Ich bereue nichts

Wir sitzen uns gegenüber am Tisch. Ich fühle mich wie ein stummer Fisch, ein bockiger Teenager. Ich hasse es, dass Du machst, dass ich mich so fühle. Meine Zunge ist bleiern und ich fühle mich, als spräche ich eine andere Sprache als Du.

Ich sage „Ich liebe Dich“ zu Dir und trotzdem kann ich mich Dir nicht anvertrauen. Warum ist das so? Warum? Warum? Weil ich Dir letzten Endes nicht vertraue. Wovor hab ich denn solche Angst? Ich hab Angst nicht Deinen Ansprüchen zu genügen. Ich bin doch auch sonst so stark und selbstsicher, mag mich selbst. Warum ist das weg mit Dir? Warum denke ich, dass ich in Wahrheit nicht die bin, die Du eigentlich willst. Dass Du mich anders haben willst. Du übst so immensen Druck aus, vermittelst mir das Gefühl: Dein Weg oder kein Weg. Ja, shit, es ist wahr: Ich vertrau Dir nicht. Und trotzdem, will ich mit Dir zusammen sein. Ich habe keine klare Vorstellung davon, wie das aussehen soll, wenn ich mich Dir nicht mal anvertrauen kann, wenn ich noch nicht mal in meiner eigenen Sprache mit Dir reden kann? Aber ich weiß nur, was ich fühle. Ich weiß nur, dass nur Du es bist, von dem ich gesehen werden will. Doch gleichzeitig trau ich Dir nicht über den Weg. In Wahrheit trau ich Dir nicht zu sorgfältig mit mir umzugehen. Das ist so traurig. Obwohl ich Dich liebe. Du sprichst weiter auf mich ein. Merkst nicht, dass ich ein toter Klumpen Lehm bin. Oder ist es das, was Du willst und ist das der Grund, warum ich mich wie eine Schnecke in mein unsichtbares Gehäuse verzogen habe? Willst Du einen Klumpen Lehm, den Du formen kannst?


Nach unserer Trennung, Monate später, sagst Du: „Aber von Dir kam gar nix mehr.“ Du hinterlässt bei mir den Eindruck, dass Dir das langweilig vorkam. Dass ich Dir langweilig vorkam. Zumindest war es einfacher für Dich aufzugeben, als mich zu fragen, was los ist. Einfacher als zu versuchen mein Vertrauen zu gewinnen, zu mir durchzudringen. Du hast gesagt, Du hast Dich in mich verliebt „weil Du anders bist“, „weil Du stark bist“. Und anders sein ist für Dich ok, so lang es ein anders sein ist in Bereichen, die Du süß oder aufregend findest. Aber anscheinend ist Dir nie klar gewesen, dass ich tatsachlich anders bin. Und dass das nicht in einem Bereich da und im anderen weg ist. Dass ich kein Spielzeug bin, das man an und aus knipst.

Ich bin für Dich kompliziert und anspruchsvoll. Kapriziös. Du weißt nicht, wie Du mich anpacken sollst. Ich sehne mich nach nichts mehr, als von Dir gesehen zu werden. Vollkommen entblößt und real. So wie ich bin. Mit meinen Fehlern und Schwächen. Mit meinen Stärken und meinem wunderbaren Feuerwerk, das das Leben in einen gleißenden Farbentraum verwandeln kann. Mit den häßlichen Stellen, für die ich mich so sehr schäme und den schönen, auf die ich stolz bin. Und doch weiß ich nicht, wie ich mich Dir zeigen soll. Es zerreißt mein Herz.

Du findest mich unstet, ich finde Du überrennst mich, nimmst mich nicht ernst. Für Dich ist meine Leidenschaft fürs Denken, fürs Vegetative, für Fairness und so’n Kram nervtötend und naiv. Weltfremd. Dein blinder Egoismus, der alles ausschalten kann außer dem was Dir zugute kommt, stößt mich ab, erschreckt mich. In Wahrheit gibt es jedoch trotz allem keinen Schuldigen bei uns. Du hast Dich nicht sonderlich fair verhalten, aber es liegt in Deiner Natur Dir zu nehmen was Du willst und das loszuwerden, was Du nicht mehr willst. Ich hab mich abgekapselt, aber es liegt in meiner Natur mich zurückzuziehen, wenn ich verletzt bin.


Nein, keinen Schuldigen. Nur ein großes Missverständnis. Ich dachte, Du willst wirklich mehr vom Leben, bist wirklich an einem Punkt, an dem Du für Dich selber denkst, unabhängig bist. Ich dachte, Du kannst mein aufregendes Zauberland sehen. Und Du hast meine Eigenständigkeit, mein Selbstbewußtsein verwechselt mit Erfolgshunger, Hunger nach gesellschaftlicher Achtung, gesellschaftlichem Aufstieg. Du wolltest schon immer jemand sein, der was ist, während ich schon immer ich war und nix anderes sein kann und will. Wir hätten nicht weiter voneinander entfernt sein können. Und doch, eine Zeit lang waren wir uns ganz nah. Und trotz all der Missverständnisse, enttäuschten Erwartungen und Tränen, waren unsere Gefühle real und echt. Und das ist mirakulös und der wahre Gewinn dieser Erfahrung: Dass ich nun, wo das alles Vergangenheit ist, die nichts mehr bedeutet, sehe, dass die gefühlte Liebe real war. Eine wunderschöne Rose und keine stachelige Distel. Für uns beide. Dafür bin ich so unendlich dankbar.

Liebe macht nicht blind. Viel eher macht sie uns hellsichtiger. Sie lässt uns Gutes sehen, das wir sonst nicht wahrnehmen würden, weil es außerhalb unserer Sichtlinie liegt. Sie macht uns toleranter. Das ist schön. Ja, das mit uns war ein Missverständnis und vieles von dem, was war hat mich verletzt und total verunsichert. Aber das alles hat mich auch einen Schritt weiter gebracht. Denn heute weiß ich noch genauer, was ich will und brauche. Heute weiß ich, dass wenn ich mich wie ein Stockfisch fühle, genau dann muss ich durch diese Mauer durchbrechen. Denn alles andere hilft nix und ist ja doch nur ein Trugbild. Genau dann muss ich sagen, was ich eigentlich nicht sagen will, denn ich bin ich und hab das Recht ich zu sein. Und Liebe ist nur stetig, warm und kräftigend, wenn sie wirklich Dir gilt und nicht einer Phantasie von Dir. Das gilt für beide Seiten. Heute habe ich zwar immer noch manchmal Angst, dass ich nicht genug bin: Nicht lustig genug, nicht klug genug, nicht dies oder das genug, aber das ist die ganz normale Angst, die zum Leben gehört und nicht mehr diese alles verschluckende Angst, die wie ein schwarzes Loch alles verdunkelt und erstickt. Ich hab mich selbst mehr schätzen gelernt und hab einen Heißhunger darauf entwickelt nichts von mir zu verbergen. Loszulassen und zu vertrauen. Darauf jemand wirklich alles sehen zu lassen und ich kann nicht erwarten zu sehen und zu fühlen, was dann passiert. Schönes oder Trauriges, scheißegal, eben alles, was daraus entsteht. Selbst, wenn ich auf die Schnauze falle. Das ist ok. Dann hab ich zumindest alles gezeigt und gegeben, mit Leidenschaft gebrannt, anstatt halblebig vor mich hinzuköcheln. Das hab ich durch diese Beziehung gelernt. Weniger Angst zu haben vor Gefühlen und sie statt dessen einfach zu erleben.

Nein, ich bereue absolut nichts.

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