Wie ich Spiritualität erfahren habe – in einem Taxi

Ok. Das erste Mal, dass ich verstanden hab, wirklich verstanden hab, was Spiritualität ist, ist noch gar nicht so lange her. Ich bin im Taxi nach Hause gefahren und der Taxifahrer hat mit jemand telefoniert. Auf englisch. Ob er nu dachte, ich versteh nix oder ob es ihm egal war, don’t know, aber er hat auf jeden Fall ungestört und frei gesprochen. Und damit hat er mir zu einem superinteressanten Einblick, zu einem Verständnis verholfen, das mir etwas Angst gemacht und mich gleichzeitig fasziniert hat.

Dreh Dich dreimal um Dich selbst
Soweit ich es mitbekommen hab, hat er mit einer Dame telefoniert, die Beziehungsprobleme hat. Und um die zu lösen oder um eigene Möglichkeiten zu finden, damit umzugehen, hat sie Unterstützung beim Taxifahrer gesucht, der im richtigen Leben wohl sowas wie ein Lebensberater ist. Er hat ihr daher konkrete Tipps gegeben, wie sie sich zu verhalten hat: Wenn sie ins Bett geht, muss sie hinknien und bestimmte Sachen sagen, sie muss sich Wasser ans Bett stellen, das sie besprochen hat und daraus in bestimmten Abständen, so und soviel Schlucke trinken, sie muss Kerzen in einer bestimmten Form anzünden, um die Dämonen zu bekämpfen und sie muss was auf einen Zettel schreiben, den sie dann verbrennt. Und all so’n Zeug. 

Das klingt alles etwas merkwürdig, aber ist nix anderes, als was Lebensberater überall auf der Welt uns raten (die Wassersache klang hochhomöopathisch). Wenn Ihr in die nächste Buchhandlung geht, findet Ihr das alles schön sortiert in der Ratgeberecke: Wunschbücher, die Dir sagen, schreib Deine Wünsche auf, leg sie unter Dein Kissen oder sonst wohin und das lässt Deine Wünsche wahr werden. Oder die lustige  und allseits beliebte „Wir schreiben die bösen Sachen auf einen Zettel und verbrennen den und das reinigt und befreit uns“- Masche. Und und und. Das ist exakt dasselbe.

Alles miteinander Humbug!
Könnte man sagen. Bis auf zwei große Aber. Das erste Aber ist: Es ist unglaublich einfach, sich über etwas lustig zu machen und unglaublich schwer, etwas ernst zu nehmen. Aber, wenn es hilft, dann scheiß doch drauf, wie lächerlich es klingen mag, wie unbewiesen es ist oder wie andere das nennen. Dann mach es. Nur – und das ist der absolut springende Punkt, der Punkt, an dem etwas von hilfreich zu schädlich wechselt: Sei Dir klar darüber, dass das DU warst. Nicht der Zettel mit Deinem Herzenswunsch, nicht der Priester, nicht der Dr. Professor Soundso und ganz sicher nicht ein Lichtbringer.
Du hast ein Hilfsmittel benutzt. So, wie jemand mit einem gebrochenen Bein eine Krücke nutzt, hast Du für Dein gebrochenes Herz einen Zettel benutzt. Aber: Weder lässt die Krücke Dein Bein wieder zusammen wachsen, noch der Zettel Dein Herz wieder fröhlich sein. Das bist Du ganz allein!

Religion, der ordentliche Glaube
Ok. Das war das erste Aber: Alles hat letztendlich eine Berechtigung, solange jemand daran glaubt. Das zweite Aber ist schon etwas schwerer zu erklären. Als ich da im Taxi saß und dem Fahrer zugehört hab, hab ich das erste Mal emotional verstanden, was Spiritualität ist. Bis dahin dachte ich irgendwie, das ist dasselbe wie religiöser Glaube. Aber eigentlich ist es genau das Gegenteil.

Im Glauben glaubst Du (oho, Madame Superschlau ist wieder unterwegs!), dass eine oder mehrere Personen Macht und/oder einen Plan haben. Du begibst Dich sozusagen in deren Hände. Eigentlich ist das lediglich die Fortsetzung von gesellschaftlichen und politischen Strukturen: So wie jemand glaubt ein Politiker weiß schon, was das Beste ist und wird in seinem Sinne oder zum Wohl aller entscheiden, spricht er einem Gott zu, dass der weiß, warum es so viel Elend und Schmerz auf der Welt gibt und dass er damit einen Plan verfolgt, der für uns nicht erkennbar ist.

Glaube ist also eher passiv. Indem Du „gut“ glaubst (gutgläubig?) und den Regeln folgst, kannst Du Dir Wohl verdienen und wenn Du nicht folgst, wirst Du bestraft. Auch das ist nur die Fortsetzung von politischen, gesellschaftlichen Strukturen. Das ist das, was wir tagtäglich mit Gesetzen machen: Wir befolgen sie, um keinen Ärger zu kriegen oder weil wir sie gutheißen. Oder wir missachten sie und tragen die Konsequenzen. Somit ist religiöser Glaube irgendwie relativ klar gestrickt: Eine klare Managementstruktur, basierend auf dem Belohnungsprinzip und dem Anerkennen von Hierarchie (und wie wir aus unzähligen Tiersendungen wissen, ist das Gewähren/Entziehen von Belohnung der beste Weg andere Wesen zu kontrollieren und dazu zu bringen, das zu tun, was wir wollen).

Spritualität, der geheimnisvolle Garten
Spiritualität, wie ich sie da eines Nachmittags in einem Taxi erfahren habe, ist anders. Geheimnisvoll, wie ein verborgener Garten. Alles um Dich herum kann und wird was bedeuten, wenn Du in der Lage bist es zu erkennen, es bei seinem richtigen Namen zu nennen. Mit einmal konnte ich spüren und wahrnehmen, wie es ist, wenn Du an etwas glaubst, dass Du zwar siehst oder spürst, wie zum Beispiel den Wind, aber nicht nur an seine Funktion und Eigenschaft, sondern an eine andere, weitere Ebene. Wie eine Parallelwelt.

Das war eine unglaublich starke, berührende Erfahrung. Und mir wurde an diesem Beispiel auch wieder klar, warum es, trotz all dem guten Willen, so viele Missverständnisse auf der Welt gibt: Der Taxifahrer und ich leben in einer unterschiedlichen Welt. Das mein ich nicht metaphysisch, sondern ganz real: Eine Krähe ist für mich ein Vogel, für ihn ein Zeichen. Und diese unterschiedliche Welten können nicht und sie sollten auch nicht durch Verständnis überkommen werden. Sie sollten akzeptiert werden. Verständnis und Akzeptanz sind nämlich zwei total unterschiedliche Sachen.

Spiritueller Glaube scheint verzeihend und allumfassend: Wenn Du bis jetzt mit besprochenen Kerzen nicht gefunden hast, was Du suchst, dann versuch einfach was anderes. Letztendlich, was Gutherzigkeit anbelangt, ist Spiritualität viel religiöser als religiöser Glauben, viel christlicher als Christentum: In der Spiritualität gibt es kein Ausgestoßen sein, kein Versagen, keinen Zwang. Es gibt nur Möglichkeiten, Irrtum, erneutes Versuchen: Wenn der Stein Y nicht hilft, das Ritual X wird Dir helfen.

Und das zeigt sowohl die magnetische Anziehungskraft von Spiritualität, als auch den Grund, warum sie nie richtig erfolgreich sein wird: Die Mehrheit der Menschen brauchen klare, simple, gegensätzliche Seiten: Gut und Böse, richtig und falsch. Und sie wollen Grenzen und Regeln. Die Freiheit und die Verantwortung, die Spiritualität letztendlich bietet, erdrückt sie. Sie wollen geleitet werden im Wissen „dass sich schon jemand darum kümmert“ und „sich schon irgendjemand Gedanken macht“ und wollen beileibe nicht die Veantwortung für sich und die Welt um sich herum tragen! 

Somit ist Spiritualität eher was für Freigeister? Oder zum Beispiel für Menschen, die mit der Natur leben. Die um die Abhängigkeit des Menschen von der Welt um ihn herum wissen. Ohne Jahreszeiten, Pflanzen, Tiere, können wir nicht überleben. Daher ist es nicht mehr oder weniger schlüssig zu glauben, dass diese Dinge ein Leben, einen Willen, eine Seele haben, wie an einen halbnackten Mann mit Rauschebart im Himmel.

Endlich zuhause
Warum ich das in der halben Stunde im Taxi so gefühlt hab? Ich glaube, das lag an dem Taxifahrer. Als ich am aussteigen war, dreht er sich zu mir um, berührt mich ganz leicht am Arm, dreht den Beamer auf und sagt: 

„Jetzt bist Du endlich zuhause angekommen“

Und für einen Moment sehe ich die offene Tür, den warmen, einladenden Lichtstrahl. Eine machtvolle Seele hat ihr Auge auf mich gerichtet. Ich spüre seine Wärme und Macht nahezu körperlich, wie einen starken, geheimnisvollen, heilenden Sog. Mit einmal bin ich inmitten des goldnen Scheins und muss mich wehren, nicht mit offenen Armen in ihn hineinzulaufen. Er wendet sich mir nicht mit voller Kraft zu, nur so nebenbei, aus Gewohnheit, um zu schauen, ob ich Angriffspunkte biete.

Doch diesmal wandelt er auf gefährlichen Pfaden. Ich bin die falsche Person für sowas. Geschult und intuitiv, wie er ist, merkt er das augenblicklich. Aber eben eine Millisekunde zu spät. Ich schau ihm zurück in die Augen, gewähre ihm einen kurzen Blick hinter das ruhige, glatte Gesicht. Er zieht seine Hand zurück und es wird dunkel und kalt. Die Abwesenheit von Licht zeigt sich erst mit voller Macht, wenn Du einmal seine Wärme gespürt hast. Er versucht mich aus seinen Gedanken zu verdrängen wie eine lästige, giftige Fliege, mich, den Spiegel, der ein Stück unerwünschte Wahrheit zeigt, anstatt nur seinen Schein zurückzuspiegeln: Ich kenne Deine Absicht – Du täuscht mich nicht. Willst Du wirklich riskieren, Dir die Finger zu verbrennen?

Ich bin schon nicht mehr präsent für ihn. Er hat nicht ein Mal mehr ein „Tschüß“ für mich

3 x Meta:
Offensichtlich meine ich hauptsächlich christlichen (und ein wenig islamischen und jüdischen) Glauben, wenn ich von religiösem Glauben spreche. Der Grund hierfür liegt einzig und allein n meinem Unwissen begründet: Ich weiß zu wenig über andere Religionen). Ich will niemand verletzen, der an eine Religion oder an Spiritualität glaubt. Ich persönlich glaube nicht, aber ich glaube auch nicht daran, dass ein Thema tabu sein sollte. Nicht tabu für’s Denken, Hinterfragen oder Diskutieren. Und dabei geht es nicht um’s Recht haben. Manchmal forme ich zum Beispiel Ideen, Gedanken, Meinungen, die selbst vor mir selbst nur ein paar Monate bestehen. Das ist vollkommen ok. Denn nur so kann man den Denkprozess schärfen. Nur so kann man zu Ideen und Vorstellungen kommen, die dann vielleicht wirklich Bestand haben. Uns voran bringen.

Gedanken müssen frei sein und bleiben. Leider sind freie Gedanken wirklich eine gefährdete Spezies in unserer Zeit

Bezüglich des Taxifahrers: Nicht, dass ich missverstanden werde, weil das, was ich geschrieben hab, so negativ klingen mag: Ich bin mir sicher, dass er ein guter Mensch ist, ohne böse Hintergedanken. Aber – wie jeder, der andere leiten, der für andere sorgen will – sucht er nach Ansatzpunkten, um die Zügel anzulegen. Und da spielt es für mich keinerlei Rolle, ob die Zügel mich zum Himmel oder zur Hölle bringen wollen – ich mag einfach keine Zügel. Deshalb empfinde ich den Versuch der zwischenmenschlichen Manipulation, wie sie tagtäglich milliardenfach geschieht, wie sie gang und gäbe ist, als was negatives. Das, und nicht irgendwelche malevolenten Hintergedanken seinerseits, ist der Grund, warum ich ihn, aus meinem subjektiven Blickwinkel so beschreibe. Wäre ich jemand, der sich nach Führung sehnt, wäre meine Meinung sicherlich eine andere.

Das ganze Thema Glaube hat für mich grad noch einmal eine extra Pirouette gedreht. Ich hab die Tage das Album „Preacher’s son“ von Tut entdeckt und bin ganz hingerissen, zerrissen, verzaubert, versteinert, verzweifelt, errettet, berührt und überhaupt von dem Album. Ich kann es nur jedem absolut empfehlen und sobald ich nicht mehr ganz so berührt davon bin, werde ich wahrscheinlich auch über meine Erfahrungen mit der Scheibe schreiben.

Was sie interessant macht für dieses Thema, ist dass Tut ein Priestersohn ist. Das hat ihn von vorneherein von der Welt getrennt und unterschieden, geprägt und ist auch das Thema der Platte. Daher ist mir das Thema Religion grad akut emotional sehr nah gekommen. Als Beispiel, was ich meine, hier der Text vom Song „Sheba“ von Tut. Ein Song, der mich regelmäßig zu Tränen rührt und mich meilenweit von der Welt entfernt. Dieser und unzählige andere Texte sind auf Genius zu finden.

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