Scham

Ok. 2 Vorbemerkungen:

  1. Eine Vorwarnung: In diesem Beitrag geht es um Kinder, um Sexualität, um sexuellen Missbrauch an Kindern und um emotionale Gewalt. Und wie immer sage ich es wie es ist ohne Rücksicht auf (meine eigenen) Verluste. Das mag für manche zu krass sein. Wenn Ihr also da einen wunden Punkt habt oder nichts darüber lesen wollt, ist es besser diesen Beitrag nicht zu lesen.
  2. Ich werde den Beitrag eventuell nochmal überarbeiten. Jetzt ist das alles erstmal in einem Guß so aus mir rausgeflossen und es war mir wichtiger es schnell zu veröffentlichen, als es schick zu machen. Also nicht wundern, sollte der Beitrag sich noch verändern.

Ich hab grad die Schlagzeile „Common alleges sexual abuse as child“ in einem älteren Artikel gelesen. Common ist nicht der einzige männliche Rapper, der damit raus kommt, dass er sexuellen Missbrauch erlebt/gesehen hat. Im Gegenteil. Es ist schwerer einen Rapper zu finden, der keinen sexuellen Missbrauch erlebt hat als einen, der einen sexuellen Missbrauch erleben musste.

Das hat mich erinnert an die Zeit, in der ich meine eigenen Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch bearbeitet hab. Ist schon ne Weile her. Als ich angefangen hab darüber zu sprechen, zu recherchieren, zu beobachten hab ich rausgefunden, dass ich keine einzige Frau kannte, die nicht sexuellen Missbrauch, sexuelle Übergriffe oder sexualisierte Gewalt erlebt hat in der Kindheit (ich denke, dass es bei Männern ähnlich ist, aber ich hab darüber nur mit Frauen gesprochen, daher beziehen sich meine Erkenntnisse nur auf sie). Das fand ich verrückt, weil alle immer so tun als wäre es die super Ausnahme, wenn Missbrauch passiert – und in Wahrheit trifft es fast jeden. Wie kann das sein? Wie kann das sein ohne dass alle darüber reden?

Ich hab mich nie mit freud beschäftigt, fand ihn immer gruselig, manisch und falsch, aber eine Sache, die ich gelesen hab, ist mir im Gedächtnis geblieben (wer weiß, ob die Geschichte wahr ist, macht aber Sinn). Am Anfang seiner psychosexuellen Studien hat freud sehr wohl geglaubt, dass die Kinder, die ihm von Missbrauch erzählt haben, die Wahrheit sagen. Aber dann, als er sich länger dem Thema angenommen hat, musste er feststellen, dass in praktisch jeder Familie eine Form von sexuellem Missbrauch, oft auch Inzest stattfand.

Das hat ihn vor 2 kolossale Probleme gestellt; Erstens konnte er das nicht in Einklang bringen mit dem, wie er die betroffenen Männer kannte, als „Ehrenmänner“, gebildet, zivilisiert. Wenn diese reichen, gebildeten Gentlemen sowas bösartiges machen, was sagt das über uns aus? Und das zweite Problem war: Wenn er seine Befunde veröffentlichen würde, wäre er mit einem Schlag ausgestoßen. Seine Karriere wäre vorbei, er würde in keiner Gesellschaft mehr erwünscht sein, man würde ihn vielleicht sogar für geisteskrank erklären. Denn diese Männer würden nicht tatenlos zusehen, die Gesellschaft würde nicht tatenlos zusehen, wie diese große Lüge zu Fall gebracht wird.

Und so hat er stattdessen die Kinder verraten und im Stich gelassen. Und hat lieber anstatt die Männer zu stoppen, die Kinder sexuell missbrauchen, den Kindern gesagt, dass sie bösartig, verderbt und schuldig sind und lügen. Weil sie in Wahrheit Sex mit ihrem Vater haben wollen. Die perverse Boshaftigkeit dahinter raubt mir den Atem. Es ist genau das, was gerade überall auf der Welt passiert, wo Konservative oder Rechte alles herumdrehen und als Waffe einsetzen. Jemand, der gleiche Rechte für alle will, ist plötzlich jemand, der gegen Weiße ist. Eine Frau, die eine Fehlgeburt hatte, wird als Mörderin verurteilt. Was freud gemacht hat ist von der gleichen Sorte. Und so konnte der Kreislauf des Missbrauchs fortbestehen, erweitert um eine weitere Facette „das perverse Kind, das Sex will“.

Mir ist schleierhaft, warum Erwachsene so tun als würde Sexualität keine Rolle im Leben von Kindern spielen. Ich meine nicht die eigene Sexualität der Kinder, nein, ich meine die Sexualität der Gesellschaft und Umwelt. Kinder sehen Sex und sexualisierte Nacktheit (hauptsächlich von Frauen) rund um die Uhr um sie herum. Sie hören und sehen permanent sexuelle Gewalt („Juliana auf Seite 3 mag es wenn man ihr zeigt, wo es lang geht“). Es würde helfen, wenn Erwachsene dies alles den Kindern erklären würden, Kontext schaffen würden. Da aber jeder so tut, als würden Kinder nie mit Sexualität in Berührung kommen, bleiben Kinder sich selbst und ihrer Verwirrung überlassen und müssen versuchen selbst Sinn und Verständnis in dem Chaos zu finden. Oft mit weitreichenden Konsequenzen.

Mit meiner Freundin hab ich, 8 oder 9 Jahre alt, manchmal Vergewaltigung gespielt. Wir beide wussten genau wie das geht und was man dabei sagen muss. Woher konkret weiß ich nicht, aber wir haben es sicher in irgendeinem Film oder im Radio oder im „Scherz“ wo gehört (es war immer Vergewaltigung am Strand. Da kein Strand im Umkreis von hunderten Kilometern vorhanden war, gehe ich davon aus, dass es ein Film war). Es war uns beiden so klar wie das geht, dass wir nicht mal darüber sprechen mussten. Wir haben einfach das nachgespielt, was wir bei Erwachsenen gesehen haben.

Sexualität war von Anfang an eine Macht in meinem Leben. Ich war so um die 3 bis 4 Jahre alt, als ich eine Horrornacht erlebt hab, die mir noch heute nachhängt. Meine Mutter ist mit einem Mann nach einer Party nach Hause gegangen, ich wie immer mit dabei. Die beiden Erwachsenen waren high und/oder betrunken und der Sohn des Mannes und ich haben im Wohnzimmer geschlafen während meine Mutter und der Mann ins Schlafzimmer verschwunden sind. Dort hatten sie stundenlang unglaublich lautstarken und anschaulichen Sex (eventuell Sado-Maso, mein Vater hat mir erzählt, meine Mutter stand dadrauf und das würde erklären warum es so extrem verstörend war). Niemand hatte mir Sex erklärt. Ich hab gruseliges Horrorzeug aus dem Schlafzimmer gehört, meine Mutter hat geschrien wie am Spieß und ich dachte, meine Mutter wird gerade bestialisch ermordet.

Ich saß mit dem Kopf unter dem Bettlaken versteckt, versteinert, und war die ganze Nacht wach. Ich werde nie diese langen Stunden am frühen Morgen vergessen, bis es endlich hell wurde. Ich hab mich nie davor und nie danach so allein gefühlt wie dort hilflos festgenagelt unter dem Laken, den langen, zähen Stunden ausgeliefert. Nie wieder hab ich versucht mich auszulöschen, nicht zu existieren wie in dieser Nacht, damit mir nix passiert. Den Horror dieser Nacht werde ich nie vergessen. Er hat Auswirkungen auf mein Schlafverhalten bis heute.

Meine erste bewusste sexuelle Missbrauchserfahrung hatte ich mit ca. 4 bis 5 Jahren. Ich hab bei einem Kindergartenfreund geschlafen und der Vater kam morgens ins Bett und hat seine Hand in meine Vagina geschoben. Ich hab nicht verstanden, dass das was sexuelles ist. Aber ich hab sofort verstanden, dass es verboten ist und dass ich was besonderes bin, wenn ich ihn das machen lasse. Es war verwirrend, weil plötzlich meine Loyalitäten gespalten waren. Plötzlich war ich die Hüterin eines Geheimnisses geworden, das nicht meines war. Ich hatte die Verantwortung, denn was Schlimmes würde passieren, wenn ich es jemand erzähl.

Dass der Mann mich angefasst hat fand ich nicht schlimm. Das hab ich gar nicht verstanden über das hinaus, was meine Ona immer gesagt hat: „Da unten“ fasst man sich nicht an. Unsagbares und Verbotenes. Was mich belastet hat war, dass ich wieder einen Teil meiner Unschuld verloren hab (selbst in dem frühen Alter hatte ich bereits viel Erfahrung damit!). Meine Unschuld in Bezug auf Vertrauen. Plötzlich wusste ich, dass es mein Verhalten ist, dass bewirkt, ob Menschen mich mögen, nett zu mir sind, gut über mich sprechen. Davor dachte ich, dass man einfach ist. Danach wusste ich, dass ich nur dann gemocht werde, wenn ich mach was andere von mir wollen. Dass die Macht darin liegt. Es ist ein Geschäft, ein Tauschhandel. Plötzlich hatte alles einen anderen Geschmack und diesen Geschmack sollte es für immer behalten.

Nichtsdestotrotz hab ich es wohl meiner Mutter irgendwann erzählt. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern, was komisch ist, weil ich so konkrete Erinnerung an vieles hab, zurück bis zu meinem 8. Lebensmonat, aber hier ist ein totales Nichts. Das sagt sehr viel. Jahre später hab ich also meiner Mutter diese Erfahrung vorgeworfen und sie hat mir gesagt, dass sie es weiß, dass ich es ihr damals erzählt hab. Und ich hab sie gefragt „Und dann, was hast Du gemacht?“ „Na, Du bist halt da nicht mehr hingegangen.“. Ansonsten wurde wie immer ignoriert und geschwiegen. Wahrscheinlich muss ich froh sein, dass sie zumindest das gemacht hat.

Als ich das erste Mal Geschlechtsverkehr hatte, war ich so um die 8 Jahre alt. Im Schülerhort in der unteren Toilette mit einem 12/13 Jährigen Jungen. Zumindest versuchter Geschlechtsverkehr, denn sein Penis war viel zu groß und es hat nicht geklappt. Das war normal im Schülerhort. Ich fand das nicht schlimm. Ich hätte es eher schlimm gefunden, wenn er es nicht getan hätte, weil ich wusste, dass er Sex mit einem anderen Mädchen im Hort hatte, die meine Konkurrentin war und ich wollte nicht ungewollt sein. Die älteren Jungs haben da mit den Mädchen rumgemacht. Das war normal. Wir waren alle noch Kinder und haben auf eine Weise immer noch nachgespielt was um uns herum passiert. Keiner von uns hatte Sex wirklich um des Sexs willen, auch nicht die älteren Jungs. Sex schien das Ding zu sein, das für die Erwachsenen am allerwichtigsten ist, denn es ist überall, andauernd und hat die wundersame Wunderfähigkeiten Menschen zu den krassesten Taten zu bringen. Erwachsene bestimmen über Kinder. Aber Sex bestimmt über Erwachsene.

Wir wussten alle, dass Sex DAS Ding ist. Für Sex werden die meisten Ausnahmen gemacht, Regeln, die sonst gelten, gelten plötzlich nicht mehr. Es ist verboten, obwohl alle andauernd darüber reden. Kinder sind nicht blind und taub. Natürlich kriegen sie das mit. Und anstatt sie zu unterstützen es zu verstehen, lassen die Erwachsenen die Kinder allein mit der ganzen Sexualität um sie herum und tun so, als wären die Kinder tatsächlich blind und taub und würden nix mitkriegen. Wenn ich mit meiner Freundin Vergewaltigung gespielt hab, dann hatte das nix mit unserer eigenen Sexualität zu tun. Wir haben es einfach nachgespielt, so wie wir Schule oder Kaufhaus gespielt haben. Interessanterweise wussten wir beide, ohne darüber zu sprechen, dass wir niemand erzählen durften, dass wir Vergewaltigung spielen. Das spiegelt dieses perverse Verwirrung und Last, die mit Sex kommt. Du darfst nicht darüber sprechen, obwohl es überall ist.

Meine letzte Erfahrung mit sexuellem Missbrauch war als Teenager mit einem älteren Mann aus der Nachbarschaft, der meine Brüste angefasst hat und mir dafür Heftle und Süßigkeiten gegeben hat. Danach hab ich begonnen selbst eine Sexualität zu haben und obwohl ich auch unschöne Erfahrungen hatte, war es danach nicht mehr mit diesem Ungleichgewicht, das zwischen dem Missbraucher und den Missbrauchten herrscht und das ein Wesensmerkmal von sexuellem Missbrauch ist.

Zwischen diesen Sachen, die ich hier erzählt hab, sind natürlich noch andere Kleinigkeiten nebenbei passiert. Wie als ich nachts mit dem Sohn von der neuen Frau meines Vaters (nicht verwandt mit mir) im selben Bett geschlafen hab und wir uns an den Geschlechtsteilen angefasst haben. Brav, wie wir es gelernt haben (der Junge hatte auch Missbrauch erlebt), haben wir ein ungesundes Geheimnis geschaffen in dem es nicht um Sex, sondern um Macht ging. Ungesund nicht, weil wir uns angefasst haben, sondern weil es ein emotionales Mischmasch zwischen Scham, Angst, Wut, Macht und Hass war. Nachts haben wir uns angefasst – und wussten gar nicht wirklich warum, der Junge hatte keine Erektion, ich hab nix gefühlt, wir wussten nur, dass es „verboten“ ist sich „da“ anzufassen und dass Erwachsene das machen und wir das machen müssen, wenn wir erwachsen sein wollen. Und morgens haben wir so getan, als wäre es nie passiert.

Nun da ich dies alles erzählt hab, wird es Euch vielleicht komisch vorkommen, dass meine Umwelt in dem klaren Bewusstsein war, dass ich eine unsexuelle Kindheit hatte und mir nix schlimmes passiert ist. Alles war „normal“ laut meiner Umwelt. Vielleicht haben sie ja sogar recht, aber auf eine andere Art, als sie es gemeint haben. Vielleicht sind ja meine Erfahrungen wirklich norm-al. Vielleicht ist sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt an Kindern tatsächlich die Norm. Und wenn es nicht passiert, ist es die Ausnahme. So kommt es mir fast vor.

Aber um es ganz deutlich zu sagen: Es war immer klar zu sehen, dass ich eine sexualisierte Kindheit hatte. Wenn man es denn sehen wollte: Über den Vorfall mit der Hand in der Vagina hab ich meine Mutter informiert, über das Vergewaltigungsspiel hat der Bruder meiner Freundin gepetzt und unsere Elter mussten peinliche 3 Minuten mit uns reden, andere Eltern haben meiner Mutter erzählt, dass im Schülerhort schlimme Dinge passieren (denn dort gab es neben dem Sex auch Gewalt und Mobbing), die Polizei hat mich vorgeladen wegen des älteren Mannes, weil eine andere Mutter ihn angezeigt hat, um mich zu fragen, ob mir das auch passiert ist. Wer es wissen wollte konnte also deutlich sehen, dass sexueller Missbrauch ein alltäglicher Teil meines Lebens war. Zu all diesen Erlebnissen hat meine Mutter aber nichts gesagt. Niente. Keinen Piep.

Zusätzlich zur Vernachlässigung und einiger anderer Dinge, hat mir meine Mutter noch eine andere Sache „mitgegeben“: Das Vorbild einer Frau, die Sexualität einsetzt, um im Leben zurecht zu kommen. Das Vorbild einer Frau, die keine soziale Fähigkeiten hat, keine Nähe zu anderen, keinen Weg der Kommunikation, keine Freunde und die ihre Sexualität nutzt, um das auszumerzen. Ihre Sexualität ist praktisch ihre soziale Fähigkeit. Und somit war mein Leben vom ersten Atemzug an bereits hoch sexualisiert.

Sexuelle Gewalt wird überall auf der Welt grad schlimmer als sie es jemals war. Dafür gibt es viele Gründe. Ein Grund dafür ist, dass obwohl wir als Kinder andauernd Sexualität ausgesetzt sind, jeder so tut als würden Kinder in einem Vakuum aufwachsen und nix mitkriegen von der Welt und Sexualität würde erst über sie hereinbrechen, wenn sie alt genug für Geschlechtsverkehr sind. Ich persönlich hab schon lang mit dem sexuellen Missbrauch abgeschlossen was das Emotionale anbelangt – denn Missbrauch ist es, auch, wenn keine physische Gewalt ausgeübt wird. Trotzdem ist natürlich meine Sexualität dadurch geprägt und sind ein paar Sachen verhaltensmäßig geblieben, die so tief sitzen, dass sie automatisiert sind. Und wie bei mir ist die Sexualität eines jeden, der Missbrauch erfahren hat, mal mehr, mal weniger von dem Erlebnis geprägt. Das hat Konsequenzen. Nicht jeder hat das Glück mit dem Erlebten gut umzugehen. Und so erschaffen wir oft missbrauchte Kinder, die dann selber missbrauchen. Lang hab ich meine Geschichte als eine persönliche angesehen. Aber das ist sie nicht. Sie ist ein Symptom.

Eine schlimme Sache, die wir alle machen und die alles so furchtbar macht, ist unser Schweigen. Erst mit unserem Schweigen geben wir dem Bösen, den Monstern, der Scham Macht. Wir werden gegen unseren Willen vom Missbraucher zu seinen Komplizen gemacht und wir denken wir sind allein damit auf der Welt. Sexueller Missbrauch passiert überwiegend im direkten Umfeld des Kindes (auch alle meine Erlebnisse sind von Bekannten begangen worden/mit Bekannten passiert), oft unter den Augen der Eltern. Warum? Weil viele Missbraucher selbst missbraucht wurden und eine Antenne haben für das Loch in der Seele von anderen, weil sie selbst eines haben. Weil die Missbraucher oft begnadete Verführer sind, die die Eltern genau so verführen und korrumpieren, wie sie es mit den Kindern tun. Weil wir immer noch diese unsinnige Vorstellung und Trennung von physischer und psychischer Gewalt haben. Aber Gewalt ist Gewalt, egal ob körperlich oder emotional. Und so schauen Eltern wohl auf blaue Flecken am Körper aber nicht auf der Seele.

Am schlimmsten für mich war nie das körperliche. Nein, das Schlimmste war immer die Scham. Diese brennende, mich verzehrende Scham. Dass ich korrumpiert worden bin. Verändert und beschmutzt worden bin. Denn ich bin nicht wie ein Vergewaltigungsopfer mit körperlicher Gewalt gezwungen worden. Ein Mix aus sozialer, emotionaler und psychologischer Gewalt hat mich bezwungen.

Die Scham, dass die Gefühle, die ich hatte nicht nur negativ waren hat mich schier umgebracht. Die Scham: Ich mochte die Aufmerksamkeit, die der Mann mir gab, als er seine Hand in meine 4 Jahre alte Vagina geschoben hat. Die Handlung allein hatte keine Bedeutung für mich, weder positiv noch negativ. Aber ich war ein vernachlässigtes Kind, ausgehungert nach Liebe, nach Sorgfalt, nach Beachtung. Und das hat er benutzt. Und erst hinterher, als es um „DAS GEHEIMNIS“ ging hat für mich der Missbrauch eingesetzt. Denn meine Psyche, meine Seele wurde missbraucht. Ich musste eine Last tragen, die nicht meine war und die mich doch für immer gezeichnet, für immer mit einem Mal versehen hat. Die Scham: Ich hab die Süßigkeiten und Heftle von dem schmierigen älteren Mann genommen, während er mich begrapscht hat. Da war dieser Tauschhandel für mich schon so normal geworden. DAS GEHEIMNIS war ich schon so gewohnt, dass es schon zu mir gehört hat.

Wenn ich sage, dass ich niemanden kenne, der keine sexuelle Gewalt erlebt hat, dann umfasst das natürlich eine große Bandbreite. Nicht jeder hat so krasse Erfahrungen wie ich gemacht. Und nicht jeder kann sich damit abfinden, dass das, was er erlebt hat Missbrauch ist und nennt es vielleicht lieber anders. Für manche ist die sexuelle Gewalt zum Beispiel „nur“ eine verwirrende Erfahrung, die sie mit einem Nachbarjungen hatten, der einem im Garten seinen Penis zeigt. Aber auch das ist sexuelle Gewalt. Du wirst ohne Dein Einverständnis in eine Beziehung mit dieser Handlung gezwungen und kannst es hinterher nicht mehr ungeschehen machen. Du hast keine Möglichkeit zu handeln, kein Stimmrecht, wirst nicht gefragt. Das ist Gewalt. Vielleicht hast Du heimlich den Nachbarjungen angehimmelt und dann macht der sowas! Oder vielleicht fühlst Du Dich danach nicht mal mehr sicher in Deinem eigenen Garten. Vielleicht bist Du verwirrt. Vielleicht schämst Du Dich.

Und das ist der Grund, warum ich diesen Beitrag geschrieben hab. Um das laut zu sagen, was wir viel zu lange verschwiegen haben.

Um diese dicke Lügenblase, die wir alle unterstützen, platzen zu lassen: Kinder sind in unserer heutigen Gesellschaft permanent Sexualität und sexueller Gewalt ausgesetzt. Punkt. Das Spektrum, der uns umgebenden Sexualität und sexualisierter Gewalt beginnt mit dem Poster einer halbnackten Frau am Bus und endet mit Missbrauch. Und indem wir so tun als wäre das Leben von Kindern beschützt vor dem Sex um sie herum, lassen wir sie alleine und im Stich und erlauben Missbrauch.

Selbst sowas „harmloses“ wie ein entblößter Penis kann zu Problemen für ein Kind führen, wenn es nicht darüber sprechen darf und kann. Weil es nicht um den Penis geht, sondern um Gefühle wie Macht, Scham, Unsicherheit. Da wir aber so tun als wären Kinder nicht von Sex und seinen Konsequenzen umgeben, geben wir ihnen weder die Worte und das Selbstvertrauen, um mit solchen Situationen umzugehen. „Da unten“ ist mehr als „nur etwas unbeholfen“. Es signalisiert eine Sprachlosigkeit. Wir machen damit eine ungute Situation zu einer schlimmen Situation und eine schlimme Situation zu einer Katastrophe. Alles sexuelle wird zu Scham gemacht. Wenn wir eine bessere Zukunft für die Kinder wollen, müssen wir mit unseren alten Gewohnheiten aufräumen.

Und dieser Beitrag ist auch für all die, die auch DAS GEHEIMNIS tragen mussten.

DAS GEHEIMNIS wird mit jedem Tag schwerer und unsagbarer. Aber das wirkliche Geheimnis ist das hier: DAS GEHEIMNIS kommt Dir so übermächtig, so GROß, so unsagbar vor – aber nur bis Du darüber sprichst. Und mit jedem Wort, dass Du dem Geheimnis entreißt, wird es schwächer, jämmerlicher. Ich dachte immer „ich muss sterben vor Scham oder Angst, wenn irgendjemand dieses oder jenes weiß“. Und dann hab ich es jemand gesagt – und die Welt ist nicht untergegangen und ich war immer noch ich. Mit den gleichen Macken und den gleichen Stärken. Niemand hat mich gehasst oder sich vor mir geekelt oder sonstwas. Das sind alles Lügen, die DAS GEHEIMNIS Dir ins Ohr flüstert, um Macht über Dich zu haben. Geheimnisse, Tabus, Schweigen sind die Plätze, an denen das Böse, die Angst wächst und gedeiht. Und deshalb dieser Beitrag mit all (m)seiner Scham. Und mit jedem Wort, sei es uns noch so unangenehm, bringen wir Licht in Dunkelheit.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Guten Abend! 😊

    Dein Blog wurde mir von WordPress empfohlen, vermutlich auf Grund der thematischen Übereinstimmungen bezüglich Politik, HipHop, Gewalt, Missbrauch und der AFD. 😒 –

    Ich habe gleich „Wo wir stehen“, „Islands of Light“ und „Scham“ durchgelesen, dazu den recht alten Beitrag über die Rechtslage zu häuslicher Gewalt in Russland, und direkt geliked- Nun freue ich mich darauf, Weiteres zu erfahren.

    Viele Grüße, VVN 🙂

    Liken

    1. Hey, das ist schön! Da haben wir tatsächlich viele übereinstimmende Interessen (oder wie man das nennt)! Ich hab früher ja echt regelmäßig hier geschrieben. Aber die letzte Bundestagswahl hat mir total den Zahn gezogen. Ich hab mich gefühlt als hätte ich lauter blaue Flecken, das hat mich wirklich sehr mitgenommen. Und plötzlich hatte ich nichts öffentliches mehr zu sagen und meine ganze Kreativität war wie abgeschnitten. Das war ganz unerwartet und heftig. Ich glaub das hat damit zu tun, dass ich in keine feindliche Umwelt schreiben wollte/konnte. Das war ganz interessant, weil ich immer dachte, ich sei sehr autark etc. und es war ganz schockierend (auf gute und schlechte Art) dass ich doch so vernetzt bin mit einer Gesellschaft und Leserschaft, die ja letztendlich anonym und auch irgendwie fiktiv ist für mich. Das war eine ganz krasse Erfahrung, auch dass sich das so konkret auf meine Kreativität ausgewirkt hat. Hätte ich nie gedacht, dass ich so abhängig bin von Hoffnung für die Menschheit, die Gesellschaft und der Idee, dass die Menschen sich weiterentwickelt haben. Aber wegen all dem war hier ewig lang Funkstille. Aber so langsam neigt sich die Waage wieder in die andere Richtung und schreibe und male ich wieder mehr. Mal schauen, wie sich das entwickelt. Es ist immer schön zu wissen, dass das, was man so von sich gibt anderen irgendwas bedeutet oder was gibt. Letztendlich ist ja jede Kreativität immer ein Dialog(sversuch). Also, sehr schön von Dir zu hören!

      Gefällt 1 Person

      1. „Es ist immer schön zu wissen, dass das, was man so von sich gibt anderen irgendwas bedeutet oder was gibt.“

        Auf jeden Fall! Aus mitunter diesem Beweggrund heraus schreiben Herr Carax und ich auch! 😊

        Mh. Und dann wurde unser viertletzter (?) Beitrag von einem AFD-mögenden Menschen geliked. Unsere politische Stellungnahme dazu war unmissverständlich, dabei sollte jeder Person, die unseren Blog besucht, ohnehin klar sein, wo wir stehen- Ach.

        Vielen Dank für deine Antwort! Und hoffentlich auf bald!

        VVN 😊

        Gefällt 1 Person

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