Der Unterschied

Ok. Ich schreibe meiner Mutter: „Mein Vater ist tot“. Sie antwortet, dass sie glücklicherweise „seit damals“ nie mehr was von ihm gehört hat.

Kein Wort, dass das ja schließlich trotz allem mein Vater ist, der gestorben ist. Mein Vater, der mich „Kikakäfer“ genannt hat. Das ist persönlicher und realer als alles, was meine Mutter in meinem ganzen Leben zu mir gesagt hat. Selbst, wenn ich ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe, macht sein Tod natürlich was mit mir.

Kein Wort, dass sie schließlich mal mit ihm verheiratet war. Dass sie zusammen ein Kind in diese Welt gebracht haben. Immer nur sie, sie sie. Eis. Ich denke, dass sie mich schon irgendwie liebt. Vielleicht? So gut wie sie es eben kann? Aber ganz sicher bin ich mir nicht.

Im Gegensatz dazu wusste ich immer, dass mein Vater mich liebt. Er stand sich selbst im Weg und ich war so unverständlich und fremd für ihn wie ein Mondstein. Er hat furchtbare Dinge getan und war mir nie ein Vater, in keinerlei Hinsicht. Aber ich wusste immer, dass das mit ihm zu tun hat, nicht mit mir. Dass, wenn er mich besser hätte lieben können, er das getan hätte.

Im Gegensatz dazu macht meine Mutter alles, was ihr möglich ist, um mich, sich und jeden glauben zu machen, dass ich das Problem bin. Oder der. Oder die. Oder das. Alle und alles, nur nicht sie. Ich weiß schon immer, dass, wenn meine Mutter ein kleines Bröckchen Liebe für mich finden würde, sie alles daran setzen würde das umzualchemisieren in etwas, das sie für sich nutzen kann. Dass, wenn sie mich besser lieben könnte, es trotzdem nicht tun würde.

Mein Vater war Gift für alle. Am meisten für sich selber. Er war so tief gescheitert und zerbrochen. So unfähig sich verständlich zu machen. Dieses Scheitern, das er nicht loswerden konnte, das wie ein schlechter Geruch immer in seiner Nase war, fraß alles in ihm auf und war dann immer noch so hungrig, dass es auch außerhalb von ihm alles verschlang. Diese Gebrochenheit hat alles und alle um ihn herum verbrannt und mitgebrochen. Diese Enttäuschung. Dass er nie sein konnte, was er fühlte zu sein. Und so nie halten konnte, was er vorgab zu sein.

Dabei war es nicht so, dass es ihm dabei jemals um die anderen ging. Er hat nie jemandem weh getan, um jemandem weh zu tun. Die Zerstörung anderer war immer nur ein Nebenprodukt seiner eigenen Zerstörung.

Das ist der Unterschied, denke ich.

Kleiner Junge in kurzen Hosen. Vielleicht war das die eine Zeit, in der er sich noch eins mit sich selber gefühlt hat. Ich hoffe, dass er nun entkommen ist.

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