Seifenkiste – die Neunundzwanzigste 

Ok. Heute muss ich mal wieder auf meine Seifenkiste steigen. Und zwar richtig obendrauf. Und aus voller Lunge brüllen. Es geht um diese Werbung:

Diese Sorte von Werbung oder Denken regt mich unglaublich auf. Die Idee, dass jemand mir sagt, ob ich „wirklich“ ich bin, die Idee, dass ein paar Parameter alles erfassen können, was mich ausmacht, macht mich richtig zornig und biestig.
Meine rebellische Seite, die sich bei jeder Gefangennahme solange gegen die Zellentür schmeißt, bis sie sich eine blutige Nase geholt hat (und noch länger) stellt sich auf die Hinterbeine und will blind ausschlagen. Und ich weiß nicht, was ich schlimmer finde: Dass die eine solche Werbung machen, dass sie denken, sowas zu sagen, sei was positives oder dass wahrscheinlich die meisten Menschen wirklich nix daran finden und sich eventuell wohl fühlen, wenn sie einer so bei der Hand nimmt und ihnen sagt: Mach dies und das und wenn Du Dich brav dran hältst, kriegst Du einen Goldstern.

Ich verstehe dieses tief sitzende Verlangen nach Führung, nach einfachen Formeln, das hab ich ja auch, aber eine solche Werbung und Aussage kollidiert gleichzeitig mit meinem Verlangen nach dem Leben, meinem Durst nach Verbesserung auf meinem eigenen Weg. Das heißt nicht, dass ich keine Unterstützung dabei annehmen will oder annehme, aber das heißt ganz sicher, dass ich meinen eigenen Weg gehe um mir mein Potenzial zu erschliesen. Und ich würde eine Million darauf wetten, dass die Vorstellung dieser Menschen und Firma davon, was erstrebenswert ist, was mein Potenzial ist, eine gänzlich andere als die meine ist.

Was mich vor allem stört ist die Anmaßung und die Anbiederung. Die Übergriffigkeit des ganzen. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das sich schöne Geschichten von Märchengestalten erzählt und das daraufhin lächerlich und bloßgestellt wird, weil es sich wundersame Gestalten erträumt. Dem abgesprochen wird, dass es irgendwas sieht, was andere nicht sehen können.

Ich sehe vor meinem inneren Auge ein junges Paar von 18 Jahren, das 6 Monate zusammen ist und dann heiraten will. Weil sie „wissen, dass sie für immer zusammen bleiben, dann braucht man ja auch nicht warten, wäre ja nur Zeitverschwendung“ und die „noch nie so gefühlt haben für jemand“. Wir alten Desillusionierten können da nur satt überheblich unser kaltes Krokodilslächeln grinsen: „Mit 18 Jahren wisst Ihr doch gar nicht, was Liebe ist!“

Das mag schon sein. Sie mögen nicht wissen, was Liebe für einen 29-jährigen Menschen ist oder für einen 43- oder 79- jährigen Menschen.

Aber sie wissen verdammt genau, mit jeder Faser ihres Wesens, was Liebe für einen 18-jährigen bedeutet

Und das ist letztendlich das einzige, was sie wissen müssen und worauf es ankommt. Dass sie vielleicht nicht immer zusammen sein werden? Dass diese Entscheidung ihnen vielleicht später mal Schmerzen bringt? Dass sie vielleicht sogar einmal denken mögen: „Gott, hätte ich diese Entscheidung doch niemals so getroffen und auf die anderen gehört!“ Das mag wohl so kommen. But so what? Das gehört dazu. Genauso gut kann es ihnen passieren, dass sie auf die Vernunft der Älteren hören und 10 Jahre später den riesigen Verlust spüren und denken: „Hätte ich doch damals nur den Schritt gewagt und wäre ich das Risiko eingegangen!“

Es gehört zum Leben unperfekt zu sein. Fehlbar zu sein. Sich zu entwickeln und auf dem schmerzhaften Weg zum besseren Weg zu finden. In unserer heutigen Zeit wird uns jedoch immer mehr suggeriert dem sei nicht so. Uns wird vorgespiegelt fehler- und niederlagenfrei zu sein, sei das Ziel. Nein, nicht nur das Ziel, sondern die Normalität, der Soll – Zustand. Diese Unterdrückung der Menschlichkeit löst immer einen inneren, lautlosen Schrei in mir aus. Diese sofortige Abrechnung (Du meinst Du musst Skifahren und hast dabei einen Unfall gehabt? Nun, selber schuld, das kann doch nicht unser Problem sein), die platten Abbilder, in die wir eingepresst werden sollen, machen mir wahnsinnige Angst. Am liebsten würde ich eine neue Gesellschaft gründen, in der das Ziel ist frei zu denken und zu wagen, was man schon immer wagen wollte. In der Menschen zusammenhalten. In der Menschen gemocht werden, einfach weil sie sind. Nicht weil sie was bieten können.

Diese kapitalistische, amerikanische Siegermentalität (the winner takes it all, was in echt nur heißt, dem Verlierer bleibt nix und er verhungert!) will uns alle gleichschalten, so dass wir alle brav funktionieren und gut kontrollierbar sind. Was dabei verschwiegen wird, ist dass ein Gewinner automatisch bedeutet, es gibt auch einen Verlierer. Schau nur die Ghettos, Obdachlosen, Arbeitslosen und Kranken der Welt an. Nie könnte ich glücklich sein, wenn ich auf dem Rücken von anderen nach oben komme. Niemals.

Und was man von uns will, wie man uns sieht? Uns die Masse, die gemolken werden kann? Als wären wir eine Herde Nutztiere, aus der man den besten Profit schlagen will und das geht am ertragreichsten, wenn wir unser „Potenzial“ voll ausnutzen, wenn man uns Angst macht, wenn wir uns mit dem nächsten Autokauf beschäftigen und nicht hinterfragen, warum das T-Shirt, das wir tragen von einem 11-jährigen Kind genäht werden musste und  insgesamt mehr in der Welt herumgekommen ist, als wir selbst. Und wir sind am besten nutzbar, wenn wir keine Fehler machen und uns an die Normen halten. Darum hämmert man uns ein: Wenn wir nur etwas schlauer, etwas besser versichert, etwas fleißiger sind, dann können wir risikolos, fehlefrei und unbeschadet durchs Leben gehen. Und das ist toll, oder? 

Aber wer will so’n Scheiß schon??? Ich nicht. Ich will leben. Lebendig sein. Mit Glück und Schiß und Tränen und Lachen und Liebe und Herzschmerz und Schämen und Verzweifeln und wieder Zutrauen fassen. Ich bin nicht wohltemperiert ich bin heiß und kalt und mittendrin. Ich will ein Mensch sein dürfen. Also nein danke, liebe Firma X, ich brauch Dich nicht, um mir zu sagen, ob ich auch wirklich ich bin. Fuck off.

Ok. Nu aber husch husch wieder runter von meiner Seifenkiste, bevor sich noch die Nachbarn über den Lärm beschweren!

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