Sie schaute sich um, während sie ihre Karte aus der Tasche zog. Kurz über den Scanner gezogen, grünes Licht, Summen und das Klicken, als der Mechanismus die Tür frei gab. Mit einer schnellen Bewegung schlüpfte sie ins Haus. Sie versuchte ruhig zu atmen. Schließlich konnte das Lesegerät ja nur Karten lesen und keine Gedanken. Von außen sah es so aus, als wäre sie nur eine weitere traurige Gestalt, die ihr Leben mit Arbeit füllt. Die Samstag abends nichts besseres zu tun hatte, als zu arbeiten. In Wahrheit war jedoch alles anders. Vor zwei Monaten hatte sich ihre Welt verändert. Sie hatte einen Schritt getan.

Wie Millionen andere Menschen hatte sie von diesem und jenem geträumt, sich dieser oder jener Illusion hingegeben. Und so lang es bei der Illusion blieb, war alles gut und sicher. Die Idee mag zwar wahnwitzig sein, aber solange Du nur darüber nachdenkst und nix machst, warst Du selbst es noch nicht. Aber vor 2 Monaten hatte sie diese sichere Grenze überschritten. Sie hatte nicht nur über was nachgedacht, sondern hatte damit begonnen es in Realität umzusetzen. Wahrscheinlich hatte sie damit auch die Grenze zwischen normal und verrückt überschritten? Sowas macht man einfach nicht. Aber sie hatte lang und gut darüber nachgedacht. Es war ok. Sollte es damit enden, dass sie etwas verlöre – ihre Arbeit, ihre Titel, ihre Zurechnungsfähigkeit, selbst ihre Freiheit – es war ok. Sie war bereit. Das war der Einsatz. Der Preis dafür eine Antwort zu bekommen. Ja. Sie hatte lang und gut darüber nachgedacht. Sie als erste würde wirklich wissen. Alle anderen glauben, hoffen, zweifeln. Nicht sie. Sie besorgte sich die Antwort.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie gegeben. Gegeben und gelehrt. Nun war sie auch mal dran etwas zu verlangen, etwas zu bekommen. Bald würde sie wissen, wie viel von ihr bleiben würde. Ja, sie hatte lang und gut darüber nachgedacht. Sie war darauf vorbereitet, dass es vielleicht nicht sehr viel in der Breite war, aber sie hatte fast jedes Jahr besondere Studenten gehabt, denen sie alles von sich gegeben hatte. Sie hatte sie beeinflusst, gestärkt und unterstützt und eine Saat in ihnen gesät. Das war die Theorie. Obwohl sie sehr wohl wusste, dass es nicht um Theorien oder um Wissenschaft oder Beweise ging. Es ging um Verzweiflung und Ohnmacht. Es ging um ihre Seele. Nicht mehr und nicht weniger. Es war der Kampf um ihren unsterblichen Seelenfrieden. Es gab kein zurück. Sie hatte lang und gut darüber nachgedacht.

Und seit Donnerstag war die Maschine nun fertig. Aber anstatt sie gleich auszuprobieren, war sie plötzlich in’s Schwanken geraten. Die Angst war groß. Und plötzlich wünschte sie, sie hätte nie damit angefangen. Vielleicht ist es wie den eigenen Tod zu träumen – etwas, was unmöglich ist, ein schwarzes Loch, in das wir starren, während wir langsam immer näher herangesogen werden.

Seit die Maschine fertig war, hatte sie ein Parallel-Leben geführt. Es sah aus wie immer, es hörte sich an wie immer, aber in Wahrheit war sie eine lebensgroße Marionette, die ein Leben spielte. Sie hielt der Welt ihr ruhiges Gesicht entgegen, während unter der ruhigen Oberfläche ihre Gefühle tobten und wie Kontinentalplatten aufeinander krachten. Sie hatte kaum geschlafen in diesen 3 Tagen und obwohl Schlafmangel kein guter Ratgeber war, fand sie einfach nicht genug Ruhe, um zu schlafen. In ihrem Kopf drehte sich ein endloses Karussell. Unzählige Male spielte sie mögliche Szenen in möglichen Variationen in ihrem Kopf nach.

Heute nachmittag hatte sie dann beschlossen es zu tun. Um 17.09h, war sie plötzlich wie eine Triebfeder aufgesprungen. Den Moment, des Entschlusses hatte sie gar nicht bewußt erlebt und konnte ihn auch im nachhinein nicht mehr greifen – vielleicht hätte sie das als warnendes Omen sehen sollen. Aber sie sah eh nichts mehr außer dem Beschlossenen. Und so hatte sie sich angezogen und geschminkt mit dem Kopf in den Wolken. Hatte ihre Ausgehrüstung, bestehend aus Ohrringen, Uhr und 2 Ringen angelegt, eine Mütze über ihre Haare gestülpt und war gut in ihre Schnürschuhe eingeschnürt losgestiefelt.

Und nun war sie hier. In ihrem Labor. Das war nix Besonderes und sie war nicht die einzige, die am Samstag abend arbeitete. Nur, dass sie eben nicht arbeitete. Plötzlich dachte sie: Vielleicht arbeiten die anderen auch nicht? Vielleicht tun die anderen auch nur so als ob? Und vielleicht haben die auch alle Höllenmaschinen gebaut, die die Welt verändern? Vielleicht ist nichts, wie es scheint? Ihr wurde schwindelig. Es war zu viel. Zu viel. Mit zusammengebissenen Zähnen verschloss sie ihren Verstand und die Bürotür. Sie klemmte den Besucherstuhl unter die Türklinke, so wie sie es sich vorher überlegt hatte. Sie hatte lang und gut über alles nachgedacht. Die Maschine stand so, dass sie vom Fenster aus nicht gesehen werden konnte, sollte jemand sich auf die Zehenspitzen stellen, um reinzuschauen, angezogen vom Licht und Lärm der Maschine. Denn Menschen wurden durch Neugier angezogen, wie Motten vom Licht. Sie hatte sich in einem Geniestreich letzte Woche eine elektrische Kaffeemühle gekauft, die infernalischen Lärm machte und hatte sie oft genug benutzt und darüber geredet, so dass der Lärm der Maschine nun von den Kollegen und Studenten auf die armen, unschuldigen Kaffeebohnen geschoben wurde.

Sie bereitete den ersten Suchlauf vor. Dieses Semester hatte sie zwei Studenten, denen sie alles von sich gab. Und zwei ihrer besonderen ehemaligen Studenten, zwei ihrer „Kinder“, lebten noch in der Stadt und da die Maschine fast bis zu 100km suchen konnte, war sie sicher, dass sie genug Resonanz finden würde. Sie schaute auf die Uhr. 19.59h. Noch nicht. Noch nicht. Um kurz nach acht würde der Kollege Müller, rechts von ihr, gehen. Sein Freund erlaubte ihm nur bis 20h zu arbeiten und daran hielt er sich. Links war niemand, so dass es in ein paar Minuten losgehen konnte. Sie hörte die Tür klappen nebenan. Dann wurde sie hektisch. Was, wenn Müller ihr nun einen schönen Feierabend wünschen wollte? Sie hatte den Stuhl schon unter die Klinke geklemmt. Ihn jetzt weg zu ziehen, würde verdächtigen Lärm machen. Oh warum?! Warum nur hatte sie sich darauf eingelassen? Damit angefangen? Ja, ihr Leben davor war eintönig gewesen und sie hatte nichts gefühlt außer ab und an etwas Stolz auf ihre Korrektheit, ihre Zuverlässigkeit. Und das Nagen. Das verfluchte Nagen. Ohne das Nagen hätte sie ja nie angefangen mit diesem Wahnsinn. Nun wünschte sie, sie könnte die Zeit zurückdrehen und zurückkehren in diesen Kokon der verwelkten Chancen. In dieses tote, leere, sichere Leben.

„Bleib ruhig“, sagte sie sich. Müller hatte noch nie bei ihr reingeschaut. Sie musste einfach darauf vertrauen, dass er nix gemerkt hatte und sie immer noch nicht wahrnahm. Sie folgte seinen Schritten mit dem Geist, hörte ihn herannahen, vorbeilaufen – und dann stoppen. Ihr Herz setzte kurz aus, Hitze schoss ihr in’s Gesicht und ihr Magen verkrampfte sich. Dann hörte sie ein leises Klingen und eine Stimme „Müller“. Oh Gott, er hat nur angehalten, um an sein Handy zu gehen. Die Erleichterung ließ sie erzittern. Aber nun war sie sicher, er würde nicht zum ersten Mal in ihrem Leben bei ihr anklopfen. Sie konnte beginnen.


Langsam und sorgfältig begann sie die Kallibrierung. Sie prüfte alles dreimal, so wie sie es immer tat. Immer dreimal. So brachte sie es auch ihren Studenten bei. Immer dreimal. Dann war es so weit. Die Entscheidung. Anschalten? Noch konnte sie einfach weggehen. Es bleiben lassen. Glauben, anstatt zu wissen. Aber es war zu spät. Das wusste sie wohl. Sie hatte lang und gut darüber nachgedacht. Und so drückte sie den Knopf. Die Maschine sprang mit einem kleinen Surren an. Wie eine Katze. Erst, wenn sie eine Resonanz fand, würde sie lauter werden. Aber der Lärm musste ihr ja nun keine Sorgen mehr machen. Die Maschine tastete sich vorwärts. Sie folgte ihr mit dem Blick auf die Stadtkarte. Stellte sich die Häuser und Wohnungen vor, die die Maschine durchleuchtete. Und sie wurde etwas unruhig. Eigentlich hätte sie schon lang was finden müssen. Aber nix.

Dann wurde die Maschine lauter – nur um sofort wieder in ihr Surren zu verfallen. Sie begann das Surren leise zu hassen. Es war nervtötend. Sie stoppte die Maschine. Überprüfte alles. Die Maschine war korrekt eingestellt und funktionierte einwandfrei. Also warum fand sie nichts? Sie erhöhte die Sensibilität und startete einen neuen Suchlauf. An der gleichen Stelle wie vorher wurde sie wieder kurz lauter. Und dann auch noch an einer zweiten Stelle. Sie drehte nun die Regler voll auf und startete einen neuen, letzten Suchlauf. Sie fühlte ein Gefühl, das sie nicht erkannte. Sie wusste, sie hatte sich schon mal so gefühlt. Als Kind. Bevor…bevor alles anders wurde. Aber sie konnte sich nicht erinnern oder vorstellen, was das für ein komisches Gefühl sein könnte oder sein sollte.


Die Maschine stoppte. Ok. Das war nicht, was sie erwartet hatte. Aber immerhin, es war auch nicht ganz niederschmetternd. Schließlich gab es 2 Treffer. Also war ihr Leben nicht umsonst. Ihre Existenz machte einen Unterschied. All die Gedanken, die sie sich machte, wie sie in ihren Studenten Gefühle wie Ehre, Wissensdurst, Stärke, Mut, Liebe wecken konnte, waren nicht umsonst. In zwei Leben hatte sie eine Spur hinterlassen. Dass es so wenig waren und sie so schwer zu finden waren, lag sicher an der Maschine. Auch, wenn sie sich nicht genau vorstellen konnte, wie, denn sie hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Aber es musste so sein, irgendwo war ein Fehler in der Maschine. Es musste so sein.

Sie schaltete den Suchmodus der Maschine ab und ließ sich das Ergebnis anzeigen. Sie runzelte die Stirn. Das ergab keinen Sinn. Das eine war eine Adresse nahe ihres Labors, die ihr nichts sagte. Sie wusste, wo ihre Studenten sich gerade aufhielten, dafür hatte sie gesorgt. Das war eine falsche Adresse. Und das andere … das andere war ihre eigene Adresse. Wie konnte das… und plötzlich, wie ein Blitz ein Bild in seiner Gesamtheit erhellt und es sich in unser Auge einbrennt, war der Schleier weggezogen und sie sah, was sie davor nicht sehen wollte. Fieberhaft wühlte sie im Mülleimer. Da war sie. Die Tüte vom Bäcker. Ist da eine Adresse drauf? Nein. Hektisch suchte sie im Netz und fand dann, was sie nicht finden wollte. Sie setzte sich abwesend in ihren Stuhl. Wachte kurz auf aus der Benommenheit und setzte sich auf den staubigen Boden. Ohne es zu merken wischte sie Tränen mit dreckigen, staubigen Händen ab. Sie stand auf, ging zum Fenster. Lehnte die Stirn gegen das kalte Glas und sah ihre Augen. Konnte nicht fühlen, was sie sah.

Es war alles eine Lüge. Und sie hatte es bewiesen. Dabei wollte sie doch genau das Gegenteil. Aber nun hatte sie es bewiesen und von der Wahrheit gab es kein Rücktrittsrecht. Oder? Jahrelang hatte sie gegeben, ausgehalten, von Krümeln gelebt, die vom Lachen anderer abgefallen waren, im festen Glauben, dass es eine Rolle spielt, dass sie existiert. Dass es eine Rolle spielt, ob sie sich bemüht, dass es eine Rolle spielt, was sie gibt. Dass sie eine Rolle spielte. Und dann war sie auf eine Möglichkeit gestossen diesen Glauben zu beweisen. Oder auch zu widerlegen. Aber das war nur rein theoretisch. Sie war sich sicher, dass es das Gute und das Böse, das Richtige und das Falsche gab. Dass es eie Rolle spielte, was man tat. Sie war sich sicher, dass sie auf ihre Kinder, die Studenten, in denen sie einen Funken sah und denen sie alles von sich gab, vertrauen konnte. Sie war sich so sicher. Damals.

Sie lachte und merkte, dass sie das schon eine ganze Zeit lang tat. Und sie hörte sich gleichzeitig lachen, während sie lachte und hörte, wie sie sich lachen hörte. „Narr. Ich bin so ein Narr.“ Das Lachen hört mittendrin auf. Abscheu bemächtigt sich ihrer Mundwinkel. Dann merkte sie, dass es ihr Lachen war, das aufgehört hatte. Und ihr Abscheu. Die Wahrheit. Die Wahrheit wurde offenbar. Sie hatte versucht sich zu verstecken. Die Wahrheit wusste sehr wohl, sie darf nicht gesehen werden. „Und ich Narr hab an ihr gezogen und gezerrt und sie ins Licht gestellt, das arme, nackte Ding. Weil ich dachte, ich bin was besonderes. Weil ich dachte, wir Menschen sind die Krönung, der Sinn des Universums. Weil ich dachte, ich bin wer. Was. Und das bin ich: Ich bin der größte und dümmste Narr. Die aufgeblasenste Idiotin. Die denkt, sie beeinflusst Leben zum Besseren. Na, tu ich ja auch. Das meiner Katze und das des Bäckereiverkäufers, von dem ich manchmal träume und der mir immer eine Brezel extra einpackt. Das…das ist alles, was ich bin. Was von mir bleibt. Ein Dosenöffner und Brezelkäufer. Das ist alles. ALLES. All die Nächte, in denen ich gerungen und überlegt hab. In denen ich mir Sorgen gemacht hab und nicht einschlafen konnte. In denen ich um meine Integrität gekämpft hab im eitlen Glauben, dass ich mit meinem Sein etwas hinterlasse und verändere. ALL DIE JAHRE. ALL DIE MENSCHEN. Und nichts ist geblieben. Nichts. Die Studentin, die mich noch vor ein paar Stunden mit großen Augen angelächelt und mir gesagt hat, wie viel ihr meine Unterstützung bedeutet – nichts. Nichts hat sie mitgenommen von mir. Und ich hab es bewiesen. Ich halte den Beweis in meinen Händen. In meinen, meinen eigenen, tauben Händen.“

Am Montag Mittag in der Kantine sitzen die Sekretärinnen zusammen und lassen ihre Zungen tanzen. …“und ich hab gehört, sie hat ihn verlassen und das ist der Grund, warum sie die Forschungsreise nun macht“… „laut und er hat einfach die Tür zugeknallt“…“nichtmal persönlich gekündigt! Sie hat einen wirren Brief geschrieben, dass sie Beweise hat, dass ihr Lehrstuhl und das Leben irrelevant ist und sie daher keinen Sinn mehr sieht, weiter zu unterrichten und dass er sie gern verklagen kann, aber dann würde sie die Beweise zeigen und das wäre das „Ende der Unschuld“.“ „Naja, die war ja immer schon merkwürdig, mit ihren Augen und den Haaren! Und die FINGERNÄGEL!!! Das wundert mich kein bisschen, dass sie jetzt übergeschnappt ist. Heißt das, wir kriegen jemand neuen? Oh, vielleicht einen Mann! Hörst Du, Manu, wir kriegen einen Neuen!“…