Ok. Wer hier im Blog ein bißchen stöbert, findet schnell heraus, dass meine Liebe dem Radsport gehört. Oder umgedreht. Nun haben wir in Deutschland grad diese wunderbare Neuigkeit erhalten: Die ASO (Veranstalter einiger der wichtigsten Radrennen der Welt wie Tour de France, Paris-Roubaix, Liege-Bastogne-Liege) und der BDR (Bund Deutscher Radfahrer) haben einen langfristigen 10-Jahresvertrag abgeschlossen, um die Deutschland Rundfahrt wieder auf die Beine zu stellen. Das hat mich veranlasst meine inzwischen verstaubten Deutschland-Tour Kenntnisse und Erinnerungen wieder hervor zu kramen.

Und dabei hab ich mich in die verwunderliche, verschlungen Geschichte dieses Rennens wieder neu verliebt. Es wurde hin und her geschubst, war das Spielzeug von Politik, Interessen und Machtkämpfen und wie ein Gänseblümchen, das sich zwischen den Gehwegplatten immer wieder zäh seien Weg nach oben bahnt, ist die Deutschland Rundfahrt einfach nicht auszurotten. Wie ein angeschlagener Preisboxer taumelt sie im Sturm der Geschichte, wird angezählt – nur um sich erneut hochzukämpfen und auf’s Neue in den Ring zu steigen.

Also habe ich beschlossen was über die Deutschland Rundfahrt zu schreiben. Auch wenn Ihr nix für Radsport übrig habt, schaut es Euch an, es sind ein paar nette historische Sachen dabei. Und allein die Leistung, die die Fahrer erbringen mussten ist hirnfressend. Es gibt zu viele interessante Geschichten und amüsante Anmerkungen um das Ganze in nur einem Beitrag abzufrühstücken – zumindest für mich. Daher werde ich immer ein paar Jahre zusammenfassen. Den Anfang macht die erste Austragung 1911.

Die Deutschland Rundfahrt gibt es seit 1911. Das klingt, als wäre es ein Rennen mit einer reichen Tradition, wohl platziert in der Geschichte des Radsports. Nur leider ist das total falsch. Auch wenn das Rennen sehr alt ist, hat es öfter nicht stattgefunden, als dass es durchgeführt wurde. Insgesamt gab es nur 32 Austragungen. Und lediglich einen einzigen Mehrfachsieger mit Jens Voigt, was auch daran liegt, dass bis auf die letzten Jahre, meistens mehrere Jahre zwischen den einzelnen Austragungen lagen. Auch wurden oft die verschiedensten Austragungsformen ausprobiert, so dass eine klare Identität sich erst gegen Ende der Deutschland Tour, in den 2000-er Jahren entwickeln konnte.

Die Jahre an denen es in der einen oder anderen Form eine Deutschland Rundfahrt gab sind

  • 1911
  • 1922, 1927
  • 1930, 1931, 1937, 1938, 1939
  • 1947, 1948, 1949
  • 1950, 1951, 1952, 1955
  • 1960, 1961, 1962
  • 1979
  • 1980, 1981, 1982
  • 1999
  • 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008

Deutschland Rundfahrt 1911 – Das erste Rennen „Quer durch Deutschland“

Die erste Rundfahrt durch Deutschland, genannt „Quer durch Deutschland“ war ca. 1500km lang, wurde in 6 Etappen gefahren und es nahmen wohl etwas mehr als 50 Fahrer daran teil. Es scheint unklar, wieviele es in’s Ziel geschafft haben, klar ist jedoch: Gewonnen hat Hans Ludwig vor Adolf Huschke, der jedoch 11 Jahre später (ja, gebt Euch das: 11 Jahre später. Das ist heute noch viel – damals war das ein halbes Leben) seine Revanche haben sollte: Er gewann die zweite Deutschland Tour. Wenn auch nicht gegen Hans Ludwig.

Hans Ludwig, der Einäugige Pirat. Es ist eine tolle Geschichte: Einäugiger Fahrer mit Augenklappe gewinnt die erste Deutschland Rundfahrt. Eines ist unstrittig: Zu irgendeinem Zeitpunkt verletzte sich Hans Ludwig und verlor ein Auge.

Hans Ludwig/Wikipedia -
Hans Ludwig/Wikipedia –
Es ist wohl auch klar, dass er mit Augenklappe weiter Radrennen fuhr. Für mich persönlich ist unklar, ob das vor oder nach der Deutschland Rundfahrt 1911 geschah. Aber es ist doch eine so tolle Geschichte, also tun wir so als wäre es wahr: Ja, die allererste Deutschland Rundfahrt wurde von einem einäugigen Fahrer mit piratöser Augenklappe gewonnen.

Was belegt ist, ist dass Hans Ludwig am 27. 12. 1885 in Danzig geboren wurde. Er war als guter Distanzfahrer bekannt und hat 1908 das Distanzrennen Wien-Berlin über 800 km gewonnen. Ludwig war ein Radstar. Ein Opel-Fahrer zu einer Zeit als das Fahrrad für Opel einen großen Stellenwert hatte.

Wie damals üblich, waren die heroischen Taten der Radrennfahrer Werbemaßnahmen. Wie oft ein Reifen gewechselt werden musste oder eine Gabel brach, war damals die Werbewährung. Die Unkaputtbarkeit der Fahrer legte sich sozusagen wie ein Zaubermantel auf das Fahrrad. Schnelligkeit war eine Sache, aber heroisch dem Terrain, dem Leiden einen Sieg abzutrotzen eine ganz andere. Der Stoff aus dem Träume gemacht sind. Geschichten, die zu Mythen werden. Erfahrungen, nach deren Einfachheit, Echtheit, Endgültigkeit wir dürsten und die wir uns noch hunderte von Jahren später erzählen.

Nur dass es natürlich alles seinen Preis hatte und vieles oft nur Schau war. Manchmal wurden Teile der Strecke im Zug oder anderen Fahrzeugen zurückgelegt, die Fahrer nahmen Drogen und Mittelchen, um tagelang durchzuhalten. Wer sollte auch schon überprüfen, was tatsächlich geschah? Maximal gab es täglich Einschreibekontrollen – was dazwischen passierte kann niemand sagen und blieb das Geheimnis der Fahrer. Und irgendwie ist es auch egal. So ein Leben zu führen ist allein schon heroisch genug. Der Mut sich in all diese Leiden und Ungewissheiten zu stürzen, sich benutzen und entfremden zu lassen von den Werbeabteilungen der Sponsoren, während man der Welt Kilometer um Kilometer abtrotzt, ist schwindelerregend.

Diese Werbung, gefunden bei Opel, ist ein brilliantes Beispiel dafür, wie Werbung und Sport funktionieren. imageDie Werbung hat in Wahrheit nichts mit dem Sport am Hut, weiß oft nicht mal, worum es tatsächlich geht. Aber das ist wohl oft die Eigenheit von Werbung. Witzig ist, dass das Rennen „Wien -Berlin“  als „Klassiker“ beschrieben wird – bei einer Menge von Austragungen von exakt zwei! Kaum klassisch zu nennen. Die „umkämpften Fernfahrten“ sind auch sehr amüsant.

Die Deutschland Rundfahrt 1911 wurde von keinem Fahrer dominiert, erst am letzten Tag entschied sich der Gesamtsieg. So wie es sein sollte. Es brandete hin und her zwischen Hans Ludwig und Adolf Huschke. Ludwig legte mit einem Tagessieg vor, Huschke mit 2 Siegen nach, bis Ludwig schließlich am letzten Tag mit einem 2. Platz konterte, während Huschke nur 10. wurde und damit hatte Hans Ludwig das bessere Ende für sich. Erich Aberger, ebenfalls ein Star seiner Zeit und großer Gegner Ludwigs, konnte auch zwei Etappen gewinnen, schaffte es aber trotzdem nur auf den 5. Gesamtrang. Hans Ludwig beendete 1914 seine aktive Radsportkarriere. Danach betätigte er sich unter anderem als Erfinder. Auch nicht das Schlechteste.

Dies war sie. Die allererste Deutschland Rundfahrt. Ich will cycling4fans „Danke“ sagen, die den Großteil dieser Informationen geliefert haben. Nicht nur dafür, sondern auch dafür, dass sie die Geschichte des Radsports und von uns allen vor dem alten Feind „Vergessen“ bewahren.