Das letzte Jahr des Opossums

Es ist dunkel draußen. Und auch hier drinnen. Ich sitz in meinem Bett und hab die Zimmertür im Blick. Die obere Hälfte ist aus Glas. Aber nicht aus normalem Glas. Es ist ein dunkles, unebenes Glas mit komischen Dellen, als hätte jemand mit dem Daumen drauf gedrückt. Warum macht man was Gläsernes, nur um das Glas dann so zu machen, dass man nichts erkennen kann? Das kommt mir blöd vor.

Das verzerrte Glas macht es mir schwer zu sehen, ob ich sicher bin. Es ist Dezember. Und der Nikolaus und der Weihnachtsmann gehen um. Der Nikolaus steckt die bösen Kinder in den Sack. Das weiß ich, weil meine Mama mir das gesagt hat. Und ich bin böse. Auch das weiß ich, weil meine Mama mir das gesagt hat.

Sie sagt es mir, wenn ich laut singe und mir Geschichten erzähle, weil ich mich „selbst beschäftigen“ soll. Sie sagt es mir, wenn ich nicht singe und mir keine Geschichten erzähle, weil ich mich dann nicht „selbst beschäftige“. Sie sagt es mir, wenn ich zu laut lache. Wenn ich was nicht weiß. Wenn ich was richtig mache. Wenn ich vorlaut bin. Wenn ich ihr „ein Loch in den Bauch“ frage. Wenn ich mich freue. Wenn ich was will. Und wenn ich nichts von all dem mache. Sie sagt es mir, wenn sie weint und sagt, dass ich ihr Leben zerstört habe und dass sie tot sein will.

Ich weiß nicht, was ich weniger mag: wenn sie mit mir schimpft oder wenn sie so tut als mache sie das nicht. Das tut sie, wenn ich was richtig oder gut gemacht hab und sie keinen Weg findet böse mit mir zu sein. Oder wenn jemand anderer dabei ist und sie Angst hat was die denken. Dann kriegt sie einen ganz verkniffenen Mund und böse Augen. Sie lacht und sagt, dass ich was gut gemacht hab, aber ich glaub in Wahrheit hasst sie mich. Wenn sie was Nettes über mich sagen muss, ist sie danach immer noch gemeiner zu mir. Deshalb mag ich es nicht, wenn jemand was Nettes über mich sagt.

Es ist Weihnachtszeit. Die anderen Kinder freuen sich, aber ich hab furchtbare Angst. Ich bin 6 Jahre alt, sitze in meinem Bett und starre auf die Tür. Und warte, ob der Weihnachtsmann kommt und mich holt. Ich sitze hier schon 3 Stunden bewegungslos im Dunkeln. Es ist harte, mühselige Arbeit für ein kleines Kind so aufmerksam zu bleiben. Mir zu merken wie die Schatten sind und immer das Glas abzusuchen, ob sich was geändert hat an den Schatten. Aber ich halte durch.

Ich behalte die Schatten genau im Auge. Aber immer, wenn ich grad glaube, dass ich jetzt sicher sein kann, dass nichts passiert, bewegt sich einer der Schatten. Oder hab ich mich bewegt? Denn das ist der Grund, warum ich so still sitze: ich habe schnell gelernt, dass das Bild durch das Glas sich ändert, je nachdem wie ich mich bewege. Das sind die Sachen, die ich immer sofort check und lerne: wie die Welt um mich herum funktioniert und was was bedeutet. Und ich muss es verdammt schnell lernen und verdammt gut darin sein, schließlich hab ich einen schwierigen und wichtigen Job: mich geschützt zu halten und dafür zu sorgen, dass meine Mama sich nicht umbringt.

Nach vielen Stunden halte ich es einfach nicht mehr aus. Ich habe so lang gewartet wie ich kann. Immer noch eine Minute. Und noch eine Minute. Aber jetzt ist der Horror fast bis an meine kleinen, bloßen Füße herangekrochen. Ich kann nicht mehr. Ich gehe ins Wohnzimmer, in dem meine Mama ist. Sie sitzt nackt mit einem Mann da, der auch nackt ist. Ich hasse das. Ich sage ihr, dass ich Angst hab vor dem Nikolaus. Sie ist betrunken, deshalb schimpft sie nicht mit mir und lacht nur. Sie sagt, dass das „Quatsch“ ist.

Ich bin verzweifelt. Nun hab ich meine letzte Waffe gegen den Nikolaus verbraucht, ohne dass es mir hilft. Nun hab ich nichts mehr was ich tun kann. Wieder sitze ich in meinem Bett und starre auf die Tür. Ich fühl mich so klein. Ich muss mir wie immer selber was überlegen: Ich lege mich mit dem Kopf dahin, wo meine Füße wären. Wenn der Nikolaus kommt und mich holen will, dann findet er meinen Kopf nicht und denkt, dass ich nicht da bin. Und dann bin ich sicher. Jetzt kann ich endlich schlafen. Am nächsten Morgen krieg ich Ärger, weil ich falsch rum im Bett liege.

20 Jahre später

Ich sitze auf dem Sofa und ziehe in Gedanken einen Kreis um mein Haus. Dann denke ich so stark ich kann „Bleib weg“. Ich versuche mir konzentrische Kreise zu denken, die nach außen jeden und alles abstoßen. „Lass mich in Ruhe“ denke ich mit jedem Kreis. Das mache ich stundenlang. Ich hab eine unerträgliche Angst, die mich erstickt. Dass irgendwer irgendwas von mir will. Dass ich das nicht leisten kann. Dass dann irgendwas passiert.

Ich kann noch nichtmal konkret benennen, was so schlimm ist. Ich weiß nur, dass es schlimm ist. Ich schlaf tagsüber und bin nur nachts wach. Ich hör auf in meinem Bett zu schlafen, sondern sitz und schlaf auf meinem Sofa. Ich höre auf zu duschen oder das Haus zu verlassen. Ich hab mich zurück gezogen auf einen kleinen Fleck auf meinem Sofa. Dieser kleine Fleck Sofa ist mein ganzes Leben. Anders getrau ich mich nicht zu leben.

Die Gegenwart

Glücklicherweise hab ich etwas in mir, meinen Ich-Kern, den nichts und niemand bis jetzt brechen konnte. Nicht mal meine Mutter. Dieser Kern macht, dass ich mit 6 Jahren auf mich selber aufpasse, falls der Weihnachtsmann kommt und mich stiehlt. Und dieser Kern macht, dass ich, bevor ich richtig in Schwierigkeiten komme, wie in der Zeit, in der ich aufgehört habe das Haus zu verlassen, Briefe zu öffnen oder tagsüber wach zu sein, mir Hilfe geholt hab. Ich hab gar nicht weiter drüber nachdenken müssen: Ich wusste, ich kann mir nicht mehr helfen-also muss es jemand anderer tun. Dieses Wissen und diese Fähigkeit kommt von meinem Kern.

Von meiner Kindheit kommen neben vielem anderem Probleme mit dem Schlafen. Mit der Dunkelheit. Das Gefühl keinen sicheren Platz zu haben und nicht haben zu dürfen. Und vor allem: Nicht berechtigt zu sein. Und aus meiner Kindheit kommt auch ein Verhalten, das ich „Opossum“ nenne. Wenn ich eine bestimmte Menge Druck erhalte oder bestimmte Sachen fühle, dann hör ich auf mich zu bewegen. Höre auf Raum einzunehmen. Ich fahre mich und alles um mich herum runter.

So wie ich es gemacht hab, als ich mich selbst stundenlang vor dem Nikolaus geschützt hab. Oder auf dem Sofa gesessen bin und aufgehört habe tagsüber wach zu sein. Ich versuch mich so klein und still wie möglich zu machen, damit mir nichts passiert. Das Ding ist: Das Leben geht weiter. Wenn man erwachsen ist, müssen Rechnungen weiter gezahlt werden, Verantwortungen weiter wahrgenommen werden. Und entgegen der manchmal vorherrschenden Meinung, werden die meisten Sachen nicht besser, wenn man sie aussitzt!

Ich hab das große Glück, dass ich nicht nur meine Erlebnisse und das Verhalten aus meiner Kindheit hab, sondern auch meinen inneren Ich-Kern. Ich weiß nicht, woher der kommt. Ob ich ihn mir erarbeitet habe, ob er einfach so da ist, aber was ich weiß ist, dass nicht jeder ihn hat. Ich denke oft, was mit mir passiert wäre oder passieren würde, wenn ich diesen Kern nicht hätte. Wenn ich nur mit und nach dem leben müsste, was ich erlebt habe. Für mich ist es keine Frage: Ohne meinen Ich-Kern hätte ich es nie geschafft zu überleben. Ich wäre sicher keine 20 Jahre alt geworden.

Was mich deshalb besonders ankotzt ist all das Urteilen über Leute, all die blödsinnigen „Meinungen“. Kein Mensch wird böse geboren. Kein Mensch wird gut geboren. Kein Mensch wird faul geboren. Kein Mensch wird fleißig geboren. Kein Mensch wird nutzlos geboren. Kein Mensch wird erfolgreich geboren.

Wir alle werden zu diesen Menschen gemacht. Und ganz oft wissen wir selber noch nicht mal wer oder wie wir sind. Uns wird gesagt wir seien so oder so-und wir nehmen diese Rolle an. Mir wurde meine ganze Kindheit gesagt ich sei böse, schlecht, falsch, tollpatschig, dumm, ungelenk und was weiß ich. Ich hab erst mit nahezu 30 Jahren das allererste Mal eine reale Vorstellung von mir selber gehabt. Und mein reales Wesen, meine realen Eigenschaften sind nahezu konträr zu der Person, die mir beigebracht wurde, dass ich sie bin.

Das bedeutet: Dreißig Jahre lang hab ich von mir selber in Worten und Ideen gedacht, die nichts mit mir zu tun hatten. Die den Gefühlen einer anderen Person entsprungen sind. Dreißig Jahre lang! Es bedeutet aber etwas noch viel Schlimmeres: Ich hab dreißig Jahre mit einer fremden Person gelebt. Dreißig Jahre lang hab ich mit einem Selbst gekämpft, dass ich nicht selbst war. Mich selbst nicht gekannt. Wie soll man Freund sein oder Geliebte sein, wenn man sich selbst fremd ist?

Ich bin deshalb besonders allergisch gegen „Meinungen“, weil niemand alles weiß was war. Niemand war all diese schrecklichen, langen Stunden in der Dunkelheit mit mir. Und trotzdem meinen so viele alles zu wissen. Das kotzt mich an. Für mich ist es leicht mein Herz offen zu halten. Wenn ich merke, dass ich dabei bin mich auszuklinken aus dem zwischenmenschlichen Diskurs und über jemand ein Urteil zu fällen, muss ich mich nur kurz an das 6-jährige Mädchen in diesem dunklen Zimmer erinnern. Das haut mich jedesmal und sofort von meinem Sockel runter.

Wenn es irgendwas gibt, wofür es gut war all diese furchtbaren Schmerzen und Ängste als Kind zu erleiden, dann dafür: Dass ich heute als Erwachsene so zäh und hart um meine Menschlichkeit kämpfe. All der Schmerz und die Entbehrungen hätten mich egoistisch machen können. Aber genau das Gegenteil ist passiert, es hat mich großzügig und großherzig gemacht.

Ich weiß: 2025 war ein echt abgefucktes Jahr. Auch für mich. Persönlich und generell. Das, was ich hier geschrieben habe, ist zwar keine Erinnerung und Erkenntnis, die ich erst neu dieses Jahr hatte. Es ist eher die Spitze eines langen Prozesses. Vielleicht, hoffentlich ist es aber das letzte Jahr oder eines der letzten Jahre des Opossums. Und das hier nun auf genau diese Art artikulieren zu können, dieses 6-jährige Mädchen aus ihrer Dunkelheit ins Licht zu bringen, reißt alles raus für mich persönlich. Also: 2025- wir zwei beiden sind ok miteinander!

Alles Liebe für alle anderen! Von ganzem Herzen.

Sag Deine Meinung (Name/E-Mail sind freiwillig)