Heute ist der Tag der Pressefreiheit. Wir alle wissen, dass es darum gerade nicht sehr gut bestellt ist. Wenn Freiheit bedroht ist, ist das immer ein Zeichen, dass es im Interesse von jemand liegt, Freiheit zu kontrollieren. Logischerweise. Wenn jemand versucht Freiheit zu kontrollieren, dann tut er das, weil er selber mehr davon haben will, als er anderen zugesteht. Ein Freiheitsdieb sozusagen. Denn Freiheit ist ein endliches Gut. Wer mehr davon nimmt als ihm zusteht, stiehlt es von anderen. Es ist ein Gut, das allen zu gleichen Teilen gehört. Freiheit ist es im Zusammenspiel mit dem, was um einen herum ist, auf eine Weise existieren zu können, die keinem mehr schadet als den anderem. Das bedeutet auch, dass Freiheit Arbeit ist. Sie muss jeden Tag erneut gelebt, erlebt und verteidigt werden. Wie die Liebe.

Die DW hat zum Anlass des Tags der Pressefreiheit Ahmet Altan gebeten was dazu zu schreiben. Altan sitzt seit 2016 in der Türkei im Gefängnis. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er „unterschwellige terroristische Botschaften“ im Fernsehen verbreitet haben soll. Ich hab auch eine unterschwellige Botschaft dazu: Bullshit! Hier ist der Link zu Altan’s Beitrag auf DW.

Er schreibt von der Freiheit. Und dass Freiheit für ihn bedeutet, dass Menschen einen Satz suchen dürfen und können, der nur ihnen gehört. Der Beitrag hat mir ein paar Tränen entlockt. Und beim Nachdenken darüber hab ich gemerkt, dass er Recht hat. Ich selbst bin ständig auf der Suche nach Gültigkeit. Nicht unbedingt nach einem neuen Satz, sondern einem neuen Verständnis. Verständnis, das anderen Menschen erlaubt das zu sehen, was ich -oft wortlos, oft instinktiv- verstehe. Wie zum Beispiel dieser Satz, den ich neulich beim Tee kochen gedacht hab:

Man kann das Wesen eines Menschen daran erkennen, wie er die U-Bahn verlässt.

Zwischen dem Halt und dem Ausstieg gibst es bei uns in der Bahn ein Mini-Intervall. Maximal 2-3 Sekunden. Und es gibt 2 Sorten von Menschen: Die, die 2 Sekunden abwarten, weil sie wissen, dass es nichts ändert, wenn sie wegen 2 Sekunden ausflippen, dass es nicht schneller geht, wenn sie wie wild auf den Knopf drücken und sich aufregen (im Extremfall machen sie so die Elektronik kaputt und es dauert sogar noch länger). Und es gibt die, die jedes Mal aufs Neue zornig werden wegen dieser 2 Sekunden. Die nicht damit leben können, dass ihr Wunsch nicht umgehend erfüllt wird und die deshalb sogar wütend werden und sich und anderen deshalb den Tag vermiesen. Wegen 2 Sekunden.

Diese 2 Wesen, die man so sieht, sind 2 Gegenpole. Die 2 Gegenpole aus denen die ganze Welt besteht: Positiv/konstruktiv und negativ/destruktiv. Die, die ruhig warten, sind konstruktiv. Die, die das nicht schaffen sind destruktiv. Die, die warten, leben und arbeiten mit und in der Realität, den Gegebenheiten und sehen sich als ein Teil des Ganzen. Die, die die Realität ignorieren, weil sie ihnen nicht passt, sind ihren Gefühlen gegenüber meist machtlos, da sie sie nicht verstehen und oft auch gar nicht bewußt wahrnehmen. Somit nehmen sie die Realität und andere Menschen auch nicht als etwas eigenständiges wahr, sondern immer nur als Verlängerung von sich selbst: Wie nützlich sind sie mir oder wie weit stehen sie mir im Weg. Sie sind so auch anfälliger für populismus und für Verschwörungstheorien. Denn so wie B auf A folgt, folgt ein gewisses Verhalten auf ein anderes.

Natürlich gilt das alles nur prinzipiell. In den beiden Wesenstypen gibt es Abstufungen und man ist auch nicht verdammt für immer in einer Gruppe zu verharren, wenn man sich da nicht wohlfühlt. Es geht hierbei auch nicht um eine moralische Wertung, sondern um Verständnis. Denn das Positiv kann nicht ohne das Negativ existieren – und vice versa.

Ist mein Satz „Man kann das Wesen der Menschen daran erkennen, wie sie die U-Bahn verlassen“ also neu? Der Satz an sich ist es vielleicht, jedoch seine Bedeutung ist es natürlich nicht. Trotzdem fühle ich, dass ich mich mit dem Satz einer Wahrheit, einer Unumstößlichkeit weiter annähere. Es ist eine Version des Satzes, die zumindest neuer und wahrhaftiger ist als andere Versionen des Satzes. Und das ist Freiheit.

Letztendlich ist unser ganzes Leben die Suche nach einer Wahrheit, die außerhalb von uns selbst besteht. Jeder macht das, ob er es weiß oder nicht, auf seine eigene Weise mit der Suche zum Beispiel nach Liebe, Geld oder Erkenntnis. Diese Suche nach Wahrhaftigkeit braucht Freiheit, um zu existieren. Auch die Freiheit zu irren oder weh zu tun. Verletzbar zu sein und Schutz zu brauchen. In einer Welt ohne Freiheit, egal ob Pressefreiheit, geistige Freiheit, psychische, physische, emotionale oder finanzielle Freiheit wird uns diese Freiheit der Suche und Annäherung an die Wahrheit gestohlen und verwehrt. Und mit dem Raub dieser Freiheit wird uns auch unsere Menschlichkeit geraubt.