140 Zeichen kosten nix – Twitter & Co.

Im Chat – ein Stück mit Subtext

Ok. Für meine Radsportsachen hab ich einen Twitteracount, weil das im Radsport der einzige Weg ist, um informiert zu bleiben. Das liegt unter anderem daran, dass der Radsport über die ganze Welt hinweg verteilt ist. Nu hab ich damit ein Problem: Ich glaub nicht an Twitter.

Gut, eigentlich ist es ja kein Problem, weil ich ja nicht dran glaube.

Zumindest nicht privat. Für’s berufliche oder fachliche finde ich es ok. Ähnlich geht es mir mit dem Chatten, aber man kann sich dem kaum entziehen. Anstatt lang zu beschreiben, warum ich nicht an Twitter glaube, nehme ich Euch mit in’s Innere des Ganzen. Tief in’s Innere. Wir hören zu, wie zwei Personen miteinander chatten und lesen zudem noch das, was sie dabei denken. Ich glaube, das zeigt ganz deutlich, warum ich nicht daran glaube:

140 Zeichen kosten einen nix, ein Lächeln kostet ein Lächeln

A: Hey, wie geht es Dir?
Subtext: Wo ist denn mein Kreuzworträtsel? Muss ja irgendwie mein Gehirn beschäftigen, wenn ich mit der Trulla chatte

B: Hey, alles gut. Und bei Dir?
Subtext: Was will denn die? Die meldet sich doch sonst auch nie bei mir? Zum Glück muss ich die mit ihrem komischen blaulila Lippenstift nicht sehen, die kommt sich so cool vor…wo ist denn jetzt der Nagellackentferner

A: Ja, viel Arbeit, aber in 1 Woche hab ich Urlaub
Subtext: 4 Buchstaben, anderes Wort für Idiot

B: Oh, wie schön! Weg oder hier (fahren, meine ich)
Subtext: Shit, jetzt hab ich mit dem noch feuchten Nagellack in’s Haar gefasst, NEIN! Alle 5 Finger sind futsch. Jetzt kann ich wieder ganz von vorne anfangen.Das ist doch zum Kotzen!

A: Wir fahren nach Kuala Lumpur und machen dann da verschiedene Touren
Subtext: Hätt ich mir auch sparen können, die B weiß sicher nicht mal, was Malaysia ist, denkt sicher das ist ’ne neue Eissorte! Ha, das ist gut, muss ich mir merken und nachher C erzählen

B: Ah, schön! Sonst alles ok, Gesundheit, Familie?
Subtext: Aaaah, das dauert ja ewig, mit dem Trocknen…ich frag mich, was A will…Vielleicht hat sie sich ja doch einfach so gemeldet? Weiß nicht, ob ich das gut finden soll, eigentlich will ich mit der nix zu tun haben…wo ist denn Kuala Lumpur???

A: Ja, mein Mann hatte gerade die Grippe, aber jetzt ist es zum Glück vorbei
Subtext: oh, jetzt ist es schon 20 vor 7, muss das Ganze beschleunigen, sonst verpasse ich noch meine Serie!

B: Da könnt Ihr ja froh sein, dass er gesund ist, wenn jetzt der Urlaub ansteht!
Subtext: oh, jetzt ist es schon viertel vor 7, die wird doch ’nen Grund haben sich so aus dem Nix zu melden! Mach schon, sonst verpasse ich noch meine Serie!

A: Ja! Und bei Dir? Auch alles ok?
Subtext: Als würde mich das interessieren, blöde Kuh!

B: Ja, viel zu tun, weisst ja, wie es ist
Subtext: als würde ich Dir was erzählen, blöde Kuh!

A: Du, ich hab gehört, ihr kriegt einen neuen Chef. Ist da was dran?
Subtext:

B: Ja, hast Du richtig gehört, haben wir vorher mitgeteilt bekommen
Subtext: Oh, alles klar, daher weht der Wind. Die alte Schwätzerin. War ja klar, dass die sich nur meldet, wenn sie was will

A: Und der kommt aus XYStadt? Ist der ganz neu oder hat der das schon mal gemacht?
Subtext:

B: Du, ich weiß auch nicht mehr, ich bin ja heute erst wieder den ersten Tag da und hab das vorher auch ganz frisch erst gehört
Subtext:einen Scheiß werd ich Dir erzählen! Mann, regt mich das jetzt auf!

A: Ah, ok. Du, dann will ich Dich gar nicht weiter stören. War schön mit Dir zu schreiben!
Subtext: Mist, das hätte ich mir auch sparen können – wen kenn ich denn noch aus der Abteilung, lass mal überlegen – oh, schon 7 Uhr, jetzt muss ich erstmal meine Serie gucken

B: Ja, finde ich auch!
Subtext: Hoffentlich meldest Du Doch nie wieder, Du blöde Zicke! Zum Glück ist es jetzt 7 Uhr, dann kann ich jetzt erstmal meine Serie schauen und mich dabei abregen. Ich hasse solche Leute!!!

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. z3itl0s sagt:

    Ja, ich glaube dieser Prolog trifft es ganz gut. Da fragt man sich aber, aus welchen Gründen diese Art von Konversation mehr und mehr an der Tagesordnung steht? Die Kehrseite davon ist allerdings, dass Menschen wie ich ein gepflegtes, verbales Gespräch mehr denn je zu schätzen wissen.

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    1. Ich glaub es liegt u.a.daran, dass Twitter/Chat sowas wie eine Schutzmauer sind:Zwischenmenschliches ohne sich einlassen zu müssen. Bequem. Und dann schau mal, wie fordernd unser heutiges Leben ist – viele haben vllcht gar nicht mehr die Kraft für mehr. Sich so richtig unterhalten heißt Zeit, Gefühle, Empathie investieren und real in Echtzeit auf andere zu reagieren, ihre Körpersprache etc. Das ist ev einfach zu viel für manche? Stimme Dir voll und ganz zu: sich wirklich auszutauschen ist so schön und so wichtig! Ich frag mich, ob wir als Gesellschaft jemals wieder einholen/aufholen können, was durch Twitter & Co verloren geht? Bezweifle das. Denk nur z.B. mal an die ganzen Facetten der Sprache, die nach und nach untergehen, weil sie nicht gepflegt werden. Als ich für den Radsport auf Twitter gegangen bin, ist mir das Ausmaß der Scheinwelt, die da teilweise existiert erst richtig bewusst geworden. Das ist wie eine Gesellschaft in der Gesellschaft, ganz merkwürdig.

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