Ok. Ich bin kompliziert. Sagt man mir. Für mich selber bin ich die einfachste, geradeste Straße der Welt, die folgerichtig von A nach B führt. Alles, was ich sage, meine ich auch genau so. Aber anscheinend ist gerade das für die Welt verquer und mein A und B ist für die Welt eine 9 und ein Q. Wir sprechen nicht die selbe Sprache, die Welt und ich. Oder wir sprechen doch die selbe Sprache, die Welt und ich, nur die Bedeutung der Wörter ist eine andere. An manchen Tagen macht mich das traurig, an anderen zornig, an einigen Tagen muss ich drüber lachen und manchmal lässt es mich so kalt, als wäre ich schon lang kein Teil von irgendwas mehr. Heute macht es mich traurig.

Ich bin kompliziert. Das lassen andere mich fühlen. Und dadurch fühle ich es auch: Ich bin kompliziert. Ich bin unwillig, hab die falsche Form. Mich zu bändigen, mich von etwas abzubringen ist mit den Naturkräften zu kämpfen. Eine geheimnisvolle Macht zieht, drängt mich in eine Richtung und nichts kann mich stoppen oder davon abbringen. Nicht mal ich selbst. Heimlich muss ich jetzt lächeln, nachdem ich das geschrieben hab: Ich liebe das. Ich weiß, ich sollte es nicht. Kann es aber nicht ändern. Ich brenne alles nieder, überrenne, bin zuviel, zu komplex. Darum hab ich mich irgendwann so reduziert, dass ich nicht Raum für 9 Menschen einnehme, wenn mir doch nur  1 Stellplatz gehört oder zugestanden wird. Aber wie Holz dehne ich mich aus und zieh mich zusammen mit der Temperatur. Atme und lebe. Und wenn ich mich ausdehne, breche ich aus meinem Platz heraus, bis jemand mich in den Magen boxt und ich mich schnell wieder zusammenziehe.

Andererseits bin ich widerstandslos, wie ein totes Stück Holz, wenn ich uninteressiert bin. Noch nicht mal ein höfliches Lächeln fällt von meinem Gesicht. Ich bin nicht freundlich und ich mag keine Menschen. Per se. Ich kann schon freundlich sein und auch Menschen mögen. Aber das ist bei mir nicht als Grundstellung eingebaut, wie es bei den meisten anderen zu sein scheint. Und doch bin ich so warmes, weiches Herz und so herzliche, strahlende Wärme und Hilfsbereitschaft, wenn ich was fühle.


Ich bin kompliziert. Was heißt das schon? Scheiß drauf. Mit jeder Wiederholung werde ich zorniger und rebellischer. Das hat nix mit mir zu tun. Kompliziert im Vergleich zu was? Im Vergleich zum Milchmädchen? Vielleicht. Im Vergleich zu einem Labyrinth? Vielleicht nicht. Ich wehre mich verzweifelt dagegen kategorisiert, eingestuft und kontrolliert zu werden. Als würde mein Leben davon abhängen.

Wer weiß, vielleicht tut es das auch? Leben ist ja nicht nur das physische und physikalische lebendig sein, es ist ja auch das emotionale, psychische Existieren. Und deshalb geht es tatsächlich um mein Leben. Wenn Menschen mir nicht nur das Recht absprechen so zu sein, wie es mich glücklich macht, sondern mich deswegen instinktiv auch verletzen müssen, weil man das „Andere“ eben verletzen muss, um die Mehrheit zu schützen, wenn sie mich einsperren in eine Box, dann drücken sie mir ein Kissen auf’s Gesicht und ersticken mich. Hier stoppe ich kurz um nachzudenken, ob man vielleicht tatsächlich sterben kann, wenn die Seele erstickt. Ich meine: In echt? So wie in den Romanen aus dem 19. Jahrhundert, in denen Menschen an gebrochenen Herzen gestorben sind?

In meinem Kopf läuft nun folgender Film ab: Szene beim Bestatter: „So, was haben wir denn hier. Ah ja. Todesursache – war zu kompliziert, musste sich vereinfachen und ist dann an ersticktem Herzen gestorben. Ach, traurig, traurig. Ist schon Nummer 9 heute. Und alle so gesund…“. Versöhnliches Ende, nun muss ich lachen.

Ich denke inzwischen ist es für jeden offensichtlich – nein, bin nicht kompliziert. Nur ich selbst.