Ich denke viel. Ich denke gerne. Ich denke unentwegt. Ich hab eine Art zu denken, die mir selbst Spaß macht und mich selbst unterhält. Das ist cool. Dafür bin ich dankbar. Ich hab damit nur ein Problem: Das, was ich denke, so wie ich es denke, von innen nach außen zu übersetzen. Dieser Beitrag heißt Übersetzungen 1, weil das ein Thema ist, das mich schon lange beschäftigt und mich auch sicher noch lange und oft beschäftigen wird, daher werden sicher noch mehr  Übersetzungen folgen. Dies hier ist sozusagen die Einleitung.

Meine Hirn – Synapsen sind auf eine Art und Weise verknüpft, die dazu führen, dass ich sehr vernetzt und verschachtelt denke. Oft, wenn ich einen Gedanken, eine Argumentation verfolge, sehe ich den Gedanken tatsächlich als Gebäude oder als räumliches Konstrukt in meinem Kopf, vor meinem inneren Auge. Ich habe 3 immer wiederkehrende Bilder, die ich dafür benutze:

  • Ich sehe Gedanken als eine Art Architektur, eine Skyline, in der die Gedanken Häuser sind, die in Relationen zu einander stehen; die kleinen Häuser in Relation zu den großen Wolkenkratzern etc.
  • Ich sehe Gedanken wie ein Musikstück, ein Notenblatt, auf dem eine Note der nächsten folgt und das Stück einen Aufbau hat und zusammen ergeben die einzelnen Noten, die einzelnen Passagen, ein Gesamtwerk
  • Ich sehe Gedanken als ein Spinnennetz, wenn ich an einem Faden zupfe, bewegt sich der nächste und alle sind miteinander verknüpft, es gibt keine isolierte Bewegung, eines bedingt das andere

In dem Moment, in dem ich dies schreibe, denke ich, dass es interessant wäre herauszufinden, wann genau ich welches Bild sehe? Gehört ein Bild zu einer bestimmten Kategorie des Denkens? Ich denke, dass das Spinnennetz oft auftaucht, wenn ich über Beziehungen nachdenke und das Skyline-Bild, wenn ich über die Gesellschaftsmechanismen nachgrübele. Ich werde das weiter beobachten und dann berichten. Mein Problem ist es eben dieses Gedankenbild, dieses komplexe Konstrukt so nach außen zu transportieren, dass die Bedeutung und die Verknüpfung der einzelnen Teile nicht auf dem Weg verloren geht. An ein Gespräch oder einen geschriebenen Gedanken kann man ja schließlich kein Wörterbuch, keine Legende anhängen, die dem Gegenüber mitteilt, dass das Wort „Integrität“ zum Beispiel für mich viel weitreicherende Auswirkungen hat als für ganz viele andere Menschen. Oder kann man?

Ein weiterer Punkt in meinen immer wiederkehrenden Streitigkeiten mit dem Übersetzen von innen nach außen, ist die temporäre Struktur: Wenn man etwas erzählt oder schreibt, ergibt sich eines aus dem anderen. Du kannst nur vorwärts oder rückwärts erzählen, jedoch nie simultan. In meinem Kopf ist das Gedankenbild, z.B. das Spinnennetz, aber nicht nur bereits als gesamtes, komplexes Denkkonstrukt fertig und ausgearbeitet, nein, es ist auch so, dass Gedanke A zum Beispiel nur Sinn in gleichzeitiger Relation zum Gedanken Z macht. Schreiben und Sprechen entwickeln sich aber eben linear und ungleich wie bei Bildern, ist es beim Erzählen oder Schreiben unmöglich alles auf einmal und verknüpft zu sagen. Und ich fühle dies ist nicht ausreichend, nicht genug, um das Gesamtkonstrukt darzustellen. Das ist schon an den Begrifflichkeiten, die ich wähle um das hier für Euch zu beschreiben abzulesen: Ich beschreibe mein Denken als Bild und mein Schreiben als Sprache. Das sind einfach zwei ganz unterschiedliche Dinge. Vielleicht habe ich aber auch einfach nicht die ausreichenden Fähigkeiten es in seiner Komplexität, in der sich permanent in Bewegung befindlichen Abhängigkeit und Suche nach dem Gleich- und/oder Gegengewicht darzustellen? Das Ergenbis ist dasselbe: Von innen nach außen gibt es einen Daten-, einen Reibungsverlust. Virginia Woolf hat sich schon mit der linearen Einbahnstraße des Schreibens beschäftigt und erbittert mit ihr gerungen. Das tröstet mich. Ich bin nicht allein damit.

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Dass ich meine Gedanken nicht so sagen kann, wie ich sie denke, macht mich grantig. Zornig. Macht mich auf eine Art wütend und ungeduldig, die ich schwer beschreiben kann. Normalerweise kann ich meine Gefühle gut benennen, aber diese zornige Ungeduld unverstanden zu sein – nicht weil mich niemand versteht, sondern weil ich es nicht verstehe mich verstanden zu machen – entzieht sich mir. Sie schwemmt mich davon, drückt mich hilflos unter Wasser. Vielleicht ist es auch nur folgerichtig, dass ich dieses Gefühl, das ich ja habe, weil ich nicht beschreiben kann was ich denke, nicht beschreiben kann. Es ist ein komisches Gefühlsgemisch, das ich sonst nie fühle. Ein Zorn, der gleichzeitig verletzt ist. Der mich nahezu überwältigt und am liebsten will ich alles hinschmeißen und nie wieder auch nur ein einziges Wort sagen oder schreiben. Diese Zornverletztheit ist schrecklich. Es ist das Gefühl unterdrückt und ausgeliefert zu sein, selbst wenn es nur meiner eigenen Unfähigkeit ist. Ich fühle mich schuldig und kann doch nicht aufhören trotzig, zornig und böse zu sein.

Kurzum, ich kann – ganz untypisch für mich – dieses ohnmächtige Gefühl einfach nicht genau packen, lediglich vage umschreiben. Bis jetzt habe ich einmal eine schriftliche Annäherung an dieses herrenlose Gefühl, das mich so verwundbar macht, unternommen. Diese Annäherung werde ich auch noch hier veröffentlichen. Ich habe keinerlei Zweifel, dass es möglich ist, mit diesem Gefühl der Unfähigkeit würdevoll umzugehen. Wenn man ein geduldiger Mensch ist. Leider bin ich das nun mal so gar nicht. Und daher macht mich meine eigene Unfähigkeit meine Gedanken nach außen zu übertragen eben so zornig. Ich fühle mich wie ein Kleinkind, das mit dem Fuß aufstampft und schmollt: „Das geht aber nicht so wie ich das will! Ich kann das nicht!“ Nun habt Ihr sicherlich (hoffentlich für Euch, denn es wäre schon etwas schwierig, wenn Ihr bis hierher gelesen habt ohne es zu merken!) gemerkt, dass der eine oder andere Gedanke doch seinen Weg an’s Tageslicht findet. Zum Glück, sonst würde es Dinge wie das Denkexperiment nicht geben. Aber ganz viel und ganz viel komplexes bleibt tatsächlich erstmal oder auch für immer auf dem Weg zwischen meinem Gehirn und meinem Mund/meinen Fingern stecken.

Ich hab zeitweise mit der Frage gespielt: Wer weiß, vielleicht braucht es dieses Delta, vielleicht ist das sowas wie eine interne Qualitätssicherung in mir? Vielleicht kann ich es erst sagen, wenn es tatsächlich gesagt werden kann? Aber letztendlich denke ich der springende Punkt ist Komplexität. Ich kann auf eine Art vernetzt denken, die ich eben oft nicht artikulieren kann. Und so werden zwar viele meiner Ideen, Fragen und Gedanken ganz oft gedacht, jedoch nicht oder nur in Auszügen mitgeteilt. Ich find das zum Kotzen. Aber ich kann auch nicht aufgeben und versuche immer wieder auf’s Neue dieser Sprachlosigkeit von innen nach außen Herr zu werden. Klar, heutzutage gibt es Hilfsmittel, die einem das Schreiben erleichtern, wie Diktierfunktionen und Apps.

Aber was ich wirklich bräuchte, wäre eine Schnittstelle, mit der ich direkt von Gehirn zu Gehirn, von Herz zu Herz an andere Leute denken und fühlen könnte. Oder mehr Geduld und Sanftheit.