Ok. Eine meiner hervorstechendsten Eigenheiten ist Ungeduld. Ich will nicht sagen es ist eine schlechte Eigenheit. So seh ich das mit den Eigenheiten nicht. Ich meine prinzipiell nicht. Keine meiner Eigenschaften bringt mir nur Verdruss oder nur Glückseligkeit. Jede hat ihren Nutzen und ihre Nachteile. Die Ungeduld bringt mich oft in unangenehme Situationen der unterschiedlichsten Art, sie ist aber gleichzeitig auch eine Antriebsfeder.

Die Ungeduld ist auch der Hauptgrund, der mich oft daran hindert meine Gedanken in Form von Bildern oder Geschriebenem festzuhalten und dann auch mit anderen zu teilen. Und darunter leide ich tatsächlich sehr. Wirklich. Ihr müsst Euch das so vorstellen wie in einem französischen Roman aus dem 19. Jahrhundert von Maupassant oder so, in dem jemand Seelenqualen hat und wirklich unter Gefühlen oder unter etwas Seelenbelastendem leidet. Diese Woche nun bin ich aus dem einen oder anderen Grund extrem ungeduldig. Ungeduldiger als sonst, zumindest bis jetzt. Deshalb kann ich die Tage auch keine richtigen Geschichten erzählen, sondern nur so kurze Eindrücke. Hier kommt nun der nächste Eindruck:

Schon vor Jahrzehnten ist mir aufgefallen, dass Leute nie oder höchst ungern in einen leeren Laden gehen. Selbst, wenn sie eigentlich total gern reinschauen möchten. Das ist auch kein Hexenwerk dieses Verhalten zu bemerken, bin nicht die erste Person, der das auffällt. Wenn schon einer im Laden drin ist, dann überlegt man schon eher auch reinzugehen, zwei Leute sind noch besser, aber man muss andererseits auch aufpassen, weil zu viele Leute dann schon wieder abschreckend wirken. Würde ich also einen Laden besitzen, würde ich jemand anstellen, damit er den Laden oder das Schaufenster bevölkert. Ich bin mir sicher, das würde den Umsatz steigern.

Nun bin ich jemand, der ohne das aktiv oder bewusst zu wollen – also durch Neigung, nicht durch Design – meistens ganz andere Dinge mag als der Rest und sich komischerweise auch instinktiv ganz anderst verhält als die Mehrheit. Aber auch ich hab das „Leere Laden Syndrom“. Ich glaube, da spielen mehrere Punkte rein.

Unterbewußt denke ich:

  1. wenn da niemand reingeht, kann da irgendwas nicht stimmen – dabei natürlich die Tatsache ignorierend, dass wenn jeder so denkt, nie jemand in den Laden geht und somit auch nie jemand weiss, ob der Laden gut ist oder nicht
  2. ich will nicht die volle Breitseite der Besitzeraufmerksamkeit alleine auffangen müssen. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich 3 Mal sagen „Nein, alles gut, ich schau nur“, während ich mich unbehaglich fühle, der Besitzer verkrampft in eine andere Richtung schaut, um mich nicht zu bedrängen und ich nix fragen würde, selbst, wenn mein Konsumleben davon abhängen würde
  3. der 3.Grund ist was, was vielleicht nur jemand wie ich in dieser Ausgeprägtheit hab: Ich bin sehr empathisch, sehr empfindsam, was meine Umwelt angeht und meine empathische Imagination fängt an loszurennen, wenn ich einen leeren Laden sehe und versteigt sich bis zu der Idee „der arme Besitzer, wahrscheinlich hat der den ganzen Morgen nix verkauft und kriegt Hoffnung, wenn ich reinkomme. Und wenn ich dann nix kaufe oder was, was nicht viel kostet, dann fühle ich mich schlecht, weil ich seine Erwartungen und Hoffnungen enttäusche“ und um erst gar nicht in diese Situation zu kommen und die (nur in meiner Einbildung existierenden) Erwartungen des Ladenbesitzers zu enttäuschen, geh ich lieber erst gar nicht in den Laden!

Nun bin ich heute am Schaufenster einer Buchhandlung stehengeblieben, die leergefegter war als die Wüste Gobi. Oder so. Ich hab ehrlich gesagt noch nie einen einzigen Kunden in dem Laden gesehen, obwohl ich da öfters vorbei laufe. img_1698Ich wollte gar nicht in’s Schaufenster schauen, sondern es gab da eine breite Fensterbank, an der ich kurz was abstellen konnte. Aber das alleine hat schon ausgereicht: Rucki Zucki standen zwei andere menschliche Wesen neben mir – unabhängig voneinander – und haben das Fenster bestaunt. Es scheint da ist der Herdentrieb in vollem Gange.

Auch bei mir. Tatsächlich ist es die einzige Situation, die mir einfällt, in der ich mich in der Herde sicherer fühle, als außerhalb von ihr. Also scheint es ziemlich mächtiger Zwang, Druck zu sein?! Ich finde das superinteressant. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Gruppen oder mehrere angesammelte Menschenhäufchen, die alle das Gleiche machen, mich in ihrer natürlicher Umgebung nicht nur stören, sondern aktiv abstossen und diese besondere Situation mit dem leeren Laden ist tatsächlich die einzige, in der ich mich freiwillig in die Herde begebe und mich darin wohler fühle als außerhalb von ihr.

Also – und das ist überhaupt nicht despektierlich oder ironisch gemeint: Wenn Ihr ein Geschäft habt oder eine Galerie oder sowas – stellt jemand als Schaf ein, dann klappt’s auch mit der Herde und dem Umsatz