Ok. Ich schau fast keinerlei Serien oder Spielfilme mehr an. Das langweilt mich zu Tode. Im Ernst: „Woran sind Sie denn gestorben? Bei mir war’s ja das Alter. War aber ganz friedlich, bin einfach eingeschlafen.“ „Oh, das ist ja schön. Bei mir war’s leider nicht so friedlich. Bei mir war’s Hollywood. Ich hab versehentlich Bridget Jones 29 angeschaut“ Hier folgt dann ein mitfühlender Blick meiner Mittoten und ein Schultertätscheln. Oder, wenn wir dann weder Schultern zum Getätscheltwerden, noch Hände zum Tätscheln haben, vielleicht ein kleiner, tröstlicher Lufthauch. Nee, nee, ich schau nur noch Sachen an wie Comics/Cartoons, Science Fiction, Reportagen, Dokumentationen und natürlich Sport. Der Grund dafür ist, dass mich dieses platte, flache Psychologiegetue zum Schreien bringt. Vor Zorn und Langeweile. Vor Ungeduld.

Fließbandunterhaltung nach bewährtem Rezept

Meistens läuft ein Film oder eine Serienfolge nach diesem Muster ab:
• Film fängt an, wir erfahren wer mitspielt, worum es geht und meistens ist auch hier der psychologische Kram mit drin. Sozusagen die „Motivation“. Dazu später noch mehr. Hier wird auch festgelegt, wen wir nett finden, wer der Gute und wer der Böse ist und aus welcher Perspektive wir den Film sehen.
• Mittelteil: Film geht weiter (logischerweise). Nachdem wir im Anfangsteil schon erfahren haben, wie unser(e) Held/in tickt, passiert nun irgendwas Dramatisches. Das muss so sein, damit im
• Endeteil: unser Mensch (mir zu anstrengend immer geschlechterunspezifisch korrekt zu sein) nu entweder

a) was lernen oder erkennen kann und „besser wird“ – was natürlich beschissene Scheißpropaganda ist, damit wir nach Hause gehen und denken: „Siehste, wenn Dein Freund ne Bombe um den Bauch gebunden kriegt, dann kommt so das wirkliche ICH raus. Da gibts dann kein Verstecken mehr. Und dann kann man daran auch wirklich wachsen. Und in echt ist die Welt ja auch nicht so böse. Die tut nur so, aber wenn’s hart auf hart kommt, dann sieht man dass die Welt einfach nur eine harte Schale hat, aber einen weichen Kern“ (oder eine andere, geeignete, jedoch absolut belanglose Scheiß-Plattitüde)

b) sieht, dass er total falsch gelegen hat vorher und reumütig dann alles tut, um seine eigentlich reine, wenn auch befleckte Seele wieder gut zu machen, was genauso beschissene Propaganda ist, damit wir nach Hause gegen und sagen: „Siehste, selbst, wenn Du schon 10 Jahre Leute verprügelt und ermordet hast und für den Gangsterboss gearbeitet hast und dessen härtester Hund warst, erkennt man blitzartig, was „richtig“ und „falsch“ ist, wenn einen ein kleines Mädchen dabei beobachtet, wie man seine Eltern umbringt und dann kann man auch das alles wieder gutmachen und die 12 Menschen, inklusive der Eltern des Mädchens, die man ermordet hat, gut, das ist natürlich nicht schön – aber er hat ja das kleine Mädle gerettet und die hat ihn ja so gern gemocht und dann ist ja auch alles gut ausgegangen“. Heilige Scheiße.

c) erkennt, dass wahre Liebe alles ist und alles gut macht und er vorher nur sinnentleerten Hülsen hinterhergejagt hat und dass die wunderschöne reiche, aber natürlich böse und/oder dumme (denn natürlich, wer hübsch oder reich oder sogar beides ist, hat nicht das Recht auch noch nett, klug oder weise zu sein! Wo kämen wir denn da hin?) Frau nicht die wahre, echte Liebe ist, sondern, die ganz normale Hollywoodschönheit mit aufgespritzen Lippen und Kleidergröße 0 (oder, um es noch seichter zu machen, mit Kleidergröße Normal). Auch hier ist natürlich Propaganda am Werk, ich spar mir das „Siehste…“

d) in seltenen Fällen mit seinem Tod für sein Leben bezahlen kann und damit dann alles wieder gut macht und in Frieden sterben kann und wir alle mit dem Gefühl nach Hause gehen können, dass nun die Welt wieder richtig ist. Hallo, Herr und Frau Propaganda.


War es je anders?

Natürlich ist das keine Erfindung, kein Problem der Neuzeit. Schon immer verkaufen uns Sagen, Romane und Zeitschriften diese Plattitüden und simple Konzepte. Mit zwei Unterschieden: In Büchern hat der Autor mehr Zeit die Figuren und Geschichte aufzubauen, so dass es weniger platt und zweidimensional ist. Und visuell prägt sich uns in der Regel besser und näher ein. So dass so ein Film mehr Schaden anrichten kann als ein Buch. Und der zweite, gewichtigere Unterschied ist der, dass Unterhaltung früher die Ausnahme war. Heute ist sie die Regel. Sie ist überall um uns, sie verfolgt uns sogar bis in unsere Schlafzimmer, wo wir den Fernseher, Computer, Handy, Tablet oder Laptop immer schön griffbereit haben.

Ich kann einfach diese flache Scheiße nicht mehr haben (hier der versprochene Part zur „Motivation“): Ein Mensch ist von seinem Vater in’s Wasser getunkt worden, bis er dachte, er stirbt (was natürlich eine traumatische, abscheuliche Sache ist) und das führt zu einem Trauma und jedes Mal, wenn es regnet, geht der Mensch nu los und tötet Männer, die so aussehen wie sein Vater. Ich mein HALLO!!!! Wirklich?

Oder die Mutter zieht einem Jungen Mädchenkleider an und ist herrisch und deswegen tötet er als Mann mittelalte Frauen und zieht ihnen ’ne Perücke auf. Waaaaaas????

Oder Junge wird ausgelacht beim Schwimmen von anderen Jungs, entwickelt deshalb Minderwertigkeitskomplexe und geht nicht mehr vor die Tür, ist aber begnadeter Musiker und wird entdeckt von….BLABLABLA

Und dann die ganzen Stereotypen, die wir schon aus dem EffEff kennen, auf die wir schon wie gute Äffchen konditioniert sind:

  • Die Tochter, die die Familie über Wasser hält und selber zu kurz kommt, nachdem die Mutter gestorben ist
  • Der Sohn, der die Familie über Wasser hält und selber zu kurz kommt, nachdem der Vater gestorben ist
  • Die überarbeitete, alleinerziehende Mutter, die keine Zeit für Liebe hat und dann ganz unerwartet in die wahre Liebe reinstolpert
  • Die Karrierefrau, die keine Zeit für Liebe hat und dann ganz unerwartet in die wahre Liebe reinstolpert
  • Der Karrieremann, der keine Zeit für Liebe hat und dann ganz unerwartet in die wahre Liebe reinstolpert
  • Das Mauerblümchen, das durch die Aufmerksamkeit des tollen Checkers Selbstvertrauen kriegt

Und so geht es endlos weiter. Das passiert, wenn Kunst/Kreativität nicht mehr einem Bedürfnis folgt, sondern lediglich ein Geschäft ist. Ich kann es nicht mehr ertragen, mir wird übel davon. Keine dieser Figuren sind mehrdimensional, keine dieser Verhaltensweisen sind mehrdimensional. Es ist alles platt, folgerichtig und erdrückt mich. Vor allem finde ich den Teil in Filmen und Serien immer ganz gruselig, wo alles schlimm wird und schief geht. Muss es ja, sonst hätte unser Held ja nix zu tun und zu lernen, gell? Natürlich ist das echte Leben nicht so. Weder sind wir so, noch passieren im echten Leben all diese dramatischen Dinge Schlag auf Schlag.

Das Problem ist unser aller Problem
Das Problem ist natürlich, dass wir heute rund um die Uhr, rund um die Welt unterhalten werden wollen. Anstatt, dass einer ein Werk schafft, weil er was zu sagen hat, muss heute täglich Unterhaltung geschaffen werden, damit wir schön ruhig und kontrollierbar bleiben. Unterhaltung ist die stärkste Waffe, die größte Macht, die eine Führung, eine Industrie haben kann. Nicht nur werden wir durch sie ruhig gehalten, durch sie wird uns auch mitgeteilt, was richtig und was falsch ist. Und ob wir wollen oder nicht, wenn wir es anschauen, nehmen wir es auf.

Beispiel? Beispiel: Wir alle sind (hoffentlich) dagegen, dass Menschen sterben müssen oder ermordet werden. Wenn ich nu mit einem Mitmenschen auf der Straße mich aufstelle und so tun würde, als würde ich meinen Mitmenschen erwürgen, würde das hoffentlich keiner lustig oder gut finden. Wenn wir aber nun einen Film sehen, in dem ein amerikanischer Mensch gegen russische Menschen kämpft – dann schlucken wir das. Uns fällt nicht auf, dass hier reale Nationalitäten genutzt werden und dass wir nahtlos anerkennen, dass die russischen Männer die Bösen sind. Ich find das total krass. Und dann tötet der amerikanische Mensch, der am Anfang des Films als Held aufgesetzt wurde, 60 russische Menschen und wir gehen aus dem Kino raus in dem Gefühl, dass das Gute gewonnen hat. Das ist doch krank. Und so werden wir konditioniert.

Natürlich „wissen“ wir, dass das nur gespielt ist, dass in echt kein Mensch gestorben ist. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir diese ganzen Bewertungen, die in den Filmen ablaufen – wer gut ist, was gut ist – nicht vollständig abwehren können. Ein Teil davon wird durchsickern und sich in uns absetzen.


Der Grund, warum ich Cartoons, Science Fiction etc. schauen kann, ist, weil sie uns nicht mit irgendwelchen halbgaren Psychologiegetue weismachen wollen, sie wären real (mir tut übrigens immer die gute, alte Psychologie leid, die so ausgebeutet und verdreht wird!). Die ganzen Schmierenkomödien wie CSI und so weiter führen dazu, dass Menschen irgendwann wirklich glauben, das Leben sei linear. Sie denken: Aktion A führt zwangsläufig zu Ergebnis B und alles hat einen einfachen, klaren, benennbaren Grund. Das befriedigt zwar unsere Sinn-Sehnsucht, ist aber natürlich dadurch nicht mehr real oder weniger gefährlich. Gefährlich deshalb, weil wir kein Gegengewicht mehr haben. Wenn man die Welt nämlich nur noch durch Unterhaltungsmedien sieht – und der Großteil der Nachrichtensender sind genau das – sieht man die reale Welt gar nicht mehr. Und so kann es kommen, dass Menschen denken, das Leben sei durch Regeln regelbar. Und so kann es kommen, dass Millionen von Menschen andere, gesteuerte und veränderte Nachrichten, Informationen und Unterhaltung gefüttert bekommen, als der Rest der Welt. Und dann? Hallo trump und brexit und afd (ich sag nur „prominent“ und „brisant“)! Und et voila – ein Problem, das uns alle betrifft.

Ok, ok, ist ja schon gut…steig ja schon von meiner Seifenkiste runter…