Der Mensch, das unzivilisierbare Wesen?

Ok. Heute wird es sehr, sehr theoretisch und kompliziert. Aber, ich glaube auch interessant und lohnenswert. Ich schreib ja oft darüber bzw. denk viel darüber nach, was der Grund ist für das Menschheitsmuster, das zu bewirken scheint, dass eine Gesellschaft nach Besserem strebt, dort angekommen kurz innehält und dann zerbricht. Dieses Muster kann man im großen und kleinen über unsere ganze Geschichte verteilt antreffen und wenn es dieses Muster gibt (was ich glaube), dann ist unsere heutige Zeit plötzlich keine Anomalie mehr, nein, viel mehr ist es eine zu erwartende normale Reaktion. Und das ist auf den ersten Blick ziemlich bedrückend, denn es würde bedeuten, dass wir zwar wissenschaftlich rasend schnell voranschreiten, jedoch nie psychologisch oder gesellschaftlich. Oder zumindest nur sehr, sehr langsam und mühselig. Wir würden immer wieder, wie eine Pflanze, wachsen, blühen und vergehen. Wenn man sich dieser Erkenntnis als einzelner Mensch gegenüber sieht, bleibt nicht viel, als laut zu schreien, bis andere es auch sehen und gewillt sind was zu ändern daran, sich dem Nihilismus hinzugeben und zu sagen: Nu, wenn es eh nix ändert, was ich mach, dann brauch ich mir ja auch keine Mühe zu geben oder sie schlichtweg zu ignorieren (lalala, ich hab nix gesehen…).

Ich versteh diese Menschen nicht…
Eine Zeit lang dachte ich, die treibende Kraft hinter diesem Muster sei unsere kurze Lebensspanne: Der Spruch, der jedem Teenager seit Anbeginn der Zeit den Arsch gerettet hat: „Man lernt nur durch Fehler“, ist natürlich insofern berechtigt, da wir nur Dinge dauerhaft umsetzen können, die wir selbst emotional verstanden haben, die uns also selbst als für unser Wohlbefinden notwendig erscheinen. Deswegen ist es einigermaßen logisch anzunehmen, dass das, was eine Generation selbst emotional erlernt, maximal noch eine weitere Generation beeinflusst und dann nach und nach in Vergessenheit gerät oder verdrängt wird durch eigene Erfahrungen. Und somit ist es auch logisch zu denken, dass wir Menschen emotional, zwischenmenschlich immer wieder die gleichen Fehler machen. Wenn man sich anschaut, wie die Welt im Mittelalter war, ist sie heute nicht viel anders. Ja, dank des Fernsehens müssen wir niemand mehr hinrichten und dank Musikkonzerten verbrennen wir niemanden mehr, aber die politischen Machtspiele, die emotionalen Machtspiele mit Hetze und Propaganda und Sündenböcken, das Spiel mit den Ängsten und den Minderheiten, ist tupfengleich.

Selbst die Arm/Reich-Schere ist immer noch tupfengleich. Und nur, weil wir es heute nicht mehr Sklaverei nennen, weil es in der Theorie verboten ist, ändert es nichts daran, dass viele Menschen abhängig sind von wenigen Menschen – auf Gedeih und Verderb. Und dass sie mit dem Lohn oft nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch das Recht auf freie Meinungsäußerung, Würde, körperliche Unversehrtheit und den freien Willen aufgeben müssen. Denn die Alternative ist kein Lohn und somit auch kein frei bestimmtes Leben. Und prinzipiell das Recht zu haben ist was ganz anderes, als es praktisch zu bekommen oder zu leben. Wenn Du Dir keinen Anwalt leisten kannst oder finanziell nicht durchhalten kannst, bis ein Gericht entscheidet, dann nutzt Dir Dein Recht überhaupt gar nix. Dann bleibt Dir nix als das zu tun, was von Dir verlangt wird. Ich nenn das Sklaverei. Moderne Sklaverei. Denn wie alles andere, ist natürlich auch die Sklaverei fortgeschritten und hat sich verändert. Aber im Kern bleibt es Sklaverei, wenn einer alle Rechte und Möglichkeiten hat und der andere sich dem zwar theoretisch entziehen kann – aber nicht in der Realität!

Wie kann es also sein, dass wir immer noch die gleichen Idioten sind wie vor tausenden, hunderten von Jahren? Wie kann das sein, wo wir doch heute in der Lage sind Atome zu spalten und Herzen zu transplantieren und ohne Flügel durch den Himmel zu fliegen, ja sogar die Erdatmosphäre ganz zu verlassen? Die Antwort ist ziemlich niederschmetternd: Weil wir wohl einfach nicht in der Lage sind etwas zu verbessern losgelöst von uns? Wir sind sehr wohl in der Lage uns etwas zu Nutzen zu machen. Das fühlt sich zwar an wie verbessern und lässt sich auch so verkaufen, aber sind wir mal ehrlich: Wir spalten das Atom nicht, weil wir es so schätzen. Wir transplantieren keine Herzen aus Großmut und wir fliegen auch nicht um die Welt, um unser Denken zu erweitern. Wir machen all diese Dinge, weil sie uns nützen. So wie wir Angst und Furcht nutzen um Haß und auch Liebe zu erzeugen. Das alles ist ziemlich armselig. Aber letztendlich ist das unser Überlebensinstinkt.

Denn wir sind nicht anders als alle anderen Lebewesen. Wir machen uns zunutze, was wir erwischen können, um zu überleben. Blöd nur für uns und alle anderen, dass wir darin so beschissen gut und gewissenlos sind. Das allermeiste unserer Psychologie ist auf das Überleben, auf das Überstehen von Krisenzeiten ausgelegt: Wir reagieren bei anderen auf Bedürfnisse, Druck und Angst und sind nahezu unaufmerksam und unbewegt bei Glück, Freude oder Gesundheit. Oder glaubt Ihr die bildzeitung würde sich verkaufen, wenn sie nicht über Tod, Hass und Angst, sondern über Glück, Mitgefühl und Zufriedenheit schreiben würde? Come on!

Dieses Verhalten auf negatives zu reagieren, macht Sinn in einer Gesellschaft, die ums Überleben kämpft und die zusammenhalten muss. Es macht jedoch keinen Sinn in einer Gesellschaft, die nicht ums Überleben kämpfen muss. Und genau das ist dann der klassische Rom-brennt-Moment. Der Moment, wenn eine Gesellschaft, die obwohl sie alles hat, unerklärlicherweise sich selbst zerstört. Naja, nicht unerklärlicherweise, habs ja grad erklärt: Die Verhaltensmuster, die gut sind für eine Krisensituation, sind selbstzerstörerisch in einer normalen Situation. Blöderweise haben wir kein instinktives Verhaltensmuster für Nichtkrisensituationen intus? Wir arbeiten immer noch genauso fieberhaft daran zu überleben, uns unsere Umwelt zu nutze zu machen, als würden wir ums Überleben kämpfen müssen. Ich erklär dieses selbstzerstörerische Verhalten mal genauer an einem Beispiel (oh, da kommt mir grad ein grausiger Gedanke: Vielleicht ist dieses Verhalten ja auch gar nicht selbstzerstörerisch, vielleicht dient es dem Überleben der Spezies, wenn eine Gesellschaft sich selbst zerstört, bevor sie zu groß wird um alle zu ernähren oder bevor sie zu verfettet ist, um Fressfeinden entkommen zu können? Gruseliger Gedanke!).


Also, ich erklär das mal am Beispiel Aufmerksamkeit: In einer Krisensituation oder einer Zeit, in der das Volk ums Überleben kämpfen muss, ist es gut, wenn wir auf die Bedürfnisse von anderen reagieren. Wir tun das nicht wegen dem anderen, sondern weil es unser eigenes Überleben sichert. Wenn es einem kalt ist, er krank ist, dann ist es gut für uns das zu ändern, weil die Gruppe besser überleben kann, wenn sie mehr sind. Deshalb hilft es einem selbst, wenn man einem Kranken hilft, in der Hoffnung, dass der bald gesund ist und dann Nahrung oder Waren produzieren kann. Also lernen wir zwei Dinge: Wenn es einem schlecht geht, reagiere ich, weil es der Gesellschaft und damit mir hilft. Und: Wenn es mir schlecht geht, bekomme ich Aufmerksamkeit und Sonderrechte.

In einer Gesellschaft, der es nicht gut geht, kann niemand das groß ausnutzen, denn da reguliert sich das von selbst: Die wirklich Kranken sterben und da jeder für das Überleben notwendig ist, können die Kranken, die wieder gesund werden, nicht ewig krank bleiben, weil sie sonst zum Beispiel einfach nicht genug zu essen kriegen. Was passiert aber in einer Gesellschaft, in der nicht mehr jeder fürs Überleben notwendig ist? Da dreht sich das, was mal hilfreich war in genau das Gegenteil und schadet dann der Gesellschaft, zerfrisst sie von innen raus. Der Fokus bleibt auf den Bedürfnissen, aber da der Fokus keinen Sinn mehr erfüllt, ist es eine Art Leerlauf. Sinnentleert. Und was keinen Sinn erfüllt, keinen Sinn in sich trägt, ist eine Art negatives Schwarzes Loch, das zwar Energie abzieht, aber dafür nichts erzeugt.

Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht!
Wieder am praktischen Beispiel erklärt: Die Menschen jammern zwar über ihren Rücken und bekommen dafür auch Aufmerksamkeit, aber das ist nur noch ein leeres Ritual, das keinen Sinn mehr ergibt und erfüllt. Weil sowohl die Gemeinschaft, als auch der Mensch überlebt trotz Rücken. Und deshalb regen sich die Leute, die die Aufmerksamkeit geben, weil es so eben instinktiv in ihnen angelegt ist, auf. Denn sie geben die Aufmerksamkeit ja nicht aus Herzensgüte, sondern reagieren instinktiv aus Eigeninteresse. Da es aber gar nicht mehr notwendig ist, sie also was geben, ohne was davon zu haben, werden sie sauer. Sie fangen dann irgendwann an über den Rückenleidenden zu lästern und empfinden Zorn. Ein Gefühl der Ungerechtigkeit, des ausgenutzt werdens beginnt sich aufzubauen. Gleichzeitig fühlen sie sich aber schlecht, dass sie zornig werden auf jemand, dem es schlecht geht. Das ergibt ein ganz komplexes Gefühlsmischmasch. Während der Rückenleidende auf der anderen Seite sich ungerecht behandelt und unverstanden fühlt, weil alles weiter geht wie gewohnt, obwohl es ihm ja so schlecht geht und dann immer mehr in eine Opferrolle schlüpft, die dann nicht mehr nur den Rücken betrifft, sondern die Person generell, was wiederum andere nur noch zorniger macht.

Und so entsteht Stück für Stück ein negatives Muster in einer Gesellschaft. Um damit fertig zu werden und weil man ja mit dem Nachbarn oder Kollegen weiter auskommen muss, werden Alibi-Feindbilder und Gegenseiten aufgebaut. Und Stück für Stück greifen diese negativen Gefühle um sich, schnappen sich neue Alibifeindbilder (die „Studierten“, die „Ungebildeten“, die „Künstler“, die „Naiven“ usw.), um den negativen Gefühlen Luft zu verschaffen und erzeugen Bewegungen und ruckzuck, innerhalb von ein paar Jahren, Jahrzehnten ist eine Gesellschaft auf dem abschüssigen Weg. Als wäre sie krank. Und erst eine Katastrophe, ein entscheidender Einschnitt und Not scheinen diese negative wieder in eine positive Haltung umwandeln zu können.

Das in groben Zügen am Beispiel Aufmerksamkeit erklärt, aber das gilt für viele Bedürfnisse und Verhaltensweisen. Eigentlich kann man ein philosophisches Naturgesetz aufstellen: Alles, was keinen von sich losgelösten Sinn erfüllt/hat, sondern nur noch einen sich selbst nützenden, ist eine negative, zerstörerische Kraft.

Also, darüber denke ich grad nach. Momentan glaube ich, der Grund für dieses selbstzerstörerische Menschheitsmuster sind mehrere Sachen, aber hauptsächlich ist es eine Kombination unserer kurzen Lebensspanne und die Tatsache, dass wir psychologisch unzivilisiert sind und es vielleicht auch immer bleiben werden? Denn auch, wenn einzelne Menschen es schaffen in ihrem Leben an sich zu arbeiten und hinter ihre Entscheidungen, ihr Verhalten zu schauen, gehen sie und ihre Erkenntnisse unter in der Masse der Menschen, die das nicht schaffen oder eben in der übernächsten Generation. Denkt nur an all die Künstler, Philosophen, Politiker, von denen man gesagt hat, sie würden die Menschheit für immer verändern, sie würden unvergessen sein – und schaut die Welt an und vergleicht es mit vor 100 Jahren, vor 300 Jahren und so weiter:

Am Verhalten der Menschen, an ihren Gefühlen hat sich nichts grundlegendes geändert. Wir tun so, als sei die Zivilisation, die Moderne das, was uns aufgeschlossen macht, aber in Wahrheit war man im alten Rom als Homosexueller besser dran als in Amerika und ganz sicher besser dran als in Tschetschenien, wo man Jagd auf Homosexuelle macht, sie einsperrt und foltert. Frauen haben den Minirock als Befreiung, als Sinnbild des Fortschritts gefeiert, aber bevor es die Welle der Prüderie gab, gab es schon mal die Welle der Freizügigkeit mit Mini-Togas und so weiter. Sprich, was wir als „modern“ oder „fortschrittlich“ wahrnehmen, hat meiner Meinung nach wenig mit einer linearen Enwicklung der Menschheit zu tun, sondern mehr mit der Pendelbewegung, mit der Gesellschaften sich bewegen: Erst geht es ins eine Extrem, dann ins andere, um dann wieder umzukehren. Und bei jeder Pendelbewegung gibt es einen kurzen Moment des Equilibriums, der dann als „Normalität“ wahrgenommen wird. Aber das Ganze ist mitnichten ein lineares Hinarbeiten auf ein Ziel. Die Romantiker in ihrer Achtung vor der Natur, dem Geist, den Gefühlen, waren zum Beispiel weitaus zivilisierter, als die Mehrheit der Menschen es heute ist.

Klar, wenn man das so denkt und liest, klingt das wie gesagt alles erstmal ziemlich deprimierend. Als wären wir gefangen in unserem Wesen, unfähig jemals dauerhaft mehr zu sein als die Summe unserer Ängste und Bedürfnisse. Aber ich glaube, das liegt nur daran, weil wir es nicht gewohnt sind uns von außen zu betrachten. Wir sehen alles immer nur aus unserem Blickwinkel und sind so voll gestopft mit Blödsinn (viel christlichem Blödsinn, der seinen Weg ins Allgemeingut gefunden hat) von wegen Seele und der Mensch, der Gipfel der Evolution, geschaffen nach dem Ebenbild des Schöpfers, dass wir uns in Wahrheit gar nicht klar sehen können. In Wahrheit sind wir tupfengleich wie jedes andere Tier mit seinem ihm eigenen, besonderen Eigenschaften, wie jedes andere Lebewesen, das sich abmüht so gut wie möglich zu überleben und für sich zu sorgen. Wenn man sich also mal davon löst, dass wir ach so anders sind als andere Lebewesen (wofür es gar keinen realen Grund gibt) und drüber nachdenkt, dann hat sich ja durch diese Erkenntnis nichts negativ geändert. Noch immer ist es so, dass wir selbst bestimmen, was wir tun wollen, was uns wichtig ist, wofür wir stehen wollen.

Was sich aber grundlegend positiv geändert hat aus meinem Blickwinkel, ist unser eigener Blickwinkel. Wie man bestimmtes Verhalten beurteilt. Denn anstatt manches als normal zu empfinden, wird es plötzlich unnormal und vice versa. Plötzlich ist eine schlimme Zeit wie jetzt gerade keine Anomalie, sondern eine normale Reaktion. Und plötzlich ist jemand, der sich rein von seinen niederen Überlebensinstinkten leiten lässt und unser in uns installiertes instinktive Verhalten ausnutzt, niemand mehr, den man darin unterstützen sollte. Statt dessen könnte man ja nun auf die Idee kommen und guten Gewissens genau das Gegenteil tun und somit daran mitarbeiten, dass wir uns als Spezies verändern, verbessern (denn ich glaube, dass wir das tun, nur in wahnsinnig langsamen Schneckentempo. Und viele verwechseln wissenschaftlichen Fortschritt mit psychologischem, gesellschaftlichem Fortschritt). Man könnte zum Beispiel, wenn einer den Instinkt ausnutzt/benutzt, nicht reagieren und ihm/ihr statt dessen dann Aufmerksamkeit zu geben, wenn derjenige sich wirklich „zivilisiert“ oder anders oder positiv verhält. Anstatt Mitgefühl für den schlimmen Rücken, könnten wir Bewunderung ausdrücken, wenn die Person trotz Rücken die Treppe nimmt, statt dem Aufzug. Und so würde die Person und mit ihr ein Ministück der Spezies lernen, dass man Aufmerksamkeit auch für was positives bekommen kann.

Und wenn man es so betrachtet ist es plötzlich weder deprimierend, noch entmutigend. Im Gegenteil. Mir macht es Mut. Mut, den ich heute manchmal verliere im Angesicht der Nachrichten und mancher Mitmenschen. Es macht mir Mut, dass wir vielleicht doch kein hoffnungsloser Fall sind. Mut, dass jeder einzelne, wenn er zäh am Ball bleibt sehr wohl was auf die Dauer verändern und bewirken kann, wenn nicht für sich selbst, dann für spätere Generationen und dass es deshalb sehr wohl zählt und wichtig ist, wie wir uns verhalten. Mut, dass wir uns und den Planeten vielleicht doch nicht vernichten. Und vielleicht schaffen wir ja als Menschheit dann uns wirklich nachhaltig weiter zu entwickeln, so dass es einen wirklichen Unterschied macht und wir nicht immer wieder die gleichen Fehler machen? Das wäre so cool!!!

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