Unser Gehirn ist ein Superheld! Ein Gedanke über Kommunikation

Ok. Ich hab mir vorgenommen, mir in Zukunft nicht mehr alles so zu Herzen zu nehmen. Wobei mit „alles“ natürlich nicht tatsächlich alles gemeint ist, sondern nur die negativen, ärgerlichen, verletzenden Sachen. Das ist einer unserer üblichen Sprachcodes, die wir sekündlich (zumindest ne Quasselstrippe wie ich) verwenden.

Denn so wie ich mit „alles“ nicht alles gemeint hab, habt Ihr natürlich auch nicht „alles“ verstanden. Das bedeutet, unser Gehirn leistet ständig Mehrarbeit, um einen Satz, den wir hören abzutasten: Ist es ein Satz mit oder ohne doppelten Boden, hat er einen Subtext, meint er vielleicht sogar was ganz anderes? Unser Gehirn übersetzt praktisch das, was wir sagen zu dem, was wir sagen und meinen. Und das leistet unser Gehirn, bevor wir noch zu den anderen Teilen von Sprache und Interaktion kommen, wie Körpersprache und das Beurteilen des Gesagten und des Gegenübers aufgrund von Erfahrungswerten auf Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit etc. hin. Wenn man also mal genau hinschaut, ist sowas einfaches, wie Sprechen und Zuhören, also Kommunikation, ein Minenfeld und ein Meisterwerk. Es ist nahezu schwindelerregend, was unser Gehirn alles in Sekundenbruchteilen evaluieren kann. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich die kulturelle, soziologische Bedeutung von Wörtern ja auch noch ständig ändert.

Aber warum ist das so? Warum brauchen wir denn diese ganzen Ebenen, wenn wir miteinander sprechen?  Warum hab ich mich denn nicht direkt konkreter und klarer ausgedrückt und gesagt: Ich hab mir vorgenommen mir in Zukunft Dinge, die mich aufregen und verletzen oder ärgerlich machen, nicht mehr so zu Herzen zu nehmen. Gut, auf der einen Seite, scheint der Satz so viel umständlicher, ohne dass durch die Umständlichkeit ein Mehrwert entstünde. Und auf der anderen Seite kommt es mir redundant vor. Ich frag mich warum ich das so empfinde? Warum kommt es mir doppelt gemoppelt vor, wenn ich in Worten erkläre, dass es nur um negative Sachen geht? Und da kommen wir an den Punkt, der tatsächlich die Erklärung für dieses komische Sprachverhalten ist. In Wahrheit ist es tatsächlich redundant, denn in meinem Satz hab ich sehr wohl zu verstehen gegeben, dass es nicht um „alles“ geht, sondern um negative Dinge. Nicht mit Worten, aber per Subtext. Denn in unserem sozialen Gesellschaftskontext ist es klar, dass wir nach Glück streben und dass uns Zorn oder Rumgenerve stresst. Keiner aus unserem Gesellschaftskontext würde bei klarem Verstand annehmen, dass jemand sich was schönes nicht zu Herzen nehmen will. Und darum heißt „alles“ in Wahrheit „alles, was mich stresst, ärgert oder verletzt“. Und hätte ich das extra nochmal ausgesprochen, wäre es tatsächlich redundant.

Das heißt mein Satz hat neben der wortwörtlichen Bedeutung auch noch eine gesellschaftliche, soziologische Bedeutung. Und warum brauchen wir das? Wäre es nicht viel besser, wir würden auch tatsächlich sagen, was wir meinen? Jein. Der Subtext ist ein Teil unserer Identität in einer Gemeinschaft. Und die ist wichtig. Selbst, wenn man anders ist als die Gemeinschaft, die Gesellschaft, braucht man die Gesellschaft, um anders sein zu können als sie. Jeder braucht was, wo er hingehört, wo sein Platz ist. Das können ganz unterschiedliche Plätze sein: Für manche ist rumreisen in der Welt das, was ihr Platz ist, andere bleiben ihr Leben lang an einem Fleck. Ich zum Beispiel mag es total gern, in den Läden, wo ich wohne und einkaufe, bekannt zu sein. Ich finde es schön, wenn man morgens an der U-Bahn immer die selben zerknautschten Gesichter sieht. Das alles ist Gemeinsamkeit, miteinander und gibt uns einen Platz, wo wir hingehören.


Das mit dem Subtext ist unkritisch, solange wir alle das selbe Wörterbuch haben. Aber wenn jetzt jemand aus einem anderen gesellschaftlichen Hintergrund den Satz liest, versteht er vielleicht was ganz anderes. Sobald wir aus einem unterschiedlichen sozialem, gesellschaftlichen Kulturfeld kommen, wird es daher oft hochkompliziert und frustrierend. Um das an meinem Beispiel deutlich zu machen:

• In einer Gesellschaft, in der Glück das oberste Ziel ist und somit Negatives unwillkommen ist, hieße: Ich will mir nicht alles so zu Herzen nehmen“ = Ich will das, was mir negative Gefühle macht, nicht mehr so ernst nehmen.

• In einer Gesellschaft, in der Balance zwischen negativ und positiv das oberste Ziel ist und somit Negatives und Positives willkommen ist, hieße: „Ich will mir nicht alles so zu Herzen nehmen “ = Ich will mir nicht alles so zu Herzen nehmen.

• In einer Gesellschaft, in der Neurralitat  das oberste Ziel ist und somit Negatives und Positives unwillkommen sind, hieße: „Ich will mir nicht alles so zu Herzen nehmen“ = Ich will mir nichts so zu Herzen nehmen.

So kann man das noch endlos weiter spielen. In einer Zeit wie der unsrigen, in der Gesellschaften zerfasern und es kaum noch einen festen Kulturkreis gibt, ist es daher nur normal, dass wir uns auch immer mehr missverstehen. Viele Menschen fühlen sich heutzutage in der Defensive. Identitäten gehen verloren, Gemeinschaftlichkeit als Gesellschaft findet kaum noch statt und der Druck auf uns von überall ist riesengroß geworden. Wir fühlen uns unverstanden und tatsächlich ist das auch oft der Fall. Daher ist es umso wichtiger, sich bewußt zu sein, dass wir oft eben nicht die gleiche Sprache sprechen, obwohl wir in der gleichen Sprache sprechen. Es ist wichtig, Verständnis zu haben und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Anstatt anzunehmen, was das Gegenüber denkt, fühlt und meint, ist es viel besser einfach nachzufragen. Dadurch lösen sich ganz viele Situationen, die verfahren oder negativ sind, ganz einfach auf. Und allem voran: Es ist wichtig, sich Mühe zu geben. Das ist etwas, was wir verloren haben und was wir wieder finden müssen, wenn wir eine Besserung der jetzigen politischen Situation wollen. Und wie immer ist es total faszinierend zu sehen, welche ungeheure Leistung unser Gehirn vollbringt. Und meistens ganz ohne dass wir das überhaupt bewußt mitkriegen. Ein/e echte/r Superheld/in!

Wie ich gesagt hab: I fucking love my brain!!!

Sag Deine Meinung (Name/E-Mail sind freiwillig)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s