Ok. Ich frag mich, warum ich mich manchmal nicht getraue die Dinge der Welt so zu sagen, wie ich sie zu mir selbst sage? Hinter diesem nicht getrauen sitzt natürlich Angst. Ich hab keine Angst, dass jemand mich komisch findet, der Zug ist schon lange weg. Hier kann man noch nicht mal von abgefahren sprechen, der Zug ist schon längst im Zielbahnhof angekommen und in’s Depot verschoben worden. Nein, das ist es nicht. Aber ich hab große Angst missverstanden zu werden.

Ich glaube, ich hab davor so große Angst, weil missverstanden zu werden das selbe ist, wie nicht zu existieren. Zumindest für mich. Ich hab auch keine Angst, dass man mich NICHT versteht, das bin ich gewohnt. Nein, was mir Angst macht, ist dass jemand, der in der prinzipiell in der Lage wäre mich zu verstehen, mich missversteht. Das macht mir Angst.

Und ich hab Angst darauf zu vertrauen, dass Menschen mit Sorgfalt hören, fühlen, lesen, was ich zu sagen habe, mit offenem Herzen versuchen es zu verstehen. Warum? Weil ich Angst davor habe enttäuscht zu werden.

Also letztendlich, wenn man es runterbricht, sind es zwei Sachen, die mir Angst machen: Nicht zu existieren und enttäuscht zu werden. Und wenn man es noch weiter runterbricht, liegt hinter meinen beiden Ängsten nur eine Sache: Hoffnung.


Beides Mal hab ich Angst, dass mein Zutrauen in die Welt, meine Hoffnung, die ich in die Menschheit setze, enttäuscht wird. Ich glaube, das ist eine existenzielle Angst, die jeder hat. Die Angst vor enttäuschten Hoffnungen oder Erwartungen sind wahrscheins eingebrannt in unsere DNA.

Warum dann fühl ich mich so allein mit diesen Ängsten? Warum fühlt sich jeder so allein mit diesen, seinen Ängsten?

Warum komm ich mir vor als wären alle anderen unbekümmert, stark und sicher? Nur ich steh daneben, außen vor, mit zweifelndem Gesicht und verschränkten Armen. Warum kriegen alle anderen die Kurve mit ihren Mitmenschen und ich als einzige nicht?

Geben unsere Eltern in ihrer DNA die ganzen enttäuschten Hoffnungen unserer Vorfahren an uns weiter, so dass wir schon mit diesem riesigen Angst- und Enttäuschungsrucksack geboren werden? Oder erleben wir in den kurzen Jahren zwischen Kleinkind und Teenager so viele enttäuschte Erwartungen, das wir auf diesem Sektor schon uralte Menschen sind, bevor wir überhaupt  in die Pubertät kommen? Weil ich kann mich ganz genau erinnern, dass ich diese Angst davor, dass meine Hoffnung zerschellt, wie eine Glasfigur, die auf den Boden fallen gelassen wird, schon als ganz, ganz junger Teenager hatte. Vielleicht sogar schon davor.


Zweiseitige Gefühle. Nennt man das Zwiespalt?
Hoffnung ist eines dieser Zwitter-Gefühle: Gut und Schlecht. Schön und häßlich. Aufbauend und zerstörerisch. Wie Angst. Angst kann gut sein – sie kann Dir das Leben retten, Deine Sinne schärfen. Und sie kann Dich lähmen bis zu dem Punkt, dass Du Dein Leben rückwärts lebst. Also was ist der Trick? Was ist der Kniff, um diese Zwittergefühle positiv zu nutzen? Was können wir tun, um sie daran zu hindern, negative Kontrolle über uns zu übernehmen?

Ich weiß, was es nicht ist: „Angemessenes“ Verhalten. Das ist ja oft, was von den Wohltemperierten herbeizitiert wird, wie der Geist aus der Salmiakpastille. Aber das ist Quatsch:

Du kannst nicht angemessen Angst haben. Angst ist immer magengrummelnde, beschissen verschwitzte, Kehlen zudrückende A.N.G.S.T.! Du kannst nicht vornehm oder zurückhaltend Angst haben. Genauso schmilzt Hoffnung Dein Herz zu einem Katzengoldklumpen, während Deine Hände nutzlos benutze Leinentaschentücher zerknibbeln. Du kannst nicht angemessen hoffen. Nur mit Inbrunst oder schon erloschenem Glauben. Und beides ist soweit von angemessen entfernt, wie ich von nett.

Angst und Hoffnung sind beides Gefühle, die uns übermannen, uns überkommen und in Beschlag nehmen. Aber ich weiß, es gibt irgendwas, irgendeine Möglichkeit den Spieß umzudrehen und sich die Angst und die Hoffnung zunutze zu machen. Aber was ist es?

Vielleicht ist es das in’s Gesicht schauen? Wenn man merkt, man hat Angst oder Hoffnung, dass man ihr frontal in die Augen schaut und fragt: Und Du? Wo kommst Du her? Weil Angst verliert seine Macht, wenn wir sie forschend anschauen und wenn wir wissen, wo sie herkommt. Und ich glaub, so ist es auch mit der Hoffnung.

Ja, das ist es, jetzt hab ich es:

Wenn wir die Angst und die Hoffnung ganz fest anschauen und fragen, wo sie wohnen, dann werden sie von was unkonkretem, ungreifbaren, uns überwältigendem, zu etwas konkreten. Sie haben einen konkreten Anlass, den wir greifen können und es liegt dann mit einem Mal in unserer Macht die Angst und die Hoffnung zu stoppen oder zu verändern oder des Raumes zu verweisen, falls wir das wollen.

Ja, das fühlt und hört sich richtig an. 



 
P.S. Was ganz gut zu dem Thema des Kreislaufs zwischen Hoffnung –> enttäuschte Hoffnung –> erneute Hoffnung passt: Auf dem Nachhauseweg vom Geschäft hab ich heute folgenden Satz gedacht und gefühlt:

„I was born in an ordinary world with the ability to see and feel the most extraordinary things.“