Die offene Tür – Erfahrungsbericht einer Denkenden

Ok. Ich hab vor ein paar Tagen folgendes gedacht: Wenn es eine Pille gäbe, die macht, dass man nicht mehr zornig ist, keine Gewalt mehr ausüben will und keinen Hass verspürt – würde ich die nehmen?

Stille. Unangenehmes Gefühl in mir. 

Dieses unangenehme, defensive Gefühl, finde ich bissle komisch, weil ich viel Zeit damit verbringe mir klar zu werden, was genau mich zornig macht, wenn ich zornig bin (was oft passiert) und dann daran arbeite, dass es mich nicht mehr zornig macht. Und wenn ich mir all die geifernden Hasser und Fingerzeiger anschau, die uns inzwischen umzingeln, und wenn ich diese schreckliche, verbiesterte Hässlichkeit und das kindisch Unsinnige von Hass sehe, dann weiß ich: So will ich nie, nie, nie sein. Ich will nie so die Kontrolle über meinen Egoismus verlieren, dass ich andere absichtlich verletze. Ich will nie, nie, nie so hilflos und innerlich zerfressen sein, dass es mir gut tut, andere leiden zu lassen. Und zum Thema Gewalt: Fliegen sind tatsächlich die einzigen Wesen, denen ich was zuleide tu. Und selbst da fühl ich mich immer mies dabei. Wenn die etwas vernünftiger wären und beim wieder hinausfliegen besser kooperieren würden, würde ich sie ja auch am Leben lassen. Spinnen zum Beispiel fang ich ein und setz sie draußen aus. Warum ich mir die Mühe mache? Holy shit, das ist doch ganz klar: Ich will doch auch nicht, dass ein Riese kommt und mich mit seiner Riesenzeitung erschlägt, nur weil ich es mir unter seinem Riesensofa bequem gemacht hab! Ich stör den da doch gar nicht, so klein, wie ich bin!


Wenn ich also so viel Energie aufbringe, um Hass, Gewalt und Zorn aus mir rauszuhalten, warum fühl ich mich unbehaglich bei dem Gefühl, dies nicht mehr zu haben? Eigentlich müsste ich doch Luftsprünge machen und Juhu schreien! Yes, endlich was, was meine ganze innere Fleißarbeit überflüssig macht. Natürlich ist es nicht so einfach. Unsere simplen, platten „Wahrheiten“, die wir erfunden haben, um unsere Schwächen sozial salonfähig zu machen und unser Gesicht nicht zu verlieren, suggerieren uns, dass unsere gewalttätige, hassende und zornige Seite „auch gut ist.“ Wir haben die Idee, dass sie uns unsere Ellenbogen gibt, uns vor Verletzungen bewahrt und so weiter (nur komisch, dass wir trotz dieser tollen Schützenhilfe von unserer gewalttätigen, zornigen Seite, immer wieder verletzt werden und es mit den Ellenbogen meist auch nicht so gut klappt. Hm…).

Wenn es eines gibt, was ich absolut nicht abkann, dann sind es diese frommen Lügen, die wir uns erzählen, um uns nicht ins Gesicht sagen zu müssen, was wir wirklich denken. Wenn zwei sich streiten und sich richtig gemeine Sachen sagen, sagen wir: „Das gehört zu einer guten Beziehung.“ So ein Quatsch! Als würde Verletzung gut tun. Eine Beziehung kann auch ganz klasse sein, wenn man sich nicht ständig zerfleischt, sondern sich respektiert, sich tatsachlich real und ernsthaft über unterschiedliche Meinungen, verletzte Gefühle austauscht und diese diskutiert. Oder aushält, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Oder einfach mal die Klappe hält und vor der eigenen Tür kehrt, anstatt immer wieder über die selben Punkte am Gegenüber rumzumäkeln (ups, jetzt aber mal langsam mit der Ehrlichkeit!). Letztendlich wollen wir nicht sagen: „Du, was Ihr habt ist schon lang keine Liebesbeziehung mehr (wenn es das überhaupt mal war), sondern psychologische Kriegsführung im Rahmen einer bilateralen Bedürfnisbefriedigungsvereinbarung. In echt glaub ich nicht mal, dass Du Deinen Freund/Mann überhaupt magst, so wie Du ihn ständig wegen allem abkanzelst und erniedrigst.“ Das wäre nu wirklich etwas zuviel der Wahrheit! Wie sollten wir denn da noch miteinander leben, wenn wir plötzlich alle ehrlich zueinander wären? Also sagen wir lieber: „Streit gehört zu jeder guten Beziehung.“

Und je mehr ich darüber nachdenke, warum es in mir so widerwillig ist, sobald ich darüber nachdenke, meinen Zorn aufzugeben, desto mehr beginne ich zu glauben, dass die Idee, dass unser Zorn, unser Hass und unsere gewalttätigen Gefühle uns irgendwie „schützen“ und „voranbringen“ auch eine dieser frommen Lügen, dieser dummen Plattitüden ist. Wir werden diese Gefühle nicht los, obwohl wir es versuchen, kommen nicht mit diesen Gefühlen zurecht und deshalb haben wir uns eine fromme, soziale Lüge ausgedacht, um nicht doof dazustehen und uns selbst beim Scheitern zuschauen zu müssen. Und wisst Ihr, warum ich das glaube? Weil mir plötzlich, in einem „Oh mein Gott, bin ich blöd, warum hab ich das nicht vorher gesehen“-Moment klar geworden ist, dass wenn ich diese ganzen negativen Gefühle aufgeb, es ja gar nicht automatisch heißt, dass ich mich dann rumschubsen lass, nichts mehr will, mich in alles füge und mit allem zufrieden bin!

Es heißt nur, dass ich, wenn ich keinen Zorn mehr hab, der mich antreibt, eine Situation zu lösen, diese auf eine andere Art lösen muss. Es heißt nur, dass das, was ich will, vielleicht dann was ganz anderes ist. Vielleicht. Aber vielleicht will ich dann auch noch die gleichen Sachen, aber da mir der zornige Antrieb fehlt, muss ich mir ganz andere Wege ausdenken, dahin zu kommen, wo ich hin will. Es heißt nur, dass ich vielleicht tatsächlich was verliere, (who knows, shit happens) aber dann einen Weg finde, um damit umzugehen. 

Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht…

Ihr seht, was ich gemacht hab, gell (wahrscheinlich, sicher, viel schneller, als ich es selbst gesehen hab): Ich hab irgendwie verschlossene Türen und Einbahnstraßen gedacht. Ich hab gedacht: Ich geb was auf und dann ist es da zu Ende. Da führt kein Weg dran vorbei oder weiter. Dann ist die Tür zu. Aber in Wahrheit ist ja eine unserer besten Eigenschaften als Menschen, dass wir immer neue Wege finden, dass wir uns an Herausforderungen anpassen. Also warum sollte es da zu Ende sein? Warum sollte diese Veränderung nicht ganz neue Türen öffnen und ganz neue Wege erschließen? Mein Wunsch glücklich zu sein zum Beispiel, kommt ja nicht von meinem Zorn, sondern davon, dass ich glücklich bin, wenn ich glücklich bin. Und wer weiß, wenn man keinen Zorn mehr fühlt, fühlt man vielleicht sogar ein ganz neues Gefühl, dass noch nie jemand gefühlt hat (das wäre so cool!!!)?

So viele Möglichkeiten!

Nachdem ich das alles gedacht hab, hab ich mich so unglaublich gut gefühlt. Leicht. Sicher. Strahlend und mit geradem Rücken kam ich mir vor. Und dann, ich weiß nicht, warum dieser Gedanke, diese Erkenntnis sofort hinter den schönen Gefühlen herkam, war ich für einen ganz kurzen Moment ganz herzzerreißend traurig. Traurig für uns. Uns Menschen. Weil wir so oft in Einbahnstraßen denken. Und das so unnötig ist. Wir verschließen uns selbst die Wege und Türen. Mit unserer mächtigsten Waffe im Arsenal: Mit unserem Geist. Ich war traurig, weil es uns immer einfacher fällt schwach, als stark zu sein. Zerstörerisch zu denken, als froh zu hoffen. Negativ uns gehen zu lassen, anstatt positiv zu sein. Ich wünschte mir, die Menschen würden mehr Zeit damit verbringen zu denken und weniger damit, sich sicher zu sein. Denn auch Denken ist tatsächlich eine Frage des Lernens und der Übung. Und dieser Gedankengang hat mir wieder ganz, ganz deutlich gemacht, dass man auch lernen und üben muss in offenen Türen und in viele Richtungen zu denken. 

Nun, so war das. Damals vor ein paar Tagen. Als ich gedacht hab. Und am Schluss hab ich dann noch gedacht: Das nächste Mal werde ich mich an diese Erkenntnis erinnern und die offene Tür viel früher finden. Und wer weiß, irgendwann denke ich vielleicht gar nicht mehr in geschlossenen Türen! Hab ich gedacht. Und dann war ich plötzlich auch nicht mehr traurig.

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