Die Poesie in mir

Ok. Seit Jahren lieg ich im Krieg mit Zeichnen. Oder eigentlich ist es mehr eine dysfunktionale Beziehung, in der eine Seite immer wieder neue Anläufe nimmt, um es schön zu machen (oh, schau mal, morgen ist Theater, das wär doch was (bemühtes Lächeln), während die andere Seite nur grunzt. Oder so).

Ich liebe Zeichnen. Aber ich war nie in der Lage die Erwartungen von Zeichnen zu erfüllen. Immer wieder dachte ich, dass frisches, jungfräuliches Papier und gespitzte Stifte mich Zeichnen näher bringen würden. Diesmal klappt es. Diesmal wird es so wie ich es mir vorstelle. Ganz sicher. Diesmal.

Nur um dann später vor einem verhunzten, häßlichen Etwas zu stehen, das nichts war und nichts enthielt. Kein Leben. Keine Idee. Kein Können. Und vor allem: Keine Eleganz oder Leichtigkeit. Oh und wie unfähig, unkreativ, un-alles ich mich dann gefühlt hab. Es war so bedrückend und herzzerreißend, dass ich unfähig war das, was ich innen sah, nach außen zu bringen. Kreise waren krakelig. Linien waren krumm. Gesichter waren Karikaturen (aber nicht im guten Sinn). Perspektive: Keine.

Heute, nach jahrzehntelangem Herzschmerz, hab ich das erste Mal verstanden warum: Weil ich Zeichnen nicht ernst genommen hab. Weil ich Zeichnen nicht respektiert hab.

Ich dachte, ich kann einfach so das, was ich vor meinem inneren Auge sehe, auf das äußere Blatt bringen. Warum auch nicht? Ich seh es ja innen, also ist es ja nur ein Übersetzen nach außen. Aber in Wahrheit hab ich weder hingehört, noch genau hingeschaut was ich da mache. Es ging nur um mich. Aber, wenn ich zum Beispiel Haare zeichnen will, muss es um die Haare gehen. Ich muss sie ernst nehmen. Wenn ich eine Fläche schwarz anmale, kann ich mich nicht hinterher wundern, warum es nicht wie schwarze Haare aussieht, sondern, wie…nu, wie eben eine schwarz angemalte Fläche.

Und obwohl ich das natürlich schon irgendwie kapiert hab vor heute, hab ich es trotzdem nicht verstanden. Und nicht zugelassen. Heute, während ich Haare gezeichnet hab sind mir folgende, unspektakuläre Gedanken gekommen: „Ich kann nicht eine durchgehende Fläche malen. Echte Haare sind hunderte, tausende von Härchen. Die haben auch nicht alle die gleiche Farbe und liegen nicht alle in der gleichen Richtung und gleichen Dichte. Und jedes kleine Haar spielt seine Rolle im Gesamt-Aussehen. Wenn ich will, dass Haare wie Haare aussehen, dann muss ich auch die Mühe auf mich nehmen und Haare zeichnen“.

Und da hat es plötzlich geklickt.

Ich weiß nicht, warum ich es früher nicht verstanden habe. Wahrscheinlich weil ich einfach nicht den Raum und die Freiheit dazu hatte, mich zu öffnen. Ich konnte mich Zeichnen nicht hingeben. War innerlich immer so gehetzt. Aber heute hab ich es verstanden: Ich kann Zeichnen nicht meinen Willen aufzwingen.

Ich wollte, dass ein Bild entsteht vollkommen nach meinen Gesetzen. Ich wollte bestimmen wieviel Aufwand ich reinsteck, wie ich mich fühl, wie es aussieht, wie es geht und wie viel ich emotional investiere. Und das Ergebnis hat das wiedergespiegelt. Vielleicht ging es darum nicht die Zügel aus der Hand zu geben? Kontrolle ist ein heikles Ding für uns alle, aber noch mehr, wenn man Kindheitstraumata mit sich schleppt.

Heute, nachdem es geklickt hatte, hab ich eine Haarlinie gezeichnet, die mich fast zu Tränen gerührt hat. Ohne Scheiß! Es sind nur ca. 8 Zentimeter, aber die sehen aus wie echte, richtige Haare! Und noch besser: in den 8 Zentimetern ist 1 Zentimeter, der voller Poesie ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich sowas kann. Dass ich diese POESIE in mir hab.

Aber das wirklich bemerkenswerte ist: All die Jahre hat niemand mich daran gehindert das zu tun außer mir selbst. Hätte mich aber jemand gefragt, ob ich vielleicht doch zeichnen kann und es mir an der richtigen Einstellung fehlt, hätte ich das weit von mir gewiesen. Dabei sehe ich im Nachhinein, dass ich eigentlich schon immer wusste, dass es in dem ganzen Prozess an etwas mangelt. Man kann sagen, dass ich zeichnen wollte ohne zeichnen zu müssen. Ich wollte etwas machen ohne mich dem Prozess hinzugeben. Wenn ich Zeichnen wäre, hätte ich mich dem auch verweigert!

Es spielt eine Rolle warum und wie wir etwas tun. Vielleicht, wahrscheinlich sogar eine größere Rolle als es überhaupt zu tun. Und nicht nur bei den zwischenmenschlichen Dingen. Nein, es ist wichtig bei allen Dingen. Denn jede Aktion ist in Wahrheit eine Interaktion mit der Umgebung. Wenn ich mich auf einen Stein setze, kann ich das einfach so machen. Oder ich kann schauen, dass der Stein sauber ist und mich nicht dreckig macht. Und dass es keine Tierchen oder Pflanzen gibt, die ich dabei zerdrücke. Im ersten Fall respektiere ich nix und niemand. Nicht mal mich selber. Im zweiten Fall bin ich mir bewußt, dass Ressourcen nicht verschwendet gehören, dass jemand meine Kleidung gefertigt hat. Dass der Stein Lebensort für andere Wesen ist und ich der Riese bin, der zu Besuch ist. Im zweiten Fall bin ich eingebunden in meine Umwelt und hab meinen Platz in ihr. Zwischen diesen zwei Verhaltensweisen liegen Welten. Es ist der Unterschied zwischen existieren und leben.

Heute, in dem Moment, in dem ich mich geöffnet und zurückgenommen hab, ist etwas ganz wundersames passiert. Ein Gewicht war plötzlich weg. Die Last war plötzlich nicht mehr nur meine. Ich musste Zeichnen nicht schieben, zerren und in meine Richtung noddeln. Ich hab Zeichnen zugetraut, dass es schon sein Ding macht, wenn ich meins mache. Nur noch für meinen Part verantwortlich zu sein und in den Prozess zu vertrauen, hat sich so GUT angefühlt. Und dann noch zu sehen wie toll ich heute Haare gezeichnet hab und dass ich, ich!, POESIE in mir hab, war die Krönung. Ich hab geglüht wie eine Wunderkerze!

Oh, und ich zeige die poesievollen Haare hier nicht. Die gehören- erstmal – nur mir allein. Und auch das ist ganz neu.

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