetaucht bin.
            Ich weiß nicht viel und kann dementsprechend nichts sagen über die Rolle, die Hormone in unserer Wahrnehmung spielen. Nur bin ich grundsätzlich misstrauisch einer „natürlichen“ Erkenntnisweise gegenüber. Ich denke, unsere Erfahrungen, Erkenntnisse und unser Wissen hängen sehr stark von Phasen ab und würde mich fragen, welche anderen Einflüsse meine Wahrnehmung beeinflusst haben könnten neben oder mit hormonellen. Wie spreche ich und mit welchen Leuten, was drücke ich aus und was traue ich mich zu sagen und nicht usw. Ich würde auch sagen, dass meine Art der Erfahrung sich grundlegend verändert hat. Ein Punkt dabei ist der Schulabschluss, der alle meine Verhältnisse umstieß, das Studium auch, der Tag an dem ich entschied mich in Gedichten zu reflektieren und mich damit endlich mit meinen eigenen Emotionen auseinanderzusetzen.

            Ich möchte dich dementsprechend fragen, ob du nicht deine Komplexität als Mensch reduzierst, wenn du deine Reflexion auf deine „männliche Perspektive“ stützt? Perspektivwechsel sind ohne Frage extrem wichtig und ich bin sehr gespannt auf die Früchte der Reflektion. Aber ob es eine richtige Perspektive gibt, in die unsere männliche, weiße, europäische Philosophie gerückt werden kann? Ich weiß nicht. Ellen Key ist eine recht erfolgreiche Pädagogin der Jahrhundertwende 18./19. Jhd gewesen, die Eugenik und Refompädagogik zu einem bittersüßekligen Mix verbunden hat („Das Jahrhundert des Kindes“). Sie ist kein gutes Beispiel. Man kann natürlich diskutieren, ob ihre Pädagogik in irgendeiner Weise ihre Weiblichkeit reflektiert.

            Ich denke, dass das Wissen, das wir haben, erstmal Wissen ist. Dieses muss auf seine Entstehung und die Wandlungen untersucht werden, die es im Laufe der Zeit durch Zutun unterschiedlichster Menschen durchlaufen hat. Und deren Verhältnisse in ihren Auswirkungen auf ihr Schaffen natürlich. Die Frage, ob nur Frauen (heute) in der Lage sind, das Geschlechterverhältnis zu untersuchen, möchte ich verneinen. Im Gegenteil halte ich es für gefährlich, eine solche Perspektive einzunehmen, da sie ein Machtverhältnis akzeptiert, dass nicht selbstverständlich, sondern historisch geworden ist und sich verändert. Und dessen Auswirkungen auf unsere Perspektive und Erfahrung und Erkenntnis so diffus ist. Ich halte viel von Intuition, aber allgemeine Aussagen darauf zu begründen, darf m.E. nicht der Anspruch sein.

            Ich bin auch nicht sicher, ob diese Antwort kohärent ist. Ich finde die deinige nicht arrogant, für kompliziert halte ich die Sache mit den Wirkungen zwischen hormonellen Aspekten, Erfahrungen und Wirklichkeit – über jedes wurden kiloweise Bücher geschrieben (vorwiegend von Männern) und die meiste „Wissenschaft“ nimmt den subjektiven Aspekt wichtig, vergisst bisweilen aber, die Wissenschaftlichkeit an sich zu kritisieren.
            Liebe Grüße,
            Kai

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