Ok. Ich hab mir Gedanken gemacht, wie und warum das Wort Leidenschaft Leidenschaft heißt. Es gibt ja diesen etwas nervigen Spruch von der „Leidenschaft, die Leiden schafft“. Aber letztendlich scheint das tatsächlich der Ursprung des Wortes zu sein. Wenn man sich sonst Worte anschaut und sie zerlegt oder schaut, was sie früher mal bedeutet haben, dann erschließen sich einem die Worte und Ihr Ursprung normalerweise. Aber nicht bei Leidenschaft.

Nehmen wir zum Beispiel das Wort Denkmal. Auf den ersten Blick ist es ein merkwürdiges Wort. Ein Imperativ und ein Zeitwort: Denk einmal (nach)! In echt ist es ja aber anders es ist ein (Ge)denk Mal und daraus hat sich – schlauer- und praktischerweise – das Denkmal entwickelt. Aber bei der Leidenschaft kann ich keine solche Herleitung für mich erschließen. Es bleibt immer ein negatives Wort, nämlich Leiden schaffen. Das Suffix -schaft, kommt, wie man auf dieser Seite der Uni meiner innigst geliebten Heimatstadt Tübingen nachlesen kann, tatsächlich vom Verb schaffen.

Somit bleibt, egal wie man es betrachtet, die Leidenschaft ein negatives Wort. Ich muss sagen, als zutiefst leidenschaftlicher Mensch finde ich das zum Kotzen. Ganz ehrlich. Mich nervt es total, dass leidenschaftlich sein oft tatsächlich auch als was negatives angesehen wird. Oft verknüpfen Menschen Leidenschaft bei anderen mit dem Verlust des Urteilsvermögens, mit kindlichem Überschwang, mit einer Übergriffigkeit oder mit Naivität, die an Dummheit grenzt. In den meisten Köpfen ist Leidenschaft mit Blindheit und überbordendem, oftmals falschem Enthusiasmus gleichgesetzt.

Ich erlebe meine Leidenschaft aber anders. Ich lebe meine Leidenschaft anders. Als was positives. Als ein aktives, bewußtes Hinneigen zu etwas. Eine bewußte Entscheidung nicht zu be- oder verurteilen und stattdessen mal einen anderen Standpunkt einnehmen und schauen, wie es von da aussieht. Sich öffnen, sich bewußt einer Freude hingeben. Als eine Wertschätzung losgelöst von mir selber, nur um dessen willen, für das ich leidenschaftlich bin. Als etwas, was mich verknüpft mit dem, für das ich leidenschaftlich bin. Also letztendlich auch sowas wie Heimat. Da gehör ich hin. Emotional, einstellungsmäßig. Da finde ich mich wieder.

Und nichts davon hat für mich auch nur den kleinsten negativen Einschlag. Deshalb erschließt sich das Wort Leidenschaft mir etymologisch einfach nicht. Ich versteh nicht, wie das Wort Leiden da reinkommt.

Bis man anfängt negativ darüber nachzudenken. Nämlich dann, wenn man denkt, dass Liebe einen empfindsam für Enttäuschung und Schmerz macht und das was schlimmes ist. Wenn man denkt, dass verletzt werden was negatives ist, was man kontrollieren und vermeiden muss. Versteht mich nicht falsch, ich will natürlich nicht verletzt werden, aber für mich heißt, dass mir was weh tun kann, dass es mir wichtig ist. Das es mir etwas bedeutet. Und das ist eigentlich nichts schlimmes, oder? Es fühlt sich zwar beschissen an und man will, dass es aufhört, aber im großen und ganzen betrachtet und wenn der Schmerz vorbei ist, ist es vielleicht gar nicht so beschissen? Vielleicht ist Schmerz aus Liebe oder Zuneigung etwas, was genauso dazu gehört wie eine rosarote Brille aus Liebe? Ein Symptom, das uns darauf hinweist, dass uns darauf hinweist, was wir fühlen. Oder dass wir mal nach der Ursache schauen müssen.

Ich hab ja neulich schon mal darüber geschrieben, dass traurig sein nicht schlimm ist und dass ich für mich festgestellt hab, dass wenn ich nur immer versuche das traurig sein von mir abzukapseln, es als was fremdes, von mir losgelöstes zu sehen und es zu bekämpfen, ich nur immer trauriger, unglücklicher und unzufriedener werde. Es potenziert sich. Für mich selbst hab ich rausgefunden, dass wenn ich dem traurig sein Raum einräume, es anerkenne und als zu mir gehörend betrachte, es sich erstaunlich schnell auflöst. Ich assimiliere es und transformiere es in was, was mich weiterbringt. Eigentlich total logisch, dass das nur möglich ist, wenn man es als zu einem dazugehörig ansieht. Und ähnlich ist es auch mit dem Schmerz. Das funktioniert bei mir fast nach dem gleichen Prinzip. Letztendlich sehe ich Schmerzen, Leiden, Trauer und auch Zorn nicht als Feinde oder Störenfriede an, die mich am funktionieren hindern, die mir im Weg sind. Es sind nur Gefühle. Genau wie die schönen Gefühle fordern auch sie ihren Raum ein. Und wenn wir ihnen diesen Raum immer mehr verweigern, werden sie oft immer aufsässiger, bis das ganze manchmal in einen regelrechten Krieg ausartet. Muss ja nicht sein, gell?

Natürlich muss das, was mir hilft, nicht anderen helfen. Wir funktionieren nicht alle gleich, daher kann ich nur sagen: So funktioniert das für mich, so kann ich es für mich gut regeln und ein glücklicher Mensch sein. Denn das bin ich. Glücklich. Oh, es ist schön das zu schreiben. Zu fühlen. Was ich letztendlich meine, ist wohl, dass jeder den Weg finden muss, der für einen selber funktioniert und deshalb ist es erlaubt, ja sogar richtig, sich frei zu machen von dem, was einem aufoktroiert wird. Von wem auch immer. Das, was die Gesellschaft von uns erwartet, nämlich zu funktionieren und eine gute, unauffällige, nichts fordernde Arbeiterbiene zu sein, ist die eine Seite. In dieser Erwartungshaltung der Gesellschaft müssen wir unseren eigenen Weg gehen und rausfinden wie weit wir das mitgehen wollen und was uns rebellisch macht. Die andere Seite ist die, dass die Gesellschaft oder die Mehrheit oder die allgemeine Sicht der Dinge nur die Relevanz für uns haben muss, die wir bereit sind ihr einzuräumen. In der Gesellschaft heute wird alles, was den störungsfreien Ablauf bedroht oder behindert als zu beseitigend wahrgenommen. Aus der Sicht der Gesellschaft ist das auch verständlich. Heißt aber nicht, dass wir das auch so fühlen müssen. Wir haben das Recht Dinge anders zu sehen, anders zu fühlen und anders zu leben.

Wenn Ihr mit einem Gefühl kämpft und damit nicht fertig werdet, wenn Ihr das Gefühl habt, Euch wird Euer Raum nicht zugestanden, wenn Ihr das Gefühl habt, was von Euch erwartet wird, ist einfach nicht das, was Ihr eigentlich braucht oder was Euch eigentlich helfen würde, nehmt Euch die Freiheit, die Ihr braucht. Nehmt Euch die Freiheit das zu fühlen, wo Ihr Euch zuhause fühlt. Was Euch aufatmen lässt. Das ist Euer Recht. Es ist Euer Leben.

Also, nun, wo ich drüber nachgedacht hab, weiß ich, dass meine Leidenschaft eine Freudenschaft, eine Genussschaft ist. Denn sie schafft mir Freude und Genuss.