Der kritische Geist

Ok. Als Kind dachte ich ganz lange, dass die Welt früher schwarz – weiß war. Das war für mich total klar, denn ich konnte es auf Bildern von früher ja mit meinen eigenen Augen sehen. Ich hab noch nicht mal jemand fragen müssen oder darüber gesprochen, so logisch war das für mich. Es war eine Tatsache des Lebens. Dann kam es, wie es kommen musste, so wie es dem Weihnachstmann, der Zahnfee oder Peter Pan unausweichlich auch irgendwann ergeht – eines Tages  wurde zumindest der Versuch unternommen, meinen Glaube zu zerstören, meine kindliche Weltordnung in Bezug auf Realität auf den Kopf und mich als Dummkopf bloß zu stellen.

Natürlich hab ich, wie jedes gewitzte Kind, erstmal so getan als hätte ich das eh schon die ganze Zeit gewußt und das eh nie wirklich geglaubt (als ob das schon einmal irgendwann geklappt hätte). Und natürlich hab ich dann auch so getan, als würde ich glauben, was die anderen sagen: Dass die Welt früher genau so aussah wie meine Welt heute. In Wahrheit hat es aber Jahre gebraucht, bis ich mich soweit damit abfinden konnte, dass ich mich zumindest nicht mehr aktiv gegen die Idee sträube, dass die Welt früher auch in Farbe war.

Ich glaube, das ist einfach wie mein Gehirn funktioniert und finde das ganz faszinierend: Ich sehe doch mit meinen eigenen Augen ein schwarz-weißes Bild – dann kann das, was ich sehe doch nicht falsch sein. Und obwohl mein vernünftiger Erwachsenenverstand mir natürlich erzählen will, dass das technische Hintergründe hat und dass das Photo kein Abbild der Realität ist, mein instinktiver Verstand, der die Dinge verarbeitet und abklopft auf Falltüren, Wahrscheinlichkeit, Wahrheitsgehalt etc., kann das einfach nicht glauben. Denn ein Photo ist eine Kopie und die zeigt doch immer ein Abbild der Realität, oder?

Also gibt es einen Bereich in mir, der sich weder durch mein praktisches Wissen, noch durch mein Verständnis der Situation beeinflussen oder steuern lässt. Es fühlt sich an, als wäre dieser Bereich ganz eng mit mir, direkt mit meinem intuitiven, instinktiven Wissen verknüpft. Mich würde interessieren: Habt Ihr auch Sachen, die Ihr, obwohl Ihr wisst, wie sie funktionieren, irgendwie nicht richtig glauben könnt? Nehmt zum Beispiel diese Zaubertricks, die mit Spiegeln arbeiten: Ich bekomme das Prinzip erklärt, ich verstehe das auch, bin ja nicht blöd und TROTZDEM kann ich das nur halbwegs glauben. Meine andere Hälfte hält sich lieber noch ein Hintertürchen offen, nur für den Fall, dass es doch Magie gibt.

So müssen sich Leute fühlen, die bei einem Flugzeugabsturz in den Bergen überlebt haben und dort abgeschnitten von der Welt eine Kolonie gegründet und 80 Jahre für sich gelebt haben und plötzlich kommen irgendwelche Touries und überrrollen sie mit Fortschritt. Auch wenn man ihnen zehnmal erklärt, dass in einem Handy keine kleinen, sprechenden Männchen drin sitzen und man das Telefon sogar aufschraubt und ihnen das Innere zeigt, trauen sie dem Braten einfach nicht. Weil es ja auch Blödsinn ist: Als ob man mit Drähten und Batterien Stimmen erzeugen kann! Da ist es tatsächlich viel wahrscheinlicher, dass die kleinen Männchen sich unsichtbar machen können. Genau so fühle ich mich.

Skins 032

Ich kann Dinge nicht glauben und vollständig akzeptieren, nur weil mir einer sagt so ist das, so funktioniert das. Ich muss es selbst sehen, verstehen – und erst dann bin ich wirklich bereit sie zu glauben

Ich denke, das ist nicht nur eine perfekte Beschreibung meines Verstands, sondern auch meiner Persönlichkeit: Ich glaube nur, was ich fühle. Was ich verstehe, was mir logisch und richtig erscheint und mich kann man einfach nicht gegen meinen Willen überzeugen. Wobei ich auf der anderen Seite tatsächlich und kinderleicht zu überzeugen bin, wenn mir was wirklich logisch und richtig erscheint. Lehrer, die mir Sachen erklärt haben, so dass ich sie verstanden habe, haben glänzende Noten von mir bekomnen. Wie ein Schwamm hab ich alles, was sie mir erklärt haben gierig aufgesogen. Das waren meine Helden, denn ich liebe Wissen. Nicht um damit irgendwas zu machen, nein, nur um des Wissens willen. Wenn Dinge einen Sinn ergeben, richtig sind, haben sie eine folgerichtige Eleganz, die mich glücklich macht. Kann das schwer erklären: Wenn eine physikalische Formel sich als richtig und belegbar herausstellt, ist das so wie ein perfekter Kreis: Befriedigend, eine runde Sache, folgerichtig und makellos. Lehrer, die jedoch nur verlangt haben, dass man das, was im Buch und an der Tafel steht auswendig lernt und dann runterleiert, egal, ob man’s versteht oder nicht, haben von mir nichts bekommen. Wirklich gar nix. Außer schlechte Klassenarbeiten.

Ich hab bis zu diesem Moment noch nie darüber nachgedacht, aber ich bin wohl, was man einen kritischen, rebellischen Geist nennt. Das finde ich schön

Mein Hirn funktioniert eben auf eine sehr eigene Art und Weise:

  • Ich hab zum Beispiel kein räumliches Vorstellungsvermögen, wirklich gar keines, das ist einfach nicht da –> aber ich kann sehr wohl in räumlicher Relation denken, was ja letzten Endes auch eine Form des räumlichen Denkens ist
  • Geographie ist für mich ungreifbar, wie eine fremde Sprache, mein Gehirn kann das nicht verarbeiten –> ich hab aber einen guten Orientierungssinn

Ich finde es ganz spannend, dass mein Verstand und Hirn mir so klar sagen, was sie können, was sie glauben und was nicht. Vor allem, wenn man bedenkt, wie brutal und lieblos wir im Alltag den Intellekt und Wissensstand von Menschen beurteilen: Entweder jemand ist

klug oder dumm

gebildet oder ungebildet

Um kurz abzuschweifen: Die Welt wäre ein so viel coolerer und besserer Ort, wenn wir einfach prinzipiell mit dieser bescheuerten, blöden Verurteilerei und Beurteilerei aufhören würden. Oder zumindest jedes zweite Mal, wenn wir merken, dass wir drauf und dran sind den billigen Weg des Verurteilens zu gehen, bewußt darauf verzichten. Ich glaub, ich versuch das für die nächste Woche. Vielleicht wollt Ihr ja auch mitmachen.

Zurück zu den Bildern in schwarz – weiß. Wenn ich also ganz, ganz ehrlich bin, hat sich selbst heute, tief in den verwinkelten, verschachtelten Windungen meines Gehirns und Herzens, nichts geändert – ein tief verbuddelter Teil von mir hat immer noch seine Zweifel, kann es immer noch nicht recht glauben und wartet nur darauf, dass der – zugegebenermaßen groß angelegte – Schwindel auffliegt und die Welt zugeben muss, dass sie erst farbig geworden ist, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe.

Der WskS Blog wünscht Euch ein tolles, sonniges und erholsames Wochenende. Habt Spaß!

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. schlingsite sagt:

    Man muß nicht alles glauben, was man fühlt.

    Gefällt mir

    1. Hab ich noch nie drüber nachgedacht. Ich könnte mir vorstellen, dass das für manche Menschen durchaus gangbar ist oder zutrifft. Wir sind ja alle allein schon rein physisch anders gestrickt, was zum Beispiel unser Gehirn anbelangt oder unsere Biochemie (weiß nicht, wie das genau heißt). Ich hab tatsächlich viele Jahre gebraucht, um rauszufinden, dass ich wirklich in echt kein räumliches Denken hab. Also denke ich, dass für manche Menschen die Verknüpfung zwischen Denken, Fühlen, Handeln natürlich eine andere ist, als bei mir,

      Für mich persönlich ist das aber nicht gangbar, das, was ich fühle nicht zu glauben. Das, was ich fühle ist für mich das Seil, an dem entlang ich mich im Leben entlangtaste und -hangle. Meine Gefühle sind gleichzusetzen mit mir selbst. Wenn ich also nicht alles glaube, was ich fühle, glaube ich mir selbst nicht.

      Ich vertrau auf meine Gefühle und dass sie immer einen Grund, eine Ursache haben und dass sie letztendlich, auch wenn das schmalzig klingt, mein Freund sind und bis jetzt waren sie das immer. Das heißt nicht, dass alles, was man fühlt für immer Gültigkeit hat oder auch nur richtig ist. Aber das liegt ja an uns das zu akzeptieren: Wenn ich beschließe meinen Gefühlen zu vertrauen und zu folgen, dann muss ich auch wissen, dass ich oft in Einbahnstraßen renne und dass es möglich ist, dass ich zehnmal im Kreis rumlaufe und kann mich nicht darüber beklagen. Alles eine Frage dessen, was einem wichtig oder wertvoll ist und was man bereit ist zu akzeptieren. Ich glaube daran, dass man aus allem was lernen kann. Also auch aus zehnmal im Kreis laufen. Und wenn es nur ist, dass ich das nächste Mal dann weiß wo der Hase langläuft und nur noch neunmal im Kreis rumrenne.

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