Warum mach ich das immer wieder?!?

Ok. Ein ganz wichtiger Punkt in meinem Leben war, als ich verstanden hab, dass Menschen nix machen ohne einen Gewinn davon zu haben. Ich hab davon ja schon ein paar Mal erzählt, aber heute versuch ich genau zu erklären, was ich damit meine und warum diese Erkenntnis für mich so bahnbrechend war. Here we go:

Jahrelang hatte ich immer das Gefühl zweigeteilt zu sein. Einerseits war ich ich – und dann war da noch irgendein komisches Wesen in mir. Das Wesen hat immer wieder irgendeinen blöden Unsinn gemacht, der mich nur in Schwierigkeiten gebracht hat. Und den ich eigentlich gar nicht machen wollte. Es war nix wirklich dramatisches, aber Dinge, für die ich mich geschämt hab. Zum Beispiel, wenn ich erzählt hab, dass ich da und da auch schon im Urlaub war, obwohl ich da noch nie war. Eine so dumme, so unnötige, so leicht widerlegbare Lüge. Warum hab ich das gemacht (da sind wir wieder beim Thema Scham, ich hab mich so geschämt eine so dumme Lüge zu erzählen)?

Aber es war als würde mein eigenes Ich ausgeschaltet sein in solchen Momenten und ich mir selber hilflos dabei zuschauen, wie jemand, der so aussieht wie ich, so einen Scheiß macht. Und der Blödsinn, den ich gemacht hab, war so dumm und so weit weg von mir, dass es richtiggehend abstrus ist. Mein Ich-Ich lügt nie. Nie. Und dann kommt dieses komische fremde Ich daher und macht so einen schäbigen Mist!

Das Gefühl zwei unterschiedliche Menschen zu sein ging auch an anderer Stelle weiter. Einerseits hab ich mich so unglaublich stark, kompetent und gut gefühlt und hab soviel Talent zum Lachen und glücklich sein und andererseits war da diese Schwere in mir, dieser massive Block, den niemand bewegen konnte, der mich irgendwie eingeschlossen hat und mich gleichzeitig von mir selbst ferngehalten hat. Und da war so viel Angst. Und in all diesem Herzeleid und Frust bin ich irgendwann gar nicht mehr mit mir selbst zurande gekommen und bin immer mehr verschwunden, hab mich immer mehr eingeschränkt, bis ich fast gar nicht mehr existiert hab.

Außerdem hatte ich eins zu eins „Das Leiden Christi“übernommen, das mir zuhause als das normale Verhalten von erwachsenen Menschen vorgelebt wurde. Also hab ich mich ständig vermeintlich grundlos überfordert gefühlt, war ständig am Seufzen und Leiden und wenn man mir zugehört hat, war immer alles schwierig, gab es immer irgendwas Neues, dass sich gegen mich verschworen hatte oder mir im Weg war. Ich hab quasi Hürden um mich herum aufgebaut, um mich so wenig wie möglich bewegen zu müssen/können. Vielleicht haben die Hürden um mich herum mir auch Schutz geboten.

Federleicht

Glücklicherweise/Unglücklicherweise hab ich den Drang und die Fähigkeit Sachen verstehen zu müssen und auch nicht einfach aufzugeben, bis es bei mir geschnackelt hat. Ich fühle mich oft wie eine Sprungfeder. Man kann die Feder niederdrücken und sie gibt dem Druck auch nach. Oberflächlich betrachtet. In Wirklichkeit nimmt sie diesen Druck jedoch auf. Und dann, wenn ein gewisser Punkt erreicht ist oder ihre eigene strukturelle Integrität gefährdet wird, nimmt sie den ganzen aufgenommenen Druck, macht ihn sich zu eigen, entwickelt daraus einen gewaltigen Gegendruck und springt nach oben und ist plötzlich wieder ganz aufrecht und frei. Ich hab auch so einen Mechanismus in mir und das ist eine absolut coole Sache. Natürlich kann eine Feder auch brechen, wenn der Druck zuviel wird, aber das ist nun mal das Risiko des Lebens? Denn brechen können wir alle. Aber alles in allem bin ich sehr zufrieden mit meinem Feder-Dasein.

Also hab ich mich als gute Feder über viele Jahre hinweg in die Fragestellung verbissen, warum ich so verquer mit mir selber bin. Für mich hing ja auch viel davon ab: Mein ganzes Leben. Natürlich hab ich dann irgendwann gesehen, dass es nicht nur mir so geht, sondern ganz vielen anderen Menschen. Und dass ganz viele Menschen eigentlich gar nicht sehr viele soziale Fähigkeiten haben, sondern oft Drama, Leiden oder Ärger kreieren, welchen sie dann einsetzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder um was zu haben, worüber sie sprechen können. Ganze Horden von Ehen und Freundschaften sind inhaltslos und basieren auf Jammern oder auf ständigem Streiten. Und als ich das gesehen hab, war ich schon den ersten Schritt weiter: Anscheinend kommt der Großteil der Menschen nicht mit sich zurecht? Anscheinend war das nix, was nur mir passiert?

Das war beruhigend, weil ich ja programmiert war zu glauben, dass nur ich schlecht und unfähig bin und alles immer falsch mache. Also war es befreiend zu sehen, dass ich nicht alleine war und dass es vielleicht sogar gar nicht an mir lag? Und eines Sonntags ist es dann passiert. Ich weiß noch ganz genau, wie das Wetter war, wo und wie ich dasaß und wie ich mich gefühlt hab, so überraschend, einschneidend, verblüffend und erschütternd war die Erkenntnis, als ich sie endlich hatte, als sich folgender Satz in mir geformt hat:

Der Mensch macht nichts, von dem er keinen Gewinn hat.

Punkt. Das ist ein Gesetz.

Da war ich erstmal platt. Wie aber kann man dieses Gesetz, diese Prämisse in Einklang bringen mit Menschen, die sich auf die verschiedensten Arten selbst verletzen, selbst sabotieren, selbst klein machen? Das kann doch kein Gewinn sein? Doch. Und zwar folgendermaßen (vereinfacht erklärt):

Wenn ein Mensch als Kind zum Beispiel immer gesagt oder gezeigt kriegt, dass er schlecht ist, dann lernt er dieses Gefühl und diese Worte mit Aufmerksamkeit, mit Vertrautem, mit Sicherheit und Liebe gleich zu setzen. Diese Worte und dieses Gefühl bietet ihm Schutz und Normalität. Das heißt, diese Person lernt als Kind zum Beispiel folgende Sprache: Liebe=Schmerz, Erniedrigung; Niedergeschlagenheit=Sicherheit; Krankheit=Kontrolle/Schutz.

Wenn dieser Mensch sich später dann immer wieder in Situationen bringt, in denen er erniedrigt wird und/oder niedergeschlagen ist, in denen er verletzt wird vom Partner oder auch selber verletzt, dann lebt er ja immer noch in dieser Sprache, der einzigen, die er je gelernt hat. Die Person macht nur, was sie gelernt hat: Wenn man jemand liebt, dann macht man ihn nieder. Also sucht er sich zum Beispiel Partner, die das machen und holt sich das ständig wieder ab. Denn in seiner Sprache tut er sich damit was „Gutes“. Er sorgt dafür, dass er sich sicher und geliebt fühlt in Strukturen, die ihm bekannt sind. Gleichzeitig ist er nun aber auch unglücklich damit, denn inzwischen spiegelt ihm die Welt um ihn herum, dass das, was er für normal hält, nicht normal ist.

Puh! Warum war diese Erkenntnis für mich so einschneidend, so spektakulär? Ich glaub deshalb. Einmal, weil ich mich selbst nun besser verstanden hab. Das hat mir ein Gefühl von Kontrolle und Hoffnung gegeben. Es war als hätte ich plötzlich die Übersetzung zu mir selbst gefunden. Und andererseits war es eine Erleichterung zu wissen, dass all die Menschen, die sich ständig immer wieder in Situationen bringen, in denen sie verletzt werden oder die sich selber weh tun, das in der Regel tun, weil sie auf verquere Weise davon einen Gewinn haben. Das war irgendwie eine Art Ehrenrettung für die Menschheit für mich.

Denn: Diese Erkenntnis hat aus einem fragwürdigen Verhalten ein ganz normales gemacht. Jeder Mensch versucht glücklich zu sein – und diese Menschen waren nicht anders als alle anderen.

Es war nicht ihr Verhalten, das verquer war, sondern das, was man ihnen beigebracht hatte. Das war eine große Erleichterung für mich, denn ich hab mich nie mit einer Psychologie abfinden können, die uns erzählt, dass wir praktisch lebensuntauglich sind, was ja bedeuten würde, dass all unsere Selbsterhaltungs-Instinkte versagt hätten. Das konnte ich nicht glauben.

Und natürlich war es eine Bestätigung für mich, dass ich nicht abnormal und hoffnungslos war. Denn was ich getan hab, war, was jeder Mensch macht: Ich hab mich so verhalten, dass es mir gut geht. Nur dass ich eben gelernt hatte, dass es mir gut geht, dass es richtig ist, wenn ich leide. Und irgendwie ist es auch tröstlich zu wissen, dass ich mich auf mich und meine Instinkte blind verlassen konnte: Denn was auch immer ich tat oder tue, tue ich in dem Augenblick im Glauben oder Bestreben, dass es mir gut tut.

Das zu verstehen war für mich elektrisierend. Denn stellt Euch mal vor, was es bedeutet hätte, wenn ich mich wirklich nur wohlgefühlt hätte, wenn ich mich schlecht fühle! Leute, dann hätte ich aber ein echtes Problem gehabt! Wenn man also einmal das Prinzip verstanden hat, dann muss man „nur“ noch daran arbeiten, dass man die emotionale, soziale Sprache richtig erlernt. Und tatsächlich hat das bei mir ganz gut funktioniert. In einem sehr langen Prozess, der wahrscheinlich bis an mein Lebensende andauern wird.

Was zählt ist jedoch nicht, dass man gleich alles perfekt macht oder es überhaupt irgendwann perfekt macht. Wichtig ist sich das Werkzeug zu erarbeiten und sich die Möglichkeit zu geben, was zu verändern. Sich eine Chance zu geben. In den letzten 10 Jahren bin ich nur ein einziges Mal in eine Situation gekommen, in der ich Unsinn gemacht hab. Und das ist so eine Erleichterung. So eine Befreiung. Zu wissen, dass ich mich auf mich selber verlassen kann.

Die andere Seite

Die Erkenntnis, dass Menschen nur Dinge machen, von denen sie (glauben) einen Gewinn (zu) haben, ist auch ganz interessant in Bezug auf andere Menschen. Denn auch die machen ja nix ohne einen Gewinn davon zu haben. Wenn Ihr also verstehen wollt, warum jemand was macht, dann heißt es „Sucht den Gewinn“.

Wenn zum Beispiel jemand sich bei der Arbeit immer wieder über das Gleiche aufregt, aber nicht mal annähernd willens ist irgendwelche praktische Lösungen zu versuchen, dann liegt das daran, dass er sich wohl fühlt mit dem Gejammer und Genörgele. Der will sich aufregen. Das gibt ihm ein Ventil und Aufmerksamkeit und das Gefühl, dass es nicht seine Schuld ist, dass er sich so ungeschätzt fühlt. Der hat es sich im Nörgeln bequem gemacht wie in ausgelatschten Hausschuhen. Diese Erkenntnis hilft einem dann damit sich nicht unnötig daran abzuarbeiten zu versuchen die reale Situation für den Jammerer zu verändern (denn der Jammerer würde ruckizucki was neues zum Nörgeln finden!), sondern die Person in die Lage zu versetzen nicht mehr das Gefühl zu haben, jammern zu müssen. Dafür reicht meist schon ein bisschen Bestätigung.

Die meisten Jobs beinhalten leider, dass Menschen sich nicht wertgeschätzt, sich unsicher und austauschbar fühlen. Nu kann eine Person alleine nicht all das reparieren, was durch Machtsysteme wie Patriarchat und Kapitalismus zerstört wird. Aber man kann konkret ein bisschen was verbessern. Wenn man dem Jammerer einmal am Tag zum Beispiel ein Kompliment zu seiner Arbeit macht und nicht locker lässt, denn am Anfang wird er das meist nicht annehmen/wahrnehmen können (zum Beispiel, wenn er ein schwieriges Kundentelefonat gut zu Ende gebracht hat, dann kann man das durchaus loben als Kollege), wirkt das schon Wunder! Glaubt mir, hab es ausprobiert.

Oder eine andere Variante ist Ablenkung. Wenn die Jammertirade wieder losgeht, einfach nicht die schon gut eingeübte Entrüstung und Zustimmung rausholen, sondern ablenken (so wie man ein Kleinkind ablenkt, wenn es anfängt zu weinen). Eine lustige Geschichte erzählen oder nach einem der Hobbies des Jammerers fragen.

Vielleicht ist meine Erkenntnis für Euch auch so atemberaubend, wie sie es für mich war. Oder vielleicht gibt sie Euch den Antrieb oder sogar den Mut an eigene Dinge ranzugehen und zu schauen, was dahintersteckt. Veränderungen machen immer Angst. Das ist normal. Aber meistens lohnt es sich die Angst auszuhalten. Denn das, was Ihr findet oder die Reise dahin, könnte für Euch ganz genau so atemberaubend und weltenverändernd sein, wie für mich diese Erkenntnis war. Das wäre schön.

Bleibt gesund!

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