Im freien Fall – eine fiktive Dopinggeschichte

„Ich brauch etwas Zeit, um darüber nachzudenken.“ Er stand auf, schob den Stuhl nach hinten. In das abgewetzte Stuhlbein hatte sich ein Kiesel eingedrückt, der nun über den Betonboden knirschte. Er war froh über das Geräusch. Es gab ihm die Möglichkeit die Blicke, die die anderen ausgetauscht hatten, zu ignorieren. Niemand sagte was. Er spürte ihr Schweigen in seinem Rücken, konnte ihre vor dem Seidenhemd verschränkten Arme fühlen. Er wusste, sie wussten, dass er ein Risiko war. Zu weich. Oder zu hart, je nachdem von welcher Richtung man es betrachtete. Zu weich aus ihrer Sicht, denn er konnte seine Skrupel nicht einfach ablegen. Zu hart aus der anderen Sicht, weil er zu standhaft war. Er war einer von denen, die „eigentlich zu intelligent für den Sport waren“. Er hatte aufgehört darüber nachzudenken, was das wohl heißt. Ändert eh nix: Er war ein Risiko, für sie und für sich selbst. Was würden sie tun?

Das helle Tageslicht brannte in seinen Augen nach dem Dämmerlicht in der Verladehalle. Er knallte seine Autotür zu und rammte die Schlüssel ins Schlüsselloch. Fuhr ein paar Straßen weiter. Ein Wohngebiet. Eine ältere Dame lief an seinem Auto vorbei und schaute neugierig das teure Auto an, das nicht wirklich hierhin passte. So wie er, war es zu. Zu grell, zu schnell, zu teuer. Für hier. Woanders war es ein kleiner Fisch. So wie er. Er sah sein Gesicht im Rückspiegel und es war fremd. Er sah gesund aus. Sorgenfrei. Jung und stark. Das Gesicht eines Gewinners. Das war eine der ersten Schlagzeilen über ihn gewesen. Als er angefangen hatte aufzufallen.


Es war dann alles sehr schnell gegangen. Schneller, als vorstellbar. Der Vertrag, das zweifelnde, sorgenvolle Gesicht seiner Mutter, das stolze Gesicht seines Vaters, der nun endlich jemand war. Der erste Streit mit seinem Vater, als der verstanden hatte, dass sich nichts geändert hatte, zumindest nicht zum Guten. Niemand kam, um seine Meinung zu hören. Er hasste es, der „Vater von“ zu sein. Und nun, wo sein Sohn Millionen verdiente, bevor er 20 Jahre alt war, war er noch nicht mal mehr der unumstrittene Herrscher zuhause. Seitdem war ihre Beziehung vergiftet. Alles war anders. Der Vater nagte an an allem herum, suchte bei allem nach dem negativen, dem Schwachpunkt, um es schlecht zu machen in einem verzweifelten Versuch die Oberhand zu behalten. Deshalb konnte er seinen Vater jetzt auch nicht um Hilfe bitten. Sein Erfolg war zwischen sie getreten. Und die Wahrheit war: Er vertraute seinem Vater nicht. Er war sich nicht sicher, ob sein Vater nicht die Chance nutzen würde ihn zu vernichten. Vielleicht nicht absichtlich. Aber im Unterbewußten. Er hatte darüber mit dem Sportpsychologen geredet. Natürlich nicht über diese Situation. Aber generell über das Verhältnis mit seinem Vater. Daher wusste er, dass er nicht der einzige war, dass seine Gefühle normal waren. Er hatte sich zusammenreißen müssen nicht zu grinsen, als der Psychologe ihm das erzählt hatte, so als sei nun alles gut. Der hatte doch keine Ahnung. Er tat so, als wäre 1+1=2. Und vielleicht war das in dessen Leben auch so? In seinem war es das auf jeden Fall nicht. Da konnte 1+1 alles sein, je nachdem wer Teil der Gleichung war. Menschen sahen aus wie Menschen in einem Moment und verwandelten sich in Monster im nächsten. Er wusste das. Er hatte es gesehen.

Was sollte er tun? Es gab keinen Ausweg. Keine Möglichkeit ungeschoren davon zu kommen. Er hatte so viel zu verlieren. Er konnte sich nicht vorstellen irgendwas davon zu verlieren. Es musste einen Weg geben. Einen Ausweg. Es musste…

Eine Krähe hüpfte links von ihm auf einem Bein herum. Sie schien nur eines zu haben. Instinktiv dachte er: „Das arme Vieh.“ Aber irgendwas an dem geneigten Kopf des Vogels, an der Art, wie sie vor und zurück pickte und blinzelte, stoppte das Mitleid. Der Vogel wirkte natürlich. Unbeschwert. Er wünschte sich sein Leben wäre so leicht. Eine Verletzung am Bein hatte er auch gehabt. Zuerst der Schock, aber sie hatten ihn schnell beruhigt, „alles easy“. 3 Wochen Ausfall, aber mit Physiotherapie und guter ärztlicher Betreuung alles kein Problem. Aber es war ein Problem. 5 Wochen waren vergangen und er war immer noch nicht fit. Und plötzlich war nichts mehr „easy“. Es wurden Motivationsgespräche mit ihm geführt, Termine beim Sportpsychologen gemacht, Spezialisten eingeflogen. 9 Wochen waren vergangen und nichts ging vorwärts. Und plötzlich schien alles, was vorher so stabil und freundlich ausgesehen hatte, zu wackeln. Jede seiner Entscheidungen, jeder seiner Schritte wurde beäugt, analysiert und kritisiert. Ging er abends nicht aus, zog er sich zurück. Ging er abends aus, war er unprofessionell. Trainierte er zu lang, war er fahrlässig, trainierte er zu wenig, unmotiviert und tat er genau, was man ihm sagte, zeigte er keine Initiative: „Es ist fast so, als wölltest Du gar nicht wieder einsatzfähig werden!“

Und niemand, dem er sich anvertrauen konnte. Alle um ihn herum waren letztendlich da, weil sie eine Aufgabe zu erfüllen hatten, nicht, weil sie da sein wollten. Und seine alten Freunde? Ja, sie trafen sich und es war ok. Aber sie konnten einfach nicht verstehen, wie es war. Wie groß der Druck war. Dass das selbe Wort in ihrer und seiner Welt unterschiedliche Dinge bedeutete. Im Nachhinein war er reif. Ja, letztendlich war es eine bestimmte Person gewesen, die ihm das Mittel besorgt hatte, aber im Rückblick konnte er klar erkennen, dass, wäre es nicht diese Person gewesen, dann wäre es eine andere gewesen. Er hatte im Internet gelesen, Geschichten gelauscht, mit seinen Ärzten gesprochen, in einem Forum anonym Fragen gestellt und ohne, dass er es bewußt gedacht hatte, war er doch an dem Punkt angekommen, an dem wohl fast jedem klar war, was kommen würde. Außer ihm. Jetzt, im nach innen schauen, konnte er das sehen. Es war alles so schwierig. Und so durcheinandrig. Einfach so falsch. Doper sind böse Leute. Schlechte Leute. Verbrecher, die andere, hart arbeitende bestehlen. So einer war er nicht. Er war ein guter Junge. Und eine einzige Sache, eine einzige Entscheidung ändert das doch nicht, oder? Er machte doch sonst alles richtig, das konnte doch alles plötzlich nicht mehr zählen, nur weil er ein paar Medikamente nahm? Der Schweiß brach ihm aus, ihm wurde heiß und er zitterte. Er zog seine Jacke aus und legte sie sich über den Kopf, zählte und atmete langsam. Sein Puls und Magen beruhigten sich wieder. Dann auch seine Muskeln. Er hasste das. Fühlte sich kaputt. Beschädigt. Fuck!

Zuerst war es wie ein Wunder. Plötzlich hatte er wieder die Kraft im Fuß, die ihm vorher gefehlt hatte. Er konnte länger und schneller rennen und präziser spielen, weil er kaum erschöpft war. In seinem Kopf legte er sich zurecht, dass es nur dieses eine Mal war. Er brauchte nur einen Anschubser, Hilfe um wieder in Fahrt zu kommen. Das war doch nicht schlimm. Er würde weiterhin hart arbeiten, dann würde schon alles gut werden. Als der Einnahmezyklus vorbei war, ging es noch ein paar Tage gut. Dann war da wieder diese komische Gefühllosigkeit und Kälte im Fuß, die Schmerzen nach Belastung. Er hatte zudem das Gefühl schlechter in Form zu sein als vor dem Medikament. Er getraute sich nicht es dem Vereinsarzt zu sagen. Nach dem 4.Anschiss vom Trainer im 3. Morgentraining und der netten Empfehlung kein Weichei zu sein, stand er unter die Dusche, so dass er selbst nicht sah, dass er weinte. Er hatte die genervten Seufzer seiner Kollegen gehört, sie meinten es nicht böse, sie waren auch nur am kämpfen. Wie er auch. Seine Schwäche gefährdete sie. Er konnte das ganze nicht nochmal von vorne ertragen. Jetzt war das Leben grad ein paar Wochen wieder normal gewesen, er konnte es einfach nicht schon wieder ertragen. Es ging einfach nicht. Und inzwischen war auch eine Sache anders. Irgendwie hatten seine Kollegen gesehen, gemerkt oder gehört, dass er was nahm. Und plötzlich war es, als wäre er in einem geheimen Club aufgenommen, den er vorher nie wahrgenommen hatte. Aber nun sah er alles überdeutlich. Sah genau, wem bestimmte Kollegen nie aufmunternd auf den Rücken klopften, sah wie das Gespräch sich entspannte, wenn bestimmte Kollegen den Raum verließen. Nicht, dass sie nicht gemocht oder gemobbt wurden, nein, alles war ok – sie waren eben nur anders als die. „Als wir.“ Verbesserte er sich. Als wir. Wir…

Nun, zumindest musste er nun kein ganz so schlechtes Gewissen mehr haben, dass er „betrügt“, denn außer einigen Frischlingen oder Baldrentnern nahmen die meisten irgendwas. Da gab es die Verrückten, die alles mögliche in allen möglichen Varianten und Stärken ausprobierten, die Vorsichtigen, die durch jede Veränderung um den Schlaf gebracht wurden, die „Hippies“, die immer auf der Jagd nach dem nächsten Wundermittel aus Fernost waren, aber die meisten nahmen einfach brav und solide ihre „Medizin“. Dass das unter Umständen verboten war von irgendwelchen Papierheinis, die keine Ahnung haben, was der Beruf von einem verlangt, was sie tagtäglich geben, wie weit sie gehen? „Die sollten mal eine Woche ihre eigenen Knochen hinhalten und sich die Lunge aus dem Leib kotzen, dann wären die schnell geheilt von ihrer Heiligkeit!“. Natürlich musste man so tun, als wäre das alles wichtig, Antidoping, Fairness und so’n Quatsch. Aber das war für die anderen. „Wir? Wir haben unsere eigene Fairness, unsere eigene Ehre! Die wissen doch gar nicht, was das ist!“ Und schnell war er auch in das „Die“ und „Wir“ verfallen. Man sagt, was die hören wollen, weil die eh nicht verstehen, wie wir leben. Er verstand, dass das nicht Lügen war. Es war nur eine Rolle, eine weiter Anforderung seines Jobs. Und die wollten doch die Wahrheit gar nicht hören. Niemand wollte die Wahrheit. Niemand wollte ernsthaft zuhören, wollte den Spiegel vor’s Gesicht gehalten bekommen. Sie wollten „herzensgute, ehrliche Jungs sehen, die mit dem Herzen spielen, welches sie am rechten Fleck sitzen haben.“ Was hinter der Fassade vor sich geht, soll hinter der Fassade bleiben. Niemand wollte die eigene Rolle an dem ganzen Scheiß sehen. Wie verlogen das war. Und wer kann schon begreifen, dass er Millionen verdient. Er nicht. Ist er dann auch Millionen mal mehr wert als andere? Oder sind die Millionen Schmerzensgeld für das, was man verliert? An Recht, an Freiheit, an Privatsphäre? „Der verdient so viel, da muss er das aushalten können, dass ich ihn einen dummen Hurensohn nenne, der links von rechts nicht unterscheiden kann.“ „Wie kannst Du Millionen verdienen und unzufrieden sein? Würde man mir die Millionen geben, da würde ich alles machen, was man mir sagt!“ Er kam sich schlecht vor, dass er nicht glücklich und dankbar war. Hielt er sich vielleicht doch für was besseres? Warum konnte er sich nicht abschalten?

Er musste die Jacke wegschieben, weil er keine Luft mehr kriegte. Unversehens sah er sich Auge in Auge mit der Krähe, die ihn durch die Windschutzscheibe anschaute. Da sah er, dass sie doch zwei Beine hatte. Das kam ihm komisch vor. Den Kopf zur Seite geneigt, sah sie ihn an, als wüsste sie es. Er streckte ihr die Zunge raus. Musste über sich selber lachen. Das erschreckte sie beide, wobei nur die Krähe wegfliegen konnte. Er saß in der Scheiße fest. Also hatte er die Person gefragt, was er tun könnte, was er nehmen könnte, um wieder normal zu sein. Er wollte ja gar nicht besser sein, nur wieder sein normales Level haben. Das Verständnis der Person war so wohltuend gewesen. Es war ja keine große Sache. Bei all dem, was er seinem Körper abverlangte, war es nahezu schädlich, ihm nicht das zu zuführen, was er brauchte um zu funktionieren. „Die studierten Hanseln bei der WADA wissen doch gar nicht, wovon sie reden.“ Bald darauf merkte er, wie sich seine Haut veränderte. Er wurde panisch, es war ihm, als könnte jeder es ihm ansehen. Er versuchte es abzudecken, aber es war schwierig, vor allem, wenn er schwitzte. Und er schwitzte viel nun. Es war, als würde er immer auf Übertouren laufen. Er hatte auch ein, zwei Zusammenstöße mit Kollegen, denn er war sehr ungeduldig und irgendwie roh. Langsam war das, was mal gut war, zu einer massiven Belastung, einem Gefängnis geworden. Aber er wusste einfach nicht, wie er daraus entkommen sollte. Seine einzige Hoffnung war, dass die Saison bald vorbei war. Dann würde er sich einen Plan zurecht legen. Dann würde er was ändern. Dann würde er aus dem allem rauskommen. Ganz sicher. Und dann kam der Anruf.

Die Person. Aufgelöst. Sagte ihm, die Kacke ist am dampfen, er soll sofort rüberkommen. SOFORT. Als er 29 Minuten später die Tür öffnete, war die Person komischerweise ganz ruhig. Dazu waren noch zwei andere Männer da. Er kannte sie nicht. Wollte sie auch nicht kennen. Und nach und nach rückte die Person raus mit der Sache: Er war betrunken gewesen, hatte sich verplappert. Die zwei Männer sind im Wettgeschäft und …also, um es kurz zu machen…deutlich zu … wenn Du nicht mit ihnen zusammen arbeitest, sind wir dran. Beide. Ich weiß…kann….ich hab Scheiße gebau… ich weiß, aber Mann, Digger komm, es ist ein Mal. Nur ein Mal. Und letztendlich kommt ja niemand zu Schaden, es ist nur ein einziges Spiel. Es ist ja nicht so, als würdest Du einen echten Menschen bestehlen oder so. Nur ein Mal, dann sind wir aus dem Schneider, sie haben es versprochen. Mensch, ich hab doch jetzt die Kleine und das Haus…“ Und so ging es im Kreis herum. Und dann vollkommen unverblümt: Entweder er würde tun, was die zwei Männer von ihm verlangen oder sie würden allen stecken, dass er dopt. Ihm war schon klar, dass die Person da mit drin steckte. Die Person war zwar einfältig, aber nicht so einfältig. Inzwischen glaubte er, dass er wohl nicht der erste war, den sie so antrainierten und dann abzockten. Und es würde nicht beim einen Mal bleiben. Er wusste das alles, er war nicht blöd oder naiv. Und trotzdem hatte er gesagt „Ich muss darüber nachdenken.“ Und trotzdem saß er nun hier, in der Schwebe. Tiefer rein in den Sumpf oder rausklettern? Tiefer rein oder raus. Für ihn gab es nur die zwei Möglichkeiten. Oder sich umbringen. Dann musste er zumindet die Schande nicht aushalten. Wenn er sich die Schlagzeilen vorstellte, die Blicke, die Fragen, das peinliche Schweigen und Wegschauen. Und dann wusste er auch nicht, was das rechtlich für ihn bedeutete. Er hatte natürlich anstandslos das ganze Antidoping-und Ethik-Zeugs unterschrieben und dabei gelächelt. War ja eh nur für die Galerie, für die Medien. Gelesen aber hatte er es nie. Er wusste nicht, ob und was er verlieren würde, wenn alles rauskäme.

Er konnte es nicht. Es ging nicht. Er konnte doch nicht alles riskieren, verlieren, wegen ein paar Scheißpillen und Spritzen. Aber sich erpressen lassen, immer tiefer reinrutschen? Er hatte Angst. Plötzlich war alles so ernst. Und obwohl sie alle Kumpels und im gleichen Boot waren, konnte er auch nicht mit seinen Kollegen sprechen. Die hatten ja selber Dreck am Stecken und würden nur wollen, dass er stillhält, keine Wellen macht. Und in dem Moment, wo er ein Problem war, würde auch keiner mehr zu ihm stehen. So ist das im Dschungel. Er nahm ihnen das nicht übel. Sie waren keine schlechten Jungs, keine schlechten Menschen, aber wie jeder mussten sie schauen, wo sie selber bleiben. So ist das in einer Welt, die nicht verzeiht. Das hatte sein Opa mal gesagt. Kurz vor seinem Tod, als er schon ein anderer Mensch war: „Ich hab so viel gesündigt. Jetzt, wo ich nichts mehr zu verlieren hab, wo ich um nichts mehr kämpfen muss, weiß ich: Verzeihen ist das, was uns zum Menschen macht. Zuschlagen, im Graben liegen lassen, bei der kleinsten Schwäche oder Beschädigung, das ist das, was uns unmenschlich macht.“ Das hatte ihm Eindruck gemacht.

Aber ein Doper? Das war er doch gar nicht. Er hatte ja gar nicht betrügen wollen, es ging ihm ja gar nicht um’s Siegen oder darum besser als andere zu sein. Er hatte niemand was weg nehmen wollen. Hatte doch einfach nur ein bisschen Unterstützung gebraucht in einer schweren Zeit, das muss doch auch zählen. „Das bin ich doch gar nicht. Ich bin doch ein guter Junge.“ Die Krähe hob erst den einen Fuß, setzte ihn wieder ab, hob dann den anderen, um ihn elegant etwas weiter abgespreizt wieder aufzusetzen. Sie ließ ihn nicht aus ihren Knopfaugen. Als wäre sie ein Omen, ein Begleiter. Der Wind wehte ihre Federn entlang. Immer noch starrte sie ihn an, unbeweglich. Er beugte sich nach vorne, sie waren jetzt genau gegenüber, Schnabel an Nase, nur getrennt durch die Autoscheibe. „Ich bin ein guter, ehrlicher Mensch.“ Mit zwei kleinen Hopsern war die Krähe am Ende des Kühlers und drehte ihm den Rücken zu. Dann, ohne sich umzuschauen, sprang sie ab, für einen Moment hing sie in der Luft, unentschieden, ob diese sie tragen würde oder nicht. Dann flog sie höher und höher. Ein kleiner dunkler Fleck am verhangenen, grauen Himmel. Sorgenfrei, vogelfrei.

Meta-Nachwort: Als großer Sportfan sind die Themen Doping, Sportwetten, Korruption im Sport etc. natürlich immer sehr präsent für mich. Inzwischen weiß ich ne Menge über Hämoglobin, Wachstumshormone und das innere System im Sport. Das Ganze ist eigentlich prinzipiell psychologisch schon im voraus zum Scheitern verurteilt, weil zu viele gegensätzliche Interessen am professionellen Sport zerren. Gleichzeitig brauchen wir den professionellen Sport als Gesellschaft aber auch. Dazu schreib ich sicher irgendwann mal was. Die Art und Weise, in der mit Dopern umgegangen wird, vor allem in der englischsprachigen Presse/Kommentaren, ist für mich alptraumhaft (das meine ich ganz echt, ich hab Alpträume deshalb). Doper werden beschimpft, verunglimpft, bis hin zu dem Rat „sich am besten umzubringen, was anderes verdienen sie eh nicht.“ Ich hab aber auch schon deutschsprachige Kommentare gesehen über „gedopte Affen“.

Ich hab absichtlich weder einen bestimmten Sport, noch ein bestimmtes Medikament gewählt, weil das total unwichtig ist. Das hab ich auch versucht im Beitragsbild darzustellen, das die Farbe von Bällen aus verschiedenen Sportarten hat, aber natürlich geht es nicht nur um Ballsport. Ob das jetzt Fußball und Cortison, Ausdauersport und EPO oder NFL und Steroide und und und sind, das alles ist austauschbar und im Endeffekt auch uninteressant und nachrangig. Was wichtig und interessant ist, ist zu verstehen, dass niemand anfängt einen Sport zu betreiben mit der Absicht: Cool, da kann ich richtig gut dopen! Und keiner wacht eines morgens auf und sagt: Mensch, ich hab Bock alle anzulügen, heute zapf ich mir Blut ab, lass das einfrieren und in 6 Wochen wieder in mich reinmanövrieren. Nein, in der Regel sind es langwierige innere und äußere Prozesse, die zu Entscheidungen führen, die in der Regel auch nicht schwarz weiß sind.

Es ist wie im echten Leben eben auch, man rutscht in was rein, merkt manchmal gar nicht, wie sich was entwickelt, eine Entscheidung wird getroffen, ohne dass man überhaupt nachdenkt, was das real bedeutet, man kann es vor sich selber rechtfertigen usw.. Ich finde die Art und Weise, wie mit Dopern, mit Doping“Sündern“, umgegangen wird, unter aller Kanone. Da geht oft jegliche Menschlichkeit, jegliche Empathie verloren. Michael Rasmussen, ein Radsportler, der des Dopings überführt wurde, erzählt, dass er die ersten Tage nachdem er überführt wurde, permanent an Selbstmord gedacht hat, das ist also keine Übertreibung meinerseits und er ist sicher keine Ausnahme. Für manche sind aber wohl Menschen, die einen Fehler begangen haben, zum Abschuss freigegeben. Das bringt mich auf und widert mich an. Menschen machen Fehler, Menschen sind schwach. Das heißt aber nicht, dass der Mensch schlecht ist oder unwert. Das heißt nicht, dass er sich nicht ändern kann. Das heißt nicht, dieser Mensch kann für immer verunglimpft und verletzt werden. Das heißt er hat Scheiß gebaut und muss nun damit leben und schauen, wie er/sie damit zurecht kommt. Wie immer: Menschlichkeit und Respekt wäre angebracht. Und das ist natürlich auch der Grund, warum mir das alles so nah geht. Nicht, weil ich ein besonders großes Herz für Doper habe. Nein, weil ich eines für Menschen habe.

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