Ok. Mir ist folgendes aufgefallen: Wenn wir Geschichten erzählen, dann erzählen wir oft die tupfengleiche Geschichte auf ganz viele verschiedene Arten und Weisen. Nicht, dass wir lügen, nein, es ist schon alles wahr. Aber je nachdem, welcher Aspekt uns gerade wichtig ist oder welches Argument wir unterstreichen wollen, heben wir eine Tatsache hervor, während wir die andere nicht erwähnen.

Zum Beispiel mein Erlebnis vor vielen Jahren mit der Mitwelt, mit Kindern und mit Adrenalin (ich weiß nicht, ob ich’s hier schon mal erzählt hab?). Folgendes ist passiert: Ich lauf wo entlang, zwei Jungs klettern über einen hohen Zaun, gußeisern, aus einzelnen Stäben mit Spitzen wie Speeren, bestehend. Ich seh, wie der eine Junge hängen bleibt. Er verliert das Gleichgewicht, fällt kopfüber über den Zaun und hängt nu praktisch Kopf runter am Zaun, denn der Speer hat sich durchs Hosenbein gespießt (keine Angst, war nur der Stoff). Das Problem war, dass, wenn der Stoff reißt, der Junge entweder auf den Kopf knallt oder sich am Arm verletzt, wenn er aus 1,20m Höhe kopfüber auf den Steinboden fällt. Er hatte so wie er hing gar keine Chance, war ganz hilflos.

Bei mir hat dann was komisches eingesetzt, als wäre die Zeit plötzlich ein langsamer Sirup und als wüsste ich plötzlich, was vernünftige Menschen tun: Ruckizucki war ich da und hab den Jungen hochgehoben, so dass sein Gewicht nicht am Hosenbein hängt. Ich kann mich gar nicht erinnern, wie ich hingerannt bin, was ich mit meiner Tasche gemacht hab, ich weiß nur, dass ich da war bevor sein Gewicht ihn nach unten gezogen und er sich verletzt hätte. Und dass ich ihn auch gleich richtig zu fassen bekommen hab, was mir ganz abstrus vorkommt! Ein Schutzengel.


Nu stand ich da. Den Jungen auf’m Arm, der andere Junge starrt mich mit tellergroßen Augen an und ist paralysiert. Da laufen jede Menge Leute um uns rum. Keiner muckst. Keiner bietet Hilfe an, keiner fragt auch nur (das war an einer Kirche!). Der Junge war zu schwer und zu weit unten, als dass ich ihn alleine hätte rüberlupfen können. Und dann bin ich mächtig zornig geworden (ah, ich erinnere mich, ich hab glaub ich schon mal davon erzählt hier) und hab die Leute mit einer ganz fremden Stimme angefahren und angeschrien, bis mir ein Typ geholfen hat. So haben wir den Jungen hochgehoben, aus dem Speer ausgefädelt und auf den Boden gestellt. Die Jungs sind dann stiebend weggelaufen, wie ein Taubenschwarm, wenn ein Fuchs kommt und ich hab den Rest meiner Mittagspause in einem kleinen Schock verbracht. Ich musste an die Eltern der Jungs denken, die nicht wussten, dass in dem Moment ihr ganzes Leben sich hätte ändern können. Alles hing an einem Jeanshosenbein. Daran wie schwierig es sein muss, dieses Wissen oder diese Angst zu ertragen und zu verdrängen und ich nicht weiß, ob ich das könnte. Und daran, dass sich niemand interessiert hatte und wie komisch sich alles angefühlt hatte.

Wie gesagt, ich kram die Geschichte alle paar Jahre wieder hervor, weil sie so bemerkenswert prägnant ist aus ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten und man mit ihr gut was unterstreichen kann. Und mir ist aufgefallen, dass, je nachdem, was mir wichtig ist zu sagen, ich manche Eigenheiten der Geschichte vergrößert darstelle, während ich andere weglasse. Und so wird durch meine Gewichtung unter Umständen eine ganz andere Geschichte daraus. Ihr kennt das alle sicher auch.

Das hat mich dann weiter zum Thema Nachrichten und Historik gebracht. Komischerweise, wenn wir Geschichte lehren oder lernen, wenn wir Nachrichten lesen, glauben wir ernsthaft an eine eindimensionale, flache, neutrale Wahrheit. Die gibt es aber nicht. Punkt. Die gäbe es nur, wenn eine Maschine alle Geschehnisse aufzeichnet und gleichzeitig und linear wiedergibt. Aber würden wir Geschichte auf diese Weise lehren und lernen, würden wir sie gar nicht verstehen. Warum? Ein Beispiel: Fakt A und Fakt B sind losgelöst voneinander vielleicht tatsächlich nur zwei Fakten. Aber zusammengenommen, ergeben sie die Grundlage für Fakt T. Wir Menschen wissen das, verstehen das und passen unsere Geschichte so an, dass der Zuhörer die Möglichkeit hat uns zu verstehen. Fakt A und Fakt B liegen in echt vielleicht 29 Minuten auseinander, da sie aber etwas bedingen, erzählen wir sie zusammengezogen und lassen damit 28 Minuten unter den Tisch fallen. 28 Minuten, die eine Maschine wahrheitsgetreu nacherzählt hätte. In allen Einzelheiten. Und sie hätte damit einen Overkill bei uns ausgelöst und wir wären gar nicht in der Lage gewesen irgendwas zu begreifen. Wahrheit oder Realität sind somit – wie schon viel, viel klügere Köpfe als ich festgestellt haben – relativ und immer abhängig vom Betrachter.

Von daher ist es wichtig, misstrauisch zu sein. Oder um es positiver zu sagen: Immer einen offenen Geist zu behalten. Nachrichten, Geschichte, Meinungen sind immer nur eine Sichtweise unter vielen. Es gibt keine ultimative Wahrheit oder Realität. Es ist also wichtig sich entweder eine eigene Meinung zu bilden oder sich bewußt zu sein, dass selbst, wenn das Gegenüber wahrheitsgemäß berichtet, das nur eine Facette der Wahrheit ist. Und dass jemand zwar lügen kann, aber es nicht zwangsläufig tut, wenn er eine Situation anders beurteilt oder darstellt als andere oder man selbst.

Nu ist das alles kein Erkenntnishexenwerk. Wir wissen das alles zwar, aber wissen und sich bewußt sein, sind zwei Paar Stiefeletten oder auch Ballerinas (nicht, dass ich im Leben schon mal Ballerinas angehabt hätte. Ich gehöre zur Laufmaschenfraktion. Frauen wissen, was ich meine. Ok, ok, für Nichtfrauen: Es gibt Frauen, die es schaffen eine Strumpfhose einen ganzen Tag zu tragen, ohne Laufmaschen zu bekommen. Ich weiß, ich find das auch krass!!! Und in meinem Kopf gehen Ballerinas eher an laufmaschenfreien Füßen. Aber das ist sicher ein ganz fieses Vorurteil meinerseits! Ich glaube, ich hab tatsächlich schon jede Sorte Schuhe angehabt in meinem Leben, nur eben keine Ballerinas. Und keine Flip Flops. Aber das aus Prinzip, nicht aus Neigung. Aber gut, genug davon, schnell zurück auf den gelben Gehweg). Oft gehen diese simplen Tatsachen oder Erkenntnisse im Alltagsleben unter. Deswegen schadet es nicht, es sich ab und zu wieder vor Augen zu halten.

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