Ok. Habt Ihr schon mal über’s Glücklich Sein nachgedacht? Klar habt Ihr das. Logisch, in der Regel macht es uns glücklich, wenn wir geliebt werden. Oh, stopp, eigentlich stimmt das ja gar nicht. Es macht uns glücklich, wenn wir von den richtigen Personen geliebt werden. Wenn die Liebe von den falschen Personen kommt, dann kann sie uns nicht nur nerven, sondern sogar unglücklich machen. Und das, obwohl es vielleicht sogar richtige Liebe ist. Hui, verwirrend. Also, Liebe, selbst richtige Liebe, allein macht nicht glücklich. Es muss richtige Liebe von den richtigen Leuten sein. Ganz schön anspruchsvoll. Und ein Wunder, dass überhaupt so viele Menschen so viele Glückstreffer landen (eh, eh, habt Ihr’s gemerkt? Meinen genialen, doppeldeutigen Wortwitz? Glückstreffer…Glück treffen…ja, ja? Cool, wa?!).

Aber eigentlich wollte ich gar nicht über diese allgemeinen Formen des Glücks schreiben, wie geliebt werden, erfolgreich und/oder respektiert zu sein und gebraucht zu werden. Nein, ich wollte über ganz konkrete, praktische Glücksmomente schreiben. Der Grund dafür ist dieser: Die letzten Tage hab ich öfters mal über Unterhaltungsmedien nachgedacht. Und warum wir welche Form von Unterhaltung mögen oder sogar brauchen. Das war super interessant (das Nachdenken und das Nachgedachte) und wahrscheinlich, hoffentlich, komm ich dazu hier was über das Nachgedachte zu schreiben, denn mir sind ein paar faszinierende Dinge und Zusammenhänge aufgefallen. Und über diesen Gedankenumweg bin ich gestern morgen beim Zähneputzen zu Gedanken über’s Glück gekommen. Und zwar hab ich gedacht:“ Ich glaub, wenn ich in einer Bibliothek wäre, ohne Zeitbegrenzung, mit Tausenden von Büchern und zusätzlich einem Buch, in dem magischerweise immer alles Wissen auftaucht, das ich suche und dazu einen Menschen hätte, mit dem ich alles diskutieren könnte, was ich diskutieren will und der prinzipiell in der Lage ist mich zu verstehen und heraus zu fordern, dann wäre ich glücklich. Wahrhaft glücklich.”


Und von diesem Gedanken aus hab ich weitergedacht. Wie ein Stein, der in’s Wasser geworfen wird und Wellen erzeugt, hat dieser Gedanke verschiedene andere Gedanken ausgelöst. Einer dieser Gedanken war: Ja, ich glaube, dass ich tatsächlich mit der oben genannten konkreten Situation konkret glücklich und zufrieden leben könnte. Aber selbst, wenn sie mich glücklich macht, würde sie mich nicht zu einem prinzipiell glücklichen Menschen machen. Und das ist eigentlich ganz schön beschissen. Und auch wieder total verwirrend. Wie kann es sein, dass ich in einer Lebenssituation, die mich glücklich macht unglücklich bin? Das geht doch gar nicht. Geht aber natürlich schon. Und zeigt auch das Dilemma mit dem glücklich sein. Es gibt kein ultimatives, utopisches und vor allem andauerndes Glück. Und doch streben wir, anstatt nach praktischen, konkreten Glück zu suchen, diesen Zustand des allgemeingültigen Glücks ständig an. Oder vielleicht wird uns auch nur suggeriert, dass wir ihn anstreben sollen. Denn schließlich muss ja jeder Weg ein Ziel haben. Oder?
Oder?

Nimm mal an, ich würde in meiner Bibliothek sitzen und glücklich sein. Nach kurzer Zeit würde mir das draußen fehlen. Ich würde Visionen davon haben, wie ich unter einem Apfelbaum stehe, einen saftigen Apfel pflücke, reinbeiße und der Fruchtsaft mir das Kinn runterläuft (obwohl ich das im echten Leben nie mache!). Und bald würde ich mich nach körperlicher Liebe sehnen oder danach Musik zu hören oder danach in einer Menschenmenge zu stehen, den Wind zu spüren oder was auch immer. Selbst, wenn wir eine Situation herstellen würden, die uns wirklich tief glücklich macht und unsere tiefsten Bedürfnisse befriedigt, wäre das bald ein Gefängnis, aus dem wir zu entkommen versuchen.

Also, obwohl es uns glücklich macht, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, macht eine glückliche Lebenssituation allein uns nicht glücklich. Kann denn dann eine Beziehung das machen? Reicht das? Die Antwort ist schnell gefunden. Natürlich nicht. Nimm mal an, Du hast jemanden gefunden, mit dem Du wahrhaftig glücklich bist. Auch dann kannst Du unglücklich sein. Du musst Dir nur vorstellen, Du arbeitest wo, wo Du gemobbt wirst. Oder wo Du Dich unterfordert und missverstanden fühlst. Dann bist Du zwar glücklich verliebt, aber auch todunglücklich und verletzt im Berufsleben. Also scheint das nicht so einfach zu sein mit dem Glück.

Vielleicht ist es ja genau umgedreht? Vielleicht ist ja nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel der Weg? Vielleicht ist es ja viel wichtiger nach Glück zu streben, als glücklich zu sein? Ist die Entscheidung für das Glück wichtiger, als das Glück selbst?

Wie jeder, sag ich auch immer: “Ich will glücklich sein. Glücklich sein ist das, was zählt.” Aber real hab ich noch nie darüber nachgedacht, was das eigentlich heißt oder was dann passiert, wenn ich glücklich bin. Ich hab eine vage Vorstellung davon, dass irgendwann irgendwas macht, dass ich glücklich bin und dann ist alles anders. Hat eine andere Qualität. Alles schmeckt anders. Für immer. Aber das ist natürlich Quatsch. Ich war zwar schon oftmals sehr glücklich, auch profund glücklich, in meinem Leben, aber keines dieser Glücke hat für immer in der selben Intensivität angehalten. Glück ist kein stehendes Gewässer, sondern ein reißender Fluß. Wenn ich Glück finde, wird mein Leben nicht in der Sekunde eingefroren und bleibt für immer gleich. Wenn ich ein Glück finde, ist das nicht das Glück.

Ich hab beim Nachdenken gemerkt, dass es mir geholfen hat, mir darüber klar zu werden, dass Glück nichts ist, was ich mit einer Einzeltat erreichen kann und werde. Das war sehr, sehr befreiend. Es ist sehr schwer sich den Erwartungen des glücklich Seins zu entziehen, wenn wir tagtäglich in Werbung, Film, Musik und Fernsehen mit sorglos glücklich wirkenden Menschen bombardiert werden. Das Nachdenken über Glück hat mir auch geholfen, meine Glücks-Erwartungen an mich und an das Leben aus einem neuen Winkel zu betrachten. Vielleicht sie sogar auf was runter zu schrauben, was realistisch ist, was ich auch erreichen kann. Und wovon ich auch tatsächlich was habe. Einzelne Bedürfnisse ohne schlechtes Gewissen zu befriedigen, anstatt einem ätherischen allumfassendem Glück hinterher zu rennen? Vielleicht ist es wichtiger glücklich zu sein, als glücklich zu bleiben. Und letztendlich ist ja ein sein auch immer ein bleiben.

Wenn ich bisher was praktisches gemacht hab, das mich glücklich gemacht hat, dann hab ich das nicht als Leistung angesehen und auch nicht als Glück. Manchmal sogar eher als Schwäche: Dieses Nachgeben und Nachgehen von Bedürfnissen. Das ist das übliche Paradox: Auf der einen Seite will ich glücklich sein, auf der anderen Seite fühl ich mich schuldig, wenn ich es mir „leicht mache“, es mir gut gehen lasse oder sorgenfrei bin. Die Dualität zwischen meiner Natur und dem Anerzogenem, Geerbten? Oder nur das typisch Widersprüchliche des Mensch sein in einer Gesellschaft, die Leiden mit Heroik, Aufopferung mit Stärke gleichsetzt? In Wahrheit ist es nichts Schlechtes, sich glücklich und zufrieden zu machen. Es schadet nichts, bissle real glücklich und zufrieden zu sein. Besser als einem prinzipiellen, großen Glück hinterher zu hecheln, das sich nie für immer erreichen lässt und darüber zu vergessen, dass ein kleines Glück auch ein Glück ist.

 Erwartungen und Perfektion, Erwartungen der Perfektion

Momentan bin ich nicht unglücklich, aber auch nicht glücklich. Ich bin. Ab und zu mach ich was, was mich glücklich macht, ab und zu passiert was, was mich glücklich macht und vice versa mit unglücklich sein. Ich schätze, das ist…leben. Nicht prinzipiell glücklich zu sein ist kein Versagen. Und diese Erkenntnis wiederum macht mich glücklicher, als ich es zuvor war.

Wir Menschen sind schon komische Wundertiere.