Ok. Ich bin ja ein rasanter Sportgucker. Gib mir Sport und ich bin glücklich. Wie ein Baby mit einem Schnulli. Schon immer. Ich kann stundenlang kleine Männchen anschauen, die auf Motorrädern im Kreis hin und her flitzen. Oder sitze so gespannt da, als würde ich gerade der Erstbegehung des Mars beiwohnen, während vermummte Gestalten das gleiche auf Kufen und Eis tun (rumflitzen meine ich). Sport und ich sind dicke Kumpels, schon seit Jahren.

Zum Glück für mich und meine Umwelt muss ich mich dabei nicht so ereifern wie viele andere. Klar rege ich mich auf, das ist dann aber nur in dem Moment und dann isses auch wieder gut. Außer, wenn es um Radsport geht. Da kann ich Gefühle entwickeln – Halleluja, Leute! Ich hätte nie gedacht, dass ich in der Lage bin mit solch tiefem Abscheu und solch kaltem, unnachgiebigem Zorn zu hassen. Klar, bin auch im realen Leben mal genervt, verzweifelt oder auch mal sauwütend. Oder ich ziehe bewußt eine Grenze, bis zu der ich Verständnis habe und darüber hinaus nicht, aber das ist nix, nicht mal ein Pixelchen, im Vergleich zu dem Hass, den ich für bestimmte Leute im Radsport empfinde. Das ist eine Welle von Gefühlen, die da über mich schwappt und mich schier erstickt. Dabei hab ich auch gemerkt – und das war eine ganz merkwürdig berührende Erfahrung – dass Abscheu tatsächlich tief ist.

Wenn Ihr schon mal echten Abscheu empfunden habt, dann wisst Ihr, der ist nicht hoch oder lang oder breit – der ist tief. Abgrundtief. Ich finde das Wort schon so real. Es ist eines der Wörter, die aussehen, wie sie heißen, das macht mich immer glücklich. Als hätte ich eine schöne, besondere Murmel gefunden. Abscheu geht jedoch noch einen Schritt weiter als die meisten Wörter, die innen und außen gleich sind. Da Abscheu auf eu endet, stürzt das Wort auch in echt ab, zieht irgendwie einen Absturz als Konsequenz hinter sich her. Zudem finde ich faszinierend, dass Abscheu kein Geschlecht hat und dadurch universell menschlich ist. Oder besser gesagt: Abscheu hat beide Geschlechter und dadurch eben keines. Ich glaube, das ist ziemlich selten.

Abscheu schaut aus und fühlt sich so abgehackt an, wie tatsächlich vor einem Abgrund zu stehen, die Fußspitzen schon fast über der Kante. Ich liebe das. Solche realen Worte, die ihre Aufgabe ernst nehmen und nicht nur leere Hülsen sind und ihre Schlüssigkeit, ihre logische Formvollendung machen mich glücklich. In echt.

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Es berührt mich ganz komisch, dass ein Gefühl tatsächlich eine Richtung haben kann und dass andere Menschen das auch schon so empfunden haben, lange, bevor ich geboren wurde. Wenn man sich vorstellt, dass ein Mensch vor 100 Jahren das gleiche gefühlt hat, wie ich, ist es ein ganz merkwürdiges Gefühl sich einzuordnen in den Zeitstrahl. Schön. Aber auch mühselig. Plötzlich bin ich nicht mehr frei schwebend, allein für mich verantwortlich, sondern gehöre in eine lange Kette von Menschen, Gefühlen, Gewohnheiten, die auf mir lasten und mich niederdrücken.

Abscheu muss sich von Anfang an für alle Menschen tief angefühlt haben, nach unten gehend, sonst würde es ja nicht heißen “Abgrundtiefe Abscheu”, sondern vielleicht ellenlange Abscheu oder berghohe Abscheu. Ich glaube, dass liegt daran, weil dieses Gefühl wirklich bodenlos ist. Und der Boden ist unten und deswegen ist das ein Gefühl, was sich tief anfühlt. Zumindest denk ich mir, dass diese Begrifflichkeit instinktiv so entstanden ist. Praktisch eine genaue, phonetische (heißt das phonetisch, was ich meine?) Übersetzung des Gefühls in eine Beschreibung.

Abscheu heißt auch, dass keinerlei Raum für Verständnis oder Toleranz da ist, was relativ (oder definitiv) selten ist. Denn normalerweise neigen wir dazu uns ein Schlupfloch zu lassen. Uns zumindest die Möglichkeit offen zu halten, die Zugbrücke wieder runterlassen zu können. Aber nicht bei Abscheu.

Abscheu verschliesst jede Tür, reisst jede Brücke total nieder

Dabei ist Abscheu kein Hass. Zumindest glaube ich das nicht, auch wenn ich noch nicht genau definieren kann, wo die Grenzen liegen. Da muss ich noch bissle drüber nachdenken. Abscheu hat Elemente des Hasses, aber es ist weniger persönlich, mehr gesellschaftlich, moralisch? Schwierige Frage. Es muss einen Unterschied geben zwischen Hass und Abscheu, wir haben zwei Wörter und auch zwei unterschiedliche Gefühle dafür. Wenn ich die Augen schließe und versuche mir die beiden Gefühle vorzustellen, dann denke ich, Abscheu ist vielleicht eine erweiterte Form des Hasses, praktisch die nächste Stufe. Um Abscheu zu fühlen, muss man zuerst den Hass durchlaufen haben.

Was meint Ihr?