Die Zecke

„Verdammte Scheiße“
Die blöden Gören von der Transuse gegenüber machten wieder unglaublichen Lärm. Mit ihrem „Tatütata“ und „Piratenadmiral Connor ruft die sieben Meere“ hatten sie ihn aus einem verschwitzten Alptraum geweckt. Mit verhangenem Blick stolperte er in die Küche und durchsuchte die Schubladen nach Schmerzmitteln. Dabei fegte er ein Glas vom Tisch. Zum Glück zerbrach es nicht, sondern kullerte nur nutzlos unter die Spüle. „Ich muss nachher dran denken, das Scheißding da wieder vorzukramen“ dachte er verschwommen. Aber schon bevor er noch die Schmerzmittel geschluckt hatte, war das Glas wieder vergessen. Es blieb dort 21 Jahre, 3 Tage, 16 Stunden und einige Sekunden liegen und war dann ein wichtiges Beweisstück in einem Ehestreit, der in ein millionenschweres Gerichtsverfahren mündete und eine Gesetzesänderung brachte, die AIs endlich auch im rechtlichem Sinn als Ehepartner anerkannte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Einen Toilettengang, drei Kaffee, vier Zigaretten und ein halbes Rosinenbrötchen später konnte er es nicht länger hinauszögern. Er musste sich an die Arbeit machen. Seine Auftraggeber hatten ihm schon wieder ein Ultimatum gestellt. „Die Arschlöcher. Möchte mal sehen, wie die immer mit neuen Ideen um die Ecke kommen, wie man Leute abmurksen kann!“ Am liebsten hätte er den ganzen Scheiß hingeschmissen. Ein regelmäßiger Job, eine feste Beziehung. Ja, das wäre es. Saubere, ehrliche Arbeit, Gemeinsamkeit, statt versumpfter Nächte in diesigen Kneipen und verzweifelte One-Night-Stands, die nach Vergessen und Versagen schmeckten. „Oh, das ist gut, das muss ich aufschreiben.“

Während er den Satz zufrieden aufschrieb, hasste er sich gleichzeitig dafür, dass er sein eigenes Elend wie eine Mine ausbeutete. Wie ein Junkie, alles tun für den nächsten Schuss. „Hier, haste meine Seele, meinen Schmerz, meine Peinlichkeit, was gibst Du mir dafür? ‚N Tausender? Scheiße, dann kann ich’s ja gleich wegschmeißen, das ist viel zu billig…..Na gut, gib her. Aber nur diesmal, weil ich’s dringend brauch. Glaub nicht, dass es jetzt immer so billig ist“. Regelmäßiger Job. Guter Witz. Er wusste, das war eine Illusion. Sein Zug war lang abgefahren und er wartete nur noch, bis die Bahnhofskneipe schloß. Sein einziges Ziel: So wenig wie möglich mitzukriegen oder zu fühlen.

Auf der Straße sonnte sich eine weißbraune Katze. Ein Auge zu, das andere offen tat sie so, als könne sie kein Wässerchen trüben. Aber der Schwanz, der ärgerlich den Boden peitschte, wie eine angreifende, fauchende Schlange, verriet, dass sie auf der Lauer lag. Er kratzte sich an der Nase und füllte ein Weinglas mit Schnaps. Bevor er den ersten Schluck nahm, schmeckte er bereits den scharfen, vernichtenden Geschmack auf seinen Lippen. Er schaute auf die Uhr. Neun Uhr neunundzwanzig. Wenn er jetzt nicht die Kurve kriegen und loslegen würde, wäre er verloren. Er hatte seine letztes Kleingeld heute nacht für Kippen und Schnaps ausgegeben. Hatte nicht mal mehr genug Geld für Benzin (den Nachbarn erzählte er: „wir alle müssen unser Scherflein für die Umwelt beitragen. Das Auto ab und an mal stehen zu lassen, ist gut für die Umwelt – und meinen Bauchspeck, haha“). Umwelt am Arsch. Er war sich nicht sicher, ob sie ihm das abnahmen, aber letztendlich war es ja auch egal. Was zählte war nur das Theater. Wichtig war nur die Fassade aufrecht zu erhalten, so dass beide Seite so tun konnten, als ob sie an das glaubten, was gesagt wurde.

Er war müde. Versuchte sich dran zu erinnern, wie viele er schon abgemurkst hatte im Laufe seiner Karriere. Abmurksen, so nannte er das. Todespläne waren seine Spezialität. Dafür war er bekannt. Manchmal wurde er extra eingekauft, nur um eine plausible Todesart, ein gutes Alibi beizusteuern, während die restliche Arbeit von anderen erledigt wurde. Er versuchte nachzudenken, auszurechnen, wieviele Tote auf seinem Mist gewachsen waren, aber die Zahlen, Namen und Geschichten verschwammen in seinem Gehirn. Das drang zu ihm durch.

Als würde er im Treibsand waten, kämpfte er darum, die Erinnerungen in den Griff zu bekommen. Er versuchte sie nach Todesart zu gruppieren, um so wieder der Herr seiner Erinnerungen zu werden. Da waren die, die durch einen Unfall gestorben waren, die, die Selbstmord begangen hatten und die, die Opfer von Tätern wurden. Krankheiten hatte er noch nie benutzt. Das blöde mit denen war, dass die wenigsten schnell zum Tod führten. Du müsstest schon eine blödsinnige Geschichte erfinden von tropischen Tieren, die in Bananenkisten anreisten und das glaubt Dir ja kein Mensch. Er fühlte, wie ein häßliches, gemeines Grinsen sich in seinem Gesicht breitmachte. Oh Mann! Obwohl, die Deppen glaubten einem ja eh nahezu alles. Eine Zeitlang hatte er Spaß daran allein in Cafés zu gehen und offensichtlich „verzweifelt“ zu sein. Irgendeiner sprach ihn immer an. Am liebsten waren ihm Frauen mit Helfersyndrom. Die waren wirklich zu allem bereit, wenn man sie im Glauben ließ, sie könnten eine arme Seele retten. Ab und zu gabelte er so auch andere verzweifelte Seelen auf, die ihm ihre Geschichte anvertrauten. Idioten. Zwischendurch ging er auf Toilette, um das Erzählte in Steno festzuhalten. Und kaum war er zuhause schrieb er all ihr Elend auf, um es für seine Zwecke zu benutzen und zu verwursten. Wie ein Aasgeier.

Ich bin ein Aasgeier, dachte er. Dann sagte er es. „Ich bin ein Aasgeier“. Lauter. „Aasgeier. Ein Aasgeier bin ich“. Dann sang er es: „Ein Aaaas-geier, ich bin ein Aaaaas-geier.“ Dann knallte links eine Tür und er schreckte auf. Nahm drei schnelle Schlücke Schnaps. Aasgeier. Er hörte eine Stimme in seinem Kopf: „Ich leb von andrer Leute Emotionen und Erlebnissen, wie eine Zecke.“ Oh, ja, das war sogar noch besser als Aasgeier „Ich bin eine Zecke“. Kaum sichtbar für andere, saugte er sie aus, ernährte sich von ihnen. „Zecke“ diesmal flüsterte er es. Das bereitete ihm Vergnügen.

Ok. Also gut, was hatten wir? Womit konnte er arbeiten: Alleinstehende Frau, Anfang vierzig, berufstätig, keine Haustiere, kein Auto. Also fiel Tollwut und Autounfall erstmal weg. Haha. Ah, sie hatte eine Affäre mit ihrem Chef. Somit könnten wir problemlos auf Selbstmord oder Mord gehen. Die Leute glaubten eh, was sie glauben wollten (wo hatte er das denn bereits gedacht heute? Ah, ja, mit den Nachbarn). Gib denen ein möglichen Ausweg, eine mögliche Erklärung und sie rannten Dir die Bude ein, um den größten Scheiß zu glauben. In Wahrheit ging es nicht um die Wahrheit. Die wollten keine Wahrheit, die wollten hübsche Lügen glauben. Die nahmen jede Lüge lieber als die Wahrheit, so lange die Lüge nur nen leckeren Schokoüberzug hatte. Für einen Moment fühlte er sowas wie was echtes. Wie sich selbst. Panisch griff er wieder nach der Schnapsflasche. Nahm einen Schluck, fühlte wie ihm heiß wurde und ihm der Schweiß langsam die Achsel runterrollte. Er schaute die Tabletten an. Die schauten zurück. Unbewegt. Nach kurzem inneren Kampf nahm er die restlichen Tabletten. Eigentlich war das seine Nachmittagsration. Aber die musste er jetzt opfern. Er konnte es nicht riskieren was zu fühlen. Er hatte das schon erlebt: Wenn einmal das Echte einbrach, führte das nur in eine Abwärtsspirale von Erkenntnis, Frust und Schmerz. Er wollte nix sehen. Und er musste einfach den nächsten Auftrag fertig kriegen. Während er die 3 Tabletten runterschluckte, beruhigte sich sein rasender Puls langsam wieder. Für ihn gab es kein zurück mehr.


Er dachte: „Also gut. Wir machen das mit der eifersüchtigen Ehefrau des Chefs. Die verfolgt die Zielperson angetrunken im Auto, verliert dann die Kontrolle, rast in den Wagen der Zielperson und beide sterben an den Folgen des Unfalls. Wenn der Täter gleich mit stirbt, sind auch alle lästigen Folgeaktionen wie Verhaftung, Gericht, Gefängnis etc. gleich abgehakt. Eine saubere, in sich abgeschlossene Sache. Nicht groß künstlerisch, aber was soll’s. Wer interessiert sich schon für Kunst. Bullshit. Er hievte sich aus dem Stuhl, ging zu seinem großen, grauen Aktenschrank aus Metall und besseren Zeiten und öffnete den Schieber A für Autounfall. „Ah, da haben wir’s „Autounfall Komma tödlich“. Der USB-Stick lag kühl, glatt und ruhig in seiner Hand. Mit seiner Hilfe schaffte er es, den ganzen Ablauf des „Unfalls“ tatsächlich bis zum Nachmittag aufzuschreiben.

Die Schnapsflasche war inzwischen leer. Wütend starrte er sie an. Wollte sie an die Wand werfen. Stellte sie wieder hin. Nutzlos.

Tja, heute blieb ihm nichts anderes, als das Verfasste selbst zu seinen Auftraggebern zu bringen, damit sie ihn direkt bar ausbezahlten. Zumindest einen Vorschuss rausrückten. Er schlurfte zum Kleiderschrank und zog sich an. Setzte trotz der Wärme draußen einen Hut auf, so dass er seine blutunterlaufenen Augen verstecken konnte. Den USB-Stick steckte er in eine verborgene, eingenähte Tasche seiner Jacke. Bevor er zur Tür rausging, schaute er dreimal nach, ob er auch tatsächlich den richtigen Stick dabei hatte. Dann ging er noch 2 mal zurück. Nur um sicher zu sein. Er konnte sich auf sein vernebeltes Gedächtnis nicht mehr verlassen und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht sich selbst zu kontrollieren. Manchmal war er sich einfach nicht mehr sicher, ob Dinge wirklich passiert waren, ob er sie nur vorhatte sie zu tun und sie sozusagen nur vorhergedacht hatte oder ob er sie sich nur ausgedacht hatte. Als er grad die Treppe zum zweiten Mal runterlief, kam ihm eine der Nachbarinnen mit den spitzigen Augen entgegen.


Was nun begann war ein Pas de Deux, ein Scheinfechtkampf: Jeder wusste, welche Rolle er zu spielen hatte. Frau Spitzauge versuchte ihm was zu entlocken, ihn zum Entgleisen zu bringen, während er die Angriffe parierte und eventuell sogar zum Gegenangriff überging.“Ah, der Herr Ohnegfühl. Sind Sie auch unterwegs?“ Blödsinnige Frage! Die Neugier lief ihr wie Speichel aus dem Mund, ihre kleinen, spitzen Augen huschten hin und her, um alles an seiner Gestalt aufzunehmen, jedes Krümelchen, jeder Hauch Parfum, um es später genussvoll mit den anderen Nixgönnern zu sezieren und in den Dreck zu ziehen. „Ja, Grüß Sie Frau Envi. Ja, bei dem Wetter, gell!“ Das war der Einsatz für pflichtbewußtes leeres Lachen von beiden Seiten und keiner der beiden enttäuschte. „Viel zu schön, um drin zu sitzen oder im Auto durch die Gegend zu fahren.“ Ein unvorhergesehener Überraschungsangriff, der Frau Spitzauge kurz aus dem Gleichgewicht brachte. Aber sie war ein alter Hase in dem Geschäft. Ein Schwergewicht. Er sah beinah die Räder in ihrem Hirn rattern, als sie versuchte einen genialen nächsten Zug zu finden.

„Herr Ohnegfühl, hören Sie, Sie müssen mir einfach erzählen, was mit der Meyerschen passiert. Fliegt die Affäre mit dem Chef auf? Machen die Schluß? Und was macht die Frau vom Chef? Dreht die durch? Ich kanns nicht mehr abwarten. Ich hab grad schon zur Bäckersfrau gesagt, ich werd noch narrisch mit der Warterei bis zur nächsten Folge am Freitag. Sie schreiben doch noch für „Rote Rosen, blauer Himmel“, oder?“ Geschickter Schachzug. Also fragten die Nixgönner sich grad, ob er überhaupt noch Arbeit fand. Er schaute auf die Uhr – Mist, er hatte keine Zeit mehr, muste den Kampf abbrechen: „Na gut, weil Sie’s sind, Frau Envi. Aber schwören Sie’s mir, dass sie’s keiner Menschenseele weitersagen: Ihr wächst ein zweiter Kopf und dann wird sie entführt von Aliens.“ Damit drehte er ihr den Rücken zu und sprang die Treppen runter. Plötzlich fühlte er sowas wie … Elan? Hinter sich hörte er nur noch ein entrüstetes „Sowas aber auch! “

Dann ist er auf der Straße. Die Tür fällt hinter ihm in’s Schloß. Während er losgeht, spitzt er versuchsweise die Lippen und beginnt zu pfeifen.


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