Ok, heute gibts gleich zwei Beiträge zum Preis von einem! Meine Art der Tour de France zu huldigen. Als Jan Ullrich bei „Rund um Köln“ geschasst wurde, hab ich einen Text darüber geschrieben (Ihr findet ihn weiter unten). Gestern nun war in der L’Équipe ein langes, gutes und interessantes Interview mit Ullrich. Was ein bisschen schade ist, ist dass Ullrich als Hauptverantwortlichen für seine Situation als „Ausgestoßener des Radsports“ Deutschland ausgemacht hat. Und zwar ist es nicht schade für Deutschland, sondern schade für Jan Ullrich selbst.

Wer suchet, der findet – das gilt auch für Sündenböcke
Denn mit dieser Ausrede und Sichtweise verbaut er sich die Möglichkeit die Wahrheit deutlicher zu sehen und damit endlich wirklich zu heilen, wirklich zu wachsen. Klar, aus Ullrich’s persönlicher Sichtweise lässt es sich emotional verstehen, dass er einen schwarzen Peter sucht und in Deutschland gefunden zu haben glaubt. Das geht aber nicht nur ihm so: Französiche Radsportler sagen, dass der Druck der öffentlichen Meinung „nur“ in Frankreich so irre ist, das selbe sagen die Italiener für Italien, die Belgier für Belgien und so weiter. Kurzum, es ist eine subjektive Sicht, erwachsen aus einem subjektiven Gefühl.

So wie jeder denkt seine Schmerzen sind die schlimmsten und die eigene Meinung die ausgewogenste. Gerade deshalb tut es Not einen Schritt zurück zu treten und die Situation zu reflektieren. Leider kann Jan Ullrich das anscheinend nicht so gut. Das Traurige ist: Würde Jan Ullrich nicht für sich die Ausrede erfunden haben, dass er praktisch nie eine Chance hatte, weil man in Deutschland so ungerecht mit öffentlichen Personen, vor allem mit gefallenen öffentlichen Personen umgeht (was sollen da erst die armen briten und amis sagen!!!), könnte er der objektiven Wahrheit eventuell etwas näher kommen und davon wirklich nachhaltig profitieren.

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Die Schlachtung der goldenen Gans
Die Wahrheit ist: Jan Ullrich ist in dieser Situation, weil sich damals nach seinem Toursieg ein ganz ungutes Gemisch aus Klüngelei, Bevorzugung und Seilschaften mit den Medien, Sponsoren und Politik gebildet hat. Und keiner ist unschuldig. Nicht die Journalisten, nicht der Sportbund, nicht die UCI, nicht der Sponsor – aber auch nicht Jan Ullrich. Alle wollten von der goldenen Gans profitieren, die sich da so unversehens gezeigt hat. Und dabei wurden alle Grenzen der Moral, der Verantwortung, der Rollen überschritten, ähnlich, wie es heute in england mit team sky passiert, die leider nichts aus der Vergangenheit gelernt haben und deshalb auch noch richtig gegen die Wand fahren werden (was ein glücklicher Tag für mich sein wird!).

Vor allem eine Handvoll von Journalisten und Fernsehleuten haben damals massiv den Ethos ihres Berufs mit Füßen getreten. Anstatt Berichterstatter, wurden sie Fans und Entourage, Ermöglicher und Mittäter. Für exklusiven Zugang wurden Berichte gesendet und gedruckt. Irgendwann hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen sogar das Team mitgesponsert, ein privates Radteam. Sie haben den Hype, das Image bewußt kreiert und sich damit von ihrer Rolle der Neutralität verabschiedet. Dabei haben sie sowohl ihren Bildungs- und Informationsauftrag als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, als auch ihre Zuschauer übel im Stich gelassen.

Eine ganz alltägliche, miese, menschliche Geschichte
Als dann die ersten Fragen auftauchten, die ersten großen Dopingfälle bekannt wurden, haben ganz sicher ein paar Journalisten Ulle oder Pevenage gefragt: „Ganz ehrlich: Dopt Ihr? Ist das alles real?“ Und wenn Dir Dein Angebeteter dann in die Augen schaut und sagt: „Ich schwör, ich würde Euch doch nicht so verarschen, alle anderen müssen dopen, aber wir schaffen das durch harte Arbeit und Cleverness“ (hört sich irgendwie bekannt an team sky, gell…), dann vertraust Du und schließt die Augen. Weil Du es in Wahrheit gar nicht wissen willst, Du willst nur das Richtige hören. Das ist zutiefst menschlich. Und als dann nach und nach das Ausmaß der Lüge ans Licht kam, haben sich diese Journalisten und Medienschaffenden verraten und betrogen gefühlt. Noch schlimmer: Sie hatten sich öffentlich zum Deppen gemacht und mussten sich dem Vorwurf der Beeinflussung, der Bestechlichkeit stellen.

Und genau das ist der Grund, warum Jan Ullrich in Deutschland nicht vergeben wird. Das hat nichts mit Deutschland, mit der Bevölkerung oder dem Radsport zu tun, das ist eine kleine, miese, zwischenmenschliche und private Geschichte zwischen Menschen, wie sie millionenfach auf der Welt vorkommt.

Zu Jan’s Unglück sind diese Handvoll Menschen in einer Position, in der sie ihm schaden können. Und zu Jan’s Unglück haben sie keinerlei Scheu ihren Beruf, ihre Macht für ihre persönliche Rache zu missbrauchen. Und zu Jan’s Unglück, scheint er solche Sachen nicht klar genug sehen zu können. Denn dann müsste er anerkennen, was seine eigene, menschliche Rolle an dem Ganzen war. Denn diese ist ein wesentlicher Bestandteil der Situation.

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Was gut ist im Leistungssport ist oft schlecht für die Seele und Charakter
Im unten folgenden Text über „Rund um Köln“ rede ich von vertanen Chancen. Eigentlich ist das aber ein roter Faden, der sich durch Jan Ullrich’s Leben zu ziehen scheint: Er hat so viele Möglichkeiten, kann Dinge tun, die kein anderer kann, ist so ein reaktiver, interessanter Mensch – und letzten Endes vertut niemand anders als er selbst immer wieder diese Chancen auf die eine oder andere Weise. Vielleicht ist es einfach nicht anders möglich, wenn man von klein auf darauf gedrillt wurde zu funktionieren und anderen zu dienen, zu gehorchen, seine Rolle zu spielen und sich selbst und die eigenen Bedürfnisse und Rolle zu verleugnen – zuerst im Leistungssportsystem der DDR, dann im Radsport selbst. Vielleicht geht das nicht anders, wenn man mit 13 von zuhause wegkommt und Leistung zu bringen hat. Denn die Idee, dass Deutschland der Grund für seine Situation ist, ist nichts anderes, als die Fortführung dieser Erziehung, in der man keine Eigenverantwortung übernimmt, weil immer jemand anderer das Sagen hat, da ist und Dir sagt, was Du zu tun, nehmen, denken und fühlen hast.

Unser einziger deutscher Tour de France Sieger – und anstatt, dass er ein Held ist, gleicht er einem Don Quijote, der, anstatt Windmühlen zu bekämpfen, immer den Kampf mit den richtigen Entscheidungen sucht – und verliert. Eine traurige Geschichte ist das. Nicht für uns, nicht für Deutschland oder den Radsport, nein, für Jan Ullrich selbst.

Nachtrag: Jan Ullrich hat diesen Text und diese Einschätzung gerade -leider- mal wieder total bestätigt: Nachdem er tagelang die ganze Weltpresse damit rund gemacht hat, dass er, der arme Kerl, von der ASO und Düsseldorf nicht zur Tour de France eingeladen wurde, dass die Deutschen so fies und gemein zu ihm sind und das alles so ungerecht ist, stellt sich nun heraus, dass Düsseldorf ihn sehr wohl eingeladen hatte und zwar schon zu einem ganz frühen Zeitpunkt. Er selber hat dann abgesagt, weil seine Tochter Geburtstag hatte (und er sich dem Ganzen wohl auch nicht stellen wollte) und daraufhin hat man ihn dann natürlich auch nie wieder angesprochen. 

Somit bietet sich in Wahrheit ein ganz anderes Bild als das, welches Ullrich uns angeboten hat. Und erneut hatte Jan Ullrich die Chance  sich für zwei Wege zu entscheiden: Den erwachsenen Weg oder den kindlichen Weg. Die Wahrheit sagen oder Sympathie einzuheimsen und sich dadurch auch gleich vor etwaigen Dopinganfeindungen praktisch schon im voraus schützen, wohlwissend, dass er dabei ein bisschen flunkert. Ich glaube, dass er das nicht böswillig oder absichtlich macht, sondern, dass er so darauf gedrillt wurde von klein auf, reaktiv zu sein, dass er immer das sagt, was die Leute hören wollen. Und die Reporter wollten sicher nicht hören, dass da keine Story ist, sondern dass dem armen Bub übel mitgespielt wurde. Es ist zum Verzweifeln! Man könnte es auch Selbstsabotage nennen.

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Jan Ullrich und „Rund um Köln“ – eine vertane Chance

Ein paar Tage nachdem Jan Ullrich zum sportlichen Leiter von „Rund um Köln“ ernannt worden war, hat, tritt er auch schon wieder zurück. Auf Druck der Öffentlichkeit. Diese ganze Situation ist für mich nicht nur eine vertane Chance, es ist eher eine Armada an vertanen Chancen.

‚Tschuldigung, darf ich mal fragen: Bist Du die Öffentlichkeit?
Die erste Frage, die sich mir stellt, ist: Wer ist diese „Öffentlichkeit„? Ich bin es nicht. Und ich denke, wenn Du auf der Straße jemand fragst, ob Jan Ullrich sportlicher Leiter von Rund um Köln sein sollte, starren Dich die Leute an und fragen: „Wer soll wo was machen?“ Und die wenigsten, denen der Name Jan Ullrich tatsächlich noch was sagt, werden so rachsüchtig sein, dass sie ihn immer noch ins Abseits stellen wollen. Zumindest war keiner das, den ich befragt hab. Die Leute waren indifferent bis wohlwollend.

Aber, es kommt ja auch immer darauf an, wie man eine Frage stellt, net wahr? Wenn ich frage „Wie finden Sie es, dass Jan Ullrich sportlicher Leiter bei Rund um Köln wird?“ bekomme ich andere Antworten, als wenn ich frage: „Jan Ullrich wurde ja des Dopens überführt und schweigt bis heute dazu (der Schweinehund!). Jetzt soll er sportlicher Leiter bei Rund um Köln werden. Finden Sie das gut oder hat ein ehemaliger Doper nichts im Radsport zu suchen?“ Da hab ich dann praktisch die rechtschaffene Empörung nicht nur wachgeküsst und ihr die Türe geöffnet, sondern ihr auch gleich noch die Fackeln und Mistgabeln in die Hand gedrückt.

Also, wer ist diese ominöse „Öffentlichkeit“? Dieser Artikel im Spiegel bildet das, wie ich finde, sehr treffend nach: Es scheint eine bestimmte und sehr, sehr kleine Schicht von sehr verbitterten Medienschaffenden und/oder Menschen im Radsport zu sein, die hauptsächlich aus denen besteht, die sich damals „mitschuldig“ gemacht haben oder im Sog derer waren und nu immer noch dafür nachtreten wollen, weil ihnen das so peinlich ist (Sie sagen immer, alles wäre anders, hätte Ullrich „gestanden und Verantwortung für seine Taten übernommen“ – lasst Euch keinen Sand in die Augen streuen: Hätte Ullrich „gestanden“, würden sie einen anderen Grund finden, warum das nicht genug ist und warum er immer noch büßen muss). Und dann sind da natürlich auch noch die ewig moralisch Entrüsteten, die von dieser Entrüstung, der Zwietracht und der Sensationsgier der Menschen leben. Es gibt schließlich einen Grund dafür, warum die Menschen die Bildzeitung kaufen und warum sich ein Unfall besser verkauft als kein Unfall…

Psychologische Fehleinschätzungen am laufenden Band
Jan Ullrich hat sich – zumindest von außen betrachtet – noch nie wirklich sicher oder verstanden gefühlt im Rampenlicht. Er ist keiner, der den Charme andrehen, den Imagehammer auspacken und locker entertainen kann. Wäre das so, wäre er wahrscheinlich schon lange wieder zurück im Radsport und würde was auch immer verkaufen (ich sag nur Voigt). Stattdessen ist für mich für vieles in Ullrich’s Karriere das passende Wort: unglücklich (gelaufen). Das Riesentalent – nie wirklich konsequent ausgelebt. Der einzige deutsche Tour de France Sieger – mehr ein Fluch als ein Segen. Der Freunschaftsdienst zwischen Ullrich und Tabat – ein Bumerang.

Nun hab ich von vertanen Chancen in Bezug auf „Rund um Köln“ gesprochen. Das meine ich konkret damit: Falsch gelaufen ist, dass Rennorganisator Tabat die Berufung Jan Ullrich’s zum sportlichen Leiter von vornerein als Freundschaftsdienst tituliert hat. Um dann nach zu schieben, wie eine Mutter es machen würde, wenn sie für ihren linkischen 29-jährigen Sohn ein Spieldate vereinbart, von dem der nix weiß „damit er mal wieder unter die Leute kommt und Fuß fasst“. Das war von vornerein falsch aus meiner Sicht. Es stellt Jan Ullrich als inkompetent dar und lädt praktisch zum Angriff ein. Was stark gewesen wäre und ein reales Argument, an dem die Leute auch nicht vorbei gekommen wären, wäre einfach gewesen zu sagen: „Wir wollen Jan Ullrich haben. Punkt. Ganz einfach. Aufgrund seiner Erfahrungen mit seinen Radsportreisen und weil er eben Jan Ullrich ist.“

Stattdessen ist man im vorauseilenden Gehorsam schon als der geprügelte Hund mit eingekniffenem Schwanz aufgelaufen: „Nein, keine Angst, Jan Ullrich wird nicht prinzipiell in den Radsport zurückkehren, das ist nur eine einmalige Sache“ „Jan Ullrich macht das als Freundschaftsdienst“ und hat so gehofft, dass die Bluthunde die Fährte nicht aufnehmen oder für nicht interessant genug halten und man die Reaktionen dadurch entschärft. Da kennt man die Bluthunde aber schlecht. Wenn Du denen die Kehle darbietest, beißen die erst recht zu. Tatsächlich haben also Tabat und Ullrich ihr Scheitern in dieser Sache selbst mit vorbereitet.

Eine vertane Chance für uns alle
Aber die eigentlich vertane Chance an dieser Situation und zwar eine die für uns alle zählt, über den Radsport hinaus, ist das Versagen von Tabat, Ullrich und den Journalisten für die Menschlichkeit einzustehen. Für das, was richtig ist. Als die Bluthunde die Witterung aufgenommen haben, hätte man sich hinstellen und sagen müssen:

„Ja, Jan Ullrich hat Fehler gemacht in seinem Leben. Wie wir alle es tun. Und wie er damit umgeht oder umgehen kann, ist seine eigene, private Sache, die er mit sich selber abmachen muss. Wir glauben daran, dass Menschen lernen, wachsen und sich verändern. Und das ist es, was uns wichtig ist und etwas, was wir auch jungen Menschen mitgeben wollen: Niemand wird im Stich gelassen. Wenn Ihr Fehler macht, mit Euch kämpft und vielleicht auch mal vom Weg abkommt, seid Ihr nicht für immer verloren und ausgestossen. Niemand muss für immer büßen, jeder verdient eine weitere Chance.“

Das wäre mal eine richtig gute Möglichkeit gewesen Flagge zu zeigen für Menschlichkeit, Vergebung und respektvollen Umgang miteinander. Stattdessen haben nun die gewonnen, die Jan Ullrich bis an sein Lebensende büßen lassen wollen. Und das ist traurig für uns alle.