Ok. Würden wir ständig permanente Perfektheit von uns und anderen fordern, wären wir unfähig zu überleben. Wir wissen das, wenn es darum geht, dass wir nicht alle 100m in 2 Sekunden rennen oder im Dunkeln gut sehen können. Aber das gleiche Prinzip gilt auch, wenn es um Dinge wie Wahrheit, Selbsterkenntnis oder Loyalität geht. Kurzum, es gilt für alles.

Nu ist der Teil, bei dem es um (zwischen)menschliches Verhalten geht, natürlich weitaus kritischer und mit ungleich mehr Fallen ausgelegt, als jede Tartanbahn. Anders als bei unseren physischen Eigenheiten, Schwächen oder Stärken, gibt es für unsere psychischen Eigenheiten keinerlei Normen und auch nur wenig Verständnis von der Umwelt. Nicht nur das, in Wahrheit sind wir es oft selbst, die am wenigsten akzeptieren, dass wir menschlich und fehlbar sind. Aber unser eigener Anspruch an uns selber ist nicht das Thema dieses Beitrags. Darüber hab ich ja schon oft geschrieben, darüber schreibt jeder, sicher auch ich bald mal wieder, weil es uns eben immer wieder beschäftigt. Aber heute geht es mir darum, dass, wenn man Menschen nicht zugesteht, dass sie auch emotional, psychisch nicht perfekt sind, man nicht nur nichts erreicht, sondern tatsächlich ein Scheitern und Konflikte vorprogrammiert. Und es geht darum zu erkennen, was unsere eigene Motivation ist.

Eine Sache, mit der ich mich schwer tue, ist dass Menschen sich einfach weigern andere zu verstehen. Es noch nicht mal versuchen. Wenn jemand was nicht verstehen kann, kein Ding, anderes Thema. Aber ganz oft weigern sich Menschen einfach was zu verstehen, weil sie nicht bereit sind, sich innerlich zu bewegen. Entweder aus Zorn, Eifersucht, Kälte, Verletztheit oder sonstwas. Das ist für mich schwer zu akzeptieren. Ein Beispiel: Vater und Sohn. Schwieriges Verhältnis, Sohn hat Schule abgebrochen, ist ausgezogen. Vater findet Sohn faul, weil er in einer Kneipe jobbt und erst Mittags aufsteht und „sich um nix kümmert“, Sohn ist genervt, verletzt und findet Vater ätzend. Dem Vater ist es wichtig, dass der Sohn was lernt. Deshalb versucht er einen Weg zu einer Ausbildung zu finden. Er vereinbart für und mit dem Sohn für den nächsten Tag um 8h einen Termin bei einem Amt. Sohn hat nun nicht mehr viel Möglichkeit noch was zu sagen, Termin steht ja schon. Also entweder nicken oder Eskalation. Sohn hat keinen Bock auf Eskalation und nickt.

Am nächsten Morgen um 8h ist wer nicht beim Amt? Sohn. Hat verpennt. War für jeden außer dem Vater sonnenklar vorherzusehen. Vater ist das natürlich superpeinlich und er ist verletzt, dass sein Sohn ihm das antut. Nächste Eskalationsstufe.

Jetzt kann man natürlich denken, dass der Vater das Recht hat zu erwarten, dass der Sohn sich verantwortungsbewußt verhält, sich Mühe gibt, ihn nicht verletzt und überhaupt, dass er sich so verhält, wie der Vater das will. Der Vater erwartet das ganz sicher. Ob das sein Recht ist, wage ich zu bestreiten, aber selbst, wenn es das wäre: So what? Es kann 29.000 mal sein Recht sein und „doch nicht zu viel verlangt“ – wenn der Sohn das nicht leisten kann, ändert das doch nix, auch wenn es 100 mal das Recht des Vaters ist. 

Gehen wir mal einen Schritt zurück: Warum macht der Vater denn das alles? Um was zu erwarten oder um was Gutes für seinen Sohn zu tun? Was ist ihm wichtiger, was ist seine Priorität? Dass die Dinge so sind, wie er sie  haben will oder dass sein Sohn eine Ausbildung machen kann? Wenn der Vater wirklich was Gutes für seinen Sohn erreichen will, muss er was erwarten, was für seinen Sohn auch erreichbar ist. Und wenn der Sohn nicht vor 10h aufstehen kann, dann ist es Quatsch einen Termin um 8 zu machen oder eine Ausbildung, die um 6h morgens beginnt. Ganz einfach.

Warum der Sohn nicht aufstehen kann, ist dabei nachrangig (es sei denn, das Ziel wäre es den Sohn zum Frühaufsteher zu machen). Klar kann man den Sohn durch Druck in eine Lage manövrieren, in der er gezwungen wird um 6h morgens aufzustehen. Aber das wird nur ganz kurz gutgehen, dann wird das eskalieren und der Sohn steht mit ner abgebrochenen Ausbildung da. Dabei gibt es Unmengen sinnvollere Wege. Aber dafür müsste sich der Vater innerlich von seinen Erwartungen weg und auf seinen Sohn zu bewegen. Er könnte zum Beispiel sagen: Ok, wir kommen uns beide entgegen. Du machst 14 Tage ein Praktikum in dem Beruf, den wir ausgeguckt haben und weißt was, wir schauen mal, wie sich das für Dich anfühlt. Ob das ok ist und geht oder nicht. Und wer weiß, vielleicht ist das ja so cool, dass das frühe Aufstehen gar keine so schlimme Hürde ist? Und wenn es gar nicht geht, dann gibt es genug Berufe, wo man später oder in Schicht arbeitet. Dann schauen wir uns danach um. Und wer weiß, dann wäre es vielleicht so, dass der Sohn merkt, dass es blöd ist so spät zu arbeiten, weil der ganze Tag weg ist? Und plötzlich ist früh aufstehen gar nicht mehr so schlimm? Oder er merkt, dass sein Biorhythmus mit spätem aufstehen tatsächlich besser funktioniert und das genau sein Ding ist, was ja auch cool wäre.

All das ist Millionen mal besser, als stumpf was zu erwarten, was andere (momentan) nicht leisten können. Logisch für jeden, oder? Nur, um Missverständnisse zu vermeiden: Ich denke, es gibt auch noch die Situation, dass jemand was leisten kann, aber sich verweigert. Auch das ist zu respektieren und ernst zu nehmen, auch hier kann nicht stumpf was erwartet werden, nur “ weil man im Recht ist“, weil das ja auch nicht zu einem Ergebnis führt, aber der Lösungsansatz hierfür wäre natürlich ein ganz anderer. Ok, so weit, so gut. Nu wird es aber gleich ganz unsäglich, denn jetzt kommen wir zum unangenehmen Teil:

Normalerweise könnten wir uns jetzt selbstgerecht empören über diese starren, kalten Menschen und ihre blinde, ja nahezu dumme Borniertheit und Unfähigkeit was zu verstehen. Weil wir ja mehr und klarer sehen und daher verlangen können, dass andere endlich auch die Augen aufmachen und endlich was begreifen. Wir können das doch auch, oder!!!


Leider sind wir hier aber in meinem Blog und deshalb ist es uns nicht vergönnt einfach mal selbstgerecht vom Leder zu ziehen, uns selbstgerecht unreflektiert über andere aufzuregen. Sorry. Denn zu erwarten, dass andere was sehen, nur weil wir es sehen können (mal losgelöst von der Frage, ob das, was man selbst sieht und denkt auch genug Substanz hat, um Gültigkeit für andere zu haben), ist nichts anderes als wenn der Vater erwartet, dass der Sohn in der Lage ist früh morgens aufzustehen, nur weil er und Millionen andere das auch können. In beiden Fällen ist es das tupfengleiche: Erwartungen, ausgerichtet am eigenen Bedürfnis, anstatt am gemeinsamen oder, um Himmels willen, vielleicht sogar am Bedürfnis von jemandem, der nicht wir selbst sind! Die Wahrheit ist wohl: Wenn wir andere Menschen auf diese Weise be- und verurteilen, sind wir nicht besser, als diejenigen, die wir beurteilen.

Ich weiß, das ist gemein und blöd. Und schwierig einzugestehen. Zumindest war und ist es das für mich. Weil man immer denkt der Inhalt, die Intention des Erwarteten würde eine Rolle spielen und damit sozusagen die eigene Erwartung legitimieren („aber ich hab doch recht, also kann es ja nicht falsch sein das zu erwarten! Aber… aber….aber das, was ich erwarte, ist doch aber was positives, wie kann es dann schlecht sein, das zu erwarten? Menno! Der andere ist es, der was falsches macht, weil er nicht das macht, was richtig und gut ist!“). Und durch diese Wertung wird derjenige, der die Erwartung nicht erfüllt nicht nur zum Enttäuscher, nein, sondern auch zum Unrecht tuenden, denn „das muss man ja schließlich erwarten können, ist ja nicht zuviel verlangt! Ich kann, seh, weiß, tue das doch auch!!!“ Und wie der Vater, müssen wir uns dann auch fragen: Was ist eigentlich der Grund, warum wir was erwarten? Was wollen wir wirklich? Ist es uns wichtig, dass die Menschen glücklich und zufrieden sind, dass die Gesellschaft gut funktioniert oder ist es uns eigentlich wichtiger, über andere, die nicht denken wie wir, den Stab zu brechen und uns selbstherrlich rechtschaffen zu fühlen? Wollen wir helfen mit unserem Wissen, unserem Verständnis, um die Situation zu verbessern oder suchen wir die Schwächen bei anderen, das Negative an Situationen, um zu beweisen wie gut wir sind und um einen Grund zum Meckern zu haben? Um Drama und Action in unserem Leben zu haben?

Denn, wenn es uns wirklich um die anderen geht, dann ist etwas zu erwarten, was der andere einfach nicht leisten kann, schlichtweg Unfug. Ich geh doch auch nicht her und erwarte, dass ein Kaffeeautomat Pizza ausspuckt. Das ist doch Quatsch. Wenn wir aber weder Pizza noch Kaffe wollen, sondern nur was, worüber wir uns aufregen können, also wenn es in Wahrheit nur um uns selbst geht, dann ist das natürlich genau das richtige uns schrecklich über den beschissenen Kaffeeautomaten aufzuregen, denn dann wollen wir ja, dass der nicht macht, was er soll. Dann wollen wir ja insgeheim, dass die anderen versagen und scheitern und sich unmöglich benehmen. Daher auch dieses merkwürdige Paradox, dass ganz viele Leute sich nicht freuen können, wenn jemand Erfolg hat, selbst, wenn sie denjenigen mögen und dass Menschen oft andere in’s eigene Unglück herabziehen wollen.

Ja, ich weiß, gerecht sein ist ganz schön beschissen. Ich selbst werkel seit einiger Zeit an diesen Gefühlen und Gedanken rum, denn an einem ganz krassen Beispiel ist mir letztes Jahr aufgefallen, dass viele, die lautstark Freiheit und Verständnis fordern, selber teilweise absolut radikal, absolut totalitär ihren „Gegnern“ dieses Verständnis und die Freiheit verweigern. Und damit erweisen sie denen unter uns, denen es tatsächlich um gegenseitiges Verständnis, um eine Verbesserung der Gesellschaft für alle geht, einen Bärendienst. Dieses Erlebnis letztes Jahr hat mich nicht nur dazu gebracht mein eigenes Verhalten anzuschauen und über das Thema nachzudenken, es war für mich auch irgendwie ganz traurig, weil etwas, was eigentlich schön ist – das Verlangen einer Person nach Freiheit – wurde durch die engstirnige Sicht der Person beschmutzt und benutzt, weil die nämlich nur sich selbst als diejenige sieht, die sagt und bestimmt, was gut und schlecht ist. Sie sagt, sie tut das im Namen der Freiheit und die anderen wären die Gegner der Freiheit – wäre das aber so, würde sie anderen zugestehen, dass sie nicht „schlecht“ sind, nur weil sie anderer Meinung sind als sie. Durch diese egozentrische Blindheit versagt sie der Gegenseite genau die Freiheit, die sie für sich selber einfordert. Das hat mich traurig gemacht. Für die Freiheit.

Es ist wichtig, dass wir uns selber immer mal wieder am Schlafittchen packen und checken, um was es uns geht. Und es ist gar nicht schlimm, wenn wir dabei merken, dass es uns manchmal nur um uns selber geht und wir Druck ablassen oder nur mal richtig meckern wollen. Das ist menschlich, wir sind nicht perfekt. Solange wir uns dessen bewusst sind und es nicht mit was anderem verwechseln, ist alles ok.