Ok. Wusstet Ihr schon, dass 4000 Taiwanesen auf einer Insel praktisch die radioaktive Suppe für 23 Millionen andere Taiwanesen auslöffeln? Auf der Insel Lan Yu, der Orchideeninsel, haben die taiwanesischen Behörden 1982, ohne die Menschen, die dort leben zu informieren, geschweige denn sie um ihr Einverständnis zu bitten, ein Atommülllager in Betrieb genommen. Die Arbeiter, die das Lager gebaut haben, haben damals heimlich Bilder gemacht und man sieht darauf Männer mit nacktem Oberkörper, ohne Atemschutz Inhalte aus radioaktiven Fässern zerkleinern, während die Luft voll ist von radioaktivem Staub. Aber ich bin mir ganz sicher, die Leute von der Betreiberfirma, Taipower, haben dem Staub ganz deutlich gesagt, dass er im Lager bleiben muss, wo er ja schließlich auch hingehört. Deshalb muss man sich da gar keine Sorgen machen…. Die Bilder mussten sie deswegen heimlich machen, weil die Bevölkerung durch die Behörden getäuscht wurde. Die Menschen auf Lan Yu saßen buchstäblich auf radioaktivem Müll und wussten nichts davon. Gruselig.

Die Situation von Lan Yu ist aus mehreren Gründen absolut faszinierend für jeden, der sich für Gesellschaften, Machtverhältnisse und Entwicklungsgeschichte interessiert. Die Gründe, die die Insel zu einem absoluten Paradebeispiel, einem hochinteressanten Studienobjekt machen, liegen einerseits in seiner Lage als relativ isolierte Insel und darin, dass die Insel viele Jahrzehnte als Ureinwohner-Reservat geschützt und der Zugang verboten war. Praktisch ein Menschennaturschutzgebiet. Dadurch konnte die Insel sich etwas losgelöst vom Rest der Welt entwickeln und hat ihren traditionellen Kern ganz lang wahren können. Ein Anachronismus. Und andererseits macht der rasante Verfall, die Entwicklung, seitdem dieser Schutz weggefallen ist, die Insel so interessant (ok, sicher finden die Einwohner das nicht so „interessant“!). Eine Entwicklung, die in einer gnadenlosen Abhängigkeit geendet hat, in der die ganze Insel nun lebt. Der Energiebetreiber Taipower hat sich das radioaktive Mülllager dadurch erkauft, dass sie die Insel von sich abhängig gemacht haben. Wie Drogenabhängige können die Menschen nun nicht mehr ohne Taipower leben – und gleichzeitig, wortwörtlich in diesem Fall – nicht mit Taipower und den Folgen der Radioaktivität.

Von fliegenden Fischen zu finanziellen Fliegenfallen
Vor dem Bau der Müllanlage hat Lan Yu jahrhundertelang vom Fischfang und dem Anbau von Yams und anderem Gemüse gelebt. Lan Yu’s Haupteinkommensquelle bzw. die Haupternährungsquelle waren dabei immer die fliegenden Fische. Mit traditionellen Booten fuhren die Männer vor gar nicht allzu langer Zeit noch bis spät in die Nacht auf’s Meer hinaus. Hatten sie einen guten Fang gemacht, sangen sie alle auf dem Rückweg zusammen und so wusste das ganze Dorf, dass der Winter gerettet war und die Frauen, die bangen Herzens hofften, dass es alle ihre Männer in den sicheren Hafen zurück schafften, konnten erleichtert aufatmen. Heute sind es hauptsächlich die älteren Männer, die noch in kleinen Booten ausfahren. Denn junge Menschen sind selten geworden auf Lan Yu. Wie auch die fliegenden Fische. Durch Überfischung und Umwelteinflüsse ist diese Lebensgrundlage der Menschen von Lan Yu am verschwinden. Und das tun auch die jungen Leute. Sie nehmen reißaus und gehen auf die taiwanesische Hauptinsel oder ins Ausland. Auf Lan Yu gibt es keine Arbeit und nix zu unternehmen. Keine Zukunft.


Das alles macht es noch schwieriger dem klebrigen Sirup von Taipower zu widerstehen. Sie sind überall. Sie erkaufen sich Schweigen und Stillhalten durch monatliche Entschädigungszahlungen und durch kostenlosen Strom. Sie sponsorn die Schule, den Sportpreis in der Schule, den Laden, Projekte. Sie haben ihre Finger überall drin. Aber das alles ist und bietet ja keine Perspektive. Das ist, als würde ich Menschen, die Wasser brauchen, jeden Tag eine Flasche Sprudel vorbei bringen, anstatt ihnen zu helfen einen Brunnen zu graben. Viele Menschen haben deshalb Angst, was mit Ihnen passiert, wenn sie den radioaktiven Müll verlieren. Können sie überhaupt noch leben ohne Taipower? Aber es gibt auch andere. Zornige. Die erkennen, dass kein Geld, kein Strom das aufwiegen kann, was sie verlieren. In den letzten Jahren kommt es daher immer wieder zu Protesten und vor allem das Unglück in Fukushima hat die Menschen aufgerüttelt. So dass das Atommülllager auch die Gemeinschaft auf der Insel spaltet. In die, die es als Einnahmequelle sehen und die, die ihre Traditionen nicht verlieren und die selber für sich sorgen wollen, selbst, wenn das anstrengender und schwieriger ist, als einen Scheck zu bekommen und zu hoffen keinen Krebs zu kriegen, wie ihn der Nachbar vielleicht schon hat. Ich finde es ist einfach eine sehr traurige Situation. Für alle Seiten.


Hut ab, Italien!
Wenn ich darüber nachdenke, dass überall auf der Welt radioaktiver Müll liegt und wir willentlich mit radioaktiven Stoffen, sei es zur Stromgewinnung oder für Bomben, rumhantieren, wird mir ganz anders zumute! Ich möchte hier mit großer Bewunderung Italien erwähnen, die den Atomausstieg abgeschlossen, ihre 4 Werke abgeschaltet haben und keine Energie mehr mit Atomkraft erzeugen oder nutzen. Ein absolutes Vorbild in diesem Punkt! Übrigens: In einem der vielen Gespräch von Aktivisten mit der taiwanesischen Atombehörde fiel angeblich auch sinngemäß der Satz, dass man froh sein solle, dass der radioaktive Müll auf der Insel und relativ gesichert sei und die Einwohner davon „profitieren“. Denn man hätte ja den radioaktiven Müll auch ins Meer vor der Insel kippen können, was wohl auch zur Debatte stand, und dann hätten sie gar nix davon gehabt. Na Prost Mahlzeit, sowas hört man gern!!! Zumindest hat man sich für den generellen Umgang mit der Insel und ihren Bewohnern von Seiten der Politik her inzwischen entschuldigt – auch, wenn man an der Situation selbst nix ändern kann und/oder will. Hier findet Ihr eine ganz tolle Reportage von Arte über Lan Yu mit dem Namen „Fliegende Fische oder Atommüll“.

Meta: Die Insel Lan Yu hat viele verschiedene Namen und Schreibweisen. Ich hab mich entschieden Lan Yu zu nutzen. Diesmal ist nur ein Bild von mir gemalt (das Beitragsbild), die restlichen Bilder kommen von Flickr, von Billy1125 (Fischerboot) und Jared Yeh (Protest und Landschaft). Wenn Ihr auf die Bilder klickt, landet Ihr in ihren Fotoalben. Dort gibt es noch mehr Schönes und Interessantes von Lan Yu und anderem zu sehen. Und wie immer: Wenn Ihr bessere, andere oder zusätzliche Infos habt, korrigiert mich gern oder fügt neue Informationen hinzu, entweder per Kommentar oder schickt mir eine E-Mail und ich arbeite das dann in den Beitrag ein.
 
Mehr aus der Reihe „Wusstet Ihr schon…“

Teil 1: Der soziale Magen
Teil 2: Analoge Organe
Teil 3: Das billige Gesicht
Teil 4: Der Maschinengott