Ok. Letztendlich ist es so: Alles hat einen Preis. Das ist nichts weltbewegend Neues, aber eine meiner Lieblingswahrheiten. Obwohl ich es nicht als Preis im Sinne von Bezahlen sehe, sondern eher als „Geben“ im Sinn von Ausgleichen. Ich geb etwas (auf), um etwas anderes zu bekommen. Ich hab ja im Beitrag „Der Gewinn“ schon darüber geschrieben, dass selbst die Sachen, die uns eigentlich nerven, traurig machen oder schaden in unserem Leben, oft einen echten oder verdrehten, negativen Gewinn für uns bedeuten. Das ist auch einer der Gründe, warum es uns oft so schwer fällt Gewohnheiten zu verändern, Beziehungen zu beenden oder Erwartungen und Vorstellungen loszulassen, selbst wenn sie uns verletzen und wir das ganz genau wissen. Der Klassiker hierfür ist die unglückliche Liebesbeziehung, die nicht beendet wird.

Eines ist für mich sicher: Der Normalmensch wird sich in der Regel nie lange in einer Situation aufhalten, die ihm ausschließlich weh tut. Das wäre im absoluten Kontrast zu unserem Überlebensinstinkt, der der mächtigste aller Instinkte ist. Nein, wenn wir in einer Situation sind, die uns schadet, dann, weil es aus unserer (unbewußten) Sicht leichter ist oder uns weniger schadet, als die Situation zu verlassen. Das ist und klingt erstmal brutal. Wenn man leidet und traurig und unglücklich ist, ist es erstmal ziemlich heftig, sich einzugestehen, dass man einen Gewinn davon hat. Aber nach langem Nachdenken und hadern und verzweifeln, bin ich vor ein paar Jahren auf diesen Trichter gekommen. Als ich mich das erste Mal getraut hab das zu denken, hat sich alles in mir dagegen gewehrt. Ich war zornig. Ich hab 29 „gute Gründe“ gehabt, warum das Quatsch ist. Sein muss! So ein Unsinn. Albern!

Warum?
Aber es hat mich nicht mehr losgelassen. Weil es eigentlich total logisch war und auch endlich was erklärt hat, das ich einfach nicht verstanden hab: Warum? Ich bin doch unglücklich. Ich seh, wie meine Träume mir zwischen den Fingern verrinnen. Ich weiß, dass ich anders leben will. Ich weiß, wie ich sein will. Warum kann ich dann nichts ändern? Warum? Ich hab das einfach nicht verstanden. Ich bin kein Masochist, ich bin relativ willensstark, ich bin nicht doof, ich versteh vieles und trotzdem – ich war nicht in der Lage wirklich entscheidend den nächsten Schritt zu tun, um glücklicher zu sein. Und durch meine Unfähigkeit etwas zu ändern, bin ich dann noch unglücklicher geworden, hab mich noch schlechter gefühlt.

Nach dem ersten Erschrecken über diesen Gewinn-Gedanken und der Negierung, hab ich angefangen, mich mit diesem Gedanken des „Gewinns“ auseinanderzusetzen. Und nach und nach hab ich verstanden. Und dann, wie wenn einem ein Riesenfels vom Herzen plumpst, hab ich mein Herz in die Hand genommen, dem Gedanken die Hand geschüttelt und ihn gebeten reinzukommen. Beim Teetrinken hab ich Freundschaft mit ihm geschlossen und dann ist er bei mir eingezogen und seither leistet er mir treue Dienste. Der liebe, gute Gedanke! Es war so eine Erlechterung es plötzlich zu verstehen. Und auch es mir einzugestehen. Es war als hätte jemand eine Mauer eingerissen. Das hieß zwar nicht, dass ich ab sofort alles perfekt ändern konnte, heilige Scheiße, ohje, nein! Aber es hieß, dass ich nun die prinzipielle und wahrhaftige Möglichkeit hatte, etwas zu ändern. Es lag in meiner Hand. Das ist ein sehr mächtiger Gedanke.

Ein Wegweiser
An diesem Gedanken konnte ich mich aufrichten, er hat mir Kontrolle über die Situation zurück gegeben. Er hat mir ins Gedächtnis gerufen, was ich aus den Augen verloren hatte: Das ich diejenige war, die entschied, dass ich mich in der Situation befand und daher auch ich diejenige war, die das ändern konnte! Es war so klar! Und nach und nach hab ich dann versucht rauszufinden, was mein Gewinn ist an der unglücklichen Situation, in der ich mich befunden hab. Das hat mich viel Mut gekostet. Ich musste mich hinterfragen, mir Sachen über mich eingestehen, die man normalerweise nicht so genau über sich selbst wissen will. Aber ich hab mich immer an diesen Kompass gehalten, an diese Prämisse „Wenn es für mich leichter ist unglücklich zu sein, als glücklich, dann muss ich davon was haben, dann muss ich davon einen Gewinn haben, sonst würde ich es nicht tun.“ Und nachdem ich mir das schon eingestanden hatte, war praktisch das Schlimmste, das Beschämendste ja eh schon eingestanden. Als ich alle Schichten freigelegt hatte, war relativ klar, was genau das Kernproblem war. Und dann musste ich mich irgendwann entscheiden, was mir wertvoller war: War ich bereit den Preis dafür zu zahlen, glücklicher zu sein? War ich bereit dafür diesen negativen, verdrehten Gewinn, der mir schadete, aufzugeben? Das hat eine ganze Zeit gedauert. Es hat höllisch weh getan. Diese Sorte weh tun, die Dir dein Herz zusammenpresst, die an ihm zieht und zerrt, bis Du kaum mehr atmen kannst. Du möchtest nur aufschreien, in irgendwelche Arme flüchten und dass alles gut ist.

„Spring auf, Du schaffst es“
Ich hab mich zu der Zeit immer gefühlt wie jemand, der zwischen zwei fahrenden Zügen ist und vom einen Zug zum anderen springen will. Ich will den Türgriff vom anderen Zugwagon ergreifen, hab aber Angst den alten Zug loszulassen. Denn für einen kleinen Moment, wenn man losspringt, während man den einen Griff loslässt und auf den neuen Zug springt, hat man den anderen Griff ja noch nicht gepackt. Für einen Moment hängt man im Nichts, zwischen allem. Und was ist, wenn ich den Griff nicht zu fassen kriege oder der Griff nachgibt und ich vom Zug in den Abgrund stürze? Oder wenn der Zug total bescheuert ist? Oder ich zurück will auf den alten Zug und der weg ist oder ich es nicht mehr rüber schaffe? Aber ich bin irgendwann auf den neuen Zug gesprungen. Und bin so dankbar dafür. Und ich bin dankbar für die Erkenntnisse und Lehren auf dem Weg dorthin. Es sind Werkzeuge, um mit mir selber zurecht zu kommen, mir zu helfen, mich zu unterstützen.

Doch die Erkenntnis und dass ich auf einen neuen Zug gesprungen bin, bedeutet natürlich keinen Stillstand oder endgültiges Erreichen des Zielbahnhofs. Das Leben hat kein endgültiges, andauerndes Happy End. Nein, die Züge fahren immer weiter. Zwar springt man nicht so oft im Leben auf einen ganz neuen Zug um, aber es passiert mir immer wieder, dass ich in meinem Zug weiter nach vorne wandern will und mir selbst im Weg stehe, es nicht so geht, wie ich es will. Und so stehe ich wieder da und muss oder will auf einen neuen Wagon meines Zugs aufspringen und dieses Wagnis macht mir Angst. Die Erkenntnis oder das bereits Erreichte macht einen nicht immun oder perfekt. Aber es hilft. Man wird stärker, geschickter. Weiser. Denn wenn man’s emotional verstanden hat und weiß, wie es geht, kann man es immer wieder schaffen. Und tatsächlich hilft uns da der Umstand, dass wir Menschen so unglaubliche Gewohnheitstierchen sind, denn es wird mit jedem Sprung etwas leichter. Aber die ganze Erkenntnis und das ganze an sich arbeiten bringt letztendlich alles nichts, wenn man nicht bereit ist den Preis zu zahlen. Etwas aufzugeben. Am schwierigsten ist es unsere Vorstellungen und Erwartungen loszulassen. Weil es beschissen weh tut. Weil es schrecklich Angst macht. Es ist ein Abschied und deshalb fühlen wir uns oft trostlos, verloren und verlassen ohne diese Erwartungen und Vorstellungen. Aber der Abschied gehört zum Lauf des Lebens.

Man kann nur durch eine Tür gehen, wenn man sie vorher geöffnet hat. Man kann den neuen Zug nur erreichen, wenn man den alten loslässt.