Modern Times oder die erstarrte Welt

Ok. Ich muss mal kurz über was schreiben, was mir im Kopf herumklimpert. Dazu muss ich erst eine meiner „Eigenheiten“ nein, ist keine Eigenheit und schon gar nicht in Anführungszeichen. Ich fang nochmal an. Ok. Ich muss mal kurz über was schreiben, was mir im Kopf herumklimpert. Gleichzeitig muss ich eine Warnung aussprechen, dass ich heute etwas überzwerch bin und die Albernheit nach und nach um sich greift und es schafft immer mehr Wörter in Beschlag zu nehmen bevor ich sie erreichen und in Sicherheit bringen kann. Ok, jetzt geht es in echt los:

Um das Herumklimpernde zu verstehen, müsst Ihr wissen, dass ich meistens mit Musik auf den Ohren in die Welt rausgeh. Nun gibt die Seite hier im Blog „HipHop saved my life“ zaghafte Hinweise darauf, dass diese Musik HipHop sein könnte. Und nachdem die Welt schon jahrelang darüber gerätselt hat und die Spekulationen schon in’s Kraut geschossen sind (gibt’s das? In’s Kraut geschossene Spekulationen? Klingt irgendwie falsch. Wenn Ihr wisst, was ich meine, helft mir aus und sagt es mir. Oder ist da Hopfen und Malz bereits verloren? Warum in’s Kraut und vor allem IN WELCHES??? Sauer oder Rüben?) kann ich das hier auch öffentlich bestätigen: Ja, es ist wahr! Es handelt sich um HipHop.

Jahrelang hab ich wie alle anderen krampfhaft meinen Kopf am Nicken, meinen Fuß am Wippen und meine Hände am Trommeln gehindert, sobald ich die Haustür durchschritten hatte „macht man doch nicht in der Öffentlichkeit! Was denken denn die anderen von Dir!“. Der Sinn des Ganzen hatte sich mir nie erschlossen, weil wir doch das ganze Zeug (Kopfhörer, Gerät) mit uns schleppen, um Musik zu hören, während wir unterwegs sind. Und zum Musik hören gehört ja auch das Fühlen der Musik. Dass sie was mit uns macht. Dazu gehört auch das Kopfnicken und Fuß wippen. Musik bewegt uns innerlich und äußerlich, aber in dem Moment, wo wir unsere schützenden 4 Wände hinter uns lassen, setzen wir eine steinerne Miene auf, selbst wenn es in unserem Ohr heißt „Beweg Dich, das Leben ist geil, sei glücklich (oder so)“ und unser Herz in Wahrheit einen doppelten Purzelbaum schlägt – nach außenhin sehen wir aus, als würden wir gerade die Nachrichten in der Tagesschau vorlesen.

Wie es nun mal in meiner Natur liegt, je mehr ich darüber nachdachte, desto aufmüpfiger – oder wenn man es positiv und romantisch sagen will: desto rebellischer – bin ich geworden.image Dann hab ich angefangen in unbeobachteten Momenten mit dem Fuß zu wippen. Das hat ganz gut geklappt und niemand schien Notiz davon zu nehmen. Also bin ich etwas mutiger geworden und hab, wenn ich alleine im Abteil oder an der U-Bahnstation war, vorsichtig mit dem Kopf genickt. Im Takt zur Musik meine ich. Ihr könnt Euch vorstellen, das das zu einigen Fast-erwischt-Puh!-nochmal gut gegangen-Momenten geführt hat. Eine weitere Maßnahme in diesem Guerillakrieg für die Bewegung war, dass ich, anstatt kleine, verschämte Kopfhörer, nun große, für jeden sichtbare Kopfhörer benutzt hab. Nach dem Motto „Nein, ich bin nicht komisch, beweg mich nicht zu Musik in meinem Kopf, schau –> Kopfhörer. Beweg mich zu Musik in meinem Ohr“, auch wenn das Ohr strenggenommen am Kopf ist, machte es das, zumindest in meinem Kopf, etwas besser.

Ihr seht die Zeichen sicher schon an der Wand: Es kam, wie es kommen musste, angestachelt durch meine kleinen Siege, im Hochgefühl der Bewegung und im Rausch, dass ich praktisch Bewegungsfreiheit geklaut hab, wo eigentlich keine ist, hab ich nach und nach jegliche zivilisierte Hemmung verloren, bis hin zum Heute, wo ich mit dem Fuß wippe, mit dem Kopf nicke und mit den Fingern trommele, wo ich will und wann ich will. Ich geh sogar noch einen Schritt weiter und rede mir ein, dass das was Gutes für die Gesellschaft ist, weil ich Kindern und Jugendlichen zeige, dass man auch anders sein kann.

Nachdem ich Euch also erzählt habe, wie ich mich auf Bahnsteigen verhalte, können wir den Bogen wieder ganz zurück zum Anfang machen und zum herumklimpernden Etwas kommen: Auf Bahnsteigen wird mir immer am deutlichsten, wie merkwürdig obskur unsere moderne Zeit ist. Es ist doch total absurd, dass wir täglich mit hunderten von Menschen, die wir überhaupt nicht kennen, ein Vehikel teilen und von einem Punkt zum anderen gekarrt werden. Wir steigen doch auch sonst nicht mit jedem x-beliebigen Fremden in einen Wagen, aber in der Bahn machen wir das mit hunderten. Das erscheint mir ganz komisch. Und dies wird am deutlichsten für mich beim Warten auf den Zug auf dem Bahnsteig: Die Menschen kommen da an und gehen, bis sie ein Stückchen Welt finden, wo niemand anderer steht und ein bisschen Luft, in die noch kein anderer starrt. Die Menschen stehen zwar gemeinsam auf dem Bahnsteig und machen sogar noch dasselbe, mehr Gemeinschaft geht also gar nicht, aber trotzdem tut jeder so, als wäre er ganz alleine und guckt noch nicht mal die Mitaufdembahnsteigstehenden an. Ja, jeder tut so, als würde niemand außer ihnen auf diesem Bahnsteig existieren. Ich stell mir dann oft vor, wie das für einen Vogel oder für jemanden aussehen muss, der im Flugzeug vorbeifliegt und von außen und oben auf uns herabschaut: Lauter versteinerte, starre Gestalten und irgendwo mitten drin ich, mich in meiner Musikwelt bewegend.

Wenn ich dann zwischen all diesen bewegungslosen, erstarrten Gestalten stehe und die Musik fühle, den Kopf zu ihr bewege, fühle wie das Leben durch mich pulsiert und aus mir heraus strahlt, komme ich mir oft vor, wie das einzige lebendige, sich bewegende Objekt in diesem kleinen Stück Welt. 

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. z3itl0s sagt:

    Ach weisste, manchmal machen wir uns fürwahr einfach viel zu viele Gedanken darüber was andere über uns denken. Wenn es uns Freude macht mit dem Kopf zu nicken, mit dem Fuss zu wippen und mit dem Finger zu trommeln, dann sollten wir das einfach tun. Und selbst wenn unsere „portionierten Weggefährten“, wie ich die Mitaufdembahnsteigstehenden gerne nenne, sich daran stören… gar ihre eigenen seltsamen Meinungen dazu pflegen, kann es uns im Grunde Jacke wie Hose sein 🙂 Das ist ja das gute an fremden Menschen. In der Regel bleiben sie fremd und wir müssen sie nie wieder sehen. Und wer weiss, vielleicht setzt Du ja Fusswippend und Kopfnickend einen Trend und man sieht zukünftig weitere Rebellen, die es Dir nur zu gerne gleichtun!

    Liebe Grüsse
    Z3itl0s

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    1. Das ist ein schöner Kommentar, danke! Ich sag mir zwar immer (wie jeder): Das sind Fremde, die siehst Du nie wieder, also mach Dir keinen Kopf. Aber natürlich spielt es doch irgendwie eine Rolle und es ist ein ewiger Kampf, der hin und her wogt, um mir Freiheit (zurück) zu erobern. Portionierte Weggefährten gefällt mir! Jacke wie Hose ist mir natürlich auch nicht entgangen. Irgendwann, wenn ich genug Zeit (und vor allem Geduld!) habe, sammle ich mal Sprichworte und Ihre Ursprünge und will mal schauen, wie schnell Sprichworte verloren gehen und neue sie ersetzen, die sich in unsere heutige Zeit einpassen und so. Lieben Gruß zurück und dazu ein schönes, sonniges Wochenende

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  2. z3itl0s sagt:

    Die Frage ist halt, ob dein Umfeld dies tatsächlich so registriert wie man es insgeheim von ihm erwartet. Die meisten stecken doch so sehr in ihrer eigenen kleinen Welt fest, dass sie ihr Umfeld gar nicht so wahrnehmen. Und von denen, die es wahrnehmen, stört sich vermutlich nur ein minimaler Teil daran. Aber ich weiss was du meinst! Es braucht eben einfach Überwindung vom gekannten Norm abzuweichen. Man befindet sich da schliesslich auch in einer gewissen Wohlfühlzone 🙂

    Beim Sammeln von Sprichworten bin ich jedenfalls dabei *g* Auch da kommt, denke ich, etwas Spannendes raus.

    Somit wünsche ich Dir ebenfalls einen schönen Abend und ein entspanntes Weekend.

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