Ok. Gestern hab ich darüber nachgedacht, ob es sowas wie Stolz überhaupt gibt oder ob das Wort nur eine fromme Lüge ist.Wir sagen, dass es positiven Stolz gibt. Zum Beispiel, wenn wir etwas erreicht haben. Oder es gibt negativen Stolz, wenn wir das Wort nutzen, um andere herabzusetzen oder unser Selbstbewusstsein an Stolz hängen.

Der positive Stolz ist nicht so kritisch. Der negative ist jedoch unglaublich schädlich. Und dadurch, dass wir eine ganze Reihe von destruktiven Verhaltensweisen hinter einem eigentlich positiv besetzten Wort verstecken, helfen wir alle mit diese negativen Verhaltensweisen zu unterstützen, zu verheimlichen und klein zu reden. Das ist Propaganda pur. Und wie so oft handelt es sich hierbei um negative Verhaltensweisen, die hauptsächlich Männer betreffen und die Opfer dieser negativen Verhaltensweisen sind auch wie so oft hauptsächlich Frauen. Warum das so oft so ist? Ganz einfach: Wer hat wohl die Sprache beherrscht bis vor ganz kurzer Zeit? Wer hat die Kultur, die Gesellschaft, die akzeptierten Verhaltensweisen beherrscht? Ausschließlich Männer.

Also, was steckt hinter dem Wort Stolz?

Ich kann mich noch am ehesten überreden lassen, dass positiver Stolz existiert und ok ist: Wenn man eine Prüfung bestanden hat. Wenn man etwas gemacht hat, vor dem man Angst hatte. Man könnte statt stolz sein auch sagen, dass man glücklich ist. Aber Stolz bedeutet hier etwas mehr, nämlich, das man etwas überkommen, überwunden hat. Man hat eine Hürde gemeistert. Somit ist dieser positive Stolz mit Können verbunden und auch mit Wachsen.

Doch der negative Stolz ist für mich in Wahrheit inexistent. Statt dessen werden hier eine Handvoll von anderen Gefühlen hinter dem Wort versteckt: Angst, ein Gefühl von Minderwertigkeit, eine innere Leere, die mit Äußerlichem gefüllt werden muss, Hilflosigkeit, Ohnmacht, das Gefühl von Schwäche. Denn eigentlich, wenn man es zu Ende denkt, ist der negative Stolz nichts anderes als Angst. Was meine ich mit negativem Stolz? Menschen, die anderen nicht sagen können wie sie fühlen, weil sie dazu zu „stolz“ sind. Menschen, die einen „Vaterlandsstolz“ haben, als wäre es ihr Verdienst, dass sie dort geboren wurden, als würde Nationalität irgendwas bedeuten, die in Wahrheit aber einfach nicht mit ihren Gefühlen klar kommen. Menschen, die andere Menschen verletzen oder töten, weil ihr „Stolz“ verletzt wurde. Menschen, die auf jemand eintreten, der am Boden liegt, weil ihr „Stolz“ diesen Hass verlangt. Die Liste ist lang. Aber Ihr versteht sicher, was ich meine. Nun ist wohl jedem klar, dass alle diese Verhaltensweisen und Gefühle des negativen Stolz nichts mit dem wirklichem, dem positiven Stolz zu tun haben. Trotzdem haben es die Menschen geschafft all diese armseligen, negativen Taten und Emotionen hinter dem Wort „Stolz“ zu verstecken. Und jeder spielt mit. Die einen, weil sie davon profitieren, die anderen, weil sie nicht die Macht haben etwas daran zu ändern. Und die mittendrin, weil sie sich keine Gedanken über sowas machen.

Dieses Beispiel zeigt sehr gut auf, warum es so wichtig ist, wer die Macht über Sprache und das Narrativ hat. Seit Jahrhunderten verstecken sich Menschen (hauptsächlich Männer) hinter dem Wort Stolz und werden nicht gezwungen ihr Verhalten anzuschauen und zu ändern, weil sie einfach die Wahrheit weggepropagandat haben. Und wir alle sind die Leidtragenden. Inklusive der Männer, die nicht gezwungen werden sich weiter zu entwickeln, weil sie so viel Macht haben, dass alle anderen ihr Verhalten tolerieren müssen. Denn, wenn wir statt von „Stolz“ von Angst reden würden oder von Schwäche, hätten diese Männer schon lang ihr Verhalten geändert und hätte die Gesellschaft das Verhalten nicht ständig toleriert.

Ich hoffe, dass dieses Beispiel auch aufzeigt, dass man scharf nachdenken muss, bevor man sich über politische Korrektheit (persönlich entzieht sich mir das eh total, warum man sich darüber aufregen sollte, aber das ist was für einen anderen Tag) oder über Versuche Gleichberechtigung in alles zu bringen, aufregt. Denn so etwas rudimentäres wie „wer hat die Hoheit über die Sprache“ hat konkrete Auswirkungen auf das konkrete Leben und das Sterben von Millionen von Menschen. Und dass man alle an dieser Hoheit teilhaben lässt ist der einzige Weg, wie man vermeiden kann, dass die einen Täter und die anderen Opfer werden. Es ist sicher nicht der schnellste Weg, aber das kann ja auch nicht das Ziel sein. Ein anderer Punkt, der deutlich wird an diesem Beispiel ist, wie wichtig denken ist. Wir tun so vieles ohne real darüber nachzudenken.

Ich hab sicher tausend Mal von negativem Stolz gelesen, gehört oder darüber geredet – und ich hab die Benutzung des Wortes „Stolz“ in diesem Zusammenhang nie in Frage gestellt. Nicht ein einziges Mal. Bis ich gestern in einem Song von Jay Rock den Satz „Like my daddy, I got too much pride“ gehört hab und angefangen hab mich zu fragen, was dieser negative „Stolz“ ist, der uns immer nur weh tut. Dieses neue Nicht-Nachdenken, das uns befallen hat, fängt z.B. an mit der Idee, dass wir täglich Fleisch essen müssen, dass wir das Recht haben für fast nichts durch die Welt zu fliegen ohne uns Gedanken machen zu müssen über unser Verhalten und hört da natürlich nicht auf, wo wir sagen, dass jemand, der einen anderen verprügelt, weil der dessen Freundin angeblich angeschaut hat, das macht, weil er zu „stolz“ ist. Es gab viele Jahrhunderte, in denen es das Höchste für Menschen war mehr und besser zu denken und zu verstehen. Heute ist es genau umgekehrt. Wissen und Denken sind unerwünscht. Warum? Weil es uns mächtig macht. Und weil diese Macht plötzlich nicht mehr nur einer Klasse oder einem Geschlecht dient. Also besser das Wissen als Ganzes diskreditieren und somit das Wissen, das man bereits hat zu schützen, bevor plötzlich alle Wissen haben und die Mächtigen plötzlich nicht mehr mächtig sind. Weil wir Fragen stellen, Ansprüche haben, wenn wir wissen und verstehen, anstatt einfach stumm zu konsumieren. Weil wir dann nicht mehr einfach und produktiv genug steuerbar sind.

Wir müssen damit aufhören so unbewußt zu leben. Wir alle. Müssen anfangen unser Leben zu schätzen. Ist unser Leben uns nicht mehr wert, als dass wir es einfach so wegleben? Morgen schon nicht mehr wissen, was wir gestern gemacht haben?

Ein gutes Experiment ist es übrigens, sich mal einen Tag vorzunehmen, an dem man über alles, was man macht mal bewußt nachdenkt. Ich mach das ab und an und es tut mir unglaublich gut! Und wem das zu viel ist für den hab ich einen anderen Tipp: Vor dem ins Bett gehen alles ausmachen (Fernseher, Ipad etc) und 5 Minuten nix machen außer denken. Und ich meine wirklich nichts machen: Den Körper überhaupt nicht bewegen, kein Gerät anhaben, das einen ablenkt. Nur der Geist ist aktiv. 5 Minuten sind wirklich nicht viel, aber es ist unglaublich , wie weit der Geist expandieren kann, wenn man ihm Raum gibt und ihn nicht ablenkt. Und es ist sehr friedlich in einem, sehr gereinigt nach diesen 5 Minuten. Ihr müsst das als Hausputz ansehen. So wie Ihr Euch Zeit nehmt, um Eure Wohnung zu putzen, so brauchen wir auch Zeit, um unseren Geist wieder auf Vordermann zu bringen. Versucht es doch einfach mal!