Die kleine Meerjungfrau oder Märchenmund tut Wahrheit kund

Vor ein paar Wochen hab ich „Die kleine Meerjungfrau“ in einer Comicversion für Kinder gesehen. Und das hat mich ganz eigentümlich bewegt und zum Nachdenken gebracht. Einerseits über die Frage, wie eine Version von etwas in das Bewußtsein gerät, das gerade modern ist und von dort aus weiterentwickelt wird und andererseits was für ein erbarmungsloses, klares Gesellschaftsbild hinter diesem „leichten“ Märchen steckt. Ich frage mich, ob die Menschen, für die es geschrieben wurde, das gesehen haben?

Der eine Gedanke ist die Frage, inwieweit etwas Original ist oder bleibt, wenn es nacherzählt wird oder ob eine Nacherzählung automatisch eine eigene, neue Geschichte ist, weil der Nacherzähler eigene Intentionen und einen eigenen Charakter hat. Ob geklonte Versionen überhaupt erlaubt sind. Hat jeder, der eine Geschichte nacherzählt die Verpflichtung zu prüfen, ob er das Original nacherzählt oder eine Nacherzählung eines Originals? Darüber schreibe ich ein anderes Mal. Heute geht es um den zweiten Gedanken und darum die Geschichte zu übersetzen in das, was sie für  das reale Leben aussagt. Und glaubt mir – das ist nicht schön.

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Die kleine Meerjungfrau ist eine merkwürdige Geschichte: Das Meermädle, das für die Chance ihre Liebe zu gewinnen und zu leben, akzeptiert, dass sie ihre Stimme verliert, ihre Stimme, die sie bis dahin definiert hatte, die ihr Talent war. Die bereit ist auszuhalten, dass jeder ihrer Schritte sich anfühlt, als würde sie über zerbrochenes Glas gehen. Und wenn ihre Liebe jemand anderen heiratet, wird nicht nur ihr Herz gebrochen, das ist nicht schlimm genug, nein, sie muss auch ihr Leben hergeben. Am Morgen nach der Hochzeit wird sie nichts anderes als Schaum auf dem Meer sein. Vergangen und vergessen.

Solch eine Bürde, solch eine grausame Bestrafung für das Mädchen, das ihre Natur ändern, ihren Platz auf der Welt aufgeben will für die Chance mit ihrer Liebe zusammen zu sein. Am Anfang ist sie noch voller Hoffnung, dass ihre Liebe selbst ohne Worte spüren und fühlen kann, was sie ihm zu sagen hat. Von Herz zu Herz. Doch schnell merkt sie, dass das alltägliche Leben die Stille verschluckt und verdrängt. Und sie kapituliert. Sie wird seine „gute Schwester“. Von nun an genügt es ihr, wenn sie ihn glücklich machen kann. Brotkrumen vom Tisch. Sie erwartet nichts mehr.

Allein darin steckt natürlich die immer neue alte Geschichte der Liebe – lieben wir die reale Person oder unsere Vorstellung von der Person? Und wieviel sind wir bereit zurück zu stecken, geben wir uns auf, um jemand glücklich zu machen oder zwingen wir das Gegenüber gegen seine Natur zu handeln? Gibt es überhaupt eine Liebe ohne (zumindest temporäre) Gewinner und Verlierer oder ist das eine Utopie?

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Aber was ich wirklich bemerkenswert finde, ist die klare, unverstellte gesellschaftliche Aussage, Warnung, die hinter diesem „Märchen“ steckt: Wenn du deinen natürlichen Platz in der Gesellschaft verlassen willst, dann wirst du dafür bezahlen. Wenn Du mehr willst, als Dir zusteht, musst Du dafür büßen: Sei dir bewußt, dass es ein Spießrutenlauf wird. Die Stimme, die du vorher hattest in deinem sozialen Umfeld, wird nichts mehr gelten. Und wenn du aus dem Schutz der Beziehung hinausgestossen wirst, wirst du sterben.

Eine klare Beschreibung dessen, was in früheren Jahrhunderten drohte, wenn man außerhalb seiner Klasse Beziehungen hatte oder heiraten wollte. Besonders interessant finde ich die Tatsache, dass die Meerjungfrau nicht stirbt, wenn sie ihre Liebe verliert. Nein, sie stirbt am Tag nach der Hochzeit. Was ausschlaggebend ist, ist die offizielle Bindung, nicht die emotionale. Ich denke, das hier auch das Thema Selbstmord mitschwingt und dies Andersen das Bild des „Schaums auf dem Meer“ gegeben hat. Ich könnte mir vorstellen, dass einige Frauen (vielleicht auch Männer) keine Perspektive mehr gesehen haben nach so einer Geschichte – sie hatten wortwörtlich keinen Platz mehr, wo sie hingehen konnten.

So was ist es? Ein romantisches Märchen über die Kraft der Liebe? Oder in Wahrheit eine knallharte Beschreibung dessen, was erlaubt ist und was nicht und eine Warnung, dass der Preis hoch ist, wenn man gegen die „natürlichen“ Regeln verstößt und seinen Platz verlässt?

Höchstwahrscheinlich beides. Was mich überrascht hat, war die Klarheit, die nahezu unverhüllte Beschreibung der gesellschaftlichen Ordnung. Man kann es noch nicht einmal Subtext nennen, so offensichtlich ist es. Komischerweise habe ich, obwohl ich das Märchen kannte, das bisher nie gesehen. Ist das nicht krass? Der Unterschied ist, dass ich diesmal bewußt zugehört habe, anstatt mich berieseln zu lassen. Das hat mir erneut gezeigt, wie vieles an uns vorbei geht, ohne dass wir es sehen oder wahrnehmen. Kann man bewußt sein trainieren? Will ich überhaupt alles wahrnehmen? Schwätz ich hier nur Unsinn?

 

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