die sonne geht auf.
ich schließe die augen.

ich seh grausamkeit um mich herum, wo andere nur alltag sehen.
ich schließe die augen.

zwei menschen, die zueinander sagen „ich liebe dich“.
und dabei nur sich selber meinen.
ich schließe die augen.

ein paar tausend kilometer weiter explodieren bomben.
schüsse fallen.
menschen schreien in todesangst.
ich schließe die augen.

ein paar straßen weiter wird eine frau in einem keller gefangen gehalten und missbraucht.
ich schließe meine augen.

ein paar häuser weiter weint ein kind stumm, während es geschlagen
und ausgelöscht wird.
ich schließe meine augen.

um mich herum leblose erfüllungsgehilfen.
ohne träume und vision. kalt. berechnend.
willfährig dem nächstoberen dienend. bereits verwesend.
ich schließe die augen.

ich steh zwischen all dem.

auf dem letzten kleinen fleckchen gras, das mir geblieben ist.
zu klein, um mich darauf herumzudrehen.
mein lebendiges herz, in meiner hand pulsierend.
flatternd wie ein kleiner, zarter vogel.

nichts von all dem hab ich jemals real gesehen. doch ich weiss, dass es um mich herum passiert.
so wie du es weisst. so wie wir alle es wissen.
wie sollen wir damit leben? all der schmerz. die grausamkeit.
die gewalt, die uns und unsere erde vergiftet. generation um generation.

ich rede mir ein, mein zäher, trotziger kampf ich selber zu sein macht etwas besser.
verändert was. spielt eine rolle. hilft anderen.
aber in wahrheit schließe ich nur meine augen.
ich bin nicht besser als alle anderen.

Ich schäme mich so.
Und schließe meine Augen.