Die 12 Euro Erfahrung

Neulich hat ein Taxi-Fahrer 12 Euro von mir gestohlen. Aber das wirklich interessante daran ist nicht der Diebstahl, sondern warum er das überhaupt konnte.

Es war so:Ich hab mit Karte gezahlt. Und da ich auf dem Rücksitz war-und manchmal nicht mehr so gut kleine Sachen auf Bildschirmen seh-, hab ich nicht genau die Summe gesehen. Als ich schon an der Haustür war, hat der Fahrer mich zurück gerufen und gesagt: „Ich glaub, ich hab einen Fehler gemacht“. Daraufhin hab ich gesagt:„Aber ich hab gesehen, dass die Zahlung akzeptiert worden ist“. Und er hat gesagt: „Akzeptiert?“. Und ich sag: „Ja“. Und er sagt: „Ok.“ und ich geh heim. Zuhause hab ich direkt in meine Bank-App geschaut. Und gesehen, dass die Taxi-Fahrt, die inklusive Trinkgeld 33 Euro war, mit 45 Euro abgebucht wurde.

Das ist was praktisch passiert ist. Aber was emotional, sozial und verhaltensmäßig passiert ist, ist was ganz anderes. Ich brech das mal runter:

1. Marker: Ich hab nicht darauf bestanden die Abbuchungssumme zu sehen. Der Grund dafür ist, dass ich ein soziales Wesen bin. Zu sagen: Ich will das sehen, wäre zu implizieren, dass ich ihm nicht vertraue. Daran hängen hunderte komplizierte Dinge wie sein Beruf, seine Nationalität, sein Alter, sein was auch immer -und das gleiche auf meiner Seite. All diese Dinge kommen mit Subtext und Erwartungen und üben daher Kontrolle auf unser Verhalten aus. Und dazu kommt, dass ich natürlich wollte, dass er mich mag-so wie wir alle das immer wollen vollkommen egal wer uns gegenüber ist, das ist hart in unser Wesen gecodet. Und zu sagen: Ich will Dich überprüfen macht das nahezu unmöglich. Von daher ist es immer etwas, das wir nur in Ausnahmesituationen machen. Es ist eine Aggression. Natürlich hätte er auch mir die Summe zeigen können und sie mit mir abchecken können-aber der für mich Onus ist bei mir.

2. Marker: Er hat mich zurück gerufen. Er hat also genau gewusst, dass was nicht stimmt. Aber:er hat nicht gesagt: Ich hab zuviel abgebucht.

3. Marker (und das ist der große für mich): Ich bin nicht zurück gegangen und hab gesagt: Ja? und gewartet was er sagt. Stattdessen bin ich hingegangen und hab gesagt: „Ich weiß was los ist.“ weil ich dachte, dass ich das tue. Das hat ihm genug Cover gegeben, um den Diebstahl durchzuziehen. Vielleicht/Wahrscheinlich hat es ihn auch emotional getriggert, so dass er weniger geneigt war mich ehrlich und respektvoll zu behandeln.

Der Grund für all das liegt in mir und einem Verhalten, das aus meinem Kindheitstrauma entspringt: Ich versuche so viel wie möglich zu sehen, zu verstehen, zu verarbeiten, um so sicher wie möglich zu sein. Was ich dabei oft tue ist Grenzen überschreiten. Meine eigenen und die anderer. So dass ich Verantwortung für Sachen übernehme, die nicht in meiner Verantwortung liegen, weil ich, wenn ich die Dinge selber mache und forme, die Kontrolle hab und wenn ich davon verletzt werde, dann weiß ich wenigstens wovon und warum und kann damit als Preis leben, der eben zu zahlen ist.

In diesem speziellen Fall hab ich die Situation angeschaut, den wahrscheinlichsten Fall gewählt-denn Übertragung ist normalerweise das Problem und dadurch sehr viel häufiger als Diebstahl-und bin dann zu ihm gegangen und hab die Situation kontrolliert-und ihn damit überrollt. Im Boxen wäre das die Situation, in die ich mich gebracht hab: anstatt die Fäuste hoch zu nehmen, rumzuhüpfen und mich defensiv zu schützen, ihn kommen zu lassen und dann aus dieser guten Position heraus zu kämpfen, bin ich stattdessen vollkommen ohne Deckung still gestanden und hab zwar schon geboxt – aber in die Luft, auf imaginäre Ziele.

Ich habe also alles getan, um ihm ein gutes Ziel zu bieten.

Um klar zu sein: Er hat die Entscheidung getroffen mich zu bestehlen. Das ist nicht meine Schuld. Aber mein Part ist, dass ich ihm so sehr geholfen und ihn sogar teilweise gepusht hab. Ich hab ihn eingeladen dazu.

Natürlich war mein Verhalten keine neue Sache für mich. Ich weiß das schon länger und arbeite daran. Deshalb war es auch für mich so deutlich zu erkennen, was ich getan hab. Und ich werd mit jedem Mal besser. Und irgendwann wird das erste Mal sein, wo ich es nicht erst hinterher merke was ich getan habe, sondern wo mich eine innere Stimme in der Situation warnt: Lass ihn kommen, brich nicht in seine Verantwortung ein, schau nach Dir.

Das Interessante ist auch, dass meine Überlegung für sich genommen korrekt war: Die Wahrscheinlichkeitsrechnung was das Problem sein könnte, war durchaus korrekt. Aber: Annahmen sind nie Realität/Wissen. Und das ist etwas, was wir Menschen so, so oft und gern vergessen. Und für diese Erinnerung bin ich dankbar.

Das alles ist der Grund warum die 12 Euro eine supergute Investition waren. Und warum ich nichts unternommen hab deshalb: Mein Part war meine eigene Schuld und ich hab beschlossen das ist der Preis, den ich zu zahlen hab. Der Taxi-Fahrer muss damit leben, dass er ein Dieb ist, der mich bestohlen hat. Und mit der Angst, dass ich ihm das vorwerfe. Und er wird das sicher weiter so machen und wird ganz sicher auf jemand treffen, dem es der Ärger wert ist ihn zu stoppen.

Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Ein Dieb und korrumpiert zu sein muss schrecklich sein für das eigene Wohlbefinden.

Und das ist der Grund, warum ich tatsächlich glücklich bin, dass mir 12 Euro gestohlen wurden. Weil ich klar sehen kann wie dankbar ich sein kann, dass ich all das nicht nur verstehe, sondern dass es mir auch etwas bedeutet. Denn das ist der wahre Grund warum ich sowas wie er nie tun könnte: Wenn Dir etwas nichts bedeutet, hast Du schon aufgegeben. Wenn es Dir nichts bedeutet, dass Du sagen kannst: Ich hab nichts zu verbergen, ich kann für alles was ich tue gerade stehen-dann hast Du Dich selber schon aufgegeben.

Der Taxi-Fahrer kann mir vielleicht Geld klauen-aber im Gegensatz zu ihm hab ich meine Seele und Menschlichkeit noch und halte sie intakt. Und so passiert am Ende was ganz merkwürdiges: Ich hab Mitleid mit jemandem, der mich bestohlen hat-gerade weil er mich bestohlen hat. Echtes Mitgefühl.

Die Welt und wir Menschen sind ein komisches Ding.

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