Sind wir denn noch bei Trost? Zwei Gedanken zum modernen Leben

Ok. Normalerweise versuch ich ja immer, auch wenn es langweilig ist, fair zu sein. Auch die andere Seite zu sehen. Eine Lösung oder zumindest Verständnis für die Ursachen zu entwickeln, anstatt einfach nur Feindbilder und Gräben zu bauen. Weil, letztendlich, so abgedroschen es klingt: Stumpf draufhaun ist wie Fast food. Du hast gschwind ein gutes Gefühl, Erleichterung, aber schon kurze Zeit später geht alles wieder von vorne los, weil sich ja nix geändert hat. Und wenn Du aus der Erfahrung nix lernst, dann gehst Du immer wieder zurück und stopfst Dich mit Zeug voll, das Dir gar nix bringt oder in diesem Beispiel, bist Dich ständig am Aufregen, ohne dass sich irgendwas ändert. Und ja, es ist sicherlich populärer und einfacher sich aufzuregen ohne fair zu sein oder auch die andere Seite zu sehen, aber das macht es auch nicht sinnvoller. Aber gut, das alles ist ein anderes Thema. Worauf ich in meiner üblichen gezirkelten Langatmigkeit raus will, ist folgendes: Nachdem ich jetzt lang und breit erzählt hab, warum stumpf meckern blöd ist und warum ich das nicht mach, werd ich heute nur meckern. Sorry. Und es kommt noch schlimmer. Nicht nur, dass ich meckere, ich werd auch noch richtig unangenehm werden. Doppelsorry.

Warum ich nur meckere? Die Hintergründe der Sachen, die mich nerven, sind einerseits so offensichtlich und andererseits so weitreichend, dass ich 1001 Nächte schreiben könnte und immer noch nicht fertig wäre alles zu erklären, was ich meine. Also hab ich mich, sowohl aus Rücksicht auf Euch, als auch aus der Unfähigkeit heraus einen soziokulturellen, psychologisch-historischen Abriss der gesamten modernen Gesellschaftsgeschichte in einem einzigen Blogbeitrag zu schreiben (ja, ich weiß, das ist ziemlich erbärmlich, aber zumindest bin ich ehrlich), entschieden nur zu motzen. Muss ja auch mal sein, gell.

Here we go: Mir kommt es tatsächlich so vor, als ob die Mehrheit der Menschen vergessen hat, dass das Leben kein Planquadrat ist, sondern eben passiert. Das reflexhafte „da muss man doch was machen“, das den Reflexinhaber auch gleichzeitig von jeder Verantwortung entbindet (denn der ist ja nicht „man“), wird wohl zusammen mit der schon krankhaften Sucht nach einem Schuldigen, einem Verursacher, unser Untergang sein. Mit unseren Vorschriften und Regeln rotten wir langsam aber sicher uns und alles Leben aus. Wir entziehen uns selbst das Leben und unsere Existenzgrundlage. Wir tauschen zum Beispiel Läden und Kneipen, die von realen Menschen geführt werden, die in der Regel nah da wohnen, wo sie arbeiten und dort integriert sind und dort ihr Geld ausgeben, gegen Einkaufspassagen ein. Die Kneipen und Läden können im heutigen Steuer-und Versicherungsdschungel, Antirauch-Rausch und Hygienegesetzwahnsinn nicht mehr überleben. Statt dessen akzeptieren wir Einkaufspassagen, die von irgendjemand am anderen Ende der Welt (zur Zeit wohl hauptsächlich China?, wohin dann auch die Gewinne fließen) finanziert werden, Betreibergesellschaften, die unter anderem politisch Lobbyarbeit betreiben, bevor sie in eine Stadt oder einen Bezirk einfallen und somit in einer anderen Liga spielen als jeder Normalmensch, der ein Geschäft betreiben will. Einkaufspassagen, die uns sofort, wenn wir sie betreten, ungefragt ins Visier nehmen. Per Kamera wird dann die Verfolgung aufgenommen, um „Bewegungsprofile“ von uns zu erstellen, um uns damit noch besser psychologisch das Geld, das wir nicht haben, aus der Tasche zu ziehen. Und wenn der Bereich „gesättigt“ ist und die horrenden Umsätze, die so eine Passage fahren muss, nicht mehr erreicht werden können, dann ziehen die Heuschrecken weiter und hinterlassen Gebäuderuinen, die niemand sonst nutzen kann. Mal ganz ehrlich: Sind wir denn noch ganz bei Trost???


Habt Ihr eigentlich schon mal drüber nachgedacht, wer das Internet zahlt? Ok, klar, wir tun das irgendwie: Wir zahlen den Strom, um es zu erreichen. Wir zahlen das Gerät, um es überhaupt erreichen zu können. Und wir zahlen das Datenvolumen, um es nutzen zu können. Gut, dann sind wir im Internet, das heißt ja aber erstmal nicht, dass da auch irgendwas los ist. Also, habt Ihr schon mal drüber nachgedacht, wer real den Inhalt des Internets zahlt? Nachdem wir schon Unmengen bezahlen, um überhaupt da zu landen, kann uns niemand übel nehmen, dass wir keine Lust haben noch mehr zu zahlen. Das ist einer der Gründe, warum fast alles im Internet auf den ersten, unschuldigen Blick kostenlos oder lachhaft billig ist, um uns nicht gleich wieder zu verschrecken. Eine App für 99 Cent holt nur bei Tausenden Käufern jemals einen Gewinn raus – die meisten Apps liegen aber in den Hunderten, wenn überhaupt. Und Ihr habt sicher auch schon von Euren Lieblingsmusikern gehört, dass von Plattenverkäufen heute keiner mehr leben kann. Wie auch, wenn ein Album, an dem jemand ein Jahr gearbeitet hat, am Ende keine 10€ kostet!

Nun müssen ja aber die Leute, die all das machen, was wir sehen und nutzen im Internet, ja real von irgendwas leben. Die müssen Miete zahlen, essen und ihrerseits Strom und Internet zahlen. Nu gut, nu haben die meisten, so wie ich, irgendwelche verschwommenen Vorstellungen, dass das ganze über „Werbung“ finanziert wird. Ok. Soweit so gut. Aber was heißt denn das real? Das heißt, die Firma A zahlt Geld an jemand, damit der die Firma A bewirbt. Was wiederum bedeutet, dass Geld, das die Firma A sonst für sich und ihre Mitarbeiter zur Verfügung hätte, ihr nun nicht mehr zur Verfügung steht. Logisch, landet ja im Internet. Warum machen die das? Nicht aus Herzensgüte, sondern, um am Ende des ganzen Prozesses mehr Gewinn zu machen. Und da ist meiner Meinung nach der Haupthaken an dem ganzen: Werbung macht dauerhaft ja nur Sinn, wenn sie einem real was einbringt (über die Steuerabschreibung hinaus). Diese Tatsache ist uns zwar bewußt, aber irgendwie vergessen wir das trotzdem immer wieder. Wir hören:  Werbung und fragen gar nicht mehr weiter. Als wäre Werbung an sich schon ein Ziel, Grund oder ein Garant. Dem ist aber nicht so. Ernsthafte Frage: Hat einer von Euch schon real die Werbungen im Internet gelesen oder sogar etwas da gekauft oder bestellt? Ich nicht. Und ich kenn auch niemanden, der die wirklich wahr nimmt. Genauso schalte ich im Fernsehen um, wenn Werbung kommt und ich denke, das tun eine Menge anderer Leute auch. Aber, wenn Werbung sich nicht lohnt, ist es denn dann überhaupt noch Werbung?


Und hier wird es jetzt sehr, sehr unangenehm. Denn Geld in Werbung zu stecken, macht nur Sinn, wenn man mehr Geld wieder rauskriegt dadurch. Wenn das aber gar nicht der Fall ist, ist es nichts anderes, als bezahlen. Finanzieren. Und das heißt ja letztendlich nur: Wir selbst sind die Deppen, die seit jahrzehnten dafür arbeiten das Privatfernsehen und das Internet zu finanzieren. Denn fast alle sitzen wir in irgendeiner Firma, die ihr Geld fürs Opium fürs Volk ausgibt, um den gesellschaftlichen Frieden zu erhalten. Wir alle arbeiten tagtäglich also nicht nur für unseren Arbeitgeber, für den Staat und für uns, nein auch dafür, die Unterhaltungsmedien zu finanzieren. Wir verarschen uns eigentlich also alle selber.

Nebenfrage: Schon mal drüber nachgedacht, warum trotz Aufschwung seit Jahren in Deutschland die Löhne stagnieren, weit, weit hinter den Lebenskosten zurückliegen und zwar in einem Maß, dass zum Beispiel Frankreich sich schon seit Jahren über die deutschen Niedriglöhne aufregt, weil wir damit das Lohngefüge in anderen Ländern aushebeln? Und ja, unsere Lohn-Nebenkosten sind relativ hoch – aber einerseits nicht mehr so hoch, wie sie mal waren und andererseits: Das sind sie auch in anderen Ländern. 

Das blöde ist: Mir fällt real auch kein besserer Weg ein das Internet oder Privatfernsehen besser zu finanzieren. Das Internet an und für sich bringt nix ein, genauso wenig wie Fernsehen. Und das, obwohl Millionen täglich dran teilnehmen. Eigentlich irre, oder? Sinn würde es machen, wenn die Firmen, die wir bezahlen, um ins Internet zu kommen, dann auch den Inhalt bereitstellen. Das wäre dann zwar sauber und konfliktfrei, würde aber wiederum bedeuten, dass alles im Internet unglaublich teuer wäre, weil die natürlich die Vielfalt alleine nie stemmen könnten und somit wäre das Internet eigentlich unbrauchbar kommerziell. Bezahlfernsehen gibt es ja schon lang, aber die Zuschauerzahlen sind vernachlässigbar gemessen an der Gesamteinwohnerzahl und ich seh nicht, dass sich das ändert. Bei den öffentlich-rechtlichen klappt das mit der Gebühr ja nur, weil man keine Wahl hat und es nicht freiwillig ist.

Ist das Internet also eigentlich eine Luftblase? Verarsche? Es gibt – wie für alles im Leben – eine nette Southpark-Folge dazu, indem die Kiddies Geld brauchen und Internetstars mit Millionen Klicks werden. Natürlich denken sie, dass sie nun auch Millionen verdient haben, nur um dann zu erfahren, dass das „Internetgeld“ ist und kein echtes Geld. Monopolygeld. Schwierig zu sagen, ob das Internet als kommerzielles Instrument wirklich real ist. Ich denke schon, dass Fernseh- oder Internetwerbung für einige wenige funktioniert. Für die Riesen und für einige wenige Produkte. Und natürlich für den Handel, aber der würde ja auch ohne das Internet stattfinden. Aber nicht für die große Mehrzahl der Firmen. Warum die Firmen dann überhaupt Werbung im Internet machen? Einerseits, weil es dazugehört, andererseits, weil es zutiefst menschlich ist: Es ist eine Mischung aus Glücksspielsucht und Hoffnung auf ein Schnäppchen. Es ist einfach zu verlockend – die Möglichkeit, dass Millionen oder Tausende  erreicht werden können! Es ist wie der Goldgräberrausch im Wilden Westen. Dass die Möglichkeit zu haben, noch nicht heißt, dass auch real nur ein Mensch die Anzeige anschaut oder dass auch nur ein müder Euro reinkommt, zählt erstmal nicht. Es wird hochgerechnet und geschätzt und sich Hände gerieben.

Wahrhaftig denke ich inzwischen, dass das Internet uns total über den Kopf gewachsen ist. Weder können wir die Zusammenhänge noch durchschauen, noch können wir es kontrollieren oder für unsere Sicherheit garantieren. Und dann wird es nicht nur unangenehm, sondern richtig gefährlich. Ich krieg zum Beispiel jeden Tag tonnenweise Phishing-E-Mails. Das ist nix anderes, als wenn einer in mein Haus kommt und versucht bei mir einzubrechen. Und trotzdem hab ich keinerlei Handhabe dagegen. Das kanns nicht sein! Im Internet müssen die gleichen Regeln gelten, wie in der echten Welt. Weil, auch, wenn es eine virtuelle Welt ist, wir sind es nicht. Wir sind trotz allem reale Menschen und so angreifbar und anfällig, wie wir es in der realen Welt auch sind. Und wenn wir keinen besseren Umgang mit dem Internet hinkriegen, haben wir zukünftig ein noch größeres Problem, als bisher schon.

Ok, das war es mit dem Gemecker. War gar nicht so schlimm, oder?

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