„Shit! Oh, NEIN!!!“ Na super, jetzt hab ich mich ausgesperrt. Warum immer mir so’n Scheiß passieren muss! Ich wollte nur schnell eine Kiste mit Altglas vor die Tür stellen, damit ich später dran denke sie mitzunehmen. Und dann fällt hinter mir die Wohnungstür in’s Schloß. Mit dem Schlüssel im Schlüsselloch. Innen. In meiner Wohnung. Während ich hier draußen stehe, halb im Pyjama, ungekämmt und auf sockigen Füßen.

Kein Handy, kein Kleingeld, nix dabei. Ich setze mich auf die oberste Treppenstufe und überlege. Was für Optionen hab ich? Ich kann zu einem Nachbarn gehen und den Schlüsseldienst anrufen. Nu bin ich in meiner natürlichen Form eher ein Noddler. Also hab ich erstmal überlegt, ob ich die Tür wohl irgendwie selbst aufkriegen kann. Das muss doch gehen… im Endeffekt muss ich ja nur den Schlüssel umdrehen…vielleicht, wenn ich einen Draht nehme und ihn durch den Briefkastenschlitz… oder was, wenn ich die Tür aus den Angeln hebe…ok, das mit dem Draht könnte ich vielleicht versuchen. Ich hab einen riesigen Schlüsselbund mit viel Kladderadatsch dran, den müsste man gut zu fassen kriegen. Müsste nur mich irgendwo einhaken und noddeln. Perfekt. Im Geist seh ich mich das schon alles machen und die Tür aufgehen. Schon fühl ich mich besser. Jetzt muss ich nur noch auch außerhalb meines Geistes, in real, Draht auftreiben. Aber das dürfte nicht zu schwer sein, mein Nachbar hat im Keller eine Werkstatt, da werd ich schon was geschicktes finden.

Ich versuche durch den Briefkasten zu linsen, ob ich den Schlüssel sehen kann. Warum genau ich das jetzt mache, weiß ich eigentlich gar nicht. Bringt ja nix. Ich kann aber eh nix sehen. Für einen Moment lehne ich meinen Kopf an die kühle Tür und seufze:“Bitte, liebe, liebe Tür, geh doch auf!“ Aber die Tür öffnete sich nicht wie durch Zauberhand. Ich seufze nochmal. Seufzen tut gut. Als ich gerade aufstehen will, höre ich eine Stimme: „Ich kann Dir helfen.“ Plötzlich geht das Aufstehen ruckizucki. Ich dreh mich zweimal um mich selbst herum, um zu sehen, wer da gesprochen hat. Aber ich bin alleine.

Ich weiß, dass es auch nicht mein Nachbar von gegenüber sein kann, der sich ein Späßchen mit mir erlaubt, weil ich ihn vorher hab gehen hören. Ich trau mich nicht zu fragen, wer da ist. Es ist ja auch zu albern, weil ich ja sehen kann, dass ich ganz alleine bin. Ich frag mich, ob ich halluziniere? Den Verstand verliere? Oder vielleicht ist das ein ausgeklügelter Gag á la „Verstehen Sie Spaß“ und irgendjemand filmt mich? Ich hab ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Versuche mein Haar zu richten. Ertappe mich dabei und muss grinsen. „Hallo?“ Ich sag es leise. Doch im leeren Treppenhaus hallt meine Stimme, als hätte ich es geschrien. Und ich bekomme ein „Hallo!“ zurück. Und nein, es ist kein Echo. Ok. Nu weiß ich zumindest sicher, dass ich mir das nicht eingebildet hab. Es hat tatsächlich jemand gesprochen. „Äh, sorry, wer spricht denn da? Ich hör nur Deine Stimme, seh Dich aber nicht. Oh, ‚tschuldigung wegen dem Du. Ich meine natürlich Sie. Also Sie mit großem S und…“ Ich höre auf zu sprechen, versteht ja eh keiner, was ich da fasele. Antwortet auch keiner.

Weiß nicht genau, was ich jetzt machen soll. Ich schau mich nochmal um, schau das Treppenhaus hinauf und hinunter. Und nochmal hinunter und nochmal hinauf. Aber da ist niemand. Ich versuche es mit „Ok, wenn da wirklich jemand gesprochen hat: Wenn Sie mir helfen können, dann wäre das klasse, denn ich kann grad Hilfe brauchen. Wenn ich mich aber zum Deppen mache und mit nichts rede, dann ist es gut, dann geh ich jetzt los. Hilfe holen. Denn wie gesagt, ich kann Hilfe brauchen.“ Stille. Ich beginne die erste Stufe runterzugehen, schau mich nochmal um. Geh die Stufe wieder hoch, schau unschlüssig in die leeren Ecken um mich herum. Nichts. Ok. Dann halt nicht. Schulterzuckend dreh ich mich um und will losmarschieren. Diesmal in echt. Da hör ich die Stimme wieder. „Ich helf Dir, wenn Du mir auch hilfst.“ So schnell hab ich mich noch nie um mich selbst herumgedreht. Aber wieder seh ich niemand. „Ok, das klingt fair. Aber zuerst möchte ich schon wissen, mit wem ich spreche.“ Ich komm mir mächtig gewitzt vor.

Schweigen. Dann ein leises Klicken. Metallisches Klicken. „Ich bin das. Dein Schlüssel.“ Ok. Nu bin ich mir sicher, irgendjemand verarscht mich. So ein Quatsch! So ein Märchenunfug! Sprechende Schlüssel. „Ok, bitte hören Sie auf mit den Spaß, das ging jetzt lang genug! Wo und wer sind Sie?“ Ich versuche streng zu klingen und schaffe das auch halbwegs. „Wart’s ab, Du wirst es schon noch glauben. Aber erstmal zum Geschäftlichen: Ich schließ Dir auf, wenn Du 2 Punkte erfüllst: 1. Ich will in ein neues Täschchen. Das hier ist schon so abgewetzt und abgenutzt. Außerdem steht mir die Farbe nicht. Und 2. will ich mindestens eine halbe Stunde am Tag offen irgendwo liegen, damit ich sehen kann, was um mich rum passiert. Nein, warte, nicht eine halbe Stunde, eine ganze Stunde. Mir ist so langweilig. Ich fühle mich sehr schlecht behandelt!“ Ich komme mir vor, als wär ich grad in’s Kaninchenloch gefallen. Ich weiß gar nicht, was ich denken, tun soll. „Mach schnell, die anderen wollen nicht, dass ich mit Dir rede, ich hab nicht mehr viel Zeit.“ drängt die Stimme. Komischerweise ist es diese Dringlichkeit, die mich in’s Hier und Jetzt zurückholt. Ich bin nun ein kleines bißchen bereit zu glauben, dass mein Schlüssel mit mir spricht. Oh Mann!!!

Das schwäbisch Praktische in mir übernimmt nun. Wir sind, wer wir sind. Was die Stimme verlangt ist nicht dramatisch, wenn mir das den Schlüsseldienst und die ewige Wartezeit spart, dann ist das ja sozusagen ein Schnäppchen. Gleichzeitig muss ich es aber irgendwie hinkriegen, dass, falls es „Versteckte Kamera“ ist, ich nicht wie der Depp der Nation dasteh, der mit Schlüsseln spricht! Also versuch ich das Lächeln eines Erwachsenen, der einem Kind zuhört, das ihm erzählt, es hat grad den echten Weihnachtsmann im Schlitten vorbeifliegen sehen. Ganz in echt! „Nu gut, wenn Du tatsächlich mein Schlüssel bist und aufschließen kannst, dann kauf ich Dir ein neues Täschchen, in welcher Farbe auch immer und lass Dich jeden Tag eine Stunde lang die Welt sehen.“ Noch ein kleines, halb überhebliches Lächeln, das zeigen soll, dass es zwar so aussehen mag, als rede ich mit Schlüsseln, aber in Wahrheit tu ich nur so, als würde ich das glauben. Ob mir das irgendjemand glaubt? Das alles für eventuell versteckte Kameras, während mir im Hinterkopf der Gedanke vorbeiflitzt, wie paranoid das klingt. Ich komm mir aber vor, wie jemand, der, egal was passiert, nur profitieren kann von der Situation, denn so oder so, meine Tür wird nu ohne weiteres Theater aufgehen. Noch nie hab ich so falsch gelegen.

„Das Täschschen bitte in grün, am liebsten mit was Glitzerigem. Ok, drück jetzt“ höre ich die Stimme noch atemlos und im Stakkato rufen. Ich drücke leicht gegen die Tür. Dann macht es Klick. Es hallt nach im leeren Treppenhaus. Keine lachenden Menschen springen hinter nicht vorhandenen Topfpflanzenverstecken hervor, machen Jazz-Hände und rufen in Tröten blasend „Überraschung!“, während recyceltes Konfetti verkatert auf mich herabrieselt. Wir stehen eine ganze Zeit lang so rum, das Treppenhaus, die nicht vorhandene Überraschungscrew, die Tür und ich: regungslos, erstarrt, in die Stille lauschend. Ich stosse die Tür weiter auf und betrete meine Wohnung. Ich schliesse die Tür von innen, ziehe den Schlüssel ab und geh mit ihm ins Wohnzimmer. Dann sitz ich auf dem Sofa, den Schlüssel vor mir auf dem Tisch.

Erstmal schweige ich. Weiß nicht so genau, was ich sagen soll. Dann: „Keine Sorge, ich halt mich an mein Versprechen. Du kriegst ein neues Täschchen und mehr Unterhaltung.“ Nichts. Ich versuche dann fast 3 Stunden lang den Schlüssel in ein Gespräch zu verwickeln. Schließlich hat er sich doch schon zu erkennen gegeben, was soll denn der Unsinn mit dem Schweigen jetzt noch? Das sag ich ihm auch, aber es kommt nix zurück. Er/Sie/Es sagt mir nicht seinen Namen und beantwortet keine meiner Fragen. Er zuckt nicht mal mit einer Wimper. Dann fällt mir ein, was der Schlüssel gesagt hat:“… die anderen wollen nicht, dass ich mit Dir spreche…“

Die anderen. Die anderen? Die anderen!

Welche anderen? Was für andere? Ich schau mich um in meiner Wohnung. Und fühl wie mit der Erkenntnis das Grauen in mir hochsteigt. Ich fühl mich beobachtet. Ungeschützt. Was noch? Wer noch? Sind Zigaretten lebendig und verspüren Schmerzen, wenn jemand sie anzündet? Sterben sie den Flammentod? Töte ich Essen mit jedem Bissen? Sind alle Menschen Essens-Mörder? Macht mein Schrank Bemerkungen über meine Figur mit meinem Spiegel, wenn ich mich nackt darin betrachte? Und was ist mit der Toilette? Und dem Bett?

Inzwischen ist mein Adrenalinspiegel haushoch, mir ist schlecht, ich muss auf Toilette, aber ich will nicht gehen. Ich erklär meine Gefühle dem Schlüssel und flehe ihn an, mir zu sagen, ob alle Dinge um mich herum lebendig sind und wie lange schon oder ob es nur die Schlüssel sind (damit könnte ich gut leben), Aber er schweigt mich stur an. Und ich kann niemandem von dem Ganzen erzählen, die halten mich ja sofort für bekloppt. Die Last ist schier unerträglich. Mir geht es besser, wenn ich jemandem erzählen kann, dass ich Angst hab. Auch, wenn der andere akut nichts machen kann, hilft es mir einfach, die Last nicht allein zu schultern. Aber das hier, das kann ich doch niemandem anvertrauen!

Das war gestern. Irgendwann in der Nacht hab ich mich überwunden und bin auf Toilette gegangen. Es war gruselig. Ich hab etwas getrunken und ein bissle Brot gegessen, was mir aber fast wieder hochgekommen wäre. Seit ein paar Stunden sitz ich nun auf einem kleinen Fleck auf meinem Sofa. Ich hab mich so klein gemacht wie möglich, Beine angezogen, Arme drumherum gewickelt und mich nicht bewegt. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich kann doch nicht jemandes Gesicht mit Füßen treten und wer weiß, ob ich nicht genau das mach, wenn ich auf dem Boden laufe? Mein Verstand ist schon ganz ausgeleiert vom vielen hin-und herdenken, mein Magen ist ein einziger verknoteter Klumpen, der brennt wie Feuer, Augen und Mundwinkel fühlen sich sandig an und meine Haut ist wund von Tränen und Schneuzen.

Dann wird mir klar, dass es nur einen einzigen Ausweg gibt: Ich muss vergessen. Vergessen, was passiert ist. Irgendwie muss ich irgendwas finden, um diesen letzten Tag auszulöschen. Hypnose vielleicht. Oder Medikamente. Irgendwas. Es muss gehen. Und ich muss mir für die Welt irgendeine Geschichte zurecht legen, warum ich vergessen will. Ja. So mach ich das. Das muss klappen! Nun geht es mir schon etwas besser, ich werde ruhiger, nun, da ich einen Entschluss gefasst habe. Ich merke jetzt, wie müde ich bin. Ich schau mich ein letztes Mal um in meiner Wohnung. In meinem Leben. Es erscheint mir fremd. Es ist fremd. 

Mir wird kurz schwindelig bei dem Gedanken, dass eine einzige Tatsache, ein einziges Wissen, alles verändert hat. Ich war – wir sind – immer so sicher, dass ich alles weiß, kenne, verstehe. Dass das, was ich sehe, das ist, was ich glaube, dass es ist. Ich dachte immer, Wissen kann nie schaden, man muss nur einen Weg finden, damit umzugehen. Aber mit diesem speziellen Wissen, kann ich nicht umgehen. Es geht einfach nicht. Ich denke: „Welche Narren wir doch sind. Kleine Kinder, die denken, sie verstehen das Universum, dabei können sie es noch nicht mal sehen. Nichts ist so, wie es scheint.“ 

Ich fühle mich wie ein waidwundes Tier, alleine im Dschungel. Dann werde ich zu Stahl. Ohne zurückzuschauen, setze ich einen Fuß auf den Boden. Dann den anderen. Ich stehe auf. Nichts passiert. Niemand schreit in Agonie und doch bin ich mir sicher irgendwo Schreie zu hören. Ich schließe meine Ohren. Ich will instinktiv vorsichtig gehen, wie auf rohen Eiern, aber ich zwinge mich fest aufzutreten. Nicht zurückschauen. Das ist Krieg. Es geht um’s Überleben. Die oder ich. Dann mach ich mich auf den Weg, um das Vergessen zu suchen.

Ignorance is bliss