Ok, heute ist was ganz ausnahmsweises passiert. Ich hab einen Text von mir gelesen, den ich auch jetzt beim Wiederlesen noch mag und gut finde (ist dieser Beitrag über die Erdogansache und den Etepeteteturm). Das passiert mir höchst selten in dieser Form. Normalerweise bin ich maximal zufrieden, wenn ich etwas wiederlese oder wiedersehe. Meistens kann ich zwar verstehen, warum ich was geschrieben hab, sehe eine Stelle, die mir gut gefällt, finde aber das, was ich geschrieben hab insgesamt zu wenig signifikant, zu umständlich und nur halb den Kern treffend. Der Grund dafür ist nicht, wie man vielleicht meinen könnte, dass ich superkritisch meinen Arbeiten gegenüber bin, sondern das liegt an der Art und Weise, wie ich denke und kreativ bin.

Der Krug geht zum Brunnen|Der Brunnen geht zum Krug
Wir alle haben unterschiedliche Denkstrukturen und Gefühlswege und unterschiedliche Arten diese in Kreativität umzusetzen. Ich hab ja schon erzählt, dass meine Kreativität wie ein Brunnen ist, der sich von Grundwasser speist. Wenn der Brunnen sich gefüllt hat, schöpfe ich aus dem Vollen, ich hab neue Ideen, Gedanken, die Durchlässigkeit zwischen meinem Inneren und der Welt ist geschmeidig. Ich probiere neue Sachen, als wäre es ein Leichtes. Die Farben sind satter, die Worte reicher, die Möglichkeiten möglich. Wir nennen das mal Phase 1.

Dann wird alles flacher. Angestrengter. Ich hab Schwierigkeiten originell zu sein, muss mir Lustigkeit, die sonst aus mir raussprudelt als hätte ich einen Kaschper gefrühstückt, mit Müh und Not abpressen. Ich habe zwar immer noch das Verlangen und auch die innere Möglichkeit etwas zu erschaffen, aber es ist mehr Handwerk als Zauberei. Wir nennen das die Phase 2.

Dann versiegt es in mir nahezu vollkommen. Ich habe in mir eine merkwürdige Unlust etwas zu erschaffen. Einen Widerwillen den Dingen Raum zu geben, sorgsam zu sein, mich damit zu beschäftigen. Ein Aber. Eine mörderische, bockige Lust alles zu zerstören macht sich in mir breit, vor allem, wenn ich gegen meinen Willen gezwungen werde was zu erschaffen: Ein Bild, das mir nicht ganz gelungen ist? Schmeiß den Scheiß weg, wer braucht das schon. Allein der Gedanke, kreativ sein zu müssen, wirft mich zurück in eine pubertäre, trotzige Ungeduld, in der man herzlos das zerstören will, was nicht perfekt ist. Was fordernd ist. Arme vor dem Körper verkreuzen. Mit dem Fuß aufstampfen, den Blick auf meinen Schuhspitzen, das Kinn eckig nach vorne geschoben: „Ich will aber nicht, Manno!“ Bin ungnädig, wenn es darum geht Neues aufzunehmen und vegetativ, wenn es darum geht, was zu erschaffen. Die Leichtigkeit ist nun klobig und klötzern. Pressspanplatten in platter Eiche. Substanzlos. Das nennen wir mal die Phase 3.

Ebbe|Flut
Ne ganze Weile rumpel ich nun so an der Oberfläche rum. Kämpfe mit mir im einen Moment, bin gleichgültig im nächsten. Und dann – mal mit einem lauten Knall, mal still, leise und unbemerkt – tauch ich ein und bring plötzlich was ganz mirakulöses mit an die Brunnenoberfläche, das mich selbst total überrumpelt. Mich umhaut. Ich bin immer fasziniert davon, dass sich dieser Augenblick, in dem der Wind sich dreht, mir so unbemerkt annähern kann. Ich versuche ihn einzufangen.

Diesen Moment.   Diesen einen Moment.   Diesen Moment.

In dem mein normales ich plötzlich ein anderes ich wird. In dem Ebbe zu Flut wird. Und wenn mir das mal wieder nicht gelungen ist,image versuche ich seinen Weg nachzuvollziehen, um zu sehen, wo er herkommt, wo er lebt, wie er aussieht, wenn ich ihn nicht sehen kann. Dieser Moment. Aber vergebens. Er entzieht sich mir, wie ein Traum, den man nie geträumt hat.

Wenn der Brunnen sich wieder gefüllt hat, dann nutze ich ihn, bis ich mehr verbraucht hab, als er auffüllen konnte. Dazu ist er da. Um aus dem vollen zu schöpfen. Man kann den Brunnen nicht rationieren, er muss sich von selbst wieder befüllen. Mit verwertbarer Substanz. Wie Recycling. Oft wirkt es so, selbst für mich, als wäre meine Kreativität nur schubweise vorhanden. In Wahrheit ist sie aber immer da, in mir. Ich bin nur nicht immer bereit sie mit mir selbst oder der Außenwelt zu teilen.

Ich gehe von

Phase 1 zu 2 zu 3 zu

Phase 1a zu 2a zu 3a zu

Phase 1b zu 2b und so weiter

Nicht endend

Erkenntnis|sintnnekrE
Und daraus erschließt sich auch der Grund, warum ich etwas, was ich bereits erschaffen hab, so nicht wieder erschaffen würde. Nein: So nicht wieder erschaffen KANN. Mit jeder Phase erlebt mein Denkprozess, meine Gefühlswelt eine weitere Inkarnation. Es ist eine ständige Entwicklung.

Stellt Euch ein Polaroidbild vor (sorry, ich muss immer alles verpraktischen): Das allererste Mal, wenn ich einen Gedanken habe, sehe ich das Motiv des Bildes. Ich erkenne es, fühle es jedoch mehr, als dass ich es weiß. Beim nächsten Gedankengang, muss ich mir über das Motiv keine Gedanken mehr machen, sondern kann darüber nachdenken, wie ich es fotografieren will. Beim übernächsten Mal hab ich es fotografiert und entwickele es. Und so weiter. So erarbeite ich mir nach und nach eine Idee, ein besseres Verständnis oder ein Gefühl. Bis ich es für mich selbst emotional und praktisch verstanden habe, seine Funktionalität und Auswirkungen.

Das ist natürlich endlich. Irgendwann habe ich alle Gedanken, die ich mir zu etwas machen kann, gemacht und erst, wenn ich neuen Input dazu habe oder ich mich selbst verändere und mir somit neue Gedanken dazu machen kann, kann ich zu dem Gedanken wieder was Neues denken.

Das kann man schrecklich oder schön finden. Schrecklich, weil es nie aufhört: Es ist eine Sisyphusarbeit. Schön, weil es nie aufhört: Es ist ein Perpetuum Mobile. Ich nenne es schrecklich schön oder schön schrecklich. Es ist das Leben?

image

Geliebtes, wunderliches Fabeltier
Wie immer bin ich fasziniert vom Konstrukt „Mensch“ und versuche zu verstehen, wie wir denken, urteilen und fühlen. Ich frage mich, ob jede Kreativität so funktioniert? Mit einem sich erneuernden Fluß? Oder ob es auch Menschen gibt, die ständig Zugriff auf eine immer gleich starke Kreativität haben? Ich frage mich, ob es Kreativität überhaupt gibt. Ich meine: Ist Kreativität ein Ding für sich selbst oder entsteht Kreativität aus dem Zusammenspiel von Empfindung und Wahrnehmung?

Ist Kreativität sowas wie Wärme? Eine Energie, die ensteht, wenn wir fühlen, denken und wahrnehmen, die aber für sich selbst gar nicht existiert?

Ich meine fast, das ist, was ich zur Zeit glaube. Dass Kreativität an und für sich nicht existiert, sondern ein Produkt ist von fühlen, denken und wahrnehmen. Wie erlebt Ihr Eure Kreativität? Führt Sie Euch auch manchmal an der Nase rum, nur um Euch zu schmelzen und widerstandslos zu machen, grad, wenn Ihr mit ihr schimpfen wollt und die Nase voll habt von dem Zirkus? Könnt Ihr Euch auch verlieren im Denken und Fühlen? Und fühlt Ihr auch diese köstliche Kraft, diese unbezähmbare, wilde Stärke in Euch, wenn Ihr diesmal stark genug ward mehr zu sagen, als Ihr bisher sagen konntet, weiter zu gehen, als Ihr bisher gehen konntet?