Ok. Wappnet Euch, hier kommt einer meiner ellenlangen, leidenschaftlichen Monologe auf der Seifenkiste. Also, los gehts! Letzte Woche hab ich was ganz schönes gesehen: Menschen, die sich im Freien aufgehalten haben. Einfach so! Zusammen. Nee, die sind nicht von A nach B gelaufen, die sind einfach draußen gewesen und haben da draußen was gemacht. Ich weiß, total irre!!!

Bereits am Tag vorher ist mir, als ich eine Bande Kiddies über ein Bauloch hüpfend gesehen hab, mit einmal aufgefallen, dass dies das erste Mal dieses Jahr ist, dass ich Kinder draußen hab rumlungern sehen. Das war eine ganz krasse Erkenntnis und hat mich ziemlich umgehauen. Natürlich hab ich dieses Jahr schon Kinder draußen gesehen, aber entweder beim überwachten Spielplatzspaß oder beim Ausflug mit der Schulklasse oder so. Aber einfach so, dass Kinder rausgehen, unter sich sind, ohne festgezurrten Stundenplan und Unsinn anstellen, das hab ich dieses Jahr noch nicht gesehen. Dabei ist das was, das Kinder täglich machen sollten, mindestens 2 Stunden oder so.

Achtung, hier kommt nu der verklärte Blick zurück ins Früher-war-alles-besser-Land: Zum Glück bin ich in einer Zeit aufgewachsen, als es normal war nach den Schulaufgaben rauszugehen – einfach weil es zu Hause sterbenslangweilig war – so wie es sein sollte. Wir haben in Tiefgaragen Häuser gebaut aus leeren Plastiktüten, die wir mit Sand von ner Baustelle gefüllt haben, um damit den Umriss des Hauses auszulegen. Wir sind in den See im Park gestiefelt, um zu schauen, wie tief der ist. Wir sind berggestiegen an Mauern hoch (pflichtschuldigst bin ich dabei auch einmal in den Neckar gefallen), haben geschaut, wie schnell ein kleiner Stein im Wasser untergeht, wie schnell eine Feder im Wasser untergeht (das blöde Ding hat sich nicht bewegt, bis ich den genialsten Geistesblitz aller Zeiten hatte und einen Stein draufgeschmissen hab und sie gesunken ist, wie.., wie.. nu wie ein Stein eben. Das erfüllt mich bis heute mit ungläubigem Staunen, wie wir solche Sachen ganz selbstverständlich gelernt und verstanden haben). Und, Oh Gott, die unzähligen Mutproben: Wer sich getraut die Spinne anzufassen oder den toten Vogel oder bei der alten Nachbarin zu klingeln oder über den Zaun in den unheimlichen, verwilderten Garten zu klettern.

Das klingt vielleicht wie eine Kindheit auf dem Land, ist aber nicht so, ich bin mitten in der Stadt aufgewachsen. Auch da gibt es tolle Abenteuer zu erleben. Aus der heutigen, oft sterilen und risikoscheuen Zeit erscheint das manchen vielleicht alles als sehr gefährlich, aber ist das nicht das Wesen des Lebens, wenn man es lebt? Man lernt aus Erfahrung, was ok ist und was nicht und dadurch wird man besser, das Leben wird ein wenig sicherer, wir fassen Mut und wachsen daran? Ich würde keine sonnenverbrannte, barfüßig durch die Strassen gerannte Stunde missen wollen, selbst wenn der Sonnenbrand manchmal weh tat und ich ab und zu in eine Scherbe getreten bin.

Ok, zurück zu den sich im Freien aufhaltenden Menschen: Bei mir um die Ecke ist ein ziemlich armseliger, trauriger Spielplatz. Neben einer Rutsche und einem Stahlkarusell, hat er auch einen Alibibasketballkorb und eine Art von Kinder-Fußballtoren. Der Platz, zum Fußballspielen ist ein Rasen, der an einigen Stellen noch grün ist, aber zu 60 Prozent einfach aus (matschiger) Erde besteht. Aber immerhin, der Spielplatz ist da. Er ist nicht wahnsinnig viel frequentiert, aber ab und an wagen sich ein paar mutige Menschen vor und benutzen ihn. Man bekommt dann fast den Eindruck, dass der Spielplatz dann bissle beleidigt und pikiert ist und denkt, wer nur ein bisschen Fingerspitzengefühl hat, müsste ja merken, dass er nicht zum Spielen und Benutzen da ist, sondern nur auf dem Plan eingezeichnet wurde, damit man behaupten kann, man hat auch was für die Kinder und Gesellschaft geplant und sogar getan. Der Spielplatz erinnert mich immer an Bäckereiverkäufersleute, die einem sobald man den Laden betritt, das Gefühl vermitteln, man sollte sich jetzt aber wirklich schlecht fühlen, dass man sie bei der Arbeit stört und was kaufen will! Wenn sie könnten, würden sie einem in’s Gesicht springen, da sie’s aber nicht können, sind sie grad so unfreundlich, wie sie sich noch trauen und zeigen den Rest des Abscheus und der Verachtung mit Blicken und Körpersprache (das ist natürlich nicht begrenzt auf Bäckereien, das gibt es überall im Einzelhandel, aber es fühlt sich so an, als erlebe man das beim Bäcker häufiger als anderswo). Ätzend!

Neulich lauf ich also wie gesagt (bereits mehrfach, ich weiß) an diesem Alibispielplatz vorbei und seh drei erwachsene Männer darauf rum stehen und warten, während ein weiterer sich den Schuh zu bindet. Ich wusste erstmal gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Man sieht nicht einfach Leute draußen! Durch die Heuschrecken (Medien) aufgescheucht, wie wir es alle sind, kamen mir natürlich allerlei mißtrauische Gedanken ins Hirn gesprungen. Während ich tapfer dagegen ankämpf und weiter marschiere, höre ich dann vom Spielplatz plötzliches lautes Lachen, Anfeuerungsrufe auf italienisch und etwas, das nach viel Spaß klang. Aha! War also mein Misstrauen sehr wohl begründet! Wusste ich es doch! Die hatten also sehr wohl vor einfach so Spaß zu haben! Unglaublich! Ok, also hab ich nochmal einen Blick riskiert und vier erwachsene Männer gesehen, die zusammen auf dem Spielplatz gekickt haben, 2 gegen 2. Und das war so toll und so schön, dass ich am liebsten hingegangen wär und sie alle zusammen umarmt hätte!

Und durch dieses Erlebnis ist mir bewußt geworden, dass ich seit Jahren in meiner Gegend nichts anderes als Verkehrslärm und ab und zu mal einen Hund bellen gehört hab. Obwohl da Unmengen von Menschen wohnen, hört man nix von denen. Irgendwie traurig. Vielleicht ist mir das alles auch so bewußt aufgefallen, weil ich seit Tagen darüber nachdenke, dass wir unsere Umwelt wieder zurückerobern müssen. Wir MÜSSEN. Sonst geht sie uns verloren. Viele beschweren sich darüber, dass man nicht mehr rausgehen kann, dass es gefährlich ist, dass so viel Gewalt passiert und Kriminelle sich in Parks etc. aufhalten und blablabla. Aber: Wir, die (halbwegs) normalen Menschen, die niemand was böses wollen, sind doch so viele mehr als alle anderen! Wir sind Milliarden, das sind nur paar lächerliche Tausende. Das ist doch lachhaft, in echt haben die doch überhaupt gar keine Chance gegen uns! Wenn wir mal zusammenhalten würden. Tun wir aber nicht. Dann können wir uns aber auch nicht beschweren. Denn wir sind es, die unsere Umwelt aufgeben.



Warum sitzen wir – ich auch – in unseren Höhlen, schön abgekapselt voneinander? Wenn wir doch auch manchmal draußen sitzen und Menschen betrachten und treffen könnten. Oder Fußball miteinander spielen könnten. Über der Hektik des Alltags, vergisst man das aber einfach auch so schnell. Unser Alltag inklusive der Freizeit ist rein auf funktionieren ausgerichtet und ich glaube, das ist die Crux. Man vergisst, wieviel Spaß es macht neue Leute kennen zu lernen, ein bissle zu schwätzen, zu lachen und eine Gemeinschaft zu sein. Ohne groß was organisieren zu müssen. Man muss nicht ins Kino gehen, in der Volkshochschule kochen oder Chinesisch lernen. Man kann auch einfach mal in den Park nebenan in die Sonne sitzen oder die Nachbarn einladen dahin mitzukommen und ein Picknick zu machen. Wenn wir aber unsere Umwelt aufgeben, wird sie verkommen.

Wir sind abends oft müde und gestresst und nachdem wir im Geschäft oder sonstigem Alltag schon den ganzen Tag mit Menschen zusammen sein mussten, die wir uns nicht ausgesucht haben, wollen wir nachmittags und abends Ruhe und niemanden mehr sehen. Mir geht es zumindest so. Aber rausgehen und andere treffen muss nicht zwangsweise Energie ziehen. Fragt Euch mal: Wann zieht uns was Energie? Oft ist das, wenn wir – selbst in unserer freien Zeit – was leisten müssen, wenn von uns was erwartet wird, wenn wir wer sein müssen, anstatt einfach nur zu sein. Eine der schönsten Zeiten in meinem Leben hatte ich, als ich mich 2 Jahre lang mit Bekannten und Freunden nach der Arbeit immer zwanglos in einem Kaffee eines Bekannten getroffen hab. Weil es keine Verpflichtung war. Wir haben das nicht ausgemacht. Das war einfach ein Anlaufpunkt. Wer Lust und Laune hatte, ist kurz auf einen Kaffee reingekommen. Das war auch deshalb toll, weil es ein schöner Puffer zwischen Arbeit und Zuhause war und somit der Stress und Frust wirklich bei der Arbeit blieb. Ich hab mich so frei gefühlt damals. Befreit. Leider bin ich dann umgezogen und hab sowas bisher nicht wieder gefunden.

Diese neutralen, zwanglosen, gemeinschaftlichen Anlaufstellen, Treffpunkte gibt es immer weniger. Früher war das das Wirtshaus, der Marktplatz, das Cafe, der Gartenzaun, der Verein. Alles Dinge, die so maximal noch in ländlichen Gegenden existieren. Aber was ist mit uns (Groß)Stadtgören? Wir alle können sowas jederzeit selbst auf die Beine stellen. Wo immer wir sind. Es muss nur mal einer den Anfang machen. Und dann müssen andere nicht wegschauen, sondern mitmachen. Denn den anderen geht es genau so wie uns auch: Jeder fühlt sich gut, wenn er geschätzt wird. Wenn man also jemanden schätzt, dann schätzt derjenige das zurück und ruckizucki hat man einen Ort, an dem sich Menschen geschätzt fühlen. Nur, weil mal einer den Anfang gemacht hat und ein anderer reagiert hat.

Zum Beispiel kann man sich einfach mal das Ipad schnappen und draußen auf eine Bank oder ins Gras sitzen und dort zocken, schreiben oder lesen, anstatt auf dem Sofa. Oder sich mit ner Tasse Tee auf’s Mäuerle vorm Haus hocken. Und wenn es einer macht, macht es auch bald der nächste. Oder man kann, wenn jemand auf einer Bank sitzt, einfach mal dazusitzen und fragen, wie es so geht. Oder nur sagen: „Oh, wie schön das in der Sonne ist“ und dann zusammen schweigen und die Nase in die Sonne halten. Oder man kann, wenn man die Möglichkeit hat oder mit dem Hausbesitzer spricht, eine Bank vor’s Haus bauen und es sich da im Sommer abends gemütlich machen.

Wir geben so viel mehr als nur Zeit draußen auf, wenn wir alle nur noch für uns in unseren Höhlen, hinter verschlossenen Türen und nebeneinanderher leben. Wir geben unsere Umwelt und unsere Gemeinschaft auf. Und der Preis dafür ist viel höher, als wir es auch nur erahnen können. Also, Mitinhaber der Außenwelt: Nehmt die Welt wieder in Besitz. Sie gehört uns allen. Und wenn wir sie aufgeben, schnappt sie sich vielleicht jemand anders, ohne, dass wir das mitkriegen oder später wieder rückgängig machen können.

Ich mach das ab jetzt auch bewußter. Versprochen. Wisst Ihr was, ich fang gleich damit an, hab ich grad beschlossen. Ich krabbel wieder von meiner Seifenkiste runter und anstatt auf dem Balkon alleine vor mich hin zu sitzen, geh ich nu die 50m zum Alibispielplatz mit meiner Kaffeethermostasse und meinem Zeichenblock unterm Arm und hock mich da hin. Bis denne!

Die Natur erobert sich die Umwelt zurück! Das einzig Bunte meilenweit? Diese Blumen…