Der Scherbenhaufen unserer Gesellschaft

Ok. In den letzten Jahren hab ich immer mehr das Gefühl, dass die Welt immer verrückter wird. Werte, für die jahrhundetelang gekämpft wurde, sind plötzlich wertlos geworden und haben für viele Menschen ihren Glanz verloren.

Der Verlust unserer Menschlichkeit: Ich erkenne mich selbst in uns nicht wieder
Warum ist das so? Obwohl wir heute alle frei aussehen, sind wir es nicht. Die Freiheit des einzelnen und der Wert des einzelnen wird tagtäglich mehr eingeschränkt. Wir werden aufgefressen von der Gesellschaft. Und das, obwohl wir selbst die Gesellschaft sind. Oder sind die anderen die Gesellschaft? Ich kann nur für mich sprechen und ich kann sagen, dass nahezu nichts, was in den letzten Jahren in Deutschland passiert ist, in meinem Namen passiert ist. Ob das nu ein Gesetz ist oder „Holt mich hier raus, ich bin ein Depp“. Und ich denke, das geht der Mehrheit der Menschen so. Unser Leben ist nicht mehr unser Leben. Irgendjemand beschließt irgendwo irgendwas auf eine für uns undurchsichtige Art und Weise, mit einer nicht offen gelegten Motivation und wir müssen uns danach richten. Das betrifft nicht nur Gesetze, das betrifft unsere Arbeitsstellen, unsere Freizeit – unser ganzes Leben ist aus den Fugen geraten. Ist uns entfremdet. Wir und unser Leben, unsere Gesellschaft haben uns auseinander gelebt. Und wohin das führen kann, haben wir grad in Großbritannien gesehen.

Für mich liegt ein Hauptteil der Problematik an der heutigen Arbeitswelt, die inzwischen unser aller Leben bestimmt und dem absoluten Kapitalismus und Darwinismus, den Amerika in die Welt exportiert hat. Zum Beispiel: Wie sollen Menschen sich sicher, wertgeschätzt und frei fühlen, wenn sie, sobald sie die Tür zur Arbeit aufmachen, ihre freie Meinung am Schalter abgeben müssen? Nicht nur, dass diese nicht gefragt ist, meistens ist es sogar so, dass man sie noch nicht mal äußern darf (was irgendwie ein bisschen albern ist, weil das ja nix daran ändert, dass sie trotzdem da ist!). Inzwischen ist es normal zu denken: Die Firma gibt Dir Geld und dafür verkaufst Du Deine Zeit, Deine freie Meinungsäußerung, also praktisch Dich selbst, an die Firma.

Ich seh das aber anders. Für mich ist das ein Vertrag zwischen zwei gleichwertigen Partnern, die beide zusammenarbeiten und sich unterstützen, um zusammen ein Ziel zu erreichen, nämlich gute Arbeit, einen guten Umsatz, ein gutes Produkt oder was auch immer. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich total gern arbeite und warum ich mich nicht so unterdrückt und austauschbar fühle, wie viele andere, mit denen ich gesprochen hab. Ich hab festgestellt, dass viele Menschen keine wirklich klare Vorstellung von ihrem eigenen Wert als Arbeitskraft haben. Mitarbeiter sind zur Wegwerfware geworden: Wenn Du nicht so willst wie wir, 10 andere sind bereit dazu. Aber was bedeutet das denn in Wirklichkeit: Mitarbeiter sind zur Wegwerfware geworden? Es bedeutet: Menschen sind zur Wegwerfware geworden! Wenn Du immer dieses Gefühl hast, kannst Du nicht glücklich sein und kannst auch nie Dein wirkliches Potenzial ausschöpfen. Ich glaube, das ist ungemein schädlich. Für alle Seiten. Auch für die Firmen. Aber vor allem für die Menschen und unsere Gemeinschaft. Weil es ja auch nicht ohne Konsequenzen für den Rest des Lebens bleibt – wir können diese Ohnmacht, dieses Gefühl des Unwert sein, dieses nicht zählen und nicht uns selbst gehören ja nicht ein und ausschalten. Wir nehmen das mit nach Hause.

Wenn man mit den Leuten spricht, gibt es kaum jemand, der mit seinem Arbeitsplatz zufrieden ist. Viele werden krank durch ihre Arbeit, viele haben Angst, fühlen sich unterdrückt und ausgenutzt. Und trotzdem ändern wir nichts daran. Warum?

Warum sind Firmen nicht selbstbewusst genug, dass sie es aushalten können, dass ihre Mitarbeiter keine gefühls- und denkfreien Maschinen sind? Dieses mundtotmachen führt nur dazu, dass die Mitarbeiter frustriert und unglücklich sind, was oft zu psychischen Krankheiten, Mobbing und so weiter führt. Woher kommt diese merkwürdige Idee, dass Kritik üben gleichzusetzen ist mit illoyal sein? In Wahrheit ist es ja genau umgekehrt: Ein Mensch, der Kritik äußert, beschäftigt sich mit der Materie, fühlt was für sie. Genug, um unglücklich zu sein und was ändern zu wollen. Wenn die Firmen wirklich schlau und stark wären, würden sie Kritik und freie Meinung begrüßen, die Mitarbeiter ernstnehmen, einbinden und so tatsächlich ein echtes miteinander schaffen. Und das übersetzt sich automatisch in gesunde, zufriedene Mitarbeiter und gute Arbeit und Umsätze.

Aber leider sehen die meisten Firmen sich nicht in der Pflicht- außer mit Geld – für die Gesellschaft zu sorgen. Das sollen wir Mitarbeiter und Menschen tun. Dass die Atmosphäre bei der Arbeit die Menschen frustriert, unglücklich und krank macht und dies ungeheure Konsequenzen für die Gesellschaft hat, ist ihnen wurscht. Sie sehen es nicht als ihre Aufgabe, dass Mitarbeiter gern bei ihnen arbeiten und zufriedene, glückliche und gesunde Mitglieder der Gesellschaft sind. Es ist wie mit der freien Meinung: Die Firmen zahlen Geld und damit is gut. Damit kaufen sie sich frei von Rücksichtnahme, von Menschlichkeit, von Empathie (es ist ja nur ein Geschäft), genauso wie sie die freie Meinungsäußerung ihrer Mitarbeiter mit Geld kaufen. Uns ist in den letzten Jahrzehnten total das Verständnis dafür abhanden gekommen, dass Geld nicht alles ist. Klar, die Arbeitswelt ist nicht für alles verantwortlich, was uns unglücklich und unfrei macht. Aber doch für vieles. Wir verbringen einen Großteil unseres wachen Lebens bei und mit ihr und das zwischenmenschliche Gefüge dort trägt einen großen Teil zu unserem Wohlbefinden oder unserem Unwohlbefinden bei. 

Ich hab Angst
Ich weiß, ich bin nicht die einzige, die vor der Welt steht, wie vor einem großen Scherbenhaufen, entsetzt, verängstigt und sich fragt, wo das noch hinführt, wie lange das noch so gutgehen kann. Und obwohl ich nicht die einzige bin, wird es immer schlimmer. Wie kann das sein? Schaffen wir es noch die Notbremse zu ziehen? Oder eskaliert es in den nächsten Jahren immer mehr, so dass wir in einer immer unfreieren Gemeinschaft der sofortigen Abrechnung leben? Einer Gemeinschaft aus Angst, Misstrauen, Abgrenzung und Resignation?

Das alles macht mir Angst und ich wünschte, wir alle würden zur Vernunft kommen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Die Irre sagt:

    Du sprichst da ein Thema an, das mich auch seit einiger Zeit beschäftigt – und das ein wichtiger Bestandteil meiner Posts ist. Vorweg: Von Politik habe ich schlichtweg keine Ahnung und will ich auch nicht. Aber ich bin Meinung, dass in der Gesellschaft als System kein Platz für Individuen ist.
    Vergleichen wir das mal mit einer Schwarm Fische. Die sich sicher fühlen wollen, da dies einen hohen Komfort mit sich bringt. Da würde ein einzelner freaky farbiger Fisch die Sicherheit des Systems „bedrohen“, weshalb er nicht anerkannt wird. Dann erhebt sich irgendwo die Meinung, dass jeder ein farbiger Fisch sein kann und plötzlich haben alle unterschiedliche Farben, weil das halt jetzt so sein muss. Die einen sind sehr zufrieden mit ihrer Farbe, die anderen nicht. – Was ich damit sagen will: Ein gesellschaftliches System wird nie für alle funktionieren. Klar, gibt es die Menschen, die diese Sicherheit und Gleichartigkeit mögen. Andere sind lieber Paradiesvögel. Aber dies würde bedeuten, dass jeder in seinem Leben sein eigener Herr sein müsste. Und diese Art von Macht würden die „Obersten“ dieses Gesellschaftssystems doch niemals aufgeben. Weil sie selbst davon abhängig sind und ohne diese Macht sicher nicht wüssten, wer sie selbst eigentlich sind.

    Ist total verwirrend, ich weiß. Kennst du die Dokumentation „Alphabet“? Dort wird sehr gut geschildert, wie sich ein Mensch entwickelt, wenn es nicht dem gesellschaftlichen Zwang von Schule, Bildung und dem ganzen Schmarrn (Leistungsorientierung im Job, etc.) ausgesetzt ist. Seitdem ich diese Doku gesehen habe, denke ich viel mehr über mich und meine Bedürfnisse nach. Und akzeptiere endlich meine Kreativität so, dass ich einen Blog schreibe. Ob der nun bekannt ist oder nicht, ist mir endlich egal. Weil ich damit frei sein kann. 🙂

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    1. Prinzipiell hast Du recht – eine Gesellschaft, in der jeder nur nach sich schaut und nur seinen Weg geht, kann nicht funktionieren. Letztendlich ist eine Gesellschaft ja aber nix anderes, als eine Beziehung. Und jede Beziehung bedeutet Arbeit: Man muss sich bemühen den anderen zu verstehen, ihm Platz einräumen, seine Sichtweise einnehmen und ihn respektieren. Individualität heißt ja nicht, dass für andere kein Platz mehr sein muss. Für manche kann ja Individualität auch bedeuten sich selbst ganz hinten an zu stellen. Aber selbst für die, die sich ganz ausleben wollen, bedeutet das ja nicht, dass das auf Kosten oder ohne Rücksichtnahme sein muss.

      Inzwischen ist unsere eigene Gesellschaft uns so fremd, sie ist so entmenschlicht, dass wir es gar nicht mehr als UNSERE Beziehung mit den anderen in der Gesellschaft wahrnehmen und ganz viele Menschen daher ihre Beziehungsarbeit an der Gesellschaft eingestellt haben. Und somit kann die Gesellschaft nicht mehr homogen funktionieren, weil Beziehung immer nur in einer Gegenseitigkeit existieren kann.

      Deshalb sind so viele Menschen unglücklich, unzufrieden, krank, unausgefüllt, passiv-aggressiv oder nur aggressiv. Alles ist so bedeutungslos geworden:“irgendjemand wird sich schon irgendwo irgendwie darum kümmern.“ Wir wissen gar nicht mehr, wie das alles funktioniert. Kurzum, unsere Gesellschaft ist für viele unlebbar geworden. Sie ist eine Subroutine, die irgendwie läuft, die aber schon gar nicht mehr mit den anderen Programmen interagiert. Sie läuft vor sich hin, aber ohne jegliche reale Funktion oder Interaktion mit uns und hat daher eigentlich ihre Daseinsberechtigung verspielt und müsste neu programmiert und integriert werden.

      Es ist wie dieses alte Experiment, wo man für Kinder sorgt, aber nicht mit ihnen interagiert und dabei rausgefunden hat, dass diese Kinder in ihrer Entwicklung gestört sind etc.. Die Gesellschaft sorgt zwar für uns-es gibt einen Platz für unsere Steuern, jemand baut die Straßen – aber das ist einfach nicht genug. Nicht alles.

      Ich finde das total schön, dass Du sagt, dass schreiben Dich freier macht und dass Du Deine Kreativität annimmst. Manchmal haben wir ein Bild von uns, das uns gar nicht oder nur in Teilen entspricht. Es wird uns oft aufoktroiert von unserer Familie oder Umwelt. Und plötzlich entdeckt man, obwohl man schon ein paar Jahre mit sich lebt, eine ganz neue Seite an sich, traut sich was neues zu. Das ist immer total mirakulös.

      Es kommt ja immer auf Deine Motivation an: Was willst Du, was ist Dir wichtig? Was gibt Dir ein gutes Gefühl, was macht Dich glücklich? Heutzutage ist für viele Masse schon ein Qualitätsmerkmal oder ein Ziel an sich. Und für die, die das wollen – ok, go for it. Ich weiß, dass das, was ich zu sagen habe, nicht massentauglich ist. Oder besser gesagt, dass es so, WIE ich es sagen will, nicht massetauglich ist. Weil Masse nicht mein Bedürfnis ist, sondern, dass ich so verstanden, gesehen werde, wie ich bin, ohne mich zu verstellen, ist das auch nicht schlimm.

      Letztendlich schreibst Du ja für Dich. Aus einem Bedürfnis heraus, weil Du was zu sagen hast. Wenn andere das auch fühlen, ist das toll und wunderbar – aber es ist nicht wichtig, ob das viele oder wenige sind, SOLANGE das für Dich nicht wichtig ist.

      Von der Reportage „Alphabet“ hab ich noch nicht gehört, werd mich mal schlau machen. Danke!

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