Ok. Ich schreibe auf zwei verschiedene Arten und Weisen. Die eine Art geht so: Ich hab was zu sagen, das praktisch schon in mir fertig geschrieben ist, ohne dass ich es bewusst gedacht habe. Irgendwie ist es unbewusst schon fertig zum Abholen in mir bereit. Diese Art zu schreiben berührt mich selber immer ganz komisch, weil ich so genau weiß, was ich sagen will und wie ich es sagen will, als würde ich an einem unsichtbaren Faden gezogen werden. Ich gehe praktisch eine hell beleuchteten, weite Straße entlang. Die andere Weise geht so: Ich hab schon auch was zu sagen, aber nicht wirklich einen Plan warum oder was für eine Bedeutung das, was ich zu sagen hab, wohl haben mag. Es ist mehr ein Gefühl, positiv oder negativ, das mich dazu bringt, was zu sagen. Bei jedem zweiten Schritt muss ich überlegen „welche Abwzeigung nehm ich nun hier und warum will ich denn eigentlich was sagen“?

Die erste Art führt zu Beiträgen, die ich schreib und direkt im nächsten Atemzug veröffentliche, ohne irgendwas daran verändern zu müssen. Die zweite Art führt zu vielen Textschnipseln, die ich sammele und die entweder irgendwann dann ein Beitrag werden oder sie werden zu etwas, was in mir arbeitet, bis es zu einem Beitrag der ersten Art kommt.

Nu, manchmal will ich einfach schreiben, was ich fühle, ohne dass es logisch sein muss und ohne, dass ich das Wörterbuch miteinbaue, das meine Gefühle nach außen übersetzt. Ein Beispiel: Das Wort „Füllhorn“ ist für mich immer lila. Wenn ich also was lilanes beschreibe, kann es sein, dass ich das Wort Füllhorn nehme. Da niemand weiß, dass Füllhorn sich für mich lila anfühlt, wird in der Regel niemand verstehen, was ich meine. Es sei denn, ich liefere im Text Anhaltspunkte, Übersetzungen, damit der Leser das Bild sehen kann, das ich sehe. Aber wie gesagt, manchmal will ich einfach nur wortmalen. Meine Gefühle ausdrücken, indem ich Wortbilder male, die das Gefühl lebendig werden lassen, ohne das Gefühlte notwendigerweise zu benennen.


Folgendes Gedicht (Version 1) ist so ein Textschnipsel, der auf diese Weise entstanden ist (ja, wie immer reimen sich meine Gedichte nicht, sorry. Aber ich bin mir sicher, dass sie Gedichtes sind). Ich hab es dann ein paar Wochen später per Zufall aus dem Nichts wiedergefunden und fand es total schön. Ergreifend. Genau so holprig und mühselig, wie es war. Dann hab ich gedacht: „Nee, das kann ich so nicht auf die Menschheit loslassen, das ist doch bissle zu mythisch und unverständlich und hat zu wenig zum Anfassen.“ Also hab ich an dem Gedicht rumgenoddelt, im Bestreben seine Essenz zu behalten, aber es gleichzeitig greifbar zu machen. Und als ich fertig war, fand ich, dass es das verloren hatte, was es zuvor hatte. Und da hatte ich das Schlamassel! Ich fand die 2. Version zwar auch gut, alles schick, aber die Version 1 hat mich irgendwie richtig ergriffen, als ich sie so unerwartet nach ein paar Wochen wieder gelesen hatte. Sie hatte eine andere Ebene. Das konnte die 2., geschliffenere Version nicht. Und ganz am Schluß des Ganzen fand ich dann beide Versionen doof, konnte mir keine Version mehr was geben. Das war sehr traurig.

Das ganze Geschehen fand ich sehr interessant. Denn wenn man den ganzen Vorgang mal genauer anschaut, ist er elementar. Wir haben natürlich alle Scheren im Kopf. Tagtäglich übersetzen wir hunderte mal unser Inneres nach außen, lassen dabei dieses weg, legen auf jenes mehr Betonung, je nach dem Gegenüber, das wir vor uns haben. Das alles funktioniert, ohne dass wir es überhaupt wahrnehmen. Es ist uns zur zweiten Natur geworden. Im Alltag mag das hilfreich sein, aber in echten Situationen, wo es um uns geht, wo wir uns ausdrücken wollen, ist es das nicht. Da steht mir diese Schere im Weg.

Was genau ist der Grund, dass ich an diesem Gedicht rumgebastelt hab? Man kann es unterschiedlich betrachten: Man kann denken, es ist die universale Angst und Unsicherheit, nicht verstanden zu werden. Die Angst, dass niemand das sehen kann, was ich sehe. Die Angst, dass etwas, was wir erschaffen unbedeutend oder schlecht ist. Man kann denken, dass es Zuneigung ist, denn ich will mich so ausdrücken, dass andere sehen können, was ich sehe. Will kommunizieren, mich mitteilen, verbinden, Kraft geben, Spaß machen, einen sicheren Raum bieten, wo jeder ernst genommen wird. Man kann denken, dass es Hochmut ist, dass ich anderen nicht zutraue, dass sie verstehen, was ich meine. Man kann denken, dass es Perfektionismus ist, der mir im Weg steht. Höchstwahrscheinlich ist es bei mir eine Mischung aus den ersten zwei Gründen.

Und so legt diese einfache Handlung, das Umschreibens eines Textes, eine zutiefst menschliche, uralte und abgrundtiefe Angst und Unsicherheit offen:

Unverstanden zu sein, wenn man verstanden werden will
Nicht gehört zu werden, wenn man was zu sagen hat
Statt sich zu offenbaren, sich bloßzustellen

Gegen diese Angst anzugehen ist schwer. Raubt mir den Atem, denn der Preis ist so hoch. Aber eines ist mir klar und dieses Erlebnis hat es mir nochmal bewußt gemacht: Etwas so zu sagen, dass wir verstanden werden, ist wichtig. Noch wichtiger ist aber, das zu sagen, was wir zu sagen haben. Das was sollte immer vor dem wie stehen. Das nehm ich mir zu Herzen.



Meta:
Damit Ihr Euch selbst ein Bild machen könnt, hier die beiden Versionen.

Kante auf Kante (Version 1):

Taube Worte, trostlos dahingeworfen
Sitzen wir an diesem schäbigen Tisch

die Sonne offenbart all die staubigen Falten,
rissige Rillen und Furchen
Augen verschließen

Schmuddeliges Linoleum, bröckeliger Gips
um uns herum zerfallen wir
die Zukunft kommt wieder in verkleiderter Form

Kante auf Kante



Kante auf Kante (Version 2):

Trostlos sitzen wir zusammen am
schäbigen Tisch, sprechen die tauben Worte

Nichts, was wir nicht schon wüssten
Zukunft kommt wieder im altem Gewand
Sonne offenbart staubige Gräben
Aufbruch schmeckt bitter und schal

Bleibt zuhause, verschließt die Türen
der Wahnsinn tobt durch die Gassen

Johlend, irre
Augen weit aufgerissen
kennt er kein Halten
sondern nur Kante auf Kante